Bereichsmenu:

Online-Artikel "Tendenz"

„Das Internet verbessert den Journalismus.“ Richtig oder falsch?

Eine These aus dem Internet-Manifest lautet:„Das Internet verbessert den Journalismus.“ Stimmen Sie dieser These zu? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht? 

Umfrage: Ulrike Trost-Schreglmann

Prof. Ernst Elitz

Ernst Elitz Gründungsintendant des Deutschlandradios. Er lehrt an der Freien Universität Berlin Kultur- und Medienmanagement.

Das Internet verbessert den Journalismus, denn es bietet dem Journalismus neue Möglichkeiten, seinen gesellschaftspolitischen Auftrag wahrzunehmen. Und der Journalist verbessert das Internet. Die digitale Welt braucht Anker der Verlässlichkeit. Die kann der Journalismus mit solider Recherche, den Regeln von Check und Gegencheck, der Achtung vor Persönlichkeitsrechten samt Informantenschutz auch im Internet bieten. Mit seiner stoischen Unvoreingenommenheit und dem Grundsatz „Der Journalist spricht von einer höheren Warte als von den Zinnen der Partei“ - oder eines Interessenverbandes kann der Journalist im Blogger-Kosmos des unbekümmerten Plapperns zu einer Vertrauensinstanz werden.
Journalisten sind nicht Betreiber einer digitalen Quasselbude, sondern sie bieten Materialien zur Meinungsbildung und laden ein zur Entscheidung. Mit dieser Haltung überträgt der klassische Journalismus seine Glaubwürdigkeit ins Netz und verschafft sich Zugang zu Bevölkerungsgruppen, die er weder mit dem Stakkato der Nachrichtensendungen, noch mit dem „Seriositätsfetischismus“ (Harald Staun) ausufernder Analysen erreichen kann. Das knappe Argument, die pointierte Meinung wirken bei vielen Bürgern wie der leichte Schlag auf den Hinterkopf, der bekanntlich das Nachdenken anregt. Der Journalist ist Anreger. Es gehört zu seiner Profession, öffentliche Debatten zu eröffnen und zu begleiten. Deshalb bewegt der Journalist sich im Internet.
Die Medien haben als Glaubwürdigkeitsagenturen im digitalen Zeitalter eine neue Verpflichtung. Wie verführerisch das Motto, „Augenzeugen übernehmen die Nachrichten“ auch klingen mag, der Empfänger einer Twitter-Botschaft weiß nicht, wie echt die Augenzeugenschaft ist. Echtzeit sagt nichts über die Echtheit der Information. Damit aus der Vielfalt von Infobits, Eindrücken und Gerüchten, von Selbsterlebtem und Ausgedachtem verlässliche Nachrichten werden, bedarf es der Prüfung durch journalistischen Fachverstand. Journalismus im Netz ist nötig, damit aus Zufallskommunikation Verlässlichkeitskommunikation wird.

Dirk von Gehlen

Dirk von Gehlen Redaktionsleiter jetzt.de, Süddeutsche Zeitung

Das Internet ist ein Werkzeug. Und genau wie ein Hammer die Inneneinrichtung eines Raumes verschlechtern, aber auch verbessern kann, kann auch das Internet sehr unterschiedlich auf den Journalismus wirken. Dies gilt es neben der zugrunde liegenden Verallgemeinerung (Gibt es eigentlich das Internet?) zu bedenken, wenn man den Wert des Netzes für den Journalismus beurteilen will. Denn die Frage ist zunächst, wer hier zum Hammer greift, also das Internet nutzt.
Der Prozess der Digitalisierung hat zu einer Demokratisierung der Publikationsmittel geführt. Jeder kann innerhalb kurzer Zeit zum Sender werden. Amateure drängen in die Branche der vorher exklusiv publizierenden Journalisten. Doch das muss keineswegs zu einer Verschlechterung der Profession führen – wie mancherorts behauptet wird. Das Essen in einem Restaurant wird ja auch nicht dadurch schlechter, dass jedermann eine Pfanne kaufen und daheim kochen kann.
Umgekehrt führt diese Entwicklung natürlich auch nicht automatisch zu einer Verbesserung der journalistischen Kost. Sie bietet aber – und so würde ich die Einstiegsfrage beantworten – zu einem Mehr an Möglichkeiten: Das Internet ist – richtig eingesetzt – ein äußerst positives Instrument. Es macht aus dem reinen Publizieren echte Kommunikation, es eröffnet die Option zum Dialog und bindet den vormals passiven Leser als aktiven Nutzer mit ein. Die Chancen, die in dieser Entwicklung stecken, sind erstaunlich groß. Wenn wir sie nutzen, verbessert das Internet den Journalismus – und nicht nur den.

