Cookie Hinweis

Suche

Tendenz

Das Magazin der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien

Wenn der Spaß irgendwann endet
zur Übersicht aller ArtikelAlle Artikel zur Übersicht aller AusgabenAlle Ausgaben

Wenn der Spaß irgendwann endet

Kurz vor dem Ausstieg

Die Social-Media-Nutzung stößt bei den Jüngeren an Grenzen. Sie wollen lieber wieder mehr Zeit mit Freunden verbringen, besser auf ihre mentale Gesundheit achten und denken über den Ausstieg nach. Ein Grund dafür: Die Plattformen sind nicht mehr sozial und die Streams mit KI-Schrott zugemüllt. 
Lassen sich Menschen lieber von Menschen täuschen als von Maschinen?

Text: Cathrin Hegner
 

Die Sozialen Medien sind so gut wie tot. Diese – zugegeben etwas steile – These könnte man aus einer globalen Datenerhebung ableiten, die das GWI-Institut im Auftrag der Financial Times durchgeführt hat. Demnach wurde der Höhepunkt der Social-Media-Nutzung weltweit bereits im Jahr 2022 überschritten. Ende 2025 waren Erwachsene durchschnittlich etwa zwei Stunden und 20 Minuten in den Sozialen Medien unterwegs, was einem Minus von fast 10 Prozent gegenüber dem Peak in 2022 entspricht. Bei den 16- bis 24-Jährigen ist der Rückgang laut GWI-Institut besonders stark ausgeprägt. 

Auch in Deutschland stößt die Begeisterung der Jüngeren mitunter an Grenzen. Die ARD/ZDF-Medienstudie zeigt, dass sich das Wachstum der Social-Media-Nutzung abschwächt. Das Plus lag 2025 bei drei Prozentpunkten, im Vorjahr waren es noch rund acht Prozentpunkte. Die positive Entwicklung wird fast ausschließlich von den über 50-Jährigen getragen, während die Nutzungszeit bei den unter 30-Jährigen um sieben Minuten zurückging und damit im dritten Jahr in Folge sank.

Das schlechte Gewissen surft mit

Ist das der Anfang vom Ende? Sind die Jüngeren müde vom endlosen Scrollen über KI-generierte Seiten und Bot-Kommentare? Sehnen sie sich nach realen Begegnungen mit echten Menschen? Klingt erst einmal verrückt, denn wir sprechen von den intensivsten Nutzern: Über 90 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind auf Instagram, TikTok und Co. Unterwegs. Und dennoch sprechen eine ganze Reihe von Marktforschungsergebnissen dafür, dass die Skepsis deutlich zunimmt. Studien wie JAMES in der Schweiz zeigen, dass die Jugendlichen ihr Verhalten gerne ändern möchten. 

„Sie legen wieder mehr Wert auf Freizeitgestaltung, wollen Freunde treffen und besser auf ihre mentale Gesundheit achten“, fasst der Psychologe Raphael Huber von der Uni Bern zusammen. Laut dem Forschungsinstitut Pew Research hält die Hälfte der US-amerikanischen Teenager die Sozialen Medien für schädlich. Allerdings, so Huber, stünden diese Aussagen „noch im krassen Widerspruch zum Nutzungsverhalten der jungen Menschen“.

Doch das schlechte Gewissen surft mit: Laut einer repräsentativen Studie der Vodafone Stiftung verbringen fast drei Viertel der Jugendlichen täglich mehr Zeit auf Sozialen Medien, als ihnen selbst lieb ist (vgl. Grafik). Für rund ein Drittel geht die eigene Social-Media-Nutzung mit erheblich belastenden Gefühlen einher. Sie reflektieren ihr Verhalten und entwickeln Detox-Strategien, darunter das Deaktivieren von Mitteilungen (69 Prozent) und die aktive Vermeidung von Sozialen Medien während der Lernzeiten (60 Prozent). „Man sieht tatsächlich erste Gegenbewegungen“, sagt Stephan Weichert, Co-Gründer & Direktor vom VOCER-Institut für Digitale Resilienz. „Social-Media-Fasten, bewusste Offline-Zeiten oder der Rückgriff auf analoge Medien wie Vinyl oder sogar Kassetten zeigen, dass viele Jüngere wieder Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit gewinnen wollen.“ 

Plattformen sind zu algorithmischen Unterhaltungsmaschinen geworden

Auch die Gründe für die Nutzung der Plattformen verschieben sich. Früher stand die soziale Interaktion im Vordergrund, mittlerweile dominiert der passive Konsum von Bewegtbild-Schnipseln. Laut Financial Times und GWI dienen die Plattformen heute in erster Linie dazu, Langeweile zu überbrücken: „Mindless rather than mindfull browsing.“

Meta (Facebook, Instagram) und Bytedance (TikTok) bringt die Maximierung von Bildschirmzeit durch den endlosen Strom von Videos und Dopamin jährlich rund 200 Milliarden US-Dollar ein. Doch das ungute Gefühl der Nutzerinnen und Nutzer bedroht das Erlösmodell. Dazu trägt auch die globale Diskussion über Suchtpotenziale und Social-Media-Verbote für Jugendliche bei (vgl. auch Titelthema). Laut einer repräsentativen Studie der Postbank haben drei Viertel der 16- bis 18-Jährigen „Freunde, die sie für süchtig nach Sozialen Medien halten“. Gut möglich, dass sie dabei auch an sich selbst gedacht haben.

