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Grußwort von BLM-Präsident Siegfried Schneider zur Eröffnung des 8. Social-TV-Summit am 26.06.2019 in der BLM München

26.06.2019 | P&R / 2019

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

sind politische Fernsehduelle noch das Maß aller Dinge im Wahlkampf? Auch wenn die klassischen Massenmedien immer noch entscheidend für die Meinungsbildung in der Gesamtbevölkerung sind, ist spätestens seit der Debatte über das Video des YouTubers Rezo deutlich geworden: Die Meinungsmacht, die Internet-Plattformen wie YouTube, Instagram oder Facebook ausüben, ist nicht zu unterschätzen. Und damit wächst auch die Verantwortung der sozialen Medien, die im Fokus des 8. Deutschen Social TV Summit steht, zu dem ich Sie alle herzlich begrüßen möchte.

Der aktuelle Medienvielfaltsmonitor der Medienanstalten, der das zweite Halbjahr 2018 erfasst, zeigt: Das Internet ist für die unter 50-Jährigen das wichtigste Medium für die Meinungsbildung, während die Relevanz des Fernsehens für die Meinungsbildung in den letzten fünf Jahren von 36,9 auf 32,7 Prozent gesunken ist. In der jungen Generation, bei den 14- bis 29-Jährigen, liegt das Meinungsbildungsgewicht des Internets mit 54,5 Prozent knapp doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Was die für den Meinungsmarkt relevantesten 15 Unternehmen betrifft, haben in den letzten drei Jahren

vor allem Stroer und United Internet sowie Burda hinzugewonnen, während die TV-Konzerne Bertelsmann (RTL Group) und ProSiebenSat.1 Verluste hinnehmen mussten. 

Das ist keine gute Nachricht für die Fernsehsender. Die klassischen Massenmedien sind nicht mehr unangefochten die erste Quelle für Informationsvermittlung und Meinungsbildung. Aber: Wer die Sozialen Medien als seriöse Marke nicht nur für Unterhaltungsprodukte, sondern auch als Informationsplattform nutzt, kann eine Win-Win-Situation schaffen. Denn über ein Drittel der erwachsenen Internetnutzer verwenden soziale Medien wie YouTube, Facebook und Instagram als Quelle für Nachrichten, doch nur 16 Prozent vertrauen Nachrichten aus den sozialen Medien. Zu diesen Ergebnissen des Reuters Digital News Report 2019 kommt auch die Mediengewichtungsstudie der Medienanstalten. Sie zeigt, dass eine Mehrheit der Nutzer den Informationen, die sie über Soziale Medien bekommen, durchaus reflektieren. Eine bekannte, vertrauenswürdige Marke als Absender ist da sicher hilfreich.

Rezos Video hat kontroverse Reaktionen ausgelöst. 15 Millionen Mal ist sein Video seit der Veröffentlichung am 18. Mai geklickt worden – ein Reichweitenerfolg, der wohl selbst die YouTuber-Szene, noch mehr aber die Politik überrascht hat. Knapp einen Monat später hat der Influencer durch seinen Auftritt bei Jan Böhmermann in ZDF Neo auch für einen Quotenerfolg im deutschen Fernsehen gesorgt. YouTube ist, das bestätigen auch Studien, schon längst nicht mehr die „kommende Kultur“, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kürzlich in einem Feuilleton-Spezial getitelt hat.

Wie sich der Online-Videomarkt im vergangenen Jahr entwickelt hat und welchem Player welche Bedeutung zukommt, wird Ihnen im Anschluss Bertram Gugel erläutern, der sich dabei unter anderem auf Zahlen aus dem Web-TV-Monitor 2019 berufen wird. Der aktuelle Web-TV-Monitor der baden-württemberischen LfK und der BLM zeigt auf jeden Fall, dass mit Online-Videoangeboten (Werbe)Geld verdient werden kann. Dabei nimmt neben YouTube die Bedeutung von Instagram zu, während diejenige von Facebook sinkt.

Social Media-Plattformen – von Messengerdiensten wie Whatsapp über Networks bis hin zu Videoplattformen – sind zum essenziellen Teil des Netzes geworden. Und für journalistisch gestalteten Videocontent im Netz gelten die gleichen Regeln der Sorgfaltspflicht wie  für Rundfunkangebote.

