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Renaissance des Lokalen
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Renaissance des Lokalen

Wie KI-Einsatz den Lokaljournalismus stärken kann

Kürzen, transkribieren, SEO-Überschriften bauen: Beim Südwestrundfunk und der Augsburger Allgemeinen übernimmt KI lästige Routineaufgaben. In der Nürnberger Presse werden Artikel automatisch ins Layout eingepasst. Wie KI in Lokal- und Regionalredaktionen schon heute eingesetzt wird – und warum das den Journalismus nicht überflüssig, sondern wichtiger macht.

Text: Pauline Tillmann

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: Während Claude Pressemitteilungen durchforstet und eine stichpunktartige Zusammenfassung mit den wichtigsten Infos per Email versendet, gehen die Reporterinnen und Reporter raus zu den Menschen. Sie haben wieder Zeit, echten Problemen nachzuspüren, Gespräche zu führen, analoge Notizen zu machen, zu fotografieren, vielleicht sogar kleine Snippets für Social Media zu filmen und Reportagen von vor Ort zu schreiben. Das also, wofür Menschen bereit sind, Geld zu bezahlen und sich ein monatliches Abonnement zu leisten.

Die Einsatzfelder von KI im Lokalen

Künstliche Intelligenz ist seit November 2022, seit der Veröffentlichung von ChatGPT, in aller Munde. Nicht Wenige in der Branche haben Angst davor, dass wir alle arbeitslos werden, weil die KI unseren Job besser erledigt. Meine These: Das Gegenteil ist richtig. Journalisten werden in Zukunft noch wichtiger, weil unsere Aufgaben anspruchsvoller werden und nicht von einem Chatbot oder einem Agenten erledigt werden können. Während die einen eigene RAG-Systeme aufsetzen, die Sprachmodelle mit einer Wissensdatenbank verbinden, sind andere dabei, Interview-Workflows zu verbessern. TENDENZ hat sich den KI-Einsatz in lokalen Medienunternehmen in Süddeutschland näher angeschaut.

Der SWR ist eine der neun ARD-Landesrundfunkanstalten und gleich für zwei Bundesländer zuständig: Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Es werden also eher regionale News gemacht als lokal oder gar hyperlokal zu berichten. Und doch gibt es auch hier interessante Entwicklungen, wie der Co-Leiter des KI-Hubs, Johannes Schmid-Johannsen, zu berichten weiß. KI wird in erster Linie „unterstützend eingesetzt“ – zum Beispiel, indem O-Töne fürs Radio technisch verbessert werden.

Im Textbereich nutzt der Sender den „AiDitor“, ein von ORF und BR entwickeltes Sprachmodell-Tool, das Inhalte verbessert, umformuliert und umstrukturiert. Punktuell kommt auch Videogenerierung – mit entsprechender Kennzeichnung – zum Einsatz, etwa für spezielle Produktionen wie Dokumentationen oder Spezialeffekte.

Beim SWR gab es früh eigene KI-Richtlinien, die immer wieder erweitert wurden. Inzwischen gilt ein Grundsatzpapier, das „zehn goldene Regeln“ benennt. Obwohl Schmid-Johannsen nicht aus den internen Papieren zitieren kann, zieht er eine klare Grenze: Artikel dürften nicht komplett aus dem Nichts generiert werden. Recherche müsse immer vorausgehen. KI dürfe nur auf Basis vorhandener Rechercheergebnisse eingesetzt werden, um zu kürzen oder Inhalte für spezielle Zielgruppen aufzubereiten.

Als Beispiel für mögliche Automatisierung nennt Schmid-Johannsen die Erstellung länderübergreifender Terminvorschauen – aktuell noch Handarbeit, künftig vielleicht Maschinenaufgabe. Außerdem werden Themen auf die sogenannten „User Needs“ geprüft, um z.B. integrierte Transkriptionstools zu ermöglichen, O-Ton-Material schneller zu sichten und für zusätzliche Formate wie Online-Artikel weiterzuverwenden.

