Erinnerungen an das „prägendste“ Erlebnis in 25 Jahren Privat-TV: "Initialzündungen und „Jahrhundertlügen“
Welche persönlichen Erinnerungen Medienexperten an 25 Jahre Privatfernsehen haben, und welche Erlebnisse sie am stärksten geprägt haben, wollte „tendenz“ von Fernsehmachern, Wissenschaftlern und Medienpolitikern wissen.
Die Umfrage führte Ulrike Trost-Schreglmann
Borris Brandt, Geschäftsführer Pocketfilm
Als RTL damals on air ging habe ich sozusagen jedes neue Format als ein Fenster in eine neue, wunderbare, spannende Welt wahrgenommen. Ich habe jede Show, die neuen Nachrichten und vor allem die ganzen neuen Moderatoren als eine Botschaft gegen das mir langweilige Establishment gesehen. Jetzt sind wir auch Amerika! Jetzt gibt es Vielfalt. Jetzt geht es voran mit der Unterhaltung! Und ganz privat war es auch für mich die Initialzündung für eine neue Ausrichtung. Schluss mit der Werbung, ich will in die Unterhaltung, will Show machen, meine Ideen einbringen und ganz vorne dabei sein. Dann gab es da einen Abend, an dem der entscheidungsunfähige Programmdirektor Körbelin mich in Cannes angebrüllt hat, weil ich ihm zu viel, zu schnell aber vor allem zu erfolgreich entwickelt und produziert hatte. Ich habe eine Nacht damit verbracht zu überlegen, was das soll und wie man hier reagieren muss. Und weil ich ja beim Privatfernsehen war, der schnellen, kreativen, mutigen Truppe, war es klar, dass ich zum Chef gehen und ohne Rücksicht auf Verluste mein Leid klagen werde. Am nächsten Tag war ich Programmdirektor und habe zur Freude der ganzen Branche vor allem schnell und mutig entschieden. Mein drittes prägendes Erlebnis war mein Gespräch mit John de Mol über Big Brother. Das war wirklich die höchste Stufe der Innovation...und der Mann war der begeisterndste Verkäufer, den ich jemals getroffen hatte. In wenigen Minuten entstand aus der Idee, die John gerade entwickelte, in meinem Kopf ein ganz, ganz großer Film. Ich wollte das unbedingt machen. Ich hatte noch nie so unruhige Nächte, war so gespannt, so fasziniert. Leider war der wirklich mutige Visionär Kofler bei ProSieben gerade ausgeschieden und die neuen Chefs sahen in Reality weder Fernsehen noch Zukunft. So verlor ich meinen Job, wurde Chef von Endemol und hatte die besten acht Jahre meines Berufslebens. Endemol war die kreative Zelle des Fernsehens weltweit und diese verschworene Gruppe von Gleichgesinnten hatte Spaß, Erfolg und ganz großartige Fernsehmomente. Diese drei großen Erlebnisse sind auch in schwierigen Zeiten heute mein Erinnerungsfutter und Motivation für die Zukunft!
Dr. Manuel Cubero, COO und Mitglied der Geschäftsführung von Kabel
Deutschland 25 Jahre privates Fernsehen - eine schöne Erfolgsgeschichte. Dazu zählt auch die Einführung von Pay TV. Als Kabel Deutschland (KDG) im Jahr 2004 als größter deutscher Kabelnetzbetreiber sein eigenes Pay TV-Angebot ankündigte und launchte, hörte man viele negative Äußerungen über ein zweites Angebot neben Premiere. Mehr als ein Abo-TV-Angebot könne sich auf dem deutschen Markt, der durch ein großes Free-TV-Angebot geprägt sei, nicht etablieren. Zudem sei Pay-TV ohne Fußball, Formel 1 oder exklusive Kinofilme nicht profitabel. Dies gipfelte am 28. Juni 2005 in einem Interview des damaligen CEO von Premiere, Georg Kofler, mit der Wirtschaftswoche („Pay-TV: Eine ganz andere Liga“ von Hauke Reimer). Auf die Frage hin, ob Premiere nun durch Kabel Deutschland Konkurrenz auf dem Pay-TV-Markt zu fürchten habe, entgegnete er: „Das ist eine ganz andere Liga, so, als ob Sie den FC Bayern mit Wacker Burghausen vergleichen. KDG verkauft Billig-Abos ... Soll ich mich deswegen grämen?“. Knapp vier Jahre danach vermochte es der Fußballclub Wacker Burghausen zwar immer noch nicht in die Bundesliga aufzusteigen, Kabel Deutschland jedoch ist sehr erfolgreich. In den Kabelnetzen von Kabel Deutschland hat Premiere weniger Pay-TV-Abonnenten als KDG - von einer „ganz anderen Liga“ ist heute nicht mehr die Rede.