Beziehung wird durch Berieselung ersetzt

Das Schlagwort „Enshittification“, das der Science-Fiction-Autor Cory Doctorow 2022 geprägt hat, macht wieder die Runde.  Sobald die User und im zweiten Schritt die Werbungtreibenden an Bord sind, sinkt die Qualität der Plattformen ins Bodenlose. Mit anderen Worten: Erst sind sie super nützlich, dann pressen sie alle nur noch aus. „Der größte Fehler der Plattformen war ihr Erfolg“, erklärt VOCER-Gründer Stephan Weichert. „Aus Orten der Begegnung sind algorithmische Unterhaltungsmaschinen geworden. Wenn Beziehungen durch Berieselung ersetzt werden, verlieren Soziale Medien genau das, was sie einmal attraktiv gemacht hat.“
Es spricht einiges dafür, dass diese Entwicklung durch massenhaft KI-generierten Müll beschleunigt wird. Eine aktuelle Studie von Imperva zeigt, dass bereits die Hälfte des Internets AI-generiert ist. Das angeblich erste KI-Bild – ein Jesus, der sich aus einem Shrimp-Schwarm unter Wasser erhebt, steht sinnbildlich für alles, was danach folgte; für Katzen, die Auto fahren und im Fitnessstudio posen, über trampolinspringende Hasen und tanzende Wasserschweine bis hin zum Papst in Designer-Daunenjacke und dem hip-hopenden Bundeskanzler.
 
Genug jedenfalls, um eine regelrechte KI-Allergie auszulösen. Fast die Hälfte der Deutschen macht KI laut Ipsos „nervös“. KI-generierte Inhalte werden mit Falschinformationen und Deep Fakes assoziiert. „Viele junge Menschen merken sehr genau, dass ein wachsender Teil des Internets gar nicht mehr von Menschen stammt“, erklärt VOCER-Direktor Stephan Weichert: „Wenn der Feed voller Bots, KI-Bilder und automatisierter Kommentare ist, verliert er seine Glaubwürdigkeit.“ Auch die Plattformen haben bemerkt, dass die Entwicklung ihnen nicht gut tut: YouTube versucht seit Mitte letzten Jahres KI-Müll von der Monetarisierung auszuschließen, Instagram bemüht sich, die Teenager zurückzugewinnen.
Die Jüngeren wehren sich längst auch gegen die glattgebügelte Ästhetik der Plattformen. Auf TikTok und Instagram fordern sie „zero glam“ und filterlose „realness“: Das neue Lieblings-Ich ist ungeschminkt. Das zeigt sich auch in der Werbekultur. Markenartikler wie Coca-Cola und DeBeukelaer haben Shitstorms für ihre KI-unterstützten Werbespots kassiert –  „gruselig“ und „seelenlos“ urteilten User. Tom Schwarz, Geschäftsführer der Seven.One AdFactory, erklärt, dass der Einsatz von KI um ihrer selbst willen in der Kreation mittlerweile wieder zurückgeht. Menschen wollten Menschen interagieren sehen und hören, vor allem dann, wenn Gefühle im Spiel seien: „Bei den Jüngeren wird das Echte gerade wieder zum Qualitätsmerkmal.“

Echtheitswende als fundamentale Transformation?

Der Müllstrudel im Internet ist nicht der einzige Grund für die Echtheitswende. Aus der Kulturgeschichte seien solche Gegenbewegungen bekannt, aber der Slop fungiere als Katalysator, sagt der Psychologe Raphael Huber. Die menschliche Entscheidungsfreiheit werde durch Algorithmen infrage gestellt, das Kompetenzerleben durch KI angegriffen. Der Aufbau einer generellen Täuschungserwartung sei denkbar, meint Huber: „Je weiter die technische Entwicklung voranschreitet, umso weniger können wir erkennen, was wahr ist und was nicht. Wenn echte Erkenntnis schwindet, gewinnt Vertrauen in Menschen, die Informationen überliefern, wieder an Bedeutung.“

Schwer zu sagen, ob es sich dabei um ein vorübergehendes Phänomen oder eine fundamentale Transformation handelt. Da sich Authentizität schlecht skalieren ließe, rechnet VOCER-Gründer Stephan Weichert eher mit kleinen Inseln von Echtheit als mit einer großen Plattform-Revolution. Für ein echtes Miteinander könnten demnächst trotzdem wieder mehr Räume entstehen: „Ich glaube, wir werden in den nächsten Jahren eine neue Sehnsucht nach physischen Gemeinschaftsorten sehen: Orte, an denen Menschen wieder mehr miteinander sprechen statt nur nebeneinander digital zu existieren.“ 

Cathrin Hegner
Cathrin Hegner ist seit 2008 als freie Journalistin und Moderatorin in München tätig. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften und Psychologie startete ihre Berufslaufbahn bei werben & verkaufen in München. Danach arbeitete sie 13 Jahre bei Horizont in Frankfurt, sieben Jahre als Ressortleiterin Medien und Media.
 
zur Übersicht aller AusgabenAlle Ausgaben zur Übersicht aller ArtikelAlle Artikel

Artikel teilen

Aufnahme in den Verteiler

Bestellung

TENDENZ als pdf

  • TENDENZ 1/26
  • (PDF, 22 MB)

Info

Bildnachweis 1/26