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Was hilft gegen Hass im Netz? - Kontroverse Diskussion über Gegenstrategien auf den 15. Augsburger Mediengesprächen

09.11.2017 | 93 2017

Auf einmal las der Gründer einer Willkommensinitiative für Flüchtlinge seine eigene Todesanzeige auf Facebook. Eine ziemlich makabre Form von „Hass im Netz“, die Buchautorin Ingrid Brodnig als Beispiel in ihrer Keynote auf den 15. Augsburger Mediengesprächen schilderte. Es zeigt, welche Aggressionen sich bei gesellschaftlichen Streitthemen entladen können. Medienexperten, Politiker, Kriminologen, Lehrer und Betroffene diskutierten gestern auf Einladung der Augsburger Medien, der Stadt Augsburg und der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien über die Frage, was wir gegen Beleidigungen und Hetze im Netz tun können.

„Hass im Netz“ könne uns alle treffen, betonte BLM-Präsident Siegfried Schneider zum Auftakt. Ob Hatespeach oder Cybermobbing: „Beides sind Formen digitaler Gewalt im Netz“, die schon längst das Stadium des rauen Umgangstones verlassen hätten. Die Adressaten der Hassbot­schaften sähen sich an den „digitalen Pranger“ gestellt. Der Unterschied zum Mittelalter: „Die Betroffenen wissen häufig gar nicht, warum sie beschimpft oder bloßgestellt werden und wer dies tut.“ Die Anonymität des Netzes erhöhe die Aggressionsbereitschaft, bekräftigte auch Eva Weber, Bürgermeisterin der Stadt Augsburg. Mit Webers Frage „Wird Gewalt salonfähig?“ setzte sich Brodnig in ihrem Einführungsvortrag auseinander. Sie sieht vor allem drei Gründe für die Härte im Netz: Unsichtbarkeit, fehlende Konsequenzen und die Belohnung von Rüpeln.

Die Grenze der Meinungsfreiheit ist laut Brodnig schnell überschritten: „Meinungsfreiheit umfasst nicht das Recht, jederzeit und überall andere Menschen zu belästigen.“ Als Gegenstrategien empfiehlt sie dem Staat die konsequente Anwendung von Gesetzen und jedem Einzelnen das Zeigen von Zivilcourage.

Hilft es auch, einfach den Laptop zuzumachen? So hatte Journalistin Ronja von Rönne auf ihren ersten Shitstorm reagiert. Sie versuchte, die Hetzattacken nicht so persönlich zu nehmen, sondern als Projektions­fläche für Frustrationen zu sehen. Das Abreagieren von Frustrationen und Mobbing unter Jugendlichen und Erwachsenen gab es schon immer, darüber war sich das Podium in Augsburg einig. Allerdings hätten die menschenverachtenden Kommentare auf Internetplattformen wie YouTube und sozialen Netzwerken aufgrund der hohen Reichweite eine andere Wirkung, gab Stefan Glaser von jugendschutz.net zu bedenken. Insbesondere im politischen Extremismus werde Hass als ideologische Strategie eingesetzt, berichtete Glaser, der auch Vorstandsmitglied im „network against cyberhate“ ist. Vor allem Kinder und Jugendliche müssten deshalb lernen, dieses Phänomen einzuordnen. Glaser forderte die Übernahme von mehr Verantwortung durch die Plattformen, Prävention durch Medienkompetenzvermittlung und mehr Solidarität mit Betroffenen.

Mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) gibt es seit 1. Oktober 2017 härtere gesetzliche Normen gegen Hass im Netz. Auch wenn der Druck auf die Plattformbetreiber dadurch erhöht werde, habe das NetzDG Schwachstellen, meinten die meisten Podiumsteilnehmer. Das Gesetz sei mit „heißer Nadel gestrickt“ und müsse nachgebessert werden, kritisierte Franz Josef Pschierer, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft und Medien. Die starren Löschfristen seien nicht praktikabel. Fragwürdig sei auch die Verantwortung der Internetunternehmen selbst für das Löschen von Inhalten. Außerdem helfe nationale Gesetzgebung als Mittel gegen Hassbotschaften im globalen World Wide Web nur begrenzt. „Allein mit neuen Gesetzen kommen wir nicht weiter“, sagte Pschierer, der für eine stärkere Sensibilisierung der jungen User für den Umgang mit Hass im Netz plädierte.

Mehr gesetzliche Normierung forderte dagegen Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger vom Institut für Polizeiwissenschaft. Wir hätten es als Gesellschaft bis heute nicht verstanden, uns im digitalen Raum an Regeln und Gesetze zu halten, sagte Rüdiger. Am Rechtsstaat im Internet herrsche kein Interesse, viel zu wenige Fälle würden bisher angezeigt. Auf die Frage von Moderatorin Sandra Rieß, ob die Gefahr bestehe, dass sich Hass im Netz auch auf die analoge Welt überträgt, antwortete Rüdiger. „Wenn du im Netz das Gefühl hast, dass du machen kannst, was du willst, entwickelt sich ein Enthemmungsprozess.“ Seine Frage ans Podium: Wollen wir eigentlich, dass die Hater ihre Meinung ändern oder wollen wir, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr damit konfrontiert werden?

Gerade die jungen Menschen bräuchten Unterstützung mit Blick auf das lange nicht ernst genommene Problem Cybermobbing, so die Erfahrung von Gertrud Nigg-Klee, 1. Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes im Bezirk Schwaben. Die verbindliche Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule könne helfen, viel wichtiger aber sei noch die Stärkung der Sozialkompetenz der Kinder durch die Schulsozialarbeit. Wie wichtig – gepaart mit Sozialkompetenz - das Durchschauen der Mechanismen in der digitalen Welt ist, betonte Ronja von Rönne: „In einer Welt, in der alles bewertet wird, muss man erstmal checken, dass man Menschen z.B. nicht in drei Kategorien steckt und danach bewertet.“

Mehr Informationen und Fotos im Internet unter www.medienpuls-bayern.de


Kontakt:
Bettina Pregel
Tel.: (089) 638 08-318
bettina.pregel@blm.de