Hans Demmel, Geschäftsführer n-tv
Das war die Nacht, in der der erste Golfkrieg begann. Ich war damals gerade frischer Nachrichten-CvD und erinnere mich genau: An dem Abend war ich gegen 22 Uhr zu Hause und ging schlafen. Gegen halb eins in der Nacht klingelte mein Telefon: „Es geht los – komm besser schnell in den Sender!“ Als erstes dachte ich: „Ok, dann berichten wir halt ab morgen früh“ und habe mich schlaftrunken im Bett umgedreht. Minuten später schreckte ich auf und war dann eine halbe Stunde später im Sender. Es war beeindruckend, denn ungefähr zwei Drittel unserer Crew kamen auch rein und wir haben aus dem Stegreif berichtet. Prägend war dieses Ereignis auch in gesellschaftlicher Hinsicht: Es setzte einen Bewusstseinswandel in Gang. Man spürte in Deutschland intensiv wie vorher nie die Kraft der „Rund-um-die-Uhr-Nachrichten“ und sah – hauptsächlich durch CNN – dass es neben dem klassischen Fernsehen ein neues TV-Genre gab. Es war so etwas wie eine Initialzündung für das Nachrichtenfernsehen in Deutschland.
Wolfgang Elsäßer, Geschäftsführer Astra Deutschland GmbH
Anfang 2004 kam ich auf einer Geschäftsreise durch die USA das erste Mal in den Genuss von HDTV. Ich war begeistert! Die gestochen scharfen Bilder, die intensiven Farben – das war schon eine ganz andere Nummer als das, was man sonst als TV-Zuschauer vom Fernsehprogramm gewohnt war. Wir haben uns bei ASTRA Gedanken gemacht, wie wir dieses Thema auch in Europa voranbringen können und haben uns wenig später mit allen großen europäischen Herstellern und Sendern in Luxemburg an einen Tisch gesetzt, um das Thema HDTV voranzutreiben. In diesem Workshop haben wir gemeinsam mit allen Partnern die technischen Mindestspezifikationen festgelegt – hier entstand übrigens auch das HD ready-Logo, das heute so gut wie jeden Flachbildfernseher und viele weitere Geräte ziert. Dank dieses Logos weiß jeder: dieses Gerät ist zukunftssicher. Ein wichtiger Punkt, denn HDTV ist momentan in aller Munde. Zur Veranschaulichung: Im Jahr 2004 gab es drei HD-Kanäle, die via ASTRA europaweit empfangen werden konnten. Inzwischen sind es rund 70. Und 2010 werden es schon mehr als 100 sein. HDTV ist etwas, das uns in den kommenden Jahren noch viel Freude bereiten wird. Das Kino-Erlebnis kommt ins Wohnzimmer. Meine prägende Begegnung mit HDTV liegt nun zwar schon etwas mehr als fünf Jahre zurück, hat mich seitdem aber privat und beruflich begleitet. Der Zukunftstraum von gestern ist in der Gegenwart angekommen. In ein paar Jahren werden wir alle sicherlich nur noch in HD-Qualität fernsehen. Dass wir von ASTRA diese Entwicklung mit anstoßen konnten, ist eine tolle Sache!
Marc Jan Eumann, MdL, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion NRW, Vorsitzender der Medienkommission beim SPD-Parteivorstand
Wir brauchen unbedingt ein schnelles Tor. Zugegeben: Meine Begeisterung für Fußball hält sich in der Regel in Grenzen. Natürlich habe ich 1974 als Achtjähriger das 2:1 WM-Finale gegen die Niederlande erlebt - und nicht vergessen. Gleiches gilt für 1990. Im Vereinigungsjahr die einsamen Sekunden von Teamchef Franz Beckenbauer nach dem erfolgreichen Finale gegen Argentinien. Das Fußballspiel - und mein schönstes Erlebnis mit dem kommerziellen Fernsehen - war lange gar keines. Es war, was für eine Fügung, der 1. April - vor elf Jahren. Ein spanisches Fußballstadion - und das Tor fällt! Danach folgte eine Sternstunde zweier herausragender Moderatoren, Günther Jauch und Marcel Reif. Um genau zu sein: Es war mehr als eine Sternstunde, exakt 76 Minuten benötigten die Madrilenen, um ein neues Tor auf den Platz zu stellen. Die Dialoge, ob freiwillig/unfreiwillig, sind legendär. „Wir brauchen unbedingt ein schnelles Tor“, meinte Jauch. Daraufhin Reif: „Das würde dem Spiel gut tun. Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan wie heute hier.“ Nachdem beide zuvor festgestellt hatten: „Ein Tor ist gefallen.“ „Wen rufen die jetzt an?“, fragte Jauch Reif, der es genau wusste: „Den Fußballgott“. Und auch die heilende Wirkung dieses Spiels habe ich nicht vergessen. „Vielleicht ist er wieder gesund, bis hier wieder gespielt wird“, kommentierte Jauch den Gesundheitszustand von Jörg Heinrich. Landeskunde - also echter Bildungsauftrag - vermittelten Jauch/Reif, als sie über das Verhältnis zu Atletico sprachen: „Die werden einen Teufel tun und denen ein Tor schenken.“ Aha. Einen Wunsch kann mir RTL allerdings noch erfüllen. Bis heute habe ich nicht rausbekommen, wo sich die Reif'schen „Kellerkatakombenkeller“ befinden. Das ist ein Thema - mindestens für Stern TV. Ach ja: Ich bin fest davon überzeugt: Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wäre das nicht passiert. Weder so schön, noch in voller Länge. Im Zweifelsfalle hätte die ARD einen Tatort zum 74. Male wiederholt und das ZDF Rosamunde Pilcher ins Rennen geschickt. Schön, dass die Champions League bei RTL war. Und schon relativ früh war auch klar, worum es eigentlich ging: „Wer auf der Seite die Werbebanner gebucht hat, Glückwunsch!“ (Jauch). Und wenn Jauch noch Albert Camus zitiert hätte, wäre es ein vollkommener Fernsehabend gewesen. Der hat einmal geschrieben: „Beim Fußball habe ich alles über das Leben gelernt“ - und genau so war es an diesem Abend bei RTL.
