Fazit Lokalrundfunktage 2015

Heimspiel oder nicht? Die 23. Lokalrundfunktage in Nürnberg – Ein Fazit

Die 23. Lokalrundfunktage in Nürnberg drehten sich rund um die Bedeutung und die Positionierung des Lokalen in einer veränderten Medienlandschaft. 

Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) feiert ihr 30jähriges Bestehen und die Medienwelt steckt mitten in einem der bedeutendsten Umbrüche ihrer Geschichte. Wie können sich die lokalen Radio- und Fernsehsender in der neuen Medienwelt platzieren? Wie Nutzer halten oder sogar dazu gewinnen? Neue digitale Möglichkeiten und Wettbewerber stellen die traditionellen Medien vor große Herausforderungen. Es herrscht ein großer Bedarf an Diskussion und Austausch. Dem begegneten die Lokalrundfunktage in Nürnberg, die die BayMS, eine Tochtergesellschaft der BLM, ausrichtet. Unter dem Leitthema „Der Heimvorteil des lokalen Rundfunks im Medienwandel“ haben sie und ihre Kooperationspartner für die über 1.000 Teilnehmer zahlreiche Workshops und Vorträge zusammengestellt und dazu über 60 zum Teil internationale Referenten eingeladen. 

Mit Blick auf die neuen Wettbewerber aus den digitalen Medien war in den Workshops viel die Rede von „der Stunde der Wahrheit“. Wer in den nächsten Jahren den Einstieg ins Multimediale nicht schaffe, gehe unter, sagte Yvonne Malak, Unternehmenscoach und Autorin in ihrem Vortrag „Die Macht der Marke“. Sie plädierte dafür, jetzt die eigene Marke genau zu prüfen und zu schärfen. Das beginne schon beim Stil der Musik und gehe weiter bei der Ansprache der Nutzer. Es komme darauf an, ein rundes Produkt zu schaffen, das alle sinnvollen Plattformen bespiele. Das Lokale ist für Malak kein Heimvorteil, mehr der Punkt auf dem „i“. 

Ganz anders sieht es Martin Kunze, Programmdirektor bei Antenne Bayern. „Lokaler Bezug birgt Stärken“, sagte er, als es um die Zukunftsvisionen für das Radio ging und plädierte dafür, sich für eine neue Rolle zu öffnen. Lokales Radio könne auf allen Kanälen mehr denn je als vernetzendes Element dienen, noch stärker auf Nutzer zugeschnittenen Service anbieten, etwa im Internet langsam gelesene Nachrichten präsentieren. Er sprach klar aus, womit die Sender rechnen, worauf sie sich einlassen müssen, um die Umstellung zu überstehen. „Die größte Herausforderung ist die Wandlung des Teams“, sagte er. Kulturwandel müsse integriert und ein Interessensausgleich zwischen Alt und Neu geschaffen werden. Denn: „Beides hat seine Berechtigung“, so Kunze. Zudem müssten dringend Daten generiert werden, um das Produkt adäquat im Radio, online und als App anbieten zu können. Für die Übergangszeit bedeute das 200 Prozent an Arbeitsaufwand für die Teams.

Wright Bryan aus Washington konnte den Deutschen seinen US-amerikanischen Radiosender „National Public Radio“ als beispielhaft im Umgang mit den neuen Medien vorstellen. Die Facebookseite des Senders gefällt über 4,4 Millionen Usern aus aller Welt. Sie speisen sich unter anderem aus Aktionen, die die Nutzer einbeziehen. Zum Beispiel verfolgte das Team ein T-Shirt von seiner Entstehung über den Transport bis in die USA. „Gemeinschaft schaffen“ war sein Credo. 

Wie über soziale Netzwerke eine Radiosendung geschaffen werden kann, die gemeinsam von Hörern und Redakteuren gestaltet wird, demonstrierten Andreas Kuhlage und Jens Hardeland von N-JOY in der Veranstaltung „Social Radio“. Für ihren Mittelfingermittwochsong holten sie sich unter anderem von den Netzwerk-Usern Anregungen über Missgeschicke, die den Nutzern an dem Tag passiert sind. Das taten sie übrigens auch im Saal und sorgten mit spontanen Versen für Erheiterung.

