Bereichsmenu:

Klassische und Neue Medien

Veranstaltungsbericht

„Twitter erreicht Multiplikatoren und Journalisten"

Social-Media für Presse und Politiker unverzichtbar
Journalismus muss heute als Prozess oder Kreislauf begriffen werden, der nicht mit dem Andruck oder Sendeschluss endet, sondern mit aktuellen Internet-Inhalten und im Online-Dialog mit den Medienkonsumenten fortgesetzt wird und dadurch neue Impulse erhält. Die Einbindung von Social-Media-Angeboten wie Blogs, Twitter oder Facebook ist für Journalisten unverzichtbar geworden. Vor diese Herausforderung sehen sich die Medienmacher gestellt, die am 14. Dezember in einer gemeinsamen Veranstaltung des US-Generalkonsulats, des Bayerischen Journalisten-Verbands (BJV) und der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) in der BLM die Chancen und Grenzen klassischer und neuer Medien in Deutschland und USA diskutierten.
BLM-Präsident Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring betonte eingangs die Rolle des Qualitätsjournalismus für die Demokratie in einer Zeit, in der Medienunternehmen händeringend nach neuen Geschäftsmodellen suchten. Angesichts der medienpolitischen Debatte, die jüngst die Äußerungen des ProSiebenSat.1-Vorstandsvorsitzenden Thomas Ebeling zur Relevanz von Nachrichten für Fernsehzuschauer auslösten, erklärte Ring: „Da hat jemand nicht verstanden, dass er nicht mit Kühlschränken handelt und dass auch private Fernsehunternehmen eine gesellschaftliche Verantwortung tragen.“
Der US-amerikanische Generalkonsul in München, Conrad Tribble, unterstrich, dass sich angesichts einer Milliarde Nutzer, die Facebook mittelfristig erreichen wolle, die Politik die Chancen, welche neue Medien böten, nicht entgehen lasse dürfe. Als Mitarbeiter der Administration der Obama-Regierung könne er allerdings sagen: „Es ist viel einfacher einen Wahlkampf mit neuen Medien zu gewinnen, als dann mit neuen Medien zu regieren.“
Auf die rapide Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen „einer all umfassenden journalistischen Begleitung des Tagesgeschehens“ wies Rainer Reichert, Vorsitzender des Fachausschusses Europa im BJV, hin, was vor allem für die lokale Berichterstattung gravierend sei, die nicht von den audiovisuellen Medien abgedeckt werde. Ferner warnte er vor einer wachsenden „medialen Zwei-Drittel-Gesellschaft mit der unterhaltungsorientierten Mehrheit auf der einen Seite und der Minderheit einer wissensdurstigen Informationselite auf der anderen“.

„Auf Augenhöhe kommunizieren“
Christian Jakubetz, Geschäftsführer von imfeld media in Arnstorf und Dozent an verschiedenen Journalistenschulen, moderierte die Diskussion über crossmediale Angebote in Deutschland. Er forderte: „Wir brauchen Journalisten, die neu denken können.“ Journalisten dürften sich nicht länger einer Mediengattung zugeordnet begreifen, sondern als Macher von Inhalten, die mit ihren Lesern und Nutzern „auf Augenhöhe kommunizieren“. Die Mediennutzung der jungen Generation lasse sich immer weniger genau nachvollziehen, so dass crossmediale Angebote für Medienunternehmen Erfolg versprechend seien.
Claus Lochbihler, Seminarleiter an der Akademie der Bayerischen Presse, bedauerte, dass wegen der derzeitigen Sparwelle bei den Zeitungsverlagen viele Volontäre, die nun erstmals Print und Online beherrschten, nicht übernommen werden würden. Zudem riet er den Verlagen: „Online first und nicht Print first.“ In USA stellten Zeitungen die Informationen zuerst ins Internet, während hierzulande die Online-Versionen aus den Printausgaben generiert werden würden. Die Nutzer erwarteten das Gegenteil.
Zum Stellenwert von Online sagte Markus Jox, Politik-Redakteur der Abendzeitung München und Dozent an der Deutschen Journalistenschule: „Die jungen Journalisten nannten schon vor sechs Jahren nicht mehr die Tageszeitung als wichtigste Informationsquelle für Politik.“ Nach dem Andruck gehe die Arbeit durch die redaktionelle Betreuung der verschiedenen Online-Medien erst richtig los, ohne dass dafür eigenes Personal zur Verfügung stehe. Durch Twittern, Online-Produktion, Facebook und so weiter bleibe häufig keine Zeit mehr, um Geschichten zu recherchieren. Und: „Man verdient noch wenig bis kein Geld. Das bringt immer noch Print“, skizzierte er ein weiteres Problem des derzeitigen Medienwandels. Jox: „In fünf Jahren wird es deutlich weniger gedruckte Zeitungen geben.“
„Wir sind mitten in einem Transformationsprozess, den wir alle unterschätzt haben“, bestätigte Richard Gutjahr, Moderator Rundschau Nacht und Mitarbeiter der Chefredaktion des Bayerischen Fernsehen. Aber: „Ich glaube tief und fest daran, dass in fünf Jahren die Paid-Frage gelöst sein wird und viele Verlage besser dastehen werden.“ Er forderte: „Wir müssen stärker experimentieren.“ Gutjahr berichtete von einem US-Kollegen des Seattle Post-Intelligencer, dessen Printausgabe eingestellt wurde, der erklärt hatte, man hätte sehr viel mehr experimentieren sollen. Das sei versäumt worden.
Michael Praetorius, Leiter Online bei Antenne Bayern, ist überzeugt, dass in fünf Jahren eine vielfältige Medienlandschaft existieren wird: „Die klassischen Medien werden zum Best-off werden.“ Journalisten übernähmen künftig die Filterung der Inhalte nach Relevanz. Und im Internet werde es mehr qualitativ hochwertige Inhalte geben. „An der Arbeit der Journalisten kann sicherlich nicht gespart werden“, fasste Praetorius zusammen.
Positiv äußerte sich auch die freie Kölner Medienjournalistin Ulrike Langer, u.a. Bloggerin von medialdigital.de. Sie erlebe aufgrund ihres Blogs beruflich „einen zweiten Frühling“. Entscheidend sei, sich auf Kernkompetenzen zu konzentrieren. So sollten sich beispielsweise Tageszeitungen auf das Lokale spezialisieren und freie Journalisten auf zwei bis drei Themenfelder. Ihr Fazit lautete: „Ich wünsche mir, dass staatliche Hilfsmaßnahmen und Lobbyismus scheitern, weil das alte Strukturen zementiert.“ Viel mehr sollten sich neue Formen des Journalismus entwickeln.

