Auch in Deutschland ist das digitale Fernsehen in immer mehr Wohnzimmern bereits Realität. Doch bedingt durch unterschiedliche Interessen der diversen Marktbeteiligten hat sich die digitale Übertragungsnorm DVB (Digital Video Broadcasting) seit dem Start Mitte 1996 bei den Übertragungswegen Satellit, Kabel und Terrestrik unterschiedlich schnell durchgesetzt. Während terrestrisch die Umstellung auf DVB-T bereits zu 100 Prozent abgeschlossen ist, empfangen bei den Sat-Haushalten noch immer gut 30 Prozent analoges Fernsehen an ihrem Hauptgerät in der Wohnung. Beim TV-Kabel ist es jedoch genau umgekehrt: Von den 18,75 Millionen Kabelhaushalten empfangen erst 31 Prozent bereits digital. Warum ist das TV-Kabel weiterhin Schlusslicht bei der Digitalisierung? Dies hat diverse Gründe, sowohl historisch, technisch als auch bedingt durch die Nutzergewohnheiten.
Kabelzuschauer wollen einfache Technik
Der Kabelzuschauer an sich will eigentlich nichts anderes als lediglich fernsehen. Dies sollte möglichst einfach sein, schließlich zahlen die meisten Haushalte ihre Kabelgebühren über die Nebenkostenabrechnung. Nicht nur deshalb wird erwartet, dass die TV-Programme so einfach aus der Antennendose kommen, wie warmes Wasser aus dem Hahn. Der bisherige analoge Kabelanschluss gedeutet Bequemlichkeit pur. Einfach das Antennenkabel des Fernsehers anschließen und ggf. noch den Suchlauf starten – schon kann der Fernsehspaß beginnen. Nach einem Umzug muss höchstens die Programmsortierung geändert werden, das aber auch nur, wenn man weiter weg zieht und ARD und ZDF nicht mehr auf den gleichen Kanälen liegen. Mehrere Fernseher anzuschließen ist analog kein Problem. Im Schlaf- im Kinderzimmer oder in der Küche befinden sich meist bereits Antennendosen, die auf einen weiteren Fernseher warten. So bequem haben es Sat-Haushalte noch nie gehabt. Immer stand dort bereits ein kleines Zusatzkästchen, früher der Analogreceiver, jetzt die Set-Top-Box, neben dem Fernseher. Und auf dem Tisch zwei Fernbedienungen. Der Kabelkunde weiß schon, weshalb er sich für "den Königsweg" (Eigenwerbung des früheren Kabelnetzbetreibers Deutsche Telekom) entschieden hat. Auch die terrestrisch empfangenden Haushalte mussten lernen mit einer Set-Top-Box umzugehen. Sicherlich gibt es für alle Übertragungswege auch digitale Empfangslösungen, die bereits in die Fernseher integriert sind und sich damit genauso einfach und bequem bedienen lassen wie zu analogen Zeiten. Doch noch sind diese integrierten Lösungen teurer als Beistellboxen – oder die Netzbetreiber oder Pay-TV-Veranstalter haben technisch so hohe Barrieren errichtet und erlauben nur ihre eigenen Empfangsreceiver. Doch später dazu mehr.
Lange Zeit Stillstand
Während das digitale Fernsehen über Satellit seit Mitte 1996 mit dem Start des Premiere-Vorgängers DF1 wächst und gedeiht, gab es im deutschen Kabel digital lange einen Stillstand. DF1, die öffentlich-rechtlichen Sender und dann auch Premiere sind zwar von Anfang an digital eingespeist, doch das nicht ganz ohne Probleme. Die dafür freien Kabelkanäle ab 300 MHz machen auch heute noch vereinzelt in veralteten Hausverteilnetzen Probleme und führen dann im Wohnzimmer zu Empfangsstörungen. Viel schlimmer war hingegen die digitale Blockade der Privatsender, die die Einspeisung der Digitalsignale nach den bisherigen analogen Einspeisegebühren ablehnten. Kleineren Netzbetreibern wurde es sogar ausdrücklich verboten, die über Astra verfügbaren Digitalbouquets kostenlos einzuspeisen. Wer es trotzdem tat, bekam eine einstweilige Verfügung. Für die Zuschauer war es äußerst unbequem ständig die Fernbedienung wechseln zu müssen. Die öffentlich-rechtlichen und die Bezahlsender mit der Fernbedienung der d-box, die Privatsender nur analog. Da blieben die meisten gleich in der analogen Welt und mieden das Neue. Erst Ende 2005 konnten sich die Netzbetreiber mit den Privatsendern einigen. Ab Januar 2006 erfolgte eine grundverschlüsselte Einspeisung. Wer die deutschen Privatsender seitdem digital bei den großen Netzbetreibern (mit Ausnahme von Kabel Baden-Württemberg) sehen will, muss sich einen von ihnen zugelassenen Digitalreceiver samt Smartcard besorgen.
