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Journalismus für Menschen und Maschinen
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Journalismus für Menschen und Maschinen

Wie verändert KI die journalistische Arbeit?

Wie viel KI verträgt der Journalismus? Seit künstlich erzeugte Texte in Redaktionen und politischen Reden für Aufregung sorgen, wird über Autorschaft, Transparenz und Verantwortung gestritten. Dabei hat die größere Veränderung längst begonnen: KI verändert, wie Journalismus entsteht, verbreitet und genutzt wird. Was bedeutet das für seine Qualität, seine Glaubwürdigkeit und seine Rolle in der Demokratie?

Text: Alexander von Streit
 

Eigentlich war die gesellschaftliche Debatte über den Einsatz Künstlicher Intelligenz im Journalismus längst überfällig. Im Juni 2026 lief dann ein Beben in mehreren Wellen durch die deutsche Medienlandschaft.

Erst hatte Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt gemeinsam mit seinem Amtskollegen Sven Schulze einen Gastbeitrag in der „Welt“ veröffentlicht, der zumindest in Teilen mithilfe einer KI entstanden war. Wenige Tage später gab der „Tagesspiegel“ bekannt, dass sein Autor und ehemaliger Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff mehrere Meinungstexte durch eine Künstliche Intelligenz hatte verfassen lassen. Und schließlich veröffentlichte die „Zeit“ eine Recherche über vermutlich mit KI-Unterstützung erzeugte, aber nicht entsprechend gekennzeichnete Reden und Gastbeiträge von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger. Und plötzlich waren wir – wenig überraschend – mitten in der Diskussion.

Drei unterschiedlich gelagerte Fälle, die aber alle seismografische Ausschläge einer technologischen Transformation sind, deren Auswirkungen wir dringend verhandeln müssen. Denn auch wenn sich die Diskussion erst einmal darum dreht, ob hier noch Menschen am Werk waren oder Maschinen, steht darüber eine viel größere Frage: Wie verändert KI die journalistische Arbeit, die journalistischen Produkte und letztlich die Beziehung zwischen Medien und Öffentlichkeit?

Die falsche Frage: KI – ja oder nein?

Fast vier Jahre nach dem ChatGPT-Moment, also dem aufsehenerregenden Release des Large Language Models von OpenAI im November 2022, ist KI sichtbar aus der ersten Experimentierphase herausgetreten. Sie drängt zunehmend in die Produktionsprozesse des Medienbetriebs. Kein Wunder, denn die Technologie bietet effiziente und spannende Werkzeuge für die journalistische Arbeit. Die aktuellen Projekte von „Zeit“, „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“ zur NSDAP-Mitgliederkartei zeigen das Potenzial unmittelbar: Ein faktisch unzugängliches Archiv aus riesigen unstrukturierten Dokumentenbeständen wird zur nutzbaren journalistischen Infrastruktur für alle Leserinnen und Leser.
KI kann aber auch ganze Produktionsketten automatisieren. Recherche, Datenanalyse, Vorbereitung von Interviews, Transkription, Podcasts, Videoschnitt oder die Aufbereitung von bestehenden Inhalten für weitere Vertriebskanäle sind nur ein Teil der Möglichkeiten, in denen sich Aufgaben mindestens teilweise mit KI erledigen lassen. Das geht so weit, dass zum Beispiel Michael Husarek, Chefredakteur des Verlags Nürnberger Presse, von einer durch KI ermöglichten „Renaissance des Lokalen“ spricht (vgl. auch S. 16-18). Die Frage ist schon längst nicht mehr, ob wir diese Technologien in die redaktionellen Abläufe einfließen lassen, sondern wie.

Deswegen ist es gut, dass die Medienorganisationen die Wucht dieser technologischen Veränderung zunehmend erkennen und proaktiv an Lösungen arbeiten. Und dass sie frühzeitig den Wissenstransfer fördern, wie zum Beispiel in dem vom Bayerischen Rundfunk und Ippen Digital initiierten „AI for Media Network“ oder im „KI-Kompetenzzentrum Medien“ (KI.M) der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien und der Medien.Bayern, gefördert durch die Bayerische Staatskanzlei.