Es geht darum, einen politischen Meinungsbildungsprozess zu ermöglichen, der diesen Namen auch verdient und nicht zum Beispiel aufgrund bewusst manipulierter Nachrichten oder Desinformation im Netz beeinflusst wird. Falschinformationen, Hassrede und Datenskandale gehören zu den Faktoren, die so manche Plattform mittlerweile entzaubert haben. Diese Entwicklungen zeigen, wie wichtig ein reflektierter und verantwortungsbewusster Umgang damit ist. Der Ruf nach der Gesetzgebung wird immer schnell laut, neue Gesetze wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz oder das Influencer-Gesetz werden dann – nicht selten mit heißer Nadel gestrickt – erlassen oder angekündigt. Die rechtlichen Maßnahmen auszuschöpfen oder zu erweitern ist ein Baustein. Ihre Einflussmöglichkeiten gegenüber den so genannten Intermediären sollten aber alle wahrnehmen: Nutzer, Contentanbieter und Geschäftspartner. Wie können zum Beispiel alternative Angebote gebaut werden, um Lehren aus der Abhängigkeit von den dominierenden US-Plattformen zu ziehen? Wie können die eigenen digitalen Produkte stärker in den Fokus gestellt werden? Und wie formen Love and Hate Groups den Diskurs? Das sind nur einige der Fragen, die im Laufe des Tages beantwortet werden sollen.

Das Stichwort „Hate Groups“ führt mich zu einem weiteren wichtigen Aspekt des Themas „Social Media in der Verantwortung“: der Hassrede im Netz. In Form von Verleumdungen, beleidigenden oder diskriminierenden Kommentaren hat sie der eine oder andere von Ihnen bereits sicher erlebt. Die zunehmend als agressiv empfundene Diskussionskultur im Netz belegen verschiedene Umfragen und Studien.

In einer Untersuchung der Konrad-Adenauer-Stiftung konstatieren die Kommunikationswissenschaftlerinnen Frau Prof. Diana Rieger und Frau Dr. Anna Sophie Kümpel (LMU) zu „Ursachen und Wirkungen von inziviler Kommunikation“:

„Viele Online Diskussionen sind von Inzivilität durchzogen und die Konfrontation mit Hass, Beleidigung und Pöbeleien scheint mehr Regel denn Ausnahme zu sein.“

Das ist nicht die Art von Meinungsfreiheit und demokratischer Diskussionskultur, die einst mit der Schaffung von Plattformen für den individuellen „User Generated Content“ angestrebt war. Wie sollen wir mit dieser Entwicklung umgehen? Welche Auswirkungen hat solch eine Art von Interaktion auf das gesellschaftliche Klima? Und welche Rolle müssen ethische Überlegungen spielen, wenn es um die Verantwortung von Social Media geht?

Der Medienrat der BLM hat einige Gedanken dazu in seinen Leitlinien für digitale Ethik festgehalten. In der vergangenen Woche hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem evangelischen Kirchentag seine Forderung nach einer „Ethik der Digitalisierung“ bekräftigt, die er folgendermaßen begründet: „Das Vertrauen erodiert, wenn (…) über Nichtigkeiten der Shitstorm losbricht  und sich Häme über das Unglück anderer ergießt, wenn die Hater so laut sind und die Vernünftigen zu leise (…)“.

Vor diesem Hintergrund bin ich gespannt, wie Prof. Dr. Christian Schicha nach der Mittagspause die Verantwortung von Social Media aus medienethischer Perspektive definiert. Mein herzlicher Dank gilt an dieser Stelle allen Referentinnen und Referenten, die den Social TV Summit 2019  wie jedes Jahr zu einer diskussionsintensiven Veranstaltung machen werden, die programmliche, wirtschaftliche, anwendungsbezogene und ethische Aspekte gleichermaßen im Blick hat. Lassen Sie uns also das nächste Kapitel in der Entwicklung von Social Media aufschlagen! Dafür übergebe ich jetzt das Wort an Bertram Gugel, der uns einen Überblick über den aktuellen Stand geben wird.