Prof. Dr. Jo Groebel, Direktor Deutsches Digital Institut, veröffentlichte 1992 federführend für die damalige LfR (heute LfM) das Gewaltprofil des deutschen Fernsehprogramms.
Mein öffentliches privates Fernsehen: Nein, Gewalt hat meine Erfahrungen mit dem Kommerz-TV nicht primär geprägt. Es war das Öffentlichwerden des Privaten im Privatfernsehen, es waren aber auch die privaten Begegnungen mit seinen öffentlichen Personen, die zu den interessanten Episoden zählen. Der spannende Dialog zum Thema „Frau und Mann“ mit der Volontärin und Moderatorin Susanne Kronzucker vor und hinter den Wackelkulissen der 1980er RTL-Villa. Das in den Niederlanden von John de Mol erbetene Gutachten zum 1990er „Big Brother“-Konzept, mein Negativvotum und die damit vermutlich nur bestätigte Skandalschaffung: Von Anfang an faszinierten ungeachtet der Bewertung die Frische, Freude und Frechheit der Akteure und Macher. Die auch das Zeitalter des Verschmelzens von Privatem und Öffentlichem einläuteten. Während aber leistungslose Prominenz durch die neue Kunstform Exhibition demokratisiert wurde, blieben die wirklichen privaten Stars ganz der Öffentlichkeit fern. Jauch, Kloeppel und Co. glänzen einzig durch Können. Ihr Intimstes hinter der Krawatte ist das verhaltene Lächeln, auch jenseits des Studios. Und auch ein Raab als Meister des Vorführens bleibt persönlich gänzlich bedeckt. So befreite das Privatfernsehen von Förmlichkeit und Offiziellem und bedeutete dennoch nicht typisch das Fiese und das Ordinäre. Das fand sich auch schon mal im Halböffentlichen der vermeintlich Kulturvollen. Unvergessen die lautstarken Schmähungen Elke Heidenreichs aus der Nachbarreihe gegen die Privaten beim legendären MRR-Fernsehpreis (und noch vor dessen Tirade). Doch die haben Auszeichnungen verdient. Für hervorragende Nachrichtensender und -sendungen. Für atemberaubende Serien (-importe). Für Provokation, Klatsch, Action, auch das Oberflächliche. Danke für die Möglichkeiten.
Dr. Hans Hege, Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, Beauftragter für Plattformregulierung und Digitalen Zugang
Ein Höhepunkt war für mich, dass wir 2003 als erste in der Welt das analoge Antennenfernsehen abgeschaltet haben. Es war das einzige Mal in 25 Jahren, in denen die Amerikaner von uns lernen wollten und nicht umgekehrt. Die terrestrischen Fernsehfrequenzen hatten in den neunziger Jahren zum Durchbruch des privaten Fernsehens geführt, danach aber an Bedeutung verloren. Mit der Umstellung auf digitale Übertragung haben wir uns rechtzeitig auf neue Entwicklungen eingestellt. Dass das private Fernsehen dabei war, hat seine Position bei der Nutzung der digitalen Dividende gestärkt. Die Inhalte des Fernsehens werden eine zunehmende Bedeutung beim mobilen breitbandigen Internet bekommen: angesichts immer mehr und immer leistungsfähigerer Netze kommt es auf die Inhalte an. Gerade weil sich Fernsehen und Internet verbinden, auch bei der Nutzung des terrestrischen Frequenzspektrums, hat das private Fernsehen noch eine große Zukunft.
Katja Hofem-Best und Magnus Kastner, Geschäftsführer Discovery Networks Deutschland
Eines der spannendsten und für uns beide sehr prägenden Erlebnisse war der Launch und der Aufbau von DMAX. Während unserer Planung und der Anfangszeit sind wir auf viele Skeptiker gestoßen, die es Discovery nicht zugetraut haben diesen Sender bei Zuschauern und Werbekunden erfolgreich zu etablieren.
Heute steht hinter DMAX ein tolles Team und eine Markenbekanntheit von über 80 Prozent. Erfolgsformate wie „Die Ludolfs – vier Brüder auf´m Schrottplatz“ stoßen auf ein unglaubliches und breites Medieninteresse. Wir haben es mit einer klaren Strategie und eindeutigen Positionierung geschafft: DMAX ist der führende Sender der dritten Generation. Mit durchschnittlichen Monatsmarktanteilen von bis zu 1,2 Prozent bei den vier bis 14Jährigen. Natürlich arbeiten wir hart daran den Erfolg von DMAX in Zukunft weiter auszubauen.
