„Nicht schon wieder eine Veranstaltung zum Digitalradio!“ Dies wird denjenigen entgegnet, die durch Vorträge und Diskussionen versuchen, der Digitalisierung der Hörfunkübertragung den Weg zu bereiten. Dennoch hat die Bayerische Landeszentrale für neue Medien am 6. Oktober 2009 zum Forum „Medien in Deutschland - alles digital, außer Radio?“ nach Berlin eingeladen. Helmut G. Bauer hat die wesentlichen Ergebnisse für „tendenz online“ resümiert.
Die Diskussion lässt sich auf folgende vier Fragen reduzieren:
- 1. Braucht der Hörfunk in Deutschland in Zukunft ein eigenes digitales terrestrisches Netz?
Fragt man die Hörer, ob UKW durch eine digitales Ausstrahlung ersetzt werden soll, um mehr Programme empfangen zu können, werden sie es überwiegend verneinen. Vergleichbare Reaktionen gab es bei vielen Innovationen wie der Ablösung der Mittelwelle durch UKW oder der Einführung des Kabelfernsehens.
Im Rahmen des BLM-Forums bestand Einigkeit, dass Radio auch in Zukunft flächendeckend in ganz Deutschland verfügbar sein muss und der mobile Empfang nicht nur auf Ballungsräume und entlang der Autobahnen beschränkt sein darf. Dies kann aber nur mit einem eigenen Netz erreicht werden. Diesem Gedanken folgt auch der aktuelle Vorschlag des Direktors der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, Dr. Hans Hege, für ein flächendeckendes „bundesweites Breitbandnetz für multimediale Inhalte“. Uneinigkeit herrscht hinsichtlich des Übertragungsstandards. Während viele Experten DAB plus als zukunftsfähig ansehen, plädiert Hege für DVB-T2, das gegebenenfalls auch für Hörfunk, vorrangig jedoch für Fernsehen eingesetzt werden kann. Dessen Standardisierung ist aber noch nicht abgeschlossen.
Unabhängig von der Übertragungstechnik fordert die Automobilindustrie bald Lösungen, um Daten in Fahrzeuge übertragen zu können. Sie befürchtet, dass Deutschland zum analogen Schlusslicht werden könnte, während andere europäische Länder wie Frankreich oder die Schweiz den Switch-Over zum Digitalradio vollziehen.
Die Rundfunkkommission der Länder hat im März 2009 die telekommunikationsrechtlichen Voraussetzungen geschaffen und den Bedarf für die bundesweite Bedeckung im digitalen Hörfunk an die Bundesnetzagentur angemeldet. In dem sich anschließenden Vergabeverfahren hat die Media Broadcast bereits den Zuschlag erhalten. In der Ministerpräsidentenkonferenz, die vom 28. bis 30. Oktober 2009 stattfindet, soll die medienrechtliche Zuordnung des bundesweiten Multiplexes für DAB plus an die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) folgen. Die Ministerpräsidenten wollen außerdem beschließen, dass die ARD-Anstalten zusätzlich zu den bereits genehmigten Digitalprogrammen so viele neue digitale terrestrische Hörfunkprogramme veranstaltet dürfen, wie sie Länder versorgen.
Nach der Zuordnung will die ZAK dann Anfang 2010 das Vergabeverfahren für den bundsweiten Multiplex für private Veranstalter und das Deutschlandradio starten. Ob alle Länder dann auch ihre landesweiten Multiplexe zuordnen, ist noch offen. Dabei zeichnet sich wie früher bei DAB ein Süd-Nord-Gefälle ab. Während die südlichen Länder im Einklang mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk beabsichtigen, auch ihre Landes-Multiplexe zuzuordnen, ist es noch unklar, ob dies auch im Norden erfolgen wird.
- 2. Wie wird der Netzbetrieb während des Analog-Digital-Umstiegs finanziert?
Unabhängig von den unterschiedlichen Auffassungen über ein eigenes digitales terrestrisches Netz besteht Einigkeit, dass insbesondere aufgrund der aktuellen Wirtschaftlage eine deutlich längere UKW-Nutzung über das Jahr 2015 hinaus unverzichtbar ist. Jede Form der Digitalisierung muss von den Privatfunkern auf absehbare Zeit aus den Gewinnen des UKW-Geschäftes finanziert werden.