Schwarzseher
Die deutschen Kabel-TV-Netze haben eine Verteilstruktur, so dass bis zur Digitalisierung eine Adressierung an einzelne Kunden nicht möglich war. Ob hinter einem Übergabepunkt nur ein Fernseher oder 500 Haushalte hängen, lässt sich auch heute technisch nicht nachweisen. In der Branche schätzt man, dass ungefähr 10 Prozent der Kabelhaushalte schwarz am Kabel hängen. Sei es das Drei-Generationenhaus, bei dem nur die Oma offiziell einen Kabelvertrag hat, oder das Wohnhaus, bei dem der Netzbetreiber bei der Abmeldung das Verplomben des Übergabepunktes vergessen hat. Mit der Grundverschlüsselung will man dies eindämmen, doch das gelingt nur partiell. Denn viele Haushalte benötigen weitere Smartcards für die parallele Aufzeichnung oder den Zweit- und Drittfernseher – und diese funktionieren auch außerhalb des Haushalts. Die Grundverschlüsselung wird somit das Kapitel Schwarzseher nur ansatzweise lösen können.
Jeder Netzbetreiber setzt auf eine Receiverspezifikation
Während es bei DVB-T sowie beim Sat-Empfang einen freien horizontalen Gerätemarkt gibt, der immer größer und vielfältiger wird, können Kabelkunden zumindest bei den großen Kabelnetzbetreibern Kabel Deutschland, Unitymedia, Kabel Baden-Württemberg sowie teilweise bei TeleColumbus nur aus jeweils ein paar zertifizierten Kabelreceivern auswählen. Bei Neuanschlüssen oder Verträgen mit Leihgerät kann der Zuschauer gar keinen Einfluss auf das zugeschickte Modell nehmen und muss sich überraschen lassen. Vor Jahren konnte sich ansatzweise einmal ein Kaufmarkt für Kabelreceiver entwickeln, als die Verschlüsselungstechnik in Deutschland noch von der Kirch-Tochter BetaResearch bestimmt wurde und es lediglich Premiere-Kabelreceiver auf dem Markt gab. Die großen Kabelnetzbetreiber setzten direkt nach dem Verkauf der Netze durch die Telekom noch alle auf den technischen Dienstleister MSG Media Services GmbH und dachten gar nicht an eigene Receiverspezifikationen, Middleware-Lösungen etc. Doch inzwischen tobt der Wettbewerb und jeder Netzbetreiber definiert zur Verwirrung der Zuschauer eigene zueinander nicht kompatible Spezifikationen. Denn ein Kabel BW-Receiver hat ein anderes NDS-Verschlüsselungssystem integriert als ein sonst baugleicher Kabelreceiver für TeleColumbus. Und ein Unitymedia-Kabelreceiver hat eine andere Provider-ID integriert als bei Kabel Deutschland. Zur weiteren Kundenverwirrung tragen dann noch die unterschiedlichen Smardcards innerhalb der einzelnen Netzbetreiber bei. Beispiel Kabel Deutschland: Eine aktuelle D09-Smartcard funktioniert nur in den aktuellen KDG-Receivern, nicht jedoch in den vielen bisher von Premiere ausgegebenen Kabelboxen wie beispielsweise der d-box2. Wenn nun Kabel Deutschland auch noch beginnt NDS-Smartcards auszugeben, wird ein Smartcard-Tausch zwischen Wohn- und Schlafzimmer nahezu unmöglich. Die Kleinstaaterei bei den Kabelreceivern war noch nie so groß wie aktuell. Nicht nur deshalb laufen seit letzten Jahres separate Kartellverfahren gegen Premiere, Kabel Deutschland, Unitymedia sowie inzwischen auch gegen Kabel Baden-Württemberg. "Es besteht der Verdacht, dass die technische Ausstattung der Set-Top-Boxen dazu führt, dass der Wettbewerb auf den Kabel-TV und Pay-TV Märkten durch die genannten Unternehmen behindert wird", so eine Pressesprecherin des Bundeskartellamtes.