Hans Janke, Hauptredaktionsleiter Fernsehspiel und Stellv. Programmdirektor, ZDF
Ob etwas gleichmal „prägend“ war, lassen wir getrost offen, aber dass die RTL-Comedy „Samstagnacht“ zu den originären und originellen Hervorbringungen des privaten Fernsehens gehört, deren wunderbare Entwicklungswirkungen gar nicht hoch genug veranschlagt werden können, steht außer Frage. Und - viel wichtiger noch natürlich - mir persönlich hat sie den allergrößten Spaß gemacht. Ich würde also dem Betreiber und Beförderer des ganzen, Hugo Egon Balder, jederzeit einen Preis für seine Verdienste um ein besonderes Stück Fernsehkultur verleihen. Und was wir an Harald Schmidt auf SAT 1 hatten, ist - man lese es nach - bleibend beschrieben. Auch diese Late-Show war eine in jeder Hinsicht nahrhafte Privatfernsehfrucht.
Peter Kloeppel, RTL-Chefredakteur
Einen solchen „Hype“ um eine Fernseh-Sendung hatte es in der deutschen Medienlandschaft lange Zeit nicht gegeben: die ersten „Fernseh-Duelle“ der Kanzlerkandidaten im August und September 2002 schienen Marshall McLuhans These „The medium is the message“ zu bestätigen. Die Form dominierte den Inhalt. Für die Politiker und ihre Berater ging es um viel: Schließlich erhoffte man sich von dem Format eine entscheidende Weichenstellung auf dem Weg ins Kanzleramt, und so bekamen Detailfragen eine vermeintlich ungeheure Bedeutung. Monatelang ging es bei den Verhandlungen im Vorfeld um den exakten Ablauf des Frage-Antwort-Spiels. Die erlaubte Länge der Einlassungen der beiden Kontrahenten Gerhard Schröder und Edmund Stoiber wurde mit genauso großer Akribie diskutiert wie die Einblendungshäufigkeit von Zeitkonten, und wenige Tage vor der Sendung überprüften die Berater von Schröder und Stoiber im Studio sogar die exakte Ausrichtung der Sprecherpulte. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden, es ging schließlich um alles. Oder nichts. Mittendrin mein SAT-1-Kollege Peter Limbourg und ich. In den Beratungen mit ARD und ZDF hatte man uns das Recht des ersten Sendetermins zugestanden, bewusst akzeptierend, dass hier die Privatsender eine Premiere in der deutschen Fernsehlandschaft für sich verbuchen konnten. Sollte das Format aber Schwächen zeigen, dann hätte man wenigstens 14 Tage Zeit bis zur eigenen Sendung, um nachjustieren zu können. In den redaktionellen Vorbereitungen spielten wir die Sendung inhaltlich aber auch formal immer wieder durch. Sehr schnell stellte sich heraus: Die vorab festgelegte Formalisierung mit auf die Sekunde festgelegten Redezeiten schnürten den Spielraum aller Teilnehmer korsettartig ein. Spontane Reaktionen waren kaum möglich, weder auf der Seite der Fragesteller noch auf der Seite der Kandidaten, Streitgespräche und verbale Scharmützel schienen ausgeschlossen. In den Tagen vor der Sendung übertrafen sich die Kommentatoren aller Medien mit Einschätzungen über die Wirkung des Duells, und natürlich führte dies auch zu einer erhöhten Nervosität bei den vier Männern, die am 25. August 2002 um 20.20 Uhr, zehn Minuten vor Sendebeginn, in einem Studio in Berlin-Adlershof ihre Plätze einnahmen. Der Kanzler und sein Herausforderer gaben sich nur kurz die Hand, und standen dann minutenlang schweigend nebeneinander, bis um 20.30 Uhr das Rotlicht anging. Gut 15 Millionen Menschen schauten an diesem Abend zu. Beobachter der Sendung waren sich genauso wie die direkt Beteiligten anschließend einig: Weniger Regeln wären mehr gewesen, es fehlte der Raum für den direkten Schlagabtausch. Für das Privatfernsehen war diese Duell-Premiere aber auch die Bestätigung, dass politische Diskussionssendungen keine alleinige Domäne der öffentlich-rechtlichen Sender sind, und was mindestens genauso wichtig war: Wir hatten mit dazu beigetragen, dass dieses Format aus einem Bundestags-Wahlkampf nicht mehr wegzudenken ist.
Dr. Herbert Kloiber, Geschäftsführender Gesellschafter Tele München Gruppe
Ein herausragendes und unvergessliches Ereignis war ein Termin bei Franz Josef Strauß 1986 - in den Anfangszeiten unseres ersten Senders Tele 5: Nachdem uns damals sämtliche medienpolitische Instanzen eine terrestrische Verbreitung nicht zugestehen wollten - es war kurz nach der berühmten Zuteilung der Nord- und Süd-Schienen an RTL und SAT 1 - rief Franz Josef Strauß in seiner unvergleichlichen Art Edmund Stoiber in der Staatskanzlei an und machte innerhalb von wenigen Tagen das möglich, was wir viele Monate zuvor mit zahllosen Bittgängen nicht geschafft hatten: Wir waren innerhalb von 60 Tagen „on air“! Ein klares Zeichen für das potentielle Wachstum und ein für den damaligen Sender lebensnotwendiger Entwicklungsschritt.
