Der Medienkonsum über den Fernseher steht vor einem weiteren Umbruch. Denn nach der Digitalisierung des TV-Signals Mitte der 90er Jahre, der inzwischen größtenteils abgeschlossenen Formatumstellung von 4:3 auf 16:9 und der Einführung des Dolby Digital Mehrkanaltons steht nun bei der Bildqualität ein Quantensprung an. Das lange von Verbraucher und Industrie geforderte hochauflösende Fernsehen, kurz HDTV, kommt jetzt auch außerhalb des Pay-TVs so richtig in Fahrt.
Mit der Umfirmierung der Premiere AG in Sky Deutschland wurden Mitte des Jahres die HD-Bezahlangebote bereits massiv ausgebaut. Denn eine optisch verbesserte Übertragungsqualität erkennt jeder potentielle Abonnent "auf den ersten Blick" als Mehrwert. Viele HD-Aboprogramme von Drittanbietern konnten von Sky exklusiv für die Vermarktung in den eigenen Paketen gewonnen werden. Denn Exklusivität gegenüber anderen Pay-TV-Plattformen wie Kabel Deutschland oder Arena ist eines der Geheimrezepte erfolgreicher Pay-TV-Marktführer.
HDTV in Österreich und der Schweiz
In den Nachbarländern ist HDTV im Free-TV-Bereich schon länger Realität. In Österreich startete der ORF sein erstes Programm als HD-Version rechtzeitig zur Europameisterschaft 2008 und denkt jetzt bereits auch an ein ORF 2 HD. Das Schweizer Fernsehen bietet sein HD Suisse bereits seit 1. Dezember 2007 an und will bereits ab Anfang 2012 alle sechs Programme via Satellit in HD verbreiten. Nach dreijähriger Simulcastphase sollen voraussichtlich 2015 die Digitalsignale in herkömmlicher SD-Qualität abgeschaltet werden.
HDTV in Deutschland
Deutschland muss sich sputen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Wer bis Herbst 2009 HD-Sender im Free-TV-Bereich suchte, wurde nur bei Arte HD sowie dem Privatsender Anixe HD fündig. Die frühzeitige HD-Ausstrahlung des Kultursenders Arte seit Juli 2008 haben wir Frankreich zu verdanken, Anixe HD dem kretischen Multimillionär Emmanouil Lapidakis, einem Pionier im Bereich Internet und Fernsehen. Zu besonderen Anlässen wie Weihnachten, IFA oder Leichtathletik WM testeten auch ARD und ZDF für wenige Tage das hochauflösende Fernsehen. Der Start des Regelbetriebs zu den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver ist jetzt in greifbarer Nähe.
Auch die großen deutschen Privatsender haben HDTV bereits frühzeitig in den Focus genommen. Die auf den Medientagen 2005 gestarteten Programme ProSieben HD und SAT.1 HD verschwanden jedoch im Februar 2008 wieder vom Bildschirm, da sich damals HDTV nicht so schnell durchsetzte, wie von den internationalen Eigentümern erhofft. Zum Ende waren laut deren Schätzung nur ca. 150.000 Zuschauer in der Lage, die Programme auch hochauflösend zu empfangen. Brancheninsider vermuteten jedoch bei der Abschaltung, dass der Konzern von der unverschlüsselten Ausstrahlung Abstand nehmen wollte, um einen späteren Neustart plausibel begründen zu können: So wird es nun Anfang 2010 auch sein.
Verschlüsselung und Receiver-Technik
Die inzwischen international aufgestellten Privatsender wollen ihre neuen HDTV-Versionen der bekannten Sender nicht mehr – wie bisher in Deutschland üblich - unverschlüsselt verbreiten. Für die Entschlüsselung des Signals soll nach einer kostenlosen Einführungsphase eine Gebühr erhoben werden, um die damit verbundenen Mehrkosten zu finanzieren.
Der Satellitenbetreiber SES Astra hat hierfür die technische Plattform HD+ entwickelt, die eine kontrollierte Ausstrahlung via Satellit ermöglicht. HD+ startete zu den Medientagen 2009 mit den Programmen RTL HD und VOX HD, ab Januar folgen Sat.1 HD, Pro Sieben HD sowie Kabel 1 HD. Laut Medienberichten befinden sich auch bereits andere Privatsender wie das DSF oder MTV in Gesprächen mit HD+.
Da diese Plattform auf neu zertifizierte HD+ Receiver setzt, startet die Reichweite erst einmal bei Null. Es wird zwar vom Start weg mindestens an die fünf Receivermodelle verschiedener Hersteller geben, doch die vielen hunderttausend bereits gekauften HD-Receiver haben zunächst das Nachsehen. Zwar wurde eine kontrollierte Nachrüstlösung mittels eines speziellen Legacy Moduls angekündigt, doch dieses auf den Markt zu bringen ist äußerst schwierig. Nach den bisherigen Plänen von APS solle jeder Hersteller eigene, nicht zueinander kompatible Module ordern und selbst in den Markt bringen. Ein Kathrein HD+ Modul würde also nicht in einem Humax HDTV-Receiver funktionieren. Der Handel müsste verschiedene Nachrüstmodule auf Lager legen. Außerdem müssten die Hersteller die bereits in den Wohnzimmern befindlichen HD-Receiver und -Fernseher über ein Softwareupdate erst einmal "kastrieren". Denn die Privatsender, allen voran RTL, wollen bei ihren HD-Sendern die volle Kontrolle - auch nach der Ausstrahlung. Die Werbung in aufgezeichneten Sendungen soll nicht mehr übersprungen werden können (Ad-Skipping-Verbot), außerdem soll der Privatsender bestimmen können, wie lange eine Aufzeichnung angesehen werden kann.