Jugend- und Kopierschutz als Alibiargumente für Zwangsboxen
Dabei müssten diese Zwangsboxen gar nicht sein. In der DVB-Norm wurde bereits Mitte der 90er-Jahre die Universalschnittstelle Common Interface standardisiert, für die es für nahezu jedes Verschlüsselungssystem entsprechende Erweiterungsmodule für Digitalreceiver und Fernseher mit digitalem Tuner gibt. Bei größeren digitalen Fernsehern ist dieser Schacht sogar gesetzlich vorgeschrieben: Gemäß den Vorgaben der EG-Universaldienstrichtlinie 2002/22/EG vom 7. März 2002 (Anhang VI) und § 48 des deutschen Telekommunikationsgesetzes muss "jedes Digitalfernsehgerät mit integriertem Bildschirm mit einer sichtbaren Diagonale von mehr als 30 cm […] mit mindestens einer offenen Schnittstellenbuchse […] ausgestattet sein". In allen großen Fernsehern ist diese Möglichkeit somit vorhanden, doch sämtliche großen Kabelnetzbetreiber sowie Premiere weigern sich diesen Standard zu unterstützen und geben keine CI-Module aus. Für die Zuschauer ist es absolut unverständlich, weshalb ihr neuer Loewe-Fernseher alles für den digitalen Kabelempfang vorgesehen hat und es in den Geschäften auch passende CI-Module gibt. Dennoch weigert sich Kabel Deutschland dafür eine Smartcard auszugeben und fordert die Nennung der Seriennummer eines zugelassenen Receivers. Hier helfen sich die Verbraucher inzwischen mit einem im Internet verfügbaren Seriennummern-Generator, oder sie schreiben in Elektronikmärkten die Seriennummern noch nicht verkaufter Kabelreceiver ab. Wählt man bei einem Philips- oder Panasonic-Fernseher mit integriertem Digitaltuner bei der Erstinstallation als Land "Deutschland" aus, deaktiviert sich sogar der digitale Kabeltuner. Aufgrund der proprietären Receiverpolitik der Netzbetreiber können die Hersteller den digitalen Empfang in Deutschland nicht garantieren. Und bevor Kundenbeschwerden eingehen deaktiviert man lieber dieses Feature. Fachzeitschriften empfehlen ihren Lesern deshalb inzwischen bei diesen Geräten als Land "Schweden" einzustellen. Argument Nummer Eins der großen Netzbetreiber gegen offene Empfangsgeräte ist der dort angeblich nicht kontrollierbare Jugendschutz. Doch gerade der Pay-TV-Anbieter ArenaSat macht es vor, dass eine von den Landesmedienanstalten abgesegnete Jugendschutz-Lösung auch mit CI-Geräten realisierbar ist. Die gleichen Pay-TV-Programme, die bei ArenaSat offiziell mit überall erhältlichen CI-Receivern abonnierbar sind, dürfen bei Premiere oder Kabel Deutschland nur mit jeweils mit den von ihnen selbst lizenzierten Receivern empfangen werden. Das Alibiargument fehlender Kopierschutz bei CI-Geräten wird durch den Vergleich ArenaSat/Premiere ebenso widerlegt. Die meisten Zuschauer wollen im Kabel neben den unverschlüsselten öffentlich-rechtlichen Programmen doch lediglich digital die grundverschlüsselten Privatsender empfangen. Hier ist weder Kopier- noch Jugendschutz überhaupt notwendig.