Die Erfahrungen im oft zögerlichen Umgang mit den Transformationswellen der vergangenen zwei Jahrzehnte haben schließlich gezeigt, wie wichtig es ist, sich nicht von ihnen überrollen zu lassen. Die Lehre aus diesen Zeiten ist aber auch, dass Wirtschaftlichkeit ein notwendiger, aber kein hinreichender Maßstab dafür ist, wie man Technologien und digitale Infrastrukturen nutzt. Ebenso wichtig ist, welchen Journalismus eine demokratische Gesellschaft benötigt.

Was bleibt menschlich im Journalismus?

Wenn Maschinen immer mehr Tätigkeiten übernehmen können, müssen wir darüber sprechen, worin die unverzichtbare menschliche Leistung im Journalismus besteht. Ist es das versierte Schreiben oder das persönliche Sprechen? Dauerhaft wird sich die Diskussion nicht anhand dieser Trennlinie führen lassen.
Stattdessen könnten andere journalistische Skills künftig den Unterschied machen. Urteilskraft zum Beispiel, die Fähigkeit, individuelles Kontextverständnis in die Bewertung von Informationen und Fragestellungen einbringen zu können. Das durch Erfahrung geschärfte Gespür für eine Recherche, der gewisse Grad an Kreativität und vielleicht auch Chaos, das zu neuen Ergebnissen führt. Und natürlich die Fähigkeit, diese Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten.
Das alles sind menschliche Eigenschaften, die den Journalismus besser machen können, wenn sie richtig eingesetzt werden. Und wer gleichzeitig dazu bereit ist, sich den verändernden Rahmenbedingungen anzupassen und zu lernen, wie die neue Welt funktioniert, wird davon profitieren. Denn technisches Verständnis gewinnt an Bedeutung, der kompetente Umgang mit KI ebenso wie die Fähigkeit, Ergebnisse zu prüfen und Grenzen der Maschine zu erkennen.

Doch am Ende geht es um etwas anderes, wenn wir über die Rolle von Menschen im Journalismus sprechen. In einem Beitrag bei „kress.de“ schreibt „Weser-Kurier“-Chefredakteur Benjamin Piel einen wichtigen Satz: KI mache nur noch sichtbarer, worauf es im Journalismus schon immer angekommen ist. Er meint damit nicht eine weitere Kompetenz, sondern eine traditionelle journalistische und institutionelle Verpflichtung: Verantwortung. KI-Systeme sind technisch dazu in der Lage, Workflows zu übernehmen, Informationen zu beschaffen und Inhalte zu erzeugen. Sie können aber nicht im gesellschaftlichen Sinn für die Auswahl, die Veröffentlichung und ihre Folgen einstehen.

Antworten ohne Absender

Interessanterweise wird das besonders im gesellschaftlichen Umgang mit KI-Inhalten sichtbar. Es war noch nie so einfach, schnell an viele Informationen zu einem beliebigen Thema zu kommen. Aber über jedem Prompt, den jemand in ein KI-System eingibt, steht die große Frage, wie unzuverlässig das auf den ersten Blick überzeugend formulierte Ergebnis ist. Schließlich sind Halluzinationen immer noch eine Begleiterscheinung der schönen neuen KI-Welt, also erfundene Zitate, unscharfe Fakten oder unauffindbare Quellen, die als vermeintliche Belege dienen.

Man kann eigentlich nur staunend auf den Dualismus von unglaublicher Leistungsfähigkeit und technischem Dilettantismus dieser Technologie blicken. Dazu kommt das Problem der Intransparenz: Bei KI-Antworten bleibt häufig unklar, welche Quellen berücksichtigt, ausgeschlossen oder unterschiedlich gewichtet wurden.

Im Moment sieht es noch so aus, dass KI-Chatbots hierzulande durchaus ein Vertrauensproblem haben. Laut dem „Reuters Institute Digital News Report 2026“ vertrauen in Deutschland nur 13 Prozent der befragten erwachsenen Onliner Nachrichten in Antworten von KI-Chatbots. Und nur fünf Prozent der Befragten hatten in der Woche vor der Befragung überhaupt einen generativen KI-Chatbot genutzt, um sich über Nachrichten zu informieren.

Doch dabei wird es nicht bleiben. Google verändert mit dem Ausliefern von KI-Zusammenfassungen über den Suchergebnissen die gewohnte Mediennutzung der Menschen im digitalen Alltag. Das ist nicht nur für die Medienorganisationen problematisch, die nun weniger Traffic in ihren digitalen Angeboten haben, sondern auch für die Nutzenden der Suchmaschine.

