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Von Christfluencern und Tradwife-Prophetinnen
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Von Christfluencern und Tradwife-Prophetinnen

Wenn Influencer missionieren

Die Generation Z sucht Halt in einer Welt voller Krisen und findet ihn zunehmend bei religiösen Influencern auf Instagram, TikTok und YouTube oder bei Tradwife-Prophetinnen. Doch hinter der polierten Ästhetik verbergen sich oft problematische Weltbilder.

Text: Stefanie Witterauf

Sie tragen Sneakers statt Talar, sprechen die Sprache ihrer Followerinnen und Follower und verpacken Bibelverse in ästhetische Reels. Influencerinnen und Influencer, die christlichen Content produzieren, haben sich in den vergangenen Jahren zu einem festen Bestandteil der digitalen Religionslandschaft entwickelt. Was auf den ersten Blick wie harmlose Glaubensvermittlung wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein Phänomen mit erheblicher politischer Sprengkraft.
Christfluencer berichten auf Social Media sehr persönlich von ihrem Leben und ihrer Religion. Häufig wird diese als normaler Bestandteil ihres Alltags gezeigt. Sie wirken authentisch, wenn sie von ihrer Vorstellung des richtigen Lifestyles predigen, aus der Bibel zitieren und posten, wie sie durch ihren Glauben Orientierung finden.

„Sehnsucht nach einfachen Antworten“ durch Christfluencer 

„Diese Menschen machen sich häufig selbst zur Botschaft“, erklärt der Theologe Matthias Pöhlmann, Sektenexperte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Experte für religiöse Gegenwartskultur. „Die wenigsten verfügen über eine theologische Ausbildung. Sie legitimieren sich allein durch ihre persönliche Glaubenserfahrung und bauen so eine neue religiöse Autorität auf, die keiner institutionellen Kontrolle unterliegt“, sagt Pöhlmann. 

Die Anziehungskraft dieser digitalen Missionare erklärt sich aus dem Zeitgeist. Junge Menschen sind mit multiplen Krisen konfrontiert: Klimakrise, geopolitische Verwerfungen, wirtschaftliche Unsicherheit. Sie sind auf der Suche nach der eigenen Identität in einer unübersichtlichen Welt. „Die Zeit der Selbstverständlichkeiten ist vorbei“, analysiert Pöhlmann. „Ich habe stark den Eindruck, dass es um eine Sehnsucht nach einfachen Antworten geht.“

Christfluencer bedienen diese Verunsicherungen mit Komplexitätsreduktion. Sie bieten klare Rollenmodelle, eindeutige Antworten, Schwarz-Weiß-Kategorien. Kein Sex vor der Ehe, körperbedeckende Kleidung, Unterordnung der Frau unter den Mann. „Werte, die manchem wie ein Relikt aus der Urgroßeltern-Generation erscheinen, werden hier als christlicher Lifestyle neu verpackt“, sagt Pöhlmann. 
Einige vertreten radikale Glaubenspositionen, die eine klare politische Dimension haben und sich oft mit rechten, demokratiefeindlichen oder auch islamistischen Bewegungen decken. Zum Beispiel die vehemente Ablehnung von Abtreibung oder die Dämonisierung von Homosexualität. 

Die christlichen Influencerinnen Jasmin Friesen und Jana Hochhalter, beide in der zweiten Hälfte ihrer Zwanziger, haben im deutschsprachigen Raum eine der größten Reichweiten. Friesens Kanal „Liebe zur Bibel“ folgen 95.000 Nutzende, in ihrem Onlineshop verkauft sie Bibelvarianten für knapp hundert Euro und pastellfarbene Textmarker, die sie „Bibelmarker“ nennt. Hochhalters Account „Hiighholder“ hat 89.800 Follower, sie hat ihr Journal „Overflow – 137 Fragen für ein Leben in Fülle“ verlinkt. 

Antifeministische Narrative: Was Christfluencer und Tradwives gemeinsam haben

Vor zwei Jahren haben Friesen und Hochhalter einen gemeinsamen Podcast gestartet: „Jana & Jasmin – In Zeiten wie diesen“. Im Intro heißt es: „In Zeiten wie diesen gibt es auf alle möglichen gesellschaftlich relevanten Fragen 1000 Antworten. Wir glauben, nur eine davon ist wahr.“ Die Theologin an der Humboldt-Universität zu Berlin, Claudia Jetter, ordnet sie der „Purity Culture“ zu. Einer Bewegung, deren Vertreterinnen und Vertreter die sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe propagandieren und diese zum Kern der christlichen Identität erheben. 
Mit der „Purity Culture“ ist ein weiteres Social-Media-Phänomen eng verwoben. Sogenannte Tradwives nutzen die Rolle der Hausfrau, um konservative Werte zu propagieren. Auf Instagram und TikTok putzen sie mit makellos geschminktem Gesicht die Wohnung, backen mühelos lächelnd Kuchen, der aussieht wie vom Konditor, und basteln selbst Spielzeug für ihre Kinder aus Bio-Filz. Die Ästhetik ist dabei sorgfältig kuratiert. Oft ist es eine Doppelmoral, denn sie sind nicht nur Hausfrauen, sondern auch Unternehmerinnen. 