Dialog im Online-Wahlkampf entscheidend
Der zweite Teil der Veranstaltung befasste sich mit dem Internet als Dialog- und Partizipationsmedium für die Politik. Jonathan Ebinger, ehemaliger mehrfach prämierter Produzent der News-Sendung „Nightline“ des US-Fernsehnetworks ABC und Dozent an der George Washington University in Washington D.C., beobachtet seit der Amtseinführung die Kommunikation und Medienberichterstattung der Obama-Regierung. Er fasste zusammen, dass die positive Berichterstattung einerseits durch die enorme Popularität des US-Präsidenten und andererseits durch eine wesentlich intensivere Medienarbeit bedingt sei. Die Presse-Abteilung des Weißen Hauses sei ausgebaut worden und wesentlich mehr Journalisten unterschiedlichster Medien würden angesprochen werden, insbesondere Blogs. Um direkten Kontakt mit der Öffentlichkeit zu pflegen, verfüge der Internet-Auftritt Whitehouse.gov über einen eigenen PR-Blog und Links zu acht Social-Media-Sites wie Facebook, MySpace oder Flickr. Es zeige sich laut Ebinger jedoch, dass über Obama nach wie vor extensiv in den Mainstream-Medien berichtet werde. In der Blogosphäre sei es schwierig, mit ernsthaften Themen wie der Reform des Gesundheitswesens an die Spitze zu gelangen. Es ließe sich ferner nicht kontrollieren, wie die Inhalte diskutiert würden.
In der Diskussionsrunde, durch die BJV-Vorsitzender Dr. Wolfgang Stöckel führte, stellte Prof. Dr. Ralf Hohlfeld, Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft an der Universität Passau, Studienergebnisse über die Nutzung des Microblogs Twitter als Wahlkampfinstrument während der Bundestagswahlkampf 2009 vor. Die Zahlen erscheinen mager: In den drei Wochen vor der Wahl sind 2.692 Tweets von 76 Bundestagsabgeordneten veröffentlicht worden, die durchschnittlich 559 Follower hatten. Nur acht Prozent der 140-Zeichen langen Kurznachrichten waren so genannte Mobilisierungs-Tweets. Die meisten luden zu Vorträgen oder Bürgersprechstunden ein. Lediglich ein Viertel enthielt einen direkten Aufruf zum Urnengang.
Stefan Gehrke, Geschäftsführer von politik-digital.de, stellte dazu fest: „Twitter spielt zwar hinsichtlich der Wähler noch nicht die große Rolle, aber Twitter erreicht sehr viele Multiplikatoren und Journalisten.“ Oliver Zeisberger, Geschäftsführer von barracuda digitale agentur in Köln, die auf Online-Wahlkämpfe spezialisiert ist, wies darauf hin, dass die Social-Media-Webseiten die heutigen Marktplätze seien und Politiker deswegen dort vertreten sein müssten. „Zentral ist aber der Dialog“, erläuterte Zeisberger. Hier habe Twitter gute Arbeit geleistet: Während der Landtagswahl 2009 in Hessen habe beispielsweise eine Kurznachricht des SPD-Kandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel, in der er Internetsperren befürwortete, heftige Kritik seiner Follower geerntet. In der folgenden Auseinandersetzung überzeugten die Twitterer aus der Bevölkerung mit der Stichhaltigkeit ihrer Argumente und bewirkten, dass Schäfer-Gümbel seinen Standpunkt änderte. „Die Nutzer haben gemerkt, dass sie mit dem Handy ein Instrument in der Hand halten, mit dem sie unmittelbar Einfluss nehmen können“, so der Wahlkampf-Experte. Gleichzeitig schränkte er die Potenziale des Microblogs jedoch ein: Twitter eigne sich für Wahlkampf-Themen besser als für komplexe politische Regierungskampagnen. In Wahlkämpfen würden seiner Meinung nach künftig insbesondere Online-Spendenkampagnen und die Nutzung sozialer Netzwerke an Bedeutung gewinnen.
 

Seitenfunktionen