Radio bricht ins digitale Zeitalter auf
Mit spannenden neuen Programmen will Digitalradio in Deutschland endlich den Durchbruch schaffen. Seit Anfang August sind 12 bundesweite Angebote über das digitale Antennenradio auf Sendung. Wer sie hören will, braucht ein spezielles Endgerät, das störungsfreien Empfang in hoher Soundqualität garantiert.
Am 1. August hat ein neuer Lebensabschnitt für das Radio begonnen, denn an diesem Tag ging das bundesweite Digitalradio mit 12 Programmen an den Start, die in großen Teilen Deutschlands digital über die Antenne empfangbar sind. Neben öffentlich-rechtlichen Angeboten wie dem Deutschlandradio oder Deutschlandradio Kultur werden seit August auch neun Privatradios bundesweit verbreitet, darunter das Fußballradio 90elf, die Mitmachstation Absolut Radio, Klassik Radio oder die beiden religiös geprägten Programme Radio Horeb und ERF Radio. Die bundesweiten Stationen ergänzen die bereits regional verbreiteten Anbieter in den Bundesländern. In den nächsten Monaten werden dort weitere private und öffentlich-rechtliche Programme ihren Digitalradioempfang starten.
Welche Vorzüge hat Digitalradio und wie funktioniert es?
Einen großen Nutzen des neuen Übertragungswegs sehen die Experten in neuen Programmen, für die im UKW-Band kein Platz mehr ist. Diese sollen den Hörern einen Anreiz bieten, sich ein neues Endgerät anzuschaffen, das für den Digitalradioempfang nötig ist. Dass es auf den Inhalt ankommt, ist auch den Machern von 90elf klar. Pünktlich zum Start der Fußball-Bundesliga am 5. August gaben sie die Verpflichtung des überregional bekannten Moderators Manni Breuckmann bekannt und warteten überdies mit einem weiteren Schmankerl für ihre Hörer auf: Sie können ab dem ersten Spieltag zwischen fünf Spielen wählen, die parallel über Digitalradio in voller Länge live übertragen werden. Anders als bei der analogen Ultrakurzwelle (UKW), lassen sich via Digitalradio auch Texte, Bilder und Daten parallel zum laufenden Programm mitsenden und am Radioempfangsgerät anzeigen. Zudem überzeugt das digitale Antennenradio durch ein deutlich besseres Klangerlebnis und macht Schluss mit Rauschen und Knistern. Auch das Drehen am Frequenzband entfällt; der Hörer bekommt alle verfügbaren Programme auf dem Display angezeigt.
Möglich macht dies der Übertragungsstandard Digital Audio Broadcasting Plus (DAB+), der sich sowohl für den Empfang in den heimischen vier Wänden wie auch mobil, beispielsweise im Auto, eignet. Bei DAB+ handelt es sich um eine Technologie, die Audiodaten besonders wirkungsvoll komprimiert und damit eine Vielzahl von Programmen sowie ergänzende Daten und interaktive Dienste übertragen kann.
Wie kann man Digitalradio empfangen?
Um Digitalradio via DAB+ zu empfangen, braucht man ein spezielles Endgerät; herkömmliche UKW-Empfänger sind dazu nicht in der Lage. Doch inzwischen haben nahezu alle namhaften Hersteller DAB+-Geräte entwickelt, die bereits zu Preisen ab 40 Euro zu haben sind. Deren Angebot findet sich in dieser Liste http://www.digitalradio.de/index.php/digitalradios-geraete. Wichtig: Alle DAB+-tauglichen Empfangsgeräte eignen sich auch für den UKW-Empfang, so dass den Hörern ihre analog verbreiteten Lieblingssender nicht vorenthalten bleiben. Terratec bietet für 20 Euro sogar einen speziellen DAB-Stick an, den der Hersteller zusammen mit dem Fraunhofer Institut entwickelt hat. Ihn steckt man in die USB-Schnittstelle und kann über PC, Net- oder Notebook in Stereoqualität nutzen.
Auch PKW-Hersteller wie Daimler, BMW, Audi, VW oder Ford bieten inzwischen kombinierte Empfangsgeräte für den DAB- und UKW-Empfang an, meist jedoch als Sonderausstattung gegen Aufpreis. Zudem lassen sich die UKW-Tuner für das Auto bei einigen Endgeräteherstellern für den DAB+-Empfang nachrüsten. Dazu wird ein zusätzlicher Empfänger angeschlossen, der sich über eine Halterung im Wageninnern befestigen lässt und bei Herstellern wie Pure (Pure Highway) um die 100 Euro kostet.
Wo kann man DAB+-Endgeräte erwerben?
Bei den großen Handelsketten und im Online-Handel sind die Empfänger zumindest teilweise verfügbar. Allerdings hat der Handel bislang teilweise zögerlich auf die Einführung von DAB+ reagiert. Doch geht Helmut G. Bauer davon aus, dass der Handel die Digitalradiogeräte schon bald offensiver anpreisen wird: „Wir haben alle großen Ketten informiert und ihnen Schulungen angeboten. Demnächst dürfte es dann auch größere Aktionen mit dem Handel geben“, betont der Geschäftsführer der Digitalradio Deutschland, die die Interessen mehrerer Privatradios bei der DAB+-Einführung vertritt.