Dr. Kai Gniffke

Dr. Kai Kniffke Chefredaktion ARD-aktuell

Die Frage, ob das Internet den Journalismus verbessert, lässt sich ebenso gut oder schlecht beantworten wie die Frage, ob Zeitungen, Radio oder Fernsehen den Journalismus verbessert haben. Für alle diese Medien gilt: Sie geben Raum für guten Journalismus und bedeuten insofern sicher eine Chance. Das heißt aber nicht automatisch, dass alle journalistischen Hervorbringungen im Netz (ebenso wie in Radio, TV oder Print) automatisch gut sind. Doch wir haben es beim Internet erstmals mit der Möglichkeit zu tun, dem Nutzer selbst mehr Einfluss zu geben. Die Zeiten, da wir den Lesern bzw. Zuschauern und Zuhörern vorschrieben, wann sie was in welcher Länge sehen und lesen können, sind vorbei. Wir können ihnen Vertiefungen anbieten, wo sie sie wünschen. Und wir können mit ihnen kommunizieren, können sie bewerten und kommentieren lassen, was wir recherchiert haben.
Blogs können uns neue Informationen erschließen und eröffnen neue Blickwinkel auf bestimmte Sachverhalte. Das bietet Chancen für neue Formen des Journalismus. Dieser Journalismus ist vielleicht nicht besser als vor dem Internet-Zeitalter, auf jeden Fall ist er anders. Und doch spielen die gleichen Tugenden, Grundsätze und Fähigkeiten auch im Internet-Journalismus eine Rolle, wie in den Jahrzehnten zuvor: Recherche ist der Anfang von allem! Auch unter Zeitdruck gilt es sorgsam abzuwägen, was gesichert erscheint und wo die Spekulation beginnt. Und mehr denn je sind angesichts der Flut von Informationen im Netz die Fähigkeiten der inhaltlichen Bewertung von Quellen, des Auswählens von Fakten und des sorgsamen Aufbereitens von Inhalten von allergrößter Bedeutung – bleibt journalistisches Ethos unverzichtbar. Vertrauenswürdige Angebote müssen die Chancen für neuen Qualitätsjournalismus im Internet nutzen. Dabei kommt der Tagesschau eine große gesellschaftliche Verantwortung zu.

Hans-Jürgen Jakobs

Hans-Jürgen Jacobs Chefredakteur sueddeutsche.de

Das Internet ist eine Informationsbeschleunigungsmaschine. Wer will das bestreiten? Da Journalisten für ihre Arbeit in der Regel, wenn sie nicht bei einem Monatsblatt angestellt sind, rasch weiterführende Hinweise und Verifikation brauchen, ist das Medium Online für sie eine große Hilfe. Das Surfen im Netz ersetzt keine Recherche, aber es kann die Qualität eigener Texte heben. Für den Nutzer ist die Sache noch günstiger, da ihm rund um einen Artikel weitere Stücke zum Thema sowie Links angeboten werden. Zudem kann er sich Videos, Bilder, Slideshows etc. ansehen. Auch hier: eine Verbesserung des Journalismus.
Was die Sache weniger eindeutig macht, sind die wirtschaftlichen Eckdaten. Für Inhalte zahlen die User bisher in nur marginalem Umfang, die Werbung wiederum reicht bei Weitem nicht aus, einen qualifizierten Online-Journalismus zu finanzieren. Erst wenn das Reichweitenphänomen Internet einher geht mit den nötigen Einnahmen, kann eine positive Gesamtbilanz gezogen werden. Bis dahin gilt das Motto: „Work in Progress“. Das Problem des Journalismus ist im Übrigen nicht das Netz, sondern der dilettantische Umgang damit.