CI Plus Spezifikation wird Problem nicht lösen
Um den bisherigen CI-Standard fit für die hohen Anforderungen der Netzbetreiber zu machen, haben einige TV-Geräte- und Modul-Hersteller die Spezifikation "CI Plus" auf den Weg gebracht. Hierbei versucht man für die TV-Sender und Netzbetreiber in den bisherigen CI-Standard einen Kopierschutz sowie weitere Kontrollmöglichkeiten des Zuschauers zu integrieren. Herkömmliche CI-Module können die Sender ohne Nachfrage in diesen Fernsehern einfach deaktivieren. Aufzeichnungen auf integrierten Festplatten werden nur verschlüsselt abgelegt. Wird bei einer Reparatur beispielsweise die Hauptplatine des Fernsehers ausgetauscht, erhält das Gerät ein neues CI Plus Sicherheitszertifikat. Doch leider sind damit die bisherigen codiert abgelegten Aufzeichnungen nicht mehr abspielbar. Auch kann CI Plus aufgrund der Sicherheitsanforderungen immer nur einen DVB-Transportstrom durchleiten. Gleichzeitig das grundverschlüsselte RTL für den TV-Empfang zu decodieren und Sat.1 aufzuzeichnen wird damit meist nicht möglich sein. Sollte es einmal für eine bestimmte Geräteserie Hackersoftware geben, können diese CI Plus Fernseher dann für den Pay-TV-Empfang dauerhaft deaktiviert werden. Aufgrund der höheren Kosten wird CI Plus nicht die bisherigen Embedded-Receiver mit fest eingebautem Verschlüsselungssystem ablösen. sondern nur eine kleine Ergänzung darstellen für Zuschauer, die neben ihrem 3000-Euro-Fernseher keine Billig-Box des Netzbetreibers stehen haben wollen.
Digitales Kabel-TV nur mit Einzelvertrag und Pay-TV-Abo
Beim bisherigen analogen Kabelanschluss muss sich der einzelne Mieter um nichts kümmern, der Vertrag läuft bequem über die Hausverwaltung und wird über die Nebenkosten abgerechnet. In der digitalen Welt wollen die Netzbetreiber jedoch immer ein direktes Vertragsverhältnis mit dem Haushalt. Wer digitales Fernsehen – und vielleicht später auch Kabel-Internet und Kabel-Telefonie – möchte, muss mit Kabel Deutschland und Co. einen direkten Vertrag, bei dem Zusatzkosten von ein paar Euro im Monat entstehen, eingehen. Oft versuchen die Netzbetreiber den Kunden dabei auch gleich ihre eigenen Pay-TV-Pakete schmackhaft zu machen. Bei der KDG ist es beispielsweise gar nicht möglich nur die grundverschlüsselten Privatsender zu bekommen. Stets geht man dabei auch gleich ein Abo für das Pay-Paket Kabel Digital Home ein, das man aktiv innerhalb der ersten beiden Gratis-Monate wieder kündigen muss. Wer dies vergisst, wird automatisch zahlender Pay-TV-Kunde und verdoppelt so schnell seine monatlichen Kabelkosten.
Amerikanisches Abrechnungsmodell
Mit der Digitalisierung haben die Privatsender erfolgreich das amerikanische Abrechnungsmodell gegenüber den Kabelnetzbetreibern durchgesetzt. Während bei der analogen Einspeisung der jeweilige Sender an den Netzbetreiber je nach erreichten Haushalten Einspeiseentgelte zahlte, ist es nun genau umgekehrt. Der Kabelnetzbetreiber zahlt den Privatsendern je erreichten Haushalt einen gewissen Centbetrag pro Monat. Für die Privatsender bedeuten diese "Distributionserlöse" kontinuierliche Zusatzeinnahmen in einem stürmischen und immer unkalkulierbareren Werbemarkt. Bezahlen müssen dies die Zuschauer mit der Grundverschlüsselung und zusätzlichen monatlichen Gebühren für den digitalen Kabelempfang.
FAZIT: Die Kabelnetze sind seit Jahren digitalisiert – es mangelt eigentlich nur am Interesse der Kabelhaushalte. Grund ist vor allem die proprietäre Receiverpolitik der großen Netzbetreiber. TV-Sendern, die bereits einen analogen Platz im Kabel haben, kann dies egal sein. Sie profitieren sogar von der Wahrung der analogen Welt – schließlich müssen sie sich die Zuschauer so noch nicht mit vielen weiteren Digitalsendern teilen. Für neue Digitalsender hat die schleichende Digitalisierung der Haushalte jedoch fatale Auswirkungen. Ohne Haushalte keine Reichweite, und ohne Reichweite keine Werbeeinnahmen. Deshalb ist es an der Zeit die Digitalisierung auch im Kabel endlich voranzubringen. Wenn die Netzbetreiber ihre proprietäre Endgerätepolitik aufgeben, die Gängelung ihrer Kunden endlich beenden und den (unverschlüsselten) digitalen Kabelanschluss per Pauschalvertrag mit den Wohnungsgesellschaften anbieten, steht der schnellen vollständigen Digitalisierung nichts mehr im Wege. Stefan Hofmeir

