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Positiver Reifungsprozess
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Positiver Reifungsprozess

Radiohören via Internet bleibt im Trend. Laut Online-Audio-Monitor nutzten im vergangenen Jahr 37,7 Prozent der deutschen Bevölkerung bereits Internetradio – Tendenz steigend. Maßgeblicher Faktor für diese Entwicklung sind Smartphones und Streaming-Dienste.

Text Michael Schmich

Auch wenn vorerst noch für eine Mehrheit der Deutschen das konventionelle Radiohören über terrestrischen UKW-Empfang erste Wahl bleibt: Die WWW-Generation sucht und findet Audio-Inhalte zunehmend online. Jede vierte Person ab 14 Jahren in Deutschland (25%) hört bereits online „ganz normale“ Radioprogramme (Simulcast-Angebote). Das sind fast so viele wie beim Musikstreaming (27%). Online-Submarken der Simulcast-Anbieter werden von 14 Prozent, Online-only-Webradios von 13 Prozent der Hörer genutzt (siehe auch Artikel Hörbarer Massenmarkt in Tendenz 2/2018). Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen Radioplattformen und Aggregatoren wie radio.de, TuneIn oder Radioplayer, die von 44 Prozent der Online-Nutzer gehört werden. Das Portal laut.fm, mit dessen Hilfe Hobby-Programmmacher eigene Inhalte produzieren können, ist ein weiterer interessanter Akteur auf dem nationalen Markt. Dort sind derzeit nach laut.fm-Angaben mehr als 5.000 sogenannte User-Generated-Projekte registriert, von denen etwa 95 Prozent in Deutschland gestaltet werden.

Markt im Umbruch

Angebot und Marktstruktur innerhalb der deutschen Webradiolandschaft haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Bis in die erste Hälfte der 2010er-Jahre orientierten sich die Nutzer nahezu ausschließlich an Online-only-Angeboten. Dort fanden die Hörer Musiksparten, mit denen sie in der UKW-Welt nur unzureichend versorgt wurden – also Genres wie Schlager/Discofox/Party, Dance/elektronische Musik, HipHop/Rap/R'n'B, Country Music oder Alternative Rock/Metal. Laut Webradiomonitor erreichte die Zahl der Online-only-Sender mit etwa 2.560 Webradio-Angeboten im Jahr 2011 ihren Zenit.

Nach Angaben der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA), bei der nationale Online-only-Sender angemeldet sein müssen, ist deren Zahl seit 2014 von mehr als 1.800 registrierten Sendern auf aktuell etwa 820 gesunken. Ein Grund für den Rückgang ist das Aufkommen der Streaming-Dienste, die heute spezielle Musikvorlieben zielgerichtet bedienen. Zudem fällt es vielen Verantwortlichen der meist als Hobbyprojekte betriebenen Spartenprogramme aus organisatorischen Gründen immer schwerer, dauerhaft einen attraktiven Sendebetrieb aufrechtzuhalten. Auch aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit beenden Neueinsteiger ihren Sendebetrieb meist innerhalb von zwölf Monaten. Parallel zu diesem Konzentrationsprozess ist allerdings bei zahlreichen verbliebenen Online-only-Stationen auch eine Steigerung an Professionalität zu beobachten.

Die Zahl der UKW/DABplus-Online-Submarken im Webradio-Markt ist laut einer aktuellen Zählung von AirSupply 2018 auf etwa 1.400 Streams erneut gestiegen. Bereinigt um inhaltlich identische Kanäle, die von verschiedenen Stationen innerhalb einer Senderfamilie übernommen werden, verbleiben damit mehr als 750 singuläre Online-Submarken. Dies bedeutet eine Steigerung um 18 Prozent gegenüber 2017. Dabei gehen die Impulse überwiegend von privatwirtschaftlichen Anbietern aus, da den öffentlich-rechtlichen Anstalten die Einrichtung zusätzlicher Angebote nicht gestattet ist.

Beliebte Streaming-Angebote

Die gewachsene Vielfalt kuratierter Inhalte konzentriert sich beim Gros der Streaming-Dienste (entsprechend der musikalischen Ausrichtung in der terrestrischen Welt) auf Musik-