Thomas Knüwer

Thomas Knüwer kpunktnull Beratung für das digitale Zeitalter

Das Internet ist als Fundament für Journalismus jedem anderen Medium überlegen, denn es beseitigt die Limitationen wie Seitenplatz, Sendezeit oder fehlende Rückkanäle. Redaktionen müssen nicht mehr eine Geschichte dann abschließen, wenn es der Andruck verlangt. Sie müssen nicht mehr die Themenauswahl nach dem engen Zeitrahmen einer Sendung bestimmen. Viel mehr Tiefe ist möglich, Multidmedialität und vor allem: Kommunikation.
Die originäre Bestimmung des Journalismus - nämlich die Moderation des öffentlichen Diskurses - wird durch das Internet überhaupt erst möglich. Das bedeutet nicht, dass Journalismus automatisch besser ist, weil er im Internet stattfindet. Doch wer die Möglichkeiten des Web ausnutzt und beherrscht, wird eine höhere journalistische Qualität erreichen. Somit wird Journalismus auch anstrengender und vielschichtiger - aber eben auch weitaus aufregender. Ein Journalist, der sich dem Erfüllen seiner wichtigsten Aufgabe aber verweigert, der sollte sich nach anderen Berufsmöglichkeiten umsehen.

Thomas Krüger

Thomas Krüger Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung

Das Internet birgt für den Journalismus sowohl Chancen als auch Risiken. Qualitätsjournalismus, das heißt gut recherchierte und geschriebene Beiträge, kostet Zeit und damit Geld. So viel steht fest und damit sind die strukturellen Probleme bereits umrissen. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung sind nur zehn Prozent der Deutschen bereit, für Nachrichten im Netz zu zahlen. Bis heute gibt es kein schlüssiges Finanzierungskonzept für journalistische Online-Angebote. Zudem ist das Internet ein schnelles Medium, fast überall abrufbar und ständig aktualisierbar. Damit verbindet sich der Anspruch, auch laufend neue Inhalte vorzufinden. Das sind schwierige Voraussetzungen für Journalisten, die Themen gründlich und nachhaltig recherchieren und ihre Beiträge sorgfältig bearbeiten wollen.
Doch dabei steht mehr auf dem Spiel als der Qualitätsjournalismus allein. Denn dieser ist heute, wo Öffentlichkeit nur noch medial vermittelt stattfindet, eine Bedingung für unsere Demokratie. Medien sollen Bürger nicht nur informieren. Sie sind gleichzeitig ihr Sprachrohr und ihre Interessenvertretung. Genau hier liegen die Vorteile des Online-Journalismus. Wie kein anderes Medium bietet das Internet die Chance, mit den Lesern zu kommunizieren. Sie können nachfragen, ihre Meinung äußern, Themen setzen oder selbst Beiträge liefern. Gerade im vertrauten, lokalen Raum werden Bürger so über das Internet aktiver Teil der Öffentlichkeit und können sich ins lokale Geschehen einbringen.
Die non-lineare und multimediale Struktur des Netz bietet zudem unbegrenzte Möglichkeiten, Themen audiovisuell zu präsentieren und zu kontextualisieren. Gleichzeitig sind Onlinemedien Serviceportale, die ihren Lesern übersichtlich aufbereitet praktische Hilfen für ihren Alltag bieten. Voraussetzungen dafür sind jedoch echte Investitionen in guten Journalismus und kreative Onlinekonzepte - jenseits liebloser Klickgalerien und des Uploads einiger Artikel aus der Printausgabe.

