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Tendenz

Das Magazin der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien

Von Funkwellen bis Online-Streaming
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Von Funkwellen bis Online-Streaming

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert hat die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) die Aufgabe, die Verbreitung von Hörfunk- und TV-Programmen in Bayern zu organisieren – und zwar gleichwertig in allen Landesteilen. Dabei gelten für Hörfunk und Fernsehen sehr unterschiedliche Bedingungen.

Text Reiner Müller

Als die BLM 1985 gegründet wurde, war der Hörfunk noch auf den UKW-Bereich begrenzt. Doch der Genfer Wellenplan 1984 und die Baltik-Abkommen I und II öffneten bald neue terrestrische UKW-Frequenzbereiche für die Ausstrahlung von privaten Hörfunkprogrammen. So konnte die BLM in den 1980er- und 1990er-Jahren neben den fünf landesweiten Hörfunkprogrammen des Bayerischen Rundfunks ein landesweites UKW-Netz für Antenne Bayern und lokale bzw. regionale Kapazitäten für etwa siebzig Hörfunkprogramme planen, koordinieren und aufbauen. Diese terrestrische UKW-Verbreitung ist noch heute technische und wirtschaftliche Basis für privatwirtschaftliche Hörfunkangebote. Die Verbreitung via Kabel und Satellit dient hingegen nur der Sekundär- oder ergänzenden Verbreitung von Radioprogrammen.

Digitalisierung des Hörfunks

Die digitale Hörfunk-Epoche begann in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre mit dem Start der für den terrestrischen Hörfunk entwickelten Digitaltechnik DAB (Digital Audio Broadcasting). Fehlte es anfangs an attraktiven Programmen und vor allem Endgeräten, wurde 2011 mit der Weiterentwicklung zu DAB+ und dem Start des bundesweiten DAB+-Multiplexes der Durchbruch erzielt. Die DAB+-Endgerätezahl stieg in den vergangenen fünf Jahren signifikant an, und inzwischen befinden sich in deutschen Haushalten und Autos mehr als zehn Millionen DAB+-Radiogeräte, davon etwa zwei Millionen in Bayern. Langfristiges Ziel ist die Abschaltung der sehr teuren UKW-Verbreitung, da eine Finanzierung von UKW plus DAB+ für privatwirtschaftliche Radioprogramme zu teuer ist. Der Vorteil der terrestrischen digitalen Verbreitung via DAB+ ist, dass sich – im Gegensatz zur Internetverbreitung – das bestehende Hörfunk-Geschäftsmodell nicht verändert und sich die Konkurrenz durch neue Wettbewerber in Grenzen hält. Bis die Hörfunkverbreitung ausschließlich digital erfolgt, wird es voraussichtlich noch sieben bis zehn Jahre dauern.

Und das Internet? Nachdem Ende der 1990er-Jahre die Verbreitung von digitalen Hörfunksignalen über das Internet (IP-Radio) möglich wurde, begannen die Veranstalter von Radioprogrammen damit, sowohl die terrestrisch verbreiteten Angebote als auch zusätzliche Streaming-Inhalte auf ihren Websites anzubieten. Nutzungsverhalten und Marktdurchdringung von Endgeräten für den Empfang von Internet-Radioangeboten sind zwar nennenswert. Zu deren mobilem Empfang aber fehlen wegen der Mobilfunkentgelte preiswerte Möglichkeiten. Die Digitalisierung des Hörfunks wird deshalb nur dann gelingen, wenn die Terrestrik über DAB+ wirtschaftlich erfolgreich realisiert werden kann. Das schließt nicht aus, dass Hörfunkprogramme zusätzlich online verbreitet werden, um weitere Nutzergruppen zu erschließen und zusätzliche Erlöse zu generieren. Folglich wird nicht die Alternative „Terrestrik oder Internet?“ über den digitalen Erfolg des Hörfunks entscheiden, sondern die integrierte Lösung „Terrestrik und Internet“.