Diese Inszenierung traditioneller Weiblichkeit fügt sich nahtlos in einen größeren Trend. Antifeministische Narrative gewinnen laut der US-Extremismusforscherin Cynthia Miller-Idriss zunehmend an Bedeutung. Etwa in digitalen Räumen, popkulturellen Formaten und extremistischen Ideologien. In ihrem Buch „Man Up – The New Misogyny & Rise of Violent Extremism" zeigt sie, wie antifeministische Weltbilder als Brücke zu Radikalisierung fungieren können.

Radikalisierungsprozesse möglich

Und genau hier liegt das Kernproblem bei der ganzen Instagram-Frömmigkeit. „Einige Christfluencer weisen eine deutliche Nähe zu rechtspopulistischen und rechtsextremen Positionen auf“, warnt der Sektenbeauftragte Matthias Pöhlmann. Etwa der deutsche Influencer Leonard Jäger, bekannt als „Ketzer der Neuzeit“. Auf Instagram hat er 339.000 Follower. Er wird vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg als Extremist eingestuft und beobachtet. Er sucht aktiv die Nähe zur AfD und gibt deren Mitgliedern eine Plattform. 
Jäger ist auch international gut vernetzt, nämlich mit den US-Evangelikalen. Zur Amtseinführung von Donald Trump flog er in die USA, traf sich dort mit republikanischen Abgeordneten, dem ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon und schüttelte in Mar-a-Lago dem Präsidenten selbst die Hand. Seine Reise dokumentierte Jäger online. Die Stimmung, die er gegen queere Menschen oder Migranten macht, camoufliert er mit seiner Liebe zu Gott. 
„Die Übergänge sind fließend. Wer gegen Gender-Ideologie wettert und die Unterordnung der Frau predigt, findet schnell Anschluss an Kreise, in denen alles Liberale als rotgrün-versifft gilt“, so Pöhlmann. „Es kann zu Radikalisierungsprozessen kommen.“ Die Folgen: Menschen übernehmen Verschwörungstheorien, entwickeln Feindbilder gegen den Islam oder die LGBTQ-Community und geraten in Distanz zur Demokratie.

Eine Studie der Evangelischen Arbeitsstelle midi hat die Followerschaft von christlichen Influencerinnen und Influencern auf Instagram untersucht. Sie hat herausgefunden, dass es christlichen Influencerinnen und Influencern unter anderem darum geht, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die keine oder nur eine geringe Nähe zur Kirche aufweisen. Rund zwölf Prozent bis hin zu einem Drittel der untersuchten Followerinnen und Follower haben keinen Kontakt zu einer kirchlichen Gemeinde. Das zeigt ein erhebliches Potenzial des Missionierens.
Für viele junge Menschen sind Soziale Medien inzwischen der erste Kontakt mit religiösen Inhalten. Die traditionelle Glaubensweitergabe durch Eltern und Großeltern bricht ab. Stattdessen werden Jugendliche in digitalen Räumen religiös sozialisiert, oft ohne jede kritische Einordnung.

Der Algorithmus verstärkt diesen Effekt. Wer einmal Interesse zeigt, bekommt immer mehr verwandte Inhalte angezeigt. Eine Echokammer entsteht, in der Gegenmeinungen systematisch ausgeblendet werden. „Man kommt mit Gleichgesinnten zusammen und wird mit immer mehr Inhalten versorgt und immer weniger Gegenpositionen“, beschreibt der Theologe Pöhlmann den Mechanismus.

Etablierte Kirchen stehen vor Dilemma

Aus den USA schwappt der sogenannte Christian Nationalism nach Europa. Eine Ideologie, die laut der Extremismusforscherin Miller-Idriss auf der Überzeugung basiert, dass Amerika eine christliche Nation sei und bleiben müsse. Die Trennung von Kirche und Staat wird explizit abgelehnt. Die Verbindungen zu Trumps MAGA-Bewegung sind eng. Hierzulande sei das jedoch anders, sagt Pöhlmann. Denn in Deutschland ist die Säkularisierung weiter fortgeschritten. Religiös fundierte Parteien wie die „Partei Bibeltreuer Christen“ seien regelmäßig gescheitert. 
Die etablierten Kirchen stehen vor einem Dilemma. Einerseits erkennen sie, dass sich die Zukunft der Religion auch im digitalen Raum entscheidet, und sie wollen diesen nicht den Christfluencern überlassen. Im Sommer 2025 lud Papst Leo XIV. rund tausend „digitale Missionare und katholische Influencer“ nach Rom ein. Die Botschaft: Man müsse im Netz mithalten, dürfe sich aber nicht der Logik der Algorithmen unterwerfen. Man wolle authentische Zeugen des Evangeliums statt Content-Creators. Und ein authentisches Amen statt Likes. Schon jetzt versuchen katholische Geistliche, mit Sketchen und Tänzen online zu missionieren. 

Bild Stefanie Witterauf
Stefanie Witterauf recherchiert als freie Journalistin u.a. für Die Zeit, Spiegel und den Bayerischen Rundfunk. Sie hat als Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung gearbeitet, den Münchenteil der Jüdischen Allgemeinen geleitet und Magazin Projekte sowie Social-Media-Formate entwickelt.
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