Peter Kloeppel

Peter Kloeppel Chefredakteur RTL

Man findet es auf Seite 463 im Duden: „googeln“. Ein unschuldiges Verb, aber irgendwie steht es da ganz passend zwischen dem neudeutschen „Goodwill“ und dem fast schon antiken „Göpel“. Was Goodwill ist, kann man sich vorstellen, Göpel bezeichnet eine „alte Drehvorrichtung zum Antrieb von Arbeitsmaschinen durch im Kreis herumgehende Menschen oder Tiere“. Und googeln? Das Wort hat seit Bestehen der Suchmaschine eine unglaubliche Karriere hingelegt. Wer auch immer im Internet etwas sucht, der „googelt“ - kein anderes Computerprogramm ist so in den täglichen Sprachgebrauch übergegangen. Keine andere Suchmaschine wird aber auch von Journalisten so intensiv genutzt.
Früher war der „Oeckl“, das „Taschenbuch des Öffentlichen Lebens“, mit seinen zehntausenden Namen und Telefonnummern, für Journalisten ein unersetzliches Werkzeug. Jeder gewissenhafte Redakteur führte dazu ein Handarchiv und hütete Karteikästen mit Adresskärtchen wie den eigenen Augapfel. Der Gang zum Redaktionsarchiv erschien einem zwar oft lästig und zeitraubend, aber die Archivare mit ihrem Spezial- und Breitenwissen waren auch eine Quelle neuer Anregungen.
Und heute? Recherchieren, so scheint es, ist out, googeln ist in.
Da liegt die Gefahr. Und sie ist nicht nur auf Google beschränkt. Wer sich auf Such-Algorithmen verlässt und nicht auf persönliche Recherche vor Ort, wer - statt Telefongespräche mit Augen- und Ohrenzeugen zu führen - lieber aus Artikeln von Kollegen abschreibt, wer sich mit den zehn erstbesten Suchergebnissen zufrieden gibt und Informationen nicht vergleicht und abgleicht, der wird kein besserer Journalist. Wer aber die Quellenmöglichkeiten des Internet intelligent nutzt, sich Anregungen holt, Kontakte knüpft, Kampagnenjournalismus meidet, die Informationsspreu vom -weizen trennt und Allgemeinbildung auch zur Plausibilitätskontrolle einsetzt, der profitiert vom Internet. Dann besteht auch nicht die Gefahr, dass man sich in den unendlichen Weiten des weltumspannenden Netzes verliert, oder wie beim Göpel im Kreis marschiert. Einfach gesagt: Das Internet macht gute Journalisten besser und schlechte Journalisten schlechter.

Dr. Robin Meyer-Lucht

Dr. Robin Meyer-Lurcht Berlin Institute, Herausgeber des Mehrautorenblogs Carta

Im Internet-Manifest steht die These: „Das Internet verbessert den Journalismus.“ Hier acht Gründe, warum dies aus meiner Sicht so ist:
1. Neue Filter: Das Web hat eine neue öffentliche Sphäre geschaffen, in der es viel leistungsfähigere, vielfältigere und offenere Mechanismen gibt, um den Zugang zu relevanten Inhalten zu organisieren.
2. Neue Vernetzung: Im Web muss ein Autor nicht mehr alles erklären, sondern kann auf vertiefende Informationen und Quellen verweisen. Statt nur selbst zu produzieren, kann er Informationen durch Links kuratieren.
3. Neuer Wettbewerb: Durch das Web wird der journalistische Wettbewerb offener und breiter – was dem Produkt insgesamt gut tut. Statt in engen Oligopolen ist Journalismus zukünftig in einem nur bedingt zugangsbeschränkten Netzwerk organisiert.
4. Neues Umfeld: Journalismus ist zunehmend umgeben von anderen gesellschaftlichen Institutionen, die ebenfalls im gleichen Medium publizieren. Dies bietet neue Chancen für Kuratierung und Differenzierung im Journalismus.
5. Neue Effizienz: Das Web macht Journalismus effizienter und macht zugleich die viel zu hohe Redundanz der journalistischen Produktion sichtbar.
6. Neue Darstellungsformen: Das Web erweitert die journalistischen Darstellungsformen und damit die Vermittlungsqualität. Mit wenig Aufwand kann man eine Veranstaltung übertragen oder eine Slideshow ins Netz stellen.
7. Neue Nutzerorientierung: Das Web stärkt den Nutzer als Entscheider über die vom ihm genutzten Inhalte. Dies ist gut, weil es den Qualitätswettbewerb stärkt und normativ unscharfe journalistische Qualitätskonzepte ersetzt.
8. Kein Geschäftsmodell? – Nicht ganz. Die robuste Nachfrage nach hochwertigen journalistischen Online-Inhalten wird auch in einem tragfähigen Geschäftsmodell münden. Flattr & co. zeigen, dass die Kritik an einer Gratiskultur im Internet fehl geht. Vor Erreichen einer breiten Profitabilität im Online-Journalismus steht jedoch höchstwahrscheinlich auch eine Konsolidierung der Branche.