Mit KI-Zusammenfassungen verschwimmt die bisher relativ klare Abgrenzung einer Suchmaschine: Sie ist nicht mehr nur Vermittlerin von Inhalten verschiedener Anbieter, sondern wandelt sich zur Produzentin eigener Inhalte. Wer übernimmt also die Verantwortung, wenn sich Informationen von Quelle, Kontext und journalistischem Absender trennen und in einer Zusammenfassung neu zusammengesetzt werden?

Noch sind solche Fragen nicht abschließend geklärt. Und es geht nicht nur um Falschinformationen, wenn wir über den Impact von KI-bearbeiteten Nachrichten auf die Demokratie sprechen. Personalisierte Systeme verschärfen auch die Frage nach einer gemeinsamen Wirklichkeit: Sie können zusätzlich dazu führen, dass Auswahl, Gewichtung und Herkunft der Informationen unsichtbar werden, sodass kaum noch nachvollziehbar ist, warum zwei Menschen unterschiedliche Wirklichkeitsdarstellungen erhalten.
Journalismus hat eigentlich eine Antwort darauf: Die Darstellung von Informationen lässt sich an unterschiedliche Nutzungssituationen anpassen. Ihre faktische Grundlage, Herkunft und die Verantwortlichkeit dafür dürfen sich nicht beliebig verändern.

Spielregeln können nur ein Anfang sein

Wir brauchen Spielregeln für diese neue Welt. Viele Medienorganisationen haben zwar inzwischen mehr oder weniger rudimentäre Richtlinien erarbeitet, in welcher Weise sie KI in ihrer journalistischen Produktion einsetzen. Nicht zuletzt die Debatte um die Fälle im Juni hat jedoch gezeigt, dass diese Regelwerke offensichtlich nicht ausreichen.
Immerhin bewegt sich nun etwas. Die Branche beginnt damit, Grenzen und Verantwortlichkeiten weiter auszuhandeln. Der „Spiegel“ zum Beispiel verschärfte in der Folge seine internen Richtlinien und verpflichtet seine Redaktion zum Schreiben ohne KI. Und der Deutsche Journalisten-Verband forderte die Erweiterung des Pressekodex um eine Kennzeichnungspflicht von journalistischen Beiträgen, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz entstanden sind.

Doch die Sache ist kompliziert: Wo beginnt der Einsatz von KI? Wie detailliert soll man ihn kennzeichnen? Und vor allem stellt sich die Frage, wie differenziert solche Kennzeichnungen von den Menschen wahrgenommen werden, die Medien konsumieren. Denn Medienkompetenz in Sachen KI ist eine Kulturtechnik, die wir uns als Gesellschaft erst noch erarbeiten müssen.

Vielleicht auch deswegen wählte die EU für die seit August auch in Deutschland geltende Transparenzpflicht des AI Act einen anderen Weg: Die Kennzeichnungspflicht (vgl. auch S. 24-25)  bezieht sich hauptsächlich auf Inhalte, die keine menschliche oder redaktionelle Überprüfung durchlaufen haben und für die niemand Verantwortung übernimmt. Wenn es gut läuft, entwickeln sich darauf aufbauend neue Transparenz-Standards für KI im Journalismus.

Aber das ist nur ein erster Schritt. Denn die wichtigste Herausforderung steht noch im Raum. Wenn KI-Tools im digitalen Alltag der Menschen auch deren Mediennutzung verändern, muss sich auch die Art verändern, wie Journalismus sein Publikum erreicht. Und wie sich dieses Publikum künftig überhaupt definiert. Darüber wird sich entscheiden, ob sich Geschäftsmodelle entwickeln lassen, die in diesen neuen Rahmenbedingungen funktionieren.

Denn wir befinden uns in einer seltsamen Situation. Medienorganisationen haben in den vergangenen Jahren sehr gut gelernt, Journalismus als digitales Produkt für eine Gesellschaft zu denken, deren Kommunikation sich längst in den digitalen Raum verlagert hat. Nur sind damit Geschäftsmodelle verbunden, die in einer Welt von Chatbots und KI-Zusammenfassungen unter Druck geraten.