Jochen Kröhne, Geschäftsführender Gesellschafter der GET ON AIR GmbH
Die größte mediale Achterbahnfahrt war meine Zeit als Geschäftsführer von TM3. Dort gab es großes Kino mit Drama, Euphorie, Big Business und Machenschaften, Kabale und Dolchstoß. Der dritte Fernsehsender von Herbert Kloiber, daher auch TM 3, wurde als Frauensender in Partnerschaft mit dem Verleger Heinz Bauer (HBV) gegründet. Als männlicher Geschäftsführer wurde ich vom SPIEGEL auch gleich als Frau Kröhne tituliert. Nach einem legendären Frauenkonvent in Köln und unter tatkräftiger Hilfe vieler Gründungsmütter (inklusive des Kommunarden und Frauenverstehers Rainer Langhans) holte ich dann mit Anna Doubek bald eine kompetente Chefredakteurin an Bord. Das Weibliche bei TM3 entwickelte sich aber eher unemanzipiert stark in Richtung unserer Vorzeigesendung „Leben & Wohnen“. Heinz Bauer schied als Gesellschafter aus und wurde durch den von der Presse sofort als Medienhai titulierten Rupert Murdoch ersetzt. Dieser fackelte nicht lange und kaufte für rund 300 Millionen Mark die Rechte an der UEFA Champions League. Über Nacht war der fußballernde Frauensender in aller Munde. Harald Schmidt bestritt mit diesem TV-Event eine gesamte Latenight-Woche. Ich erhielt von den Gesellschaftern die ehrenvolle Aufgabe in wenigen Monaten eine komplette Mannschaft und Fußballinfrastruktur aus dem Boden zu stampfen. Plötzlich war ich mit Hoeneß, Calmund und Beckenbauer ständig auf Tuchfühlung. Schließlich wurden Kalle Rummenigge und Ottmar Hitzfeld meine Berater, was mir bei meinen Freunden neidvolle Blicke einbrachte. Wir schafften das fast Unmögliche und gingen pünktlich und störungsfrei on air. Doch hinter den Kulissen hatte Leo Kirch mit Murdoch bereits das nächste Kapitel geschrieben. Die Champions League ging wieder an RTL und Premiere, Herbert Kloiber wurde ausbezahlt und TM 3 wurde über Nacht zu 9Live. Ich stieg aus der Achterbahn aus und war um zweihundert Erfahrungen reicher.
Dr. Volker Lilienthal, Verantwortlicher Redakteur epd medien
Kulturelle Vielfalt bereichert das kommerzielle Programm-Einerlei – darüber konnte man reden, das durfte Medienpolitik noch fordern zu seligen Zeiten, als weit reichende Antennen-Sendeketten noch etwas wert waren. Güter für einen Tauschhandel: Lizenz und Reichweite gegen Kulturfenster, bevölkert von missliebigen Untermietern aus der extravaganten bis alternativen Kulturszene. Alexander Kluge ist so ein Fall, aufs Schild gehoben von SPD-Medienpolitikern vornehmlich aus Nordrhein-Westfalen. Ein anderer der so genannten qualifizierten Zulieferer war Kanal 4, eine bunte Produzententruppe aus Köln, die seit 1988 Sperriges bis Provokantes bei RTL und Sat.1 untermischen durfte. Mindestens bis zur Jahresmitte 2000 sollte die lizenzrechtlich abgesicherte Kooperation – aus RTL-Sicht: ein Zwangsabonnement voller Quotenkiller – währen. Doch dann kam heraus: Schon seit Juli 1998 hatte weder RTL noch Sat.1 auch nur eine Minute des alternativen Programmproduzenten ausgestrahlt. Die aufsichtführende Landesanstalt für Rundfunk NRW wusste das – und duldete diesen Verstoß gegen die Lizenzauflagen doch stillschweigend. Damit nur Ruhe im Karton sei. Nicht mal Kanal 4 selbst beschwerte sich: Die Betroffenen ließen sich mindestens sechsstellig auszahlen. Merke: Programmvielfalt ist immer eine Relation des Geldes. Und mancher verdient sogar daran, dass er schweigt und gar nichts sendet. Ein allseits gewollter Blackout. Ein Totalausfall auch für die Medienaufsicht, die sich bewusst blind gestellt hatte.