Aufgrund der eher kleinteiligen und regionalen Gesellschafterstruktur wird es dem privaten Hörfunk kaum möglich sein, aus eigener Kraft eine Simulcastphase zu finanzieren, auch wenn anerkannt wird, dass die digitale terrestrische Verbreitung kostengünstiger ist als die analoge UKW-Verbreitung.
Der Präsident der BLM, Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring, der DLM-Hörfunkbeauftragte Dr. Gerd Bauer sowie Hege haben unabhängig voneinander deshalb eine öffentliche Finanzierung des Netzes gefordert. Ring verlangt einen Betrag von 100 Mio. Euro, der aus den Ersteigerungser¬lösen der Frequenzen der Digitalen Dividende kommen könnte, während Hege auf Erlöse aus dem Verkauf des ARD-Sendernetzes oder auf Rundfunkgebühren setzt. Mit der Forderung nach Finanzierung sind sie sich mit dem VPRT einig. Weder der Bund noch die Länder haben sich bisher dazu geäußert.
Nachdem die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) der ARD und dem Deutschlandradio die beantragten Mittel für den Ausbau von DAB im Sommer 2009 versagt hat, stellte der Vorsitzende der KEF, Horst Bachmann, bei der BLM-Veranstaltung klar, dass dies keine Entscheidung gegen die Digitalisierung gewesen sei. Die ARD und das Deutschlandradio könnten jederzeit einen neuen Antrag stellen. Der Intendant des Deutschlandradios Willi Steul ließ keinen Zweifel, dass er sich für eine schnelle Einführung von DAB plus einsetzen werde.
- 3. Wie wird der Ersatz der analogen durch digitale Empfangsgeräte unterstützt?
Mit dem Kauf neuer Endgeräte entscheiden die Hörer, ob terrestrisches Digitalradio eine Zukunft hat.
Anders als bei DAB alt ist die Industrie in der Lage, Geräte in allen Preisklassen in den Markt zu bringen. Ergänzend fordert u.a. die Arbeitsgemeinschaft privater Rundfunk (APR) wie beim Fernsehen eine gesetzliche Verpflichtung, dass nur noch Radiogeräte verkauft werden dürfen, die über eine digitale Schnittstelle oder eine geeignete Software verfügen.
Während die ARD sich für eine kurze Übergangsphase bis zur Umstellung zu einem fixen Datum ausgesprochen hat und dabei auf die Erfahrungen bei DVB-T vertraut, fordern viele private Veranstalter eine flexible Frist, die sich daran orientiert, dass eine ausreichende Zahl an Haushalten mit mehreren digitalen Empfangsgeräten ausgestattet ist. Aufgrund der langen Nutzungszeiten bleiben die UKW-Autoradios aber immer ein Problem.
4. Gibt es eine breite Unterstützung der Radioveranstalter für einen Analog-Digital-Umstieg?
Ursprünglich hatte das Forum Digitale Medien, das vom Bundeswirtschaftsministerium organisiert wird, vorgeschlagen, zum gleichen Zeitpunkt in ganz Deutschland die digitale Verbreitung der neuen Programme zu starten („Big Bang“). Damit sollten alle Radiohörer auf das Digitalradio aufmerksam gemacht werden. Nach der gegenwärtigen Beschlusslage des VPRT scheint dies nicht mehr möglich, weil wichtige Radiounternehmen des Verbandes eher auf das Internet setzen. Wenn sich jetzt auch noch einige ARD-Anstalten gegen terrestrisches Digitalradio entscheiden, droht ein „Flickerl-Teppich“ zu entstehen. Eine Verunsicherung der Radiohörer und der Marktpartner wie der Geräte- und Automobilindustrie sowie der Werbewirtschaft wäre die Folge. Dann besteht die Gefahr, dass die Digitalisierung des Hörfunks ein zweites Mal scheitert. Daher wurde von allen Teilnehmern ein gemeinsames Vorgehen angemahnt (vgl. Erklärung zu DAB).
Angesichts des Frequenzbedarfs des Mobilfunks ist nicht zu erwarten, dass es später nochmals eine weitere Chance geben wird. Damit dem Mobilfunk weitere Kapazitäten zur Verfügung gestellt werden können, wird bereits überlegt, das Band III zu nutzen, um die TV-Sender aus dem UHF-Spektrum in diesen Bereich zurück zu verlagern.
Aus diesem Grund lohnt es sich für alle, die am Radio interessiert sind, einen letzten Anlauf zu nehmen, für den Hörfunk das wertvolle Spektrum zu sichern und Radio als Überall-Medium zu erhalten.
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