„Liquid Content“ ergänzt statischen Content

Journalismus muss seinem Publikum in diesen Zeiten neue Kontaktpunkte bieten. Eine Antwort darauf ist, die neuen Technologien für das eigene Angebot zu adaptieren, um Informationen anders anzubieten. Die KI-unterstützten Projekte zu der NSDAP-Mitgliederkartei zeigen, dass das möglich ist: Menschen können hier eine direkte Kommunikation mit den recherchierten Informationen beginnen und sich individualisierte Ergebnisse erzeugen. Dieser Effekt lässt sich auch auf andere Bereiche recherchierter Informationen anwenden, indem sie modular kombinierbar für unterschiedliche Situationen, Formate und Wissensstände angeboten werden. Es ist absehbar, dass mittelfristig dieses Modell des „Liquid Content“ die digitalen Journalismusangebote immer stärker durchdringen wird und das traditionelle Prinzip des abgeschlossenen, statischen Contents ergänzt.

Und interessanterweise müssen wir dabei nicht nur an Menschen denken, sondern auch an Maschinen. Denn es gibt zwei Philosophien im Umgang mit KI-Programmen, die auf der Suche nach Informationen das Netz scannen: Wer seine Inhalte exklusiv für sein Publikum anbieten will, sperrt die KI-Bots so gut es geht aus. Wer nach wie vor auf Reichweite setzt, bereitet sie auch für den externen Zugriff so maschinenlesbar wie möglich auf.

Vielleicht könnte sich zwischen diesen Polen ein dritter Weg entwickeln: ein Maschinenpublikum als Geschäftsmodell. Denn KI-Systeme benötigen zwar verlässliche journalistische Informationen, aber meistens nur Teile davon. Möglicherweise sprechen wir irgendwann von einem Marktplatz für solche Informationseinheiten, die KI-Systeme bei den Medienangeboten standardisiert abfragen und automatisiert lizenzieren können. Die bisherige Distributionsfrage, wie wir Menschen auf unsere Website bekommen, würde so ergänzt durch die Frage, wie verlässliche journalistische Informationen in die Systeme gelangen, über die Menschen ihre Welt erschließen.

Beziehungsarbeit mit dem Publikum im Real-Life

Paradoxerweise führt ein weiterer Weg zu den Menschen im Zeitalter von KI in die physische Welt. Denn je stärker Maschinen zwischen Medien und Menschen treten, desto schwächer kann die unmittelbare Beziehung zum journalistischen Absender werden. Medienorganisationen können das ändern, wenn sie die direkte Begegnung mit ihrem Publikum suchen.

Das Reuters Institute etwa beschreibt Community-Aufbau durch Live-Events und physische Präsenz von journalistischen Marken an Orten als strategische Antwort auf KI-Druck und Plattformabhängigkeit. Und das MedienNetzwerk Bayern nennt in seiner Studie „Medientrends 2026“ sogenannte „Real-Life-Rituale“ als Antwort auf digitale Überreizung, also Formate, die digitalen Content bewusst in physische Gemeinschaftserlebnisse übersetzen. Journalismus muss unter den Bedingungen von KI möglicherweise gleichzeitig maschinenlesbarer und menschlich erfahrbarer werden.Wenn wir darüber sprechen, wie KI den Journalismus verändert, dann müssen wir den Blick weit über die aktuell nötige Debatte zu KI-Texten schweifen lassen, die mithilfe von Maschinen geschrieben wurden.

Verantwortung als Schlüsselfrage

Denn künftig könnte für den Journalismus weniger entscheidend sein, ob ein Mensch wirklich jeden Satz selbst geschrieben hat, sondern dass hinter der Information jemand steht, der dafür Verantwortung übernimmt. Es ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance: Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Phase, deren Regeln, Produkte und Beziehungsformen noch nicht festgelegt sind. Wir werden dazu noch viele Debatten erleben und das ist auch wichtig. Weil wir nur so mitgestalten können, welchen Journalismus wir der Gesellschaft bieten wollen.

Alexander von Streit
Alexander von Streit ist Journalist und arbeitet von München aus an Konzepten für eine nachhaltige Medienwelt. Er ist Mitgründer und Vorstand des Digital-Magazins „Krautreporter“.
Davor war er u.a. Chefredakteur des Technologie-Magazins „Wired“ in Deutschland und leitete das Digital-Ressort bei „Focus Online“.
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