Auch die Programmveranstalter selbst bemühen sich darum, den Endgeräteabsatz anzukurbeln. Radio Horeb bietet Empfänger über seine Homepage an, gleiches gilt für ERF-Radio. 90elf-Betreiber Regiocast Digital will die Zugkraft des Elektronikriesen Philips für den Absatz von DAB+-Endgeräten nutzen und hat zu diesem Zweck eine Partnerschaft mit ihm geschlossen. Zudem werden zur Internationalen Funkausstellung (IFA) Anfang September weitere Neuerungen im DAB-Endgerätemarkt erwartet, die der Handel zum Thema machen kann. Um die Marktdurchdringung zu forcieren, kann sich Christoph Kruse, Geschäftsführer von Regiocast Digital, auch gemeinsame Aktivitäten mit Lebensmitteldiscountern oder Kaffeeröstern vorstellen.
Kann man Digitalradio in ganz Deutschland über Antenne empfangen?
Auch wenn das Sendernetz für DAB+ nahezu flächendeckend in ganz Deutschland ausgebaut ist, so sind doch bei weitem nicht alle Senderanlagen für den Empfang der bundesweiten DAB+-Programme in Betrieb. Der sogenannte bundesweite Multiplex, so heißt das über eine Frequenz gebündelte Programmensemble, umfasst bislang 27 Senderstandorte. Es deckt aber die Ballungsräume und die wichtigsten Verkehrsverbindungen ab und kann rund 40 Millionen Menschen erreichen. Bis 2015 soll das Sendernetz auf 110 Standorte anwachsen. Interessierte können hier http://www.digitalradio.de/index.php/digitale-radioprogramme nachschauen, ob sie die neuen Angebote bereits jetzt über DAB+ hören können.
Welche weiteren DAB+-Programme gibt es in den Ländern und Regionen?
Die Digitalradioprogramme beschränken sich nicht auf das bundesweite Angebot. Vielmehr sind schon jetzt in nahezu allen Bundesländern auch regionale oder lokale Angebote empfangbar beziehungsweise zum 1. August gestartet. Zu diesem Zeitpunkt waren in 14 von 16 Bundesländern DAB-Programme der ARD-Landesrundfunkanstalten auf Sendung, nur Hessen und Bremen fehlten. Bis zum Jahresende sollen die Landesrundfunkanstalten in allen Bundesländern DAB-Programme ausstrahlen. Lediglich der Start von Radio Bremen ist unklar; die finanzschwache Rundfunkanstalt sucht noch nach Kooperationspartnern, mit denen sie den regionalen Multiplex bespielen kann. Offen ist nach Angaben von Radio Bremen auch, welche Programme künftig über DAB+ verbreitet werden sollen. Die privaten Anbieter waren Anfang August nur in sieben Ländern digital präsent. Das reichhaltigste Angebot findet sich in Bayern, wo 17 Privatsender und 9 Angebote des Bayerischen Rundfunks via DAB+ zu hören sind. Welche Programme in den jeweiligen Bundesländern auf Sendung sind, können Sie hier http://www.digitalradio.de/index.php/digitale-radioprogramme einsehen.
Was unterscheidet die Digitalradio- von der Internet-Verbreitung?
Bei DAB+ handelt es sich um eine Übertragungstechnologie für den Hörfunk, die sich in den Ausbaugebieten sehr gut für den mobilen Empfang beliebig vieler Personen eignet. Das Internet kann gleiches nicht leisten, weil die mobile Bandbreite nur eine sehr kleine Nutzerzahl des gleichen Streams erlaubt und die Verbindung in jeder Mobilfunkzelle neu aufgebaut werden muss. Dabei sind Störungen des Empfangs unvermeidbar. Über DAB+ kann der Hörer sein einmal eingestelltes Programm dank hoher Datenraten in bester Klangqualität auch bei hohen Geschwindigkeiten störungsfrei empfangen. Wer Radio über das Netz hören will, kann dies also hauptsächlich nur stationär tun und sollte zudem über eine Flatrate verfügen, da ansonsten Verbindungsgebühren anfallen, die der digitalen Rundfunktechnologie DAB+ fremd sind. Deren Signale kann der Hörer kostenlos empfangen. Das Internet ergänzt die Digitalradioverbreitung also eher und verdrängt sie nicht. Was sich auch daran ablesen lässt, dass Anbieter wie Absolut Radio oder 90elf ihr Programm parallel über DAB+ sowie per Internet über den PC, das W-Lan-Radio und mobile Applikationen für Smartphones verbreiten.
Der Autor, Guido Schneider, arbeitet als Medienfachjournalist und Studienautor mit dem Themenschwerpunkt Marketing & Medien (v.a. Radio und digitale Medien). Er schreibt für Fachtitel wie Horizont, kress report und media spectrum und zählt zu den Mitautoren des Jahrbuchs der Landesmedienanstalten.
Kontakt: guido.schneider@pbm-medien.de