Hans Meiser, MMS Meiser-Medien-Service
Im öffentlich-rechtlichen System kannte man bis Anfang 1984 nicht den Begriff „duales System“. Und was man nicht kennt, wird nicht zur Kenntnis genommen. Doch, viele, viele Kollegen auf der anderen Seite (der Grenze, wir sendeten ja auch aus Luxemburg und waren so etwas Ähnliches wie TV-Piraten) haben uns natürlich nie gesehen – und einer verstieg sich ein paar Jahre später noch zu der hinreißenden Bemerkung auf eine entsprechende Frage: „Meiser spielt Operette, wir geben die Oper!“ (M. war natürlich nur Synonym und er – unser Opernfreund - wird sich jetzt hoffentlich wieder erkennen. Damals war ich als gelernter Nachrichtenredakteur der „anchorman“ der RTL-Nachrichten – langsam haben auch wir die deutsche Sprache verlernt – und da bleibt einem wohl bis ans Ende aller Tage nur ein Erlebnis in Erinnerung: Der Abend des Günter Schabowski am 9.November 1989, der für die große Öffentlichkeit völlig überraschend die Öffnung der Mauer bekanntgab. Dienst an diesem Abend hatte ich. Die Nachrichten waren zu Ende, der Wetterbericht lief, die Kamera geht zurück auf mich und – eine Hand reicht mir in letzter Sekunde einen schmalen Zettel ins Bild. Stanzzeit der dpa, wenn ich mich richtig erinnere, war 19.01 Uhr. Die Studiouhr zeigte 19.03. In zwei Minuten war der Volontär über zwei Stockwerke hinunter ins Studio gestürmt. Ich war völlig perplex. Ente oder die wahre Nachricht? Die wahre Nachricht – ich habe sie mit brüchig-trockener Stimme verlesen und – gleich eine Sondersendung etwa zwei Stunden später angekündigt. (Übrigens, das ZDF war 2. Und vermeldete diese Marginalie der Weltgeschichte etwa 15 Minuten später). Mein damaliger Chefredakteur hatte das im Urlaub am Roten Meer gesehen – und wollte mir kündigen. Hatte ich doch ohne Rücksprache mit ihm oder dem Geschäftsführer des Senders, Dr. Thoma, - man beachte die Reihenfolge – eine Programmänderung verfügt. Dr. Thomas Frage dagegen lautete lediglich: Hoams auch oan Kamerateam in Berlin? Wir hatten mehrere, wenn auch die Kollegen von der anderen öffentlich-rechtlichen Seite natürlich die ganz große Oper spielten. Aber – von nun an ging’s bergauf – auch was die Wertschätzung nicht nur des Publikums, sondern auch der Kollegen anging. Nur mein Opernfreund hat das, glaube ich, bis heute noch nicht begriffen. Er hat sich übrigens gerade neuen Aufgaben gewidmet und macht nun das, was die Privaten schon immer ganz gut konnten – eine Talkshow.
Bernd M. Michael, Präsident Deutscher Marketing-Verband, Inhaber BMM Büro für Markenarchitektur
Frechheit siegt: Wer über 25 Jahre privates Fernsehen nachdenkt, kommt am „Gründervater“ Dr. Helmut Thoma nicht vorbei. Kampfgeist und Chuzpe, die zum Durchhalten in den ersten Monaten notwendig waren, entsprachen genau seinem Charakter. Für Thoma ist nichts unmöglich. Kein Wunder, dass unter der unausgesprochenen Überschrift „Wir haben nichts zu verlieren“ Ideen und Aussagen auf den Tisch - oder besser auf den Bildschirm - kamen, die geltende Regeln schlicht ignorierten. Der Höhepunkt war die dreiste Parole: Die Kernzielgruppe für Werbung ist 14-49 Jahre alt. Alles andere schießt am Ziel vorbei, nur wer diese Altersgruppe permanent über TV-Werbung anspricht, gewinnt die entscheidenden Marktanteile. Alle anderen Zielgruppen - rein zufällig die der Öffentlich-Rechtlichen - sind Geldverschwendung. Eine „Jahrhundertlüge“ war geboren. „Lüge“ ist vielleicht das falsche Wort, aber bewusste Übertreibung und gezielte Ungenauigkeit treffen es. Eine gigantisch freche Behauptung blieb unwidersprochen. Setzte sich in den Köpfen fest. Wurde zum Feindbild, das begehrlich aufgegriffen wurde. Was zunächst wie seriöse Forschung aussah, entpuppte sich schnell als unverblümte Verkaufsförderung. Ganz egal: Heute im Rückblick war es der Durchbruch der Privaten in die Mediapläne, in die Agenturstuben, in die Gehirne der Product Manager. Und bis heute wird heiß darüber diskutiert. Dr. Thoma machte damit Mediengeschichte. Der Erfolg gibt ihm recht, ohne Recht haben zu müssen. Eine verkäuferische Glanzleistung, für die ihm - in der nicht existierenden - Bertelsmann Hall of Fame ein ganzer Saal eingerichtet gehört. Unter dem Motto „Frechheit siegt“. Unglaublich, aber wahr. Glückwunsch, privates Fernsehen, dass Sie es nicht verhindert haben und Chapeau, lieber Herr Dr. Thoma für Ihr Standvermögen. So werden Legenden gebildet. Und so werden sie zur normativen Kraft des Faktischen. Ein seltener Glück- und Unglücks-Fall der Mediengeschichte zugleich.
