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Online-Artikel "tendenz"

Mut zu Programmexperimenten im Lokalfernsehen

Experimente mit bewährten Programmformaten wie dem Frühstücksfernsehen lohnen sich auch im Lokalfernsehen. Allerdings nur dann, wenn die Experimentierfreude nicht nur beim Zuschauer gut ankommt, sondern auch in der Bilanz Vorteile bringt. Wie innovatives Lokal¬fernsehen aussehen kann, wenn diese Formel aufgeht, wurde im Workshop „Frühstücken, Talken, Filme zeigen: Innovative Formate im lokalen Fernsehen“ deutlich.
Die Schweizer Moderatorin und Videojournalistin Sara Bachmann gab Einblicke in ihre einmal wöchentlich ausgestrahlte Sendung „Sara macht’s“, die mittlerweile auf vier regio¬nalen Fernsehstationen in der deutschsprachigen Schweiz läuft. Um verstärkt auch das jüngere, männliche Publikum anzusprechen, produziert sie gemeinsam mit einem Kollegen. Sara Bachmann setzt vor allem auf Authentizität. Sie rät, „vor der Kamera so zu sein, wie man sich auch im Alltag gibt“. Außerdem sieht sie in der lokalen Bindung einen großen Vorteil. Ihrer Meinung nach „möchten die Zuschauer etwas sehen, das exklusiv ist, nur in ihrer Region gezeigt wird und das sie mit ihrem Zuhause verbinden“.
Auch der Fernseh- und Filmemacher David Gross plädiert für mehr Nähe zu den Zuschauern und „wirkliches Interesse an den Lebensgeschichten der Menschen von nebenan“. Doch im Gegensatz zu „Sara macht’s“ besticht seine Sendung „Gross am Land“ nicht durch schnelle Schnitte, sondern durch Langsamkeit. Die 15 minütige Sendung versteht sich als eine Art „Hommage an Michelangelo Antonionis“ – für das Lokalfernsehen. Hier kommen ganz normale Menschen zu Wort – und das ohne Punkt und Komma. Denn Gross greift kaum in den Gesprächsverlauf ein und wird dabei vom Interviewer auch mal zum Interviewten.
Dass man nicht unbedingt viel Geld in eine Produktion stecken muss, dafür aber umso mehr Einsatzbereitschaft und Ideenreichtum, wird am Beispiel von „heimatfilm“ deutlich. Die 45 minütige Sendung, die drei Mal wöchentlich live beim Kölner Sender center.tv läuft, lebt in erster Linie von der Einsatzbereitschaft der leitenden Redakteurin Kathrin Raabe und der beiden Moderatoren Uli Wolter und Steffen Reeder. Eingeladen werden vor allem junge Künstler aus dem Raum Köln, die qualitativ hochwertige und interessante Projekte vorstellen wollen, für die es bislang kein Forum gab. Emotionale Bindung ist auch hier die Devise. Die Zuschauer sollen sich mit den Gästen identifizieren können. Kathrin Raabe und Uli Wolter möchten sich in der Sendung „Zeit nehmen für Gespräche. Denn ein gutes Gespräch muss auch mal länger als fünf Minuten dauern dürfen, damit man den Gast überhaupt kennenlernen kann“. Bis zu 15 Minuten reine Gesprächszeit sind bei „heimatfilm“ möglich.
Auch Marion Schieder, Moderatorin und Redakteurin bei münchen.tv, spricht sich für die Botschaft „von Haustüre zu Haustüre“ aus. Denn dadurch lasse sich die Zuschauerschaft besonders gut binden. „Man muss die Augen offen halten für die kleinen Geschichten, an die der Zuschauer bereits anknüpfen kann, die ihn nicht überfordern, sondern langsam in den Tag bringen.” Man darf gespannt sein, ob sich die Neuentdeckung der Langsamkeit im Lokalprogramm tatsächlich durchsetzen kann.
 

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