Dies kann bei den zertifizierten HD+ Receivern garantiert werden, bei herkömmlichen HDTV-Receivern mit normaler CI-Schnittstelle jedoch nicht. Deshalb sollen mittels Legacy Modul nachrüstbare HDTV-Receiver softwaremäßig so verändert werden, dass sie die Programme der HD+ Plattform nicht aufzeichnen können. Die Hersteller befürchten massive Zuschauerproteste, wenn bereits gekaufte Geräte auf diese Weise verändert werden, und vor allem die Abwanderung in einen Parallelmarkt. Denn im Markt wird es weiterhin Empfangsgeräte und CI-Module geben, die diese "Anti-Features" nicht befolgen werden. Und vor jeden Fernseher mit eingebauter CI+ Schnittstelle lässt sich auch ein freier Digitalreceiver schalten.
Ob die Zuschauer das mitmachen, muss sich erst noch zeigen. Dass für ein HD-Signal extra gezahlt werden muss, kann man noch vermitteln. Dass man dabei jedoch auch noch Einschränkungen gegenüber dem Status Quo hinnehmen muss, ist schwer vermittelbar. In Österreich und der Schweiz funktioniert HDTV mit herkömmlichen Receivern und einem standardisierten CI-Modul ganz offiziell und ohne Probleme.
Vorreiter Satellit - Kabel und DVB-T folgen
Wie meist auch bei sonstigen Innovationen der letzten Zeit werden Sat-Haushalte die HDTV-Signale als erstes empfangen können. Doch die Kabelnetzbetreiber arbeiten bereits auf Hochtouren und verhandeln mit den Sendern, um eine rasche Einspeisung zu realisieren. Kapazität hierfür ist in nahezu allen Netzen vorhanden und an der Technik fehlt es nicht. Es bedarf also "nur" noch der Einigung über die Kosten, Erlöse und Vermarktungsmodelle.
Auch via DVB-T könnte es mittelfristig hochauflösende Kanäle geben. Der neue Standard DVB-T2 steht bereits vor der Tür und ermöglicht gegenüber DVB-T die für HD nötigen höheren Datenraten. Da künftige Digitalreceiver und Fernseher aufgrund des internationalen Bedarfs diesen neuen Standard bereits am Werk integriert haben, wird in Deutschland für HD terrestrisch ganz automatisch die Basis geschaffen.
Hybrid-Empfänger bringen Internet ins Wohnzimmer
Neben der verbesserten Bildqualität werden nun auch vor allem multimediale Inhalte das Wohnzimmer erobern. Nach jahrelangen Versuchen in Deutschland eine einheitliche Middleware in Set-Top-Boxen wie z. B. Betanova, MHP oder Mediahighway zu etablieren, drängt nun das Internet in die Flachbildfernseher. Für die Zuschauer wird damit das lineare Fernsehen künftig auch nicht-linear verfügbar. Mit nur einem Tastendruck kann man beispielsweise zwischen dem ZDF-Liveprogramm und deren Mediathek im Internet umschalten. Lediglich an der Bildqualität wird man anfangs noch den Unterschied merken. Doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Streamingangebote auch nahezu in HD-Qualität übertragen werden. Technisch ginge es bereits jetzt, doch die Traffic-Kosten für die Sender sind noch zu hoch.
Um die multimedialen Internetangebote in die Fernseher zu bekommen, gehen zwei Lösungsansätze in Europa an den Start: Die großen TV-Gerätehersteller entwickelten schnell die Möglichkeit, den Nutzern ihrer Empfangsgeräte ein eigenes Web-Portal am Fernseher anzubieten. Wer in diesem Portal präsent sein will, muss an den jeweiligen Hersteller als Gatekeeper zahlen. Hier haben sich Minibeträge pro Klick etabliert, schließlich kann über die Internetleitung die komplette Nutzung gemeldet werden.
Parallel dazu entstand eine neue europäische Initiative "Hybrid Broadcast Broadband TV", kurz HbbTV (www.hbbtv.org), hinter der ein Konsortium führender Unternehmen der europäischen Fernsehindustrie steht. HbbTV soll ein offenes technisches System für Rundfunkanstalten, Gerätehersteller und Inhaltelieferanten bieten und stellt die Verknüpfung zwischen TV und Internet da. Denn lediglich zwei getrennte Welten in ein Empfangsgerät zu bringen, verschenkt ein großes Potential. TV-Programme können bei HbbTV das TV-Signal mit bestimmten Webangeboten verknüpfen. Mittels roter Taste auf der Fernbedienung gelangt der Zuschauer so immer direkt zu der gewünschten Webseite. Das könnte bei einer ZDF Wiso-Sendung ein Link auf die entsprechende Mediathek-Rubrik sein, bei einer Unterbrecherwerbung bei RTL ein Direktlink zur Online-Werbekampagne des jeweiligen Unternehmens.
Wenn die Technik das hält, was sie verspricht, werden durch hybride Empfangsgeräte die monetären Eintrittsbarrieren für neue TV-Sender in die deutschen Wohnzimmer weiter massiv gesenkt. Kleinere Spartensender erreichen nun auch die Zielgruppe, ohne Satelliten- oder TV-Kabelkapazität anmieten zu müssen. Für die etablierten TV-Sender bedeutet diese Öffnung der Empfangsgeräte in Richtung freies Internet aber eine Art Dammbruch. Haben sich die Privatsender bereits bei der Digitalisierung damit abfinden müssen, dass sie nicht mehr nur mit gut 30 anderen Kanälen um die Gunst der Zuschauer buhlen, gibt es nun eine unbegrenzt große Konkurrenz aus dem Internet.
Stefan Hofmeir