Dr. Hajo Schumacher

Dr. Hajo Schumacher Textmanufaktur Berlin

Der Journalismus wird besser und schlechter. Tempodruck begünstigt Fehler und Hektik, magere Erlösmodelle begünstigen Sektierer und schrecken Profis ab. Langfristig profitiert Papier: Weil Google zunehmend die Anzeigenerlöse der Verlage absaugt, werden Redaktionen zwar kleiner, aber unabhängiger. Die Not (keine Anzeigen) wird zur Tugend (werbefrei), Zeitungen und Magazine allerdings auch deutlich teurer. Aber eines Tages wird ein echter SPIEGEL unterm Arm mehr Bewunderung erzeugen als ein iPad.
Denn inzwischen befindet sich Deutschland in einer digitalen Konsolidierung. Die große Experimentierphase ist vorbei. Nahezu jeder User hat seine fünf Sites gefunden, die täglich angesteuert werden. Der Markt ist hart aber fair und hat die Werbeform „Banner“ nahezu getötet. Von den vielen Blödel-Bloggern ist nur eine Handvoll übriggeblieben, eben die, die dauerhaft mehr mitzuteilen haben als Gemecker oder Geblödel.
Wie in vielen anderen Branchen auch kontrollieren einige Große den Markt. Google, Apple, Amazon steuern und melken das Web. Aus einem wilden, romantischen Campingplatz ist ein ökonomisch optimiertes aber vielfach lebloses Ketten-Hotel geworden. Wie in allen anderen Mediensparten gilt auch für das Internet: Fleiß, Kreativität, Durchhaltevermögen und Qualität werden belohnt. Nicht das Medium ist die Botschaft, sondern der Inhalt.

Dr. Christian Stöcker

Dr. Christian Stöcker Spiegel Online, stellv. Ressortleiter Netzwelt

Das Internet verändert den Journalismus - so viel ist sicher. Verbessern kann es ihn, wenn Journalisten sich den immensen Zuwachs an Recherchemöglichkeiten, die Chance, mit dem Leser/Hörer/Zuschauer in unmittelbaren Kontakt zu treten, den schnellen Zugriff auf die neue Öffentlichkeit da draußen und die fantastischen Möglichkeiten multimedialer Berichterstattung in sinnvoller Weise zunutze machen.
Das Internet ist aber ein so komplexes, mächtiges, vielfältig wirksames Phänomen, dass es nicht nur eine Auswirkung auf den Journalismus haben wird, sondern viele - und davon werden einige auch negativ sein. Nicht zuletzt die Tatsache, dass bislang noch kaum funktionierende Refinanzierungsmodelle für Journalismus im Netz gefunden worden sind, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen.
Wirtschaftlich stellt das Internet den Journalismus vor große Herausforderungen. Publizistisch fordert es ihn heraus, indem es ihm sein angestammtes Quasi-Monopol in Sachen Öffentlichkeit raubt - das aber muss und wird den Journalismus dazu zwingen, noch besser, relevanter, verlässlicher zu werden, um im neuen Chor der veröffentlichten Stimmen sein Gewicht und seinen Wert zu behalten.

