Folgen der KI-Debatte für die Rolle von Autorinnen und Autoren
Wenn jemand seinen Lebensunterhalt damit bestreiten möchte, zu schreiben oder Inhalte zu erstellen, dann ist gerade ein guter Zeitpunkt für eine Motivationsrede. Die Lage ist nicht gut: Maschinen können, was wir bis vor kurzem als spezifisch menschliche Tätigkeit ansahen: schreiben und Inhalte erstellen. Das hat Folgen: politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich – aber vor allem für die Egos all derjenigen, die mit Schreiben ihren Lebensunterhalt verdienen wollen.*
Text: Dirk von Gehlen *
Seit Gastbeiträge von Politikern in der FAZ im Verdacht stehen, mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt worden zu sein, ist eine Meta-Diskussion entbrannt („In deutschen Redaktionen bebt seither der Boden.“), deren Erkenntnis eine KI vermutlich so zusammenfassen würde: Menschliches Schreiben ist aber immer noch wichtig!
Ich lese die Debatte in erster Linie als ersten Ausschlag der Kränkungswelle, die ich im Buch „Wie KI dein Leben besser macht“ vorhergesagt – und die ich an mir selbst erlebt habe. Wir sind auf ganz neue Weise in unserem Selbstbild herausgefordert und in unserem Selbstbild gekränkt. Was ist menschliches Schreiben noch wert, wenn am Ende ein Text steht, den auch eine KI erstellen kann?
Die Antwort liegt in den Erkenntnissen, die weite Teile der Branche schon in der ersten Welle der Digitalisierung ignoriert haben: wir sollten anfangen, vom Produkt zum Prozess zu denken. Nicht mehr nur das Ergebnis schafft Wert, sondern das Erlebnis.
Wenn Kultur zur Software wird, verändern sich die klimatischen Bedingungen: So wie ein Schneeball, den du im warmen Wohnzimmer auf dein Bein legst, auch nicht verschwindet, wird auch der digitalisierte Inhalt nicht verschwinden, sondern seinen Aggregatzustand ändern. Um das zu erkennen, müssen wir den verflüssigten Inhalt greifen lernen – und vom Werk zum Netzwerk denken.
Autorschaft im Aufmerksamkeits-Zeitalter
Daraus ergibt sich vor allem die Forderung: Wir sollten Aufmerksamkeit mehr Aufmerksamkeit schenken! Denn Kommunikation war schon immer mehr als Senden – es war schon immer auch Zuhören.
Womit wir bei der eingangs erwähnen Motivationsrede sind – ich habe kürzlich eine gigantisch gute Rede dieser Art gehört: Zohran Mamdani hat sie bei der „Parade of Champions“ genannten Ehrung der Basketball-Meister gehalten. Seine Rede ist ein Beispiel für den Zauber des Schreibens und des Sprechens. Er schafft damit Emotionen, die sogar dann beeindruckend sind, wenn man keine Ahnung von Basketball hat. Am Beispiel dieser Rede können wir lernen, wie beeindruckende Sprache funktioniert.
Es spielt keine Rolle, ob Mamdani die Rede selbst verfasst hat, ob Redenschreiber oder eine KI geholfen haben. Denn Zohran Mamdani authentifiziert diese Rede durch seine Person. Ein Aspekt, der in der aktuellen Mensch-Maschine-Debatte kaum erwähnt wird: die Rolle der Autorinnen und Autoren!
Wer bist du und woran merken die anderen das?
Die selbstmotivierende Behauptung Autorität käme von Autorschaft, braucht eine Grundlage. Im Falle einer Rede, die vor Publikum gehalten wird, ist dies sofort erkennbar: es geht darum, wer die Rede wie hält. Aber genau dieser Prozess der erlebbaren Persönlichkeit der Autoren und Autorinnen lässt sich auch auf alle anderen Verbreitungswege übertragen: Wer stellt wie das vor, was erstellt wurde?
Alle, die mit dem Schreiben und Erstellen von Inhalten ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen, werden sich mit der Frage befassen müssen: Wer bist du – und woran merken die anderen das?
Ich glaube, dass eine Schlussfolgerung der KI-Debatte auch darin liegt, sich mit der eigenen (Personen-)Marke zu befassen. Für Medien, Medienschaffende und alle Akteure, die Öffentlichkeit suchen. Ob Kultur als Software und „Marke Machen“ das Problem lösen wird? Keine Ahnung, aber es gibt eine Chance, die ich für reell halte und die wir nutzen sollten.
*Dirk von Gehlen hat sich in seinem Blog www.dirkvongehlen.de mit der Rolle der Autorinnen und Autoren im KI-Zeitalter auseinandergesetzt. TENDENZ veröffentlicht den Beitrag in gekürzter Fassung.
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