Im Medienwandel wird die Möglichkeit, Beiträge „on demand“ abzurufen, immer wichtiger. Hörermarktforscherin Alison Winter von der BBC lieferte dazu erste Nutzerdaten aus Großbritannien. „Früher war Radio das Nebenbei-, das Sekundärmedium“, sagte sie. „Heute ist Internet das Nebenbei-Medium zum Fernsehen.“ Aus den erhobenen Daten ließen sich aber auch sinnvolle Verschränkungen und Schwerpunkte zwischen Online und Live-Radio konstruieren. So ist der Montag der „On Demand“-Tag heraus, an dem die Nutzer das am Wochenende Verpasste nachholten. Für Freitag eignet sich als Einstimmung für das Wochenende ein Live-Programm. Am Sonntag überraschte war die Sendung „Sunday Love Songs“ der Publikumsliebling. Der Sender Radio 2 entwickelte daraufhin ein Hybridangebot für Internet und Live-Radio.

Ihr dänischer Kollege Peter Niegel, der für Danmark’s Radio eine Studie zur Nutzung von On-Demand-Elementen durchgeführt hat, ermutigte die Besucher, diese Strategie nicht aus den Augen zu verlieren. Noch liegt der Marktanteil weit unter zehn Prozent. Eine sinnvoll gestaltete Oberfläche helfe aber langfristig dabei, die jüngeren Nutzer dauerhaft zu gewinnen, sagte Niegel. 

Ob man sich überhaupt um die jüngeren Nutzer bemühen sollte, wurde in der Runde „New (Local) TV“ kontrovers diskutiert. Marlies Witsch von TirolTV zeigte anhand ihres SocialMedia Rückblicks, dass lokal und jung sich nicht ausschließen und jugendkonforme Formate auch generationenübergreifend Erfolg haben können. Marcel Wagner von RegioTV Schwaben dagegen vertrat die Ansicht, dass die Onlineanbieter eine zu starke Konkurrenz seien. Nicht zuletzt scheitere es an der technischen Umsetzung, sagte er. Viele Lokalsender strahlen im SD-Format aus, was auf Smartphones nicht ansprechend abgebildet werden kann. 

RegioTV Stuttgart ist inzwischen bereits einmal gelungen, was in der Diskussionsrunde als nahezu unmöglich dargestellt worden war: Der Sender konnte einen lokalen Facebook-Star für eine Kooperation gewinnen, obwohl Internet- und Youtube-Stars sonst nicht ins Fernsehen drängen. Michael Scheyer stellte das Format „Unnützes Stuttgartwissen“ vor. Das Konzept: Lockere, kurze Anekdoten über Stuttgart. Sie wurden zunächst im Fernsehen gezeigt, dann konnte sie der Facebooker und Erfinder Patrick Nikolay für seine Gemeinde posten. So brachte sich der Sender auch beim jüngeren Publikum ins Gespräch.

Der Österreicher Robert Vadja vom P3TV Sankt Pölten lieferte eine Anregung, wie die Sender sich durch neue Inhalte attraktiver machen können. Seine interkulturelle Sendung kommt beim Publikum gut an. Sie befasst sich im weitesten Sinne mit dem Thema Migration, begleitet zum Beispiel Kulturfeste.

 In der Vortragsreihe „Marketing“ hatte Erman Aykurt einen Tipp parat, wie die sogenannten Millenials als Nutzer zu gewinnen seien. Die Altersgruppe der 20 bis 30-Jährigen gilt als besonders kritisch. Der Ratschlag des Spezialisten im Sportartikelbereich: Empathie. „Für die Natur gilt: Jedes Tier, auf das gezielt wird, flieht“, sagt er. „Die Millenials sind so gesehen die scheuen Tiere. Sie wollen keine Zielgruppe sein.“

Auf die Schwierigkeiten der Radiosender bei der Akquise von Werbekunden hatte Sam Crowther von der Bauer Media UK eine Antwort. Es komme darauf an, den potenziellen Kunden die Wirkung gelungener Werbungen in Präsentationen zu demonstrieren, war seine Botschaft. Es gehe um Emotionen, die von den Werbekunden selbst gelebt werden müssten. 

Bei Max Ruppert, Elke Thimm und Fabian Werba ging es hoch her. Das Team stellte neue Bildtechniken und Format vor, die mit Drohnen möglich sind „Es geht nicht nur darum, mal von oben was zu zeigen“, sagte Max Ruppert. „Man kann den Flug als Rampe nutzen oder für eine Anmoderation eine neue Perspektive schaffen, zum Beispiel: „Ich, die Biene“.“ Zu beachten seien dabei unbedingt die gesetzlichen Regelungen. Ebenso wichtig war Max Ruppert ethisches und moralisches Feingefühl: „Bei der Drohne ist das Gerät erstmals vom Menschen entkoppelt“, sagte er. Deswegen sei vor einem Dreh viel mehr Kommunikation und Information nötig.