Frank Thomsen

Fank Thomsen Chefredakteur stern.de

Die Autobahn verbessert das Autofahren. Klingt ziemlich schräg, oder? Genauso schräg wie der Satz „Das Internet verbessert den Journalismus“. Er stammt aus einem Manifest, das sich zum Ziel gesetzt hat, Online gegen das ewige Genörgel der Printbranche in Schutz zu nehmen und entsprechend zu überhöhen.
Ich glaube, eine Nummer kleiner kommen wir viel weiter. Das Internet ist eine Infrastruktur, die dafür sorgt, dass die Informationen schneller bei den Menschen sind. Fast in Echtzeit. Es stellt damit ganz neue Herausforderungen an den Beruf: Wir Journalisten müssen dem Endkunden in hohem Tempo und dennoch korrekt und verständlich das Zeitgeschehen auf seinen Rechner schicken und anschließend viel rascher als früher einordnen und gewichten. Das erfordert ganz neue Fähigkeiten. Wenn sie gut entwickelt sind, entsteht ein tolles neues journalistisches Produkt für die Leser – und dass die das goutieren, zeigen die hohen Besucherzahlen auf den großen News-Sites wie „Spiegel online“ oder „stern.de“.
Und das Internet bietet für die Journalisten noch etwas Neues: die Vereinigung von Text, Bild, Video und Audio in einem Medium. Wer diese Mittel gut kombiniert, schafft pralles Erlebnis, wie es so nur das Internet bieten kann. Wer damit nicht umgehen kann, scheitert aber ebenso wie der überforderte Leitartikler in der Zeitung oder der müde Dokumentarist im Fernsehen.
So kommt es letztlich nicht auf die Infrastruktur an, sondern auf die Menschen. Gesucht sind junge Journalisten, die die Möglichkeiten des Netzes nutzen. Gesucht sind Online-Chefredakteure, die dem Versuch widerstehen, immer nur schnell-schnell zu produzieren und dabei den Blick für das Online-Erlebnis zu verlieren; und gesucht sind Manager, die eine Idee entwickeln, wie sich aufwendiger Online-Journalismus dauerhaft finanzieren lässt.

Prof. Dr. Stephan Weichert

Prof. Dr. Stephan Weichert MHMK Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation

Das Internet verbessert oder verschlimmert den Journalismus nicht per se – denn es kommt ja darauf an, wie man es professionell nutzt. Das Netz als offenes Raum-Zeit-Kontinuum weist jedoch einige wesentliche Charakteristika im Vergleich zu anderen Medienkanälen auf, die – wenn sie handwerklich eingesetzt werden – die Qualität und das Erscheinungsbild journalistischer Angebote erheblich aufwerten können. Ich erkenne mindestens vier Ebenen, die den Journalismus nachhaltig verändern (werden): 1. Neue Tiefenstrukturen erhöhen die Transparenz journalistischer Recherchen, 2. Das Dialog-Prinzip ermöglicht dynamische, sich fortschreibende Themen und Inhalte, 3. Angebote können individuell zusammengestellt und zielgruppenspezifisch vermittelt werden, 4. Die Einbindung des Users in Social Communities begünstigt die Entstehung redaktioneller Informations- und Wissensdatenbanken.
Nach diesem Verständnis wandelt sich der Journalist also noch stärker zum Bildungsagenten und Moderator von Leser- und Zuschauerinteressen, der immer mehr auf die Mithilfe und Präferenzen der Nutzer angewiesen ist. Die veränderten Raum- und Realitätsvorstellungen im Netz erfordern freilich angepasste Arbeitstechniken und Darstellungsformen, die größtenteils erst noch entwickelt werden müssen. Ich bin jedenfalls fest überzeugt davon, dass professionelle Berichterstatter weiterhin gebraucht werden – wenn sie bereit sind, in anderen Kategorien, Systemen und Begriffen zu denken, mit denen sie unsere Welt erschließen. Das tut vielleicht an manchen Stellen zunächst weh, aber nur so schaffen sie einen Mehrwert, reduzieren Komplexität – und verbessern letztlich die Qualität journalistischer Angebote.

Seitenfunktionen