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Auf dem Weg zum Massenprodukt
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Auf dem Weg zum Massenprodukt

Der digitale Hörfunkstandard DABplus gewinnt an Nutzern: Wie der Home Electronics Market Index (HEMIX) ausweist, wurden im Jahr 2018 etwas mehr als 1,4 Millionen DABplus-Radios in Deutschland verkauft. Der Umsatz stieg auf 218 Millionen Euro. Dies entspricht einem Wachstum um 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Text Michael Fuhr

Acht Jahre nach dem Start von DABplus in Deutschland rechnen Marktbeobachter weiter mit stei­genden Umsätzen, da das Digitalradio nun zusätzlich politische Schützenhilfe bekommt. Erstens wird die von der EU beschlossene Digitalradio-Pflicht in Neuwagen ab 2021 den Markt weiter beflügeln. Zweitens ist eine vergleichbare Regelung für stationäre Radios in Vorbereitung. Fast alle Automobil-Hersteller bieten DABplus inzwischen als Serien- oder Zusatzausstattung an. Für zu Hause und unter­wegs gibt es mittlerweile mehr als 600 unterschiedliche DABplus-Radiomodelle.

Mehr Vielfalt, zusätzliche Kosten

Die Vorteile von DABplus im Vergleich zum analogen UKW-Hörfunk liegen auf der Hand: Das Übertragungsverfahren basiert auf einer modernen, effizienten Ton-Kodierung. Diese verringert Übertra­gungskosten und bietet bei gleicher Klangqualität mehr Spielraum für eine deutlich größere digitale Programmvielfalt. Zu den Vorteilen von DABplus zählen auch der stabile Empfang eines Programms im bundesweiten oder regionalen Sendegebiet ohne Rauschen und Knistern sowie ein digitaler Dienst zur Verkehrslenkung, der weit über die Möglichkeiten von Traffic Message Channel (TMC) hinausgeht. Während beim UKW-Empfang pro Region maximal 25 Programme zu hören sind, können über DABplus bis zu 80 empfangen werden.

Einziger Nachteil von DABplus für die Hörer: Sie benötigen neue Hardware. Dabei ist es jedoch nicht nötig, die alte HiFi-Anlage wegzuwerfen. Für den DABplus-Empfang gibt es preisgünstige Adapter ab 30 Euro. Portable Radios sind bereits zu Preisen ab 25 Euro erhältlich. Wer seinen gesamten Radiobestand im Haushalt austauschen oder aufrüsten will, kann mit 100 bis 150 Euro auskommen. Wer allerdings auf guten Klang und eine gute Verarbeitung des Gerätes Wert legt, sollte mindestens 100 Euro pro Gerät investieren. Besonders attraktiv sind DABplus-Radios mit Farbdisplay: Sie zeigen neben dem Sendernamen auch sogenannte Slide Shows an, beispielsweise eine Wetterkarte, Verkehrsinfos oder die Studio-Webcam.

Regionale Unterschiede

Noch ist das Angebot an DABplus-Sendern und -Programmen in Deutschland – je nach Bundesland – regional sehr unterschiedlich. Entsprechend sieht die Haushaltsdurchdringung mit DABplus-Radios aus: Bayern liegt wegen einer breiten Programmvielfalt, einer guten Netzabdeckung und entsprechender politischer Rahmenbedingungen laut aktuellem Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten mit 22,3 Prozent vorn, Schlusslicht ist Niedersachsen mit 14,1 Prozent. In einigen Bundesländern zeigen vor allem private Radioprogrammanbieter wenig Interesse an DABplus. Sie fürchten, Ressourcen für mehr Programme würden vor allem auch mehr Konkurrenz bedeuten. Entsprechend signalisiert auch die Medienpolitik einiger Bundesländer bisher wenig Interesse an der Ausschreibung von Kapazitäten für regionale Frequenzmultiplexe.

In Bayern ist die Situation ganz anders: Dort sollen bis zum Jahr 2020 sämtliche privatwirtschaftlichen UKW-Programmes simulcast über DABplus verbreitet werden. Auf Basis einer Infrastrukturvereinbarung zwischen dem Bayerischen Rundfunk (BR), der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) und der Bayern Digital Radio GmbH (BDR) wurden der Betrieb und die Nutzung der DABplus-Digitalradio-Netze in Bayern neu gestaltet. Ziel war es, die gesamte UKW-Landschaft auf DABplus abzubilden.