Ein geteiltes, kollektiv durchsuchbares Archiv existiert derzeit zwar noch nicht, ist aber ein Ziel. Und die Überlegungen gehen noch weiter: In Zukunft will man recherchierte – nicht veröffentlichte – Informationen maschinenlesbar aufbereiten, um sie allen Mitarbeitenden im Sender zur Verfügung stellen zu können. Dadurch entstehe, so die Vision, in drei bis fünf Jahren eine „hybride Belegschaft“ aus Mensch und Maschine.

Viel genutzt: der Überschriftengenerator

Bei der Augsburger Allgemeinen ist Jakob Stadler der „KI-Beauftragte“ der Redaktion. Automatisierung wird zwar experimentell getestet, etwa beim Umformulieren von Polizeimeldungen für das Blaulichtportal „All In“ der Allgäuer Zeitung. Es ist aber laut Stadler bislang noch nicht so weit, dass sich der Aufwand eindeutig auszahlt – insbesondere, weil weiterhin ein Mensch gegenlesen muss.

Zentral für die tägliche Arbeit ist hingegen der „Content Assistant“, ein von der Mainpost entwickeltes Tool, das über eine einheitliche Oberfläche Zugriff auf die verschiedenen Sprachmodelle von ChatGPT, Gemini und Claude bietet. Am weitesten verbreitet ist ein ins CMS integriertes Tool zur Generierung von Überschriften, Teasern und Zwischenzeilen, das jeweils drei Vorschläge liefert, die redaktionell angepasst werden.

Ein weiteres, häufig genutztes Werkzeug ist Stadlers eigener „Redigierprompt“: ein ausführlicher Prompt-Text, der einen fertigen Artikel auf Rechtschreibung, Grammatik, Wiederholungen, logische Brüche, Struktur und Formalien prüft sowie einen Faktencheck durchführt. Auch bei Recherche und Themenfindung kommt KI zum Einsatz, etwa um aus einem bestehenden Artikel Weiterdrehs und neue Ideen abzuleiten oder Veranstaltungen zu recherchieren – wobei Stadler betont, dass solche Rechercheergebnisse stets nachgeprüft werden müssten und keineswegs vollständig seien. Eine weitere Promptvorlage helfe dabei, mögliche Ansprechpartner zu finden. Auch die Ergebnisse von Gemeinderatssitzungen als Meldung auszugeben, werde getestet.

Zeit für die journalistische Kernarbeit vor Ort freisetzen

Wie viele der 200 Festangestellten KI nutzen, kann Stadler nicht sagen. Seiner Einschätzung nach kommen aber zumindest der Überschriftengenerator und sein Redigierprompt bei den meisten zum Einsatz. Aktuell beobachtet er zwei Effekte: eine Verbesserung des journalistischen Outputs sowie neue Möglichkeiten, die es vorher im Lokalen schlichtweg nicht gab.

So ermöglichen KI-Tools mit rudimentären Programmierkenntnissen im Datenjournalismus Arbeiten, für die früher Wochen nötig gewesen wären – und die deshalb oft gar nicht erst angegangen wurden. Heute sind sie in wenigen Stunden umsetzbar. Für den Lokaljournalismus sieht Stadler das Potenzial von KI darin, Zeit für die eigentliche journalistische Kernarbeit freizusetzen: das persönliche Gespräch vor Ort, das durch kein KI-Modell ersetzbar ist.

Der Austausch innerhalb der Mediengruppe Pressedruck – zu der neben der Augsburger Allgemeinen auch die Allgäuer Zeitung, der Südkurier und die Mainpost gehören – läuft über ein sogenanntes „KI-Netzwerk“. Zusätzlich gibt es einen unternehmensweit arbeitenden „Hub“ mit Sitz in Augsburg, der an KI-Plattformprojekten arbeitet – etwa an einer tieferen Integration von KI-Funktionen ins gemeinsam genutzte Content-Management-System (CMS).