Hans-Joachim Otto, FDP, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages
Es gibt für mich nicht „das eine“ prägende Erlebnis mit dem Privatfernsehen. Dafür ist dieses auch zu vielfältig und abwechslungsreich. Eine sehr bemerkenswerte Zeit zum Beispiel hatte das Privatfernsehen rund um den 11. September 2001. Das war ja damals ein sehr bedrückender Moment, der letztendlich noch heute - auch politisch - zu spüren ist. Für die damalige Berichterstattung auf RTL hat Peter Kloeppel völlig zu Recht den Grimme-Preis erhalten. Einen positiven Einfluss hatte die Existenz des privaten Fernsehens auf die Sport-Berichterstattung, insbesondere vom Fußball. Die Sportschau zeigte früher ja immer nur ausgewählte Spiele, erst mit den Privaten kam viel mehr Schwung rein. Wer erinnert sich nicht gerne an „Anpfiff“ bei RTL mit Ulli Potofski oder später „ran“ bei Sat.1, wo immerhin auch eine ganze Generation sehr bekannter Fernseh-Moderatoren herangezogen wurde. Vor zweieinhalb Jahren war ich Gast in der Sendung „Sabine Christiansen“. Man kann von - nicht nur politischen - Talkshows halten, was man will. Klar ist aber, dass auch die „Talk“-Entwicklung vom privaten Rundfunk befeuert wurde - im wahrsten Sinne des Wortes. Wo gab es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor 25 Jahren schon kritische - teilweise sogar krawallartige - politische Auseinandersetzungen wie beim „Heißen Stuhl“ auf RTL? Es ist ja bekannt, dass im privaten Rundfunk viele interessante und gute Formate entwickelt werden, die dann später von den Öffentlich-Rechtlichen kopiert werden. Auch beim Personal bedienen sich ARD und ZDF gerne bei den privaten Kollegen. Die beiden Teile des dualen Rundfunksystems bedingen und befruchten sich gegenseitig. Ich bin gespannt, was die nächsten 25 Jahre für uns bringen.
Dr. Torsten Rossmann, Geschäftsführer N24
Der 8. April 2002 ist der Tag, der das deutsche Privatfernsehen mehr als jedes andere Datum seit dem Startschuss am 1. Januar 1984 verändert hat. An diesem Tag musste die KirchGruppe Insolvenz anmelden. Mit dem Scheitern des Pioniers Leo Kirch war die Gründungs- und Etablierungsphase des deutschen Privatfernsehens schlagartig beendet – und ein Markt, der sich fast 20 Jahre lang mehr oder weniger in festen Händen befunden hatte, öffnete sich: für Private-Equity-Investoren, ausländische Medienkonzerne, Banken und Berater. Die Insolvenz desjenigen, der früher als alle anderen Fernsehen als Geschäft erkannt und entwickelt hatte, wirkt dabei wie eine Ironie der Geschichte. Aus dem Filmhandel kommend, bei Springer investiert und den ersten Privatsender Sat.1 aus der Taufe gehoben, hat die KirchGruppe in den 90ern mit dem DSF, ProSieben, Kabel 1, N24 und dem Pay-TV-Kanal Premiere den TV-Markt wie kein zweites Unternehmen geprägt. Der Börsengang von ProSieben und der Zusammenschluss mit Sat.1 zur ProSiebenSat.1 Media AG war Höhepunkt und – wie man heute weiß – auch krönender Abschluss der Gründerzeit. Am Kapitalmarkt klar gescheitert, steht Leo Kirch bis heute für Fernsehen und Programm, das mit Leidenschaft gemacht wird.
Eberhard Sinner, Medienpolitischer Sprecher der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag
Für mich ist 25 Jahre Privatfernsehen auch die Erinnerung an einen Lohrer Landsmann, der als Stuntman begann und mit „Alarm für Cobra 11“ einen Erfolg landete, der im Privatfernsehen „krachend einschlug“. Mit über 10 Millionen Zuschauern war das 1996 der beste Start einer Serie im Privatfernsehen. Hermann Joha ist in der Actionszene zuhause. Ob Auto oder Hubschrauber: Seine Effekte sitzen immer. Dafür hat er auch den „World Stunt Award“ erhalten. Wenn er heute im Helikopter über der Franziskushöhe hoch über Lohr einschwebt, hoffen natürlich viele, dass sie einmal mitfliegen dürfen und Action pur erleben. Hermann Joha sagt von sich selber, dass er ein Krachbumm- Spektakel für 5 Millionen € liefern könne, für das ein Hollywood Studio mindestens 20 Millionen $ brauche. Joha hat drei Grundregeln: „Effekt vor Logik“, „keine breit gehauene Nase ohne coolen Spruch“ und „Blut nur wohl dosiert“. Persönlich ist er der sympathische Mitbürger geblieben, der trotz aller Höhenflüge mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Zugegeben das ist alles subjektiv, aber das Privatfernsehen hat eben Karrieren ermöglicht, die ohne diese Freiräume nie entstanden wären. So hat das Privatfernsehen einen Hauch von Hollywood nach Bayern und Unterfranken gebracht. In den nächsten 25 Jahren wird das Kreativitätspotenzial von Hermann Joha sicher nicht erschöpft sein. Ein Mittelständler, der es mit Hollywood aufnimmt und seinen Traum eines Hollywood von Bruce Willis, Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone in Bayern verwirklicht.