Bayern versteht sich schon lange als Vorreiter in puncto DABplus. Nach längerem Zögern sollen bald auch in Nordrhein-Westfalen weitere DABplus-Kapazitäten für privatwirtschaftliche Radioprogramme ausgeschrieben werden. In anderen Bundesländern sind vor allem die großen privatwirtschaftlichen Anbieter von Radioprogrammen, die mit guten UKW-Frequenzen ausgestattet sind, in Sachen DABplus noch zurückhaltend. Ein wichtiger Grund: Wo die Politik den Umstieg auf DABplus nicht gezielt fördert, müssen Programmanbieter die Kosten für den Simulcast-Betrieb komplett aus eigener Tasche zahlen, ohne dass ihre Reichweite steigt.

Unklare Digitalradio-Zukunft

Solange die Media Analyse als Währung für die Vermarktung stabile Hörerzahlen ausweist, ist der Ansporn zum Einstieg in die Digitalradio-Zukunft noch gering. Doch durch die neue Technologie könnten die Veranstalter auch Chancen nutzen: zum Beispiel durch gezielte Ableger, die neue Zielgruppen ansprechen. Die hessische FFH-Gruppe hat dies erkannt und strahlt neben dem Hauptprogramm inzwischen vier Tochterprogramme über DABplus aus. In Bayern hat der Münchner Lokalsender Radio Arabella mit Arabella Kult vor kurzem einen landesweiten Ableger mit einer völlig neuen Musikfarbe gestartet. Die Programmmacher versprechen die größten Hits der 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahre, gemixt mit deutschem Schlager sowie den schönsten Hits aus dem Süden. Und der neue Kanal Rock Antenne expandiert als Ableger von Antenne Bayern inzwischen bundesweit über DABplus.

Einige Programmveranstalter sehen DABplus trotzdem nur als eine Brückentechnologie auf dem Weg zum neuen Universalstandard 5G. Die neue Mobilfunk-Generation erlaubt nämlich mit Hilfe von leistungsstarken Sendeanlagen außer der bisher bekannten Punkt-zu-Punkt-Verbindung auch die Ausstrahlung von Inhalten per Broadcast an eine beliebige Zahl von Nutzern. Noch aber sind viele 5G-Fragen ungeklärt: zum Beispiel, ob ein diskriminierungsfreier Zugang zu Inhalten ohne SIM-Karte möglich sein wird, welche Art von Endgeräten es außer Smartphones und Tablets geben soll und wie Geschäftsmodelle aussehen. Zurzeit deutet an, dass 5G Broadcast in erster Linie für datenaufwändige lineare und non-lineare Bewegtbildinhalte genutzt werden soll, also Fernsehen oder Video-on-Demand-Portale wie Netflix. Audio und Hörfunk spielen dabei höchstens eine zusätzliche Rolle.

Politischer Aktionsplan

Alle internationalen Bemühungen weisen darauf hin, dass DABplus ein Standard wird, der mindestens in den kommenden zwei Jahrzehnten das Maß aller Dinge beim digital-terrestrischen Hörfunk sein soll. Um den inzwischen siebzig Jahre alten analogen UKW-Hörfunk tatsächlich mittelfristig ablösen zu können, müssen aber noch wichtige politische Aufgaben erledigt werden. Ein zentraler erster Schritt war die Verabschiedung des „Aktionsplans für die Transformation der Hörfunkverbreitung in das digitale Zeitalter“ durch das Digitalradio Board des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) im vergangenen Jahr. Der Aktionsplan enthält eine Roadmap mit acht Maßnahmen, die einen Rahmen schaffen sollen für die Digitalisierung des Hörfunks. Eine Maßnahme soll in Kürze umgesetzt werden: Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat einen Referentenentwurf zur Anpassung des Telekommunikationsgesetzes (TKG) vorgelegt. Der Entwurf dient der Umsetzung des Koalitionsvertrags, in dem steht, dass die Digitalisierung des Hörfunks durch die „Interoperabilität“ von Radioempfangsgeräten zu fördern ist. Konkret heißt das: Künftig sollen höherwertige Radioempfangsgeräte mit einer Schnittstelle zum Empfang digitaler Inhalte (Multinormchip) ausgestattet sein, also zum Beispiel DABplus und/oder Internetradio empfangen können.

Grafik: rose pistola
unter Verwendung von iStock.com/CSA-Printstock
Porträt Michael Fuhr: privat

Bild Michael Fuhr
Michael Fuhr arbeitet als freier Journalist für Fachzeitschriften und ist spezialisiert auf die Themen Medien, Telekommunikation und Marketing mit Schwerpunkt Digitalisierung. Außerdem macht er Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
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