Digitalisierung des Fernsehens

Im Fernsehbereich haben die nationalen Veranstalter, aber auch die BLM für die lokalen Veranstalter in Bayern schon seit jeher auf eine Verbreitung über mehrere Infrastrukturen (Kabel, Satellit, Terrestrik und IPTV) gesetzt. Diese Mehrwegeverbreitung war dem Nutzungsverhalten der Fernsehzuschauer geschuldet, da nur so die größtmögliche Reichweite für die TV-Programme erzielt werden konnte. Die Digitalisierung der TV-Verbreitungswege begann Mitte der 1990er-Jahre. Zur Jahrtausendwende bereits wurden bei DVB-T die ersten analogen Übertragungswege außer Betrieb genommen. Der digitale Nachfolgestandard DVB-T2 erlaubt ein neues Geschäftsmodell mit einem Plattformbetreiber. Die Abschaltung der analogen Verbreitung über Satellit wurde 2012 gestartet, und die Abschaltung der analogen Verbreitung über Kabelanlagen wird auf Basis des bayerischen Mediengesetzes derzeit zum Jahresende vorbereitet. Ab 2019 erfolgt dann die Verbreitung von TV-Programmen ausschließlich digital. Inzwischen wird sogar überlegt, im Satellitenbereich künftig alle Programme nur noch im HD-Standard auszustrahlen.

Das Internet ermöglicht TV-Programmanbietern zusätzliche Optionen: entweder für Live-Streaming oder für zeitsouverän nutzbare Mediatheken. Bezogen auf die Nutzungszahlen der linearen TV-Angebote spielt das Internet bis dato jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Mit HbbTV ist über die Red-Button-Funktion von SmartTV-Geräten ein Zugang zu den Internetinhalten der TV-Anbieter möglich. So können nationale und auch lokale Anbieter ihre linearen Angebote online erweitern bzw. ergänzen.

Streaming-Dienste als Konkurrenz

Das World Wide Web bedeutet aber auch Konkurrenz. Es hat Videoanbietern – allen voran Netflix – die Möglichkeit für Streaming-Dienste on Demand eröffnet. Weil das Medium Bewegtbild im Gegensatz zum Hörfunk vorwiegend stationär, also zu Hause, genutzt wird, sind die in den Ballungsräumen verfügbaren hochdatenratigen Internet Anschlüsse (VDSL) in der Regel für Streaming-Dienste ausreichend. In ländlichen Regionen gibt es für diese Nutzungsformen wegen des unzureichenden Broadband-Ausbaus jedoch noch erhebliche Einschränkungen. Dies gilt auch für die IPTV-Angebote wie Entertain (Telekom) oder Giga TV (Vodafone), die zusätzlich zu Kabel, Satellit und Terrestrik inzwischen die vierte wesentliche Verbreitungsform für lineares Fernsehen darstellt.

Grundsätzlich ist die Internetverbreitung von TV-Angeboten kein Ersatz zum klassischen Rundfunk, sondern komplementäre Ergänzung zu den klassischen Broadcast-Übertragungswegen. Deshalb wird es – genau wie beim Hörfunk – noch lange die Verbreitung von TV-Programmen über Rundfunknetze geben. Das prognostizierte „Sterben vom linearen Fernsehen über Broadcast-Technologien“ ist vielleicht Wunschdenken der Internet-Wettbewerber. Es gibt bis dato jedoch keine Daten, Anzeichen oder Marktentwicklungen, die diese These stützen. Auch für Fernsehen gilt also statt der Devise „Broadcast oder Broadband“ weiterhin das Motto „Broadcast und Broadband“.


iStock.com / FrankRamspott
Porträt Reiner Müller: BLM

Bild Reiner Müller
Reiner Müller ist stellvertretender Geschäftsführer der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien. Der Diplom-Ingenieur (Nachrichtentechnik) leitet den Bereich Technik/IT. Bis 1985 arbeitete er bei der Bundespost.
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