Vereine liefern zu, KI sortiert

Beim Verlag Nürnberger Presse wird KI entlang der gesamten Produktionskette eingesetzt, erklärt Chefredakteur Michael Husarek auf Nachfrage. Das Herzstück sei ein browserbasiertes Upload-Tool, über das Vereine, Organisationen, Pressestellen und freie Mitarbeitende Texte und Bilder einreichen. Wichtig ist Husarek: „KI optimiert und vereinfacht unsere Prozesse. Aber: Jeder Text wird von unseren Themenmanagern freigegeben.“

Besonders weit ist man im Lokalsport. Dort werden Ergebnisse und Tabellen aus dem Amateurfußball übernommen, vollautomatisiert ins Redaktionssystem importiert und an alle Ausgaben – Print, Online, E-Paper – übermittelt. Die Automatisierung im Lokalsport schafft Freiräume: Reporter und Reporterinnen sind wieder auf den Fußballplätzen statt mit Tabellenpflege beschäftigt. So bleibe der Verlag in der Fläche präsent und zentraler Ansprechpartner für lokale Akteure, ist Husarek überzeugt.

Seiner Meinung nach kann KI in erster Linie Texte optimieren, auf Unstimmigkeiten hinweisen oder Warnhinweise bei problematischen Formulierungen geben. Auch Ergebnisdaten können automatisiert verarbeitet und Seiten regelbasiert gelayoutet werden. Was sie explizit nicht leisten kann, ist die redaktionelle Freigabe zu ersetzen.

„Die Qualitätskontrolle liegt am Ende immer bei unseren Redakteuren. Auch die Gewichtung von Inhalten bleibt menschlicher Entscheidung vorbehalten. Ebenso sind meine Kommentare zu 100 Prozent handgemacht“, so Husarek – ein Seitenhieb auf die Debatte um Ex-Tagesspiegel-Herausgeber Casdorff, dem vorgeworfen wird, Kommentare mit KI-Unterstützung verfasst zu haben, ohne dies kenntlich zu machen.

Echter Mehrwert für alle Seiten

Sein Fazit: Menschen wollen wissen, was in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert – eine Binse, könnte man meinen, und im Zuge der Informationsflut doch so relevant wie nie zuvor. Einige Chefredaktionen fordern immer lauter, sich „ehrlich zu machen“. Für Michael Husarek betrifft das vor allem die Verbindung zu den Vereinen. Konkret: Statt zu beklagen, dass eine Entfremdung mit rückläufiger Berichterstattung stattgefunden hat, kann ein neu gestaltetes Verhältnis für alle Seiten einen echten Mehrwert schaffen: Vereine erhalten KI-Unterstützung beim Erstellen ihrer Texte, der Verlag wieder ein vollständiges lokales Angebot.

Die drei Beispiele zeigen: Die Bandbreite des KI-Einsatzes ist groß. Im Mittelpunkt steht, erstellte Inhalte zu optimieren und zu variieren – nicht, Texte originär von der KI erstellen zu lassen, wie der weit verbreitete Einheitsbrei auf LinkedIn und Social Media es vormacht. Das soll dezidiert nicht als Vorbild für das Lokale gelten. Vielmehr sollen echte Informationen von vor Ort für Vertrauen und eine erhöhte Zahlungsbereitschaft bei den Nutzenden sorgen – und genau darin liegt die eigentliche Renaissance des Lokalen: nicht in der Technik, sondern in dem, was sie freisetzt.

Pauline Tillmann
Pauline Tillmann ist Gründerin und Chefredakteurin des digitalen Magazins DEINE KORRESPONDENTIN. Seit 2023 ist sie Programm-Managerin beim Better Leaders Lab, seit 2026 baut sie in einem Pilotprojekt für den Südkurier eine Jugendredaktion auf. Außerdem ist sie als Beraterin, Moderatorin und Speakerin im Einsatz.
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