Prof. Dr. h.c. Dieter Stolte, ZDF Intendant von 1982-2002
Ich gehörte zu den Vertretern des öffentlich-rechtlichen Systems, die die Einführung des Privatfernsehens mit unaufgeregter Entschiedenheit erwartet haben. Im Gegensatz zu meinem Kollegen Hans Bausch (SDR) habe ich für ARD/ZDF einen Marktanteilsverlust von 25 Prozent vorausgesehen. Dass es über einen Zeitraum von zehn Jahren mehr wurde, hatte nicht zuletzt mit einer neuen Formatierung der Programme und einem „audience flow“ zu tun, der auf Jugendlichkeit, Frechheit und moralische Unbekümmertheit setzte. Ihre Parole war „erlaubt ist, was gefällt“. Was zählte, war allein der Erfolg, und der wurde nach Quantität und nicht nach Qualität abgerechnet. Da es nur einen Wettbewerbermarkt gab, wurde das Privatfernsehen für ARD/ZDF zu einer großen Herausforderung. Er setzte unbekannte Energien und schlummernde Kreativitäten frei. Die viel gescholtenen Anstaltsbeamten erwiesen sich nicht als die Deppen, für die man sie gerne gehalten hätte.
Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß, Freie Universität Berlin, Wissenschaftlicher Leiter der GöfaK Medienforschung GmbH
Irgendwann, als einmal wieder die Forderung diskutiert wurde, das Sponsoring im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu verbieten, ging mir eine Assoziation durch den Kopf: Programme ohne Sponsoring würden ganz schön „alt“ aussehen. Sponsorhinweise sind so ziemlich das kürzeste, schnellste Programmelement, das über den Bildschirm flimmert. Aber nicht das Einzigste. Durch die Einführung und Ausweitung von Unterbrecherwerbung, Sponsorhinweisen und On-Air-Promotion sind auch die Kernelemente von Fernsehprogrammen – Filme, Serien, Shows, Magazine, Dokumentationen etc. – immer kürzer geworden. Die kontinuierliche Programmforschung der Landesmedienanstalten belegt beiläufig, dass z.B. das Programm von RTL an einem durchschnittlichen Wochentag aus ca. 300 Programmelementen besteht, wobei noch gar nicht zwischen den einzelnen Spots der Werbeblöcke unterschieden wird. Weniger als ein Drittel dieser Elemente sind „Sendungen“ im engeren Sinn. Zahlreicher sind dagegen die Spots, in denen für diese Sendungen geworben wird. Und noch einmal knapp ein Drittel besteht aus Werbung und Sponsoring. Kein Wunder also, dass der professionelle Zapper bei seiner Suche nach Fernsehunterhaltung und Fernsehinformation häufiger auf Programmtrailer, Werbung und Sponsorhinweise trifft als auf Fernsehsendungen. Im (natürlich theoretischen) Durchschnitt besteht eine Stunde RTL-Programm aus zwölf Programmelementen. Ja und? – Wir haben uns daran gewöhnt, „schneller“ fernzusehen, nicht zuletzt, weil sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit halber Geschwindigkeit an die Privaten angepasst hat. Sechs Programmelemente im (ebenfalls theoretischen) Stundendurchschnitt sind auch nicht wenig. Würde man das Fernsehen heute auf seinen alten Kern reduzieren, hätten wir damit Probleme. Es wäre uns zu langsam.
Gottfried Zmeck, Vorstandsvorsitzender der Mainstream Media AG Berlin
Funkausstellung 1995: Als Untermieter am Stand von Nokia präsentierte Beta Technik, ein Tochterunternehmen der damaligen KirchGruppe, ihr Konzept vom digitalen Fernsehen. Für den Inhalt verantwortlich, stellte ich die entsprechenden Programme zusammen, um so die neue Technik zu illustrieren. Der Showcase beinhaltete alle wesentlichen Elemente: in Paketen gebündelte Spartenprogramme, aktuelle Kinofilme im pay per view-Modus und natürlich Sport. Die IFA erlebte die erste Konferenzschaltung der Fußballbundesliga im TV und die Live-Übertragung eines Formel 1-Rennens in multi feed-Technik. Spätestens da verstummten die Fragen skeptischer Beobachter, wo denn die vielen Videorecorder versteckt seien, von denen dieses vielfältige Programm doch abgespielt werde müsse. Kaum ein Jahr später, 28. Juli 1996: In Deutschland herrscht „Schumi-Fieber“ und am Hockenheimring startet der Grand Prix. Unter dröhnendem Motorenlärm beginnt das Zeitalter des digitalen Fernsehens in Deutschland. Der Showcase wird zur Marktrealität. DF1, die neue digitale Plattform, die später mit Premiere fusionieren sollte, überträgt das Rennen live in völlig neuer Form: Die ersten Abonnenten können aus sechs Kameraperspektiven wählen, keine Werbung unterbricht die Übertragung. Diese Präsentation der Formel 1 zeigte am eindrucksvollsten das Leistungsvermögen des neuen digitalen Fernsehens. Technik und Logistik funktionierten, aber der Start wäre trotzdem beinahe gescheitert: DF1 verteilte gratis rote Mützen mit seinem Logo, die an diesem heißen Sonntag sehr gefragt waren. Sie hatten allerdings große Ähnlichkeit mit den Kappen eines Sponsors, der sie für 25 DM verkaufte. Ein wütender Bernie Eccelstone drohte, die Übertragung platzen zu lassen, wenn wir unsere Mützen weiter verteilen sollten. Wir gaben nach, denn diesem Mann wäre dieser drastische Schritt durchaus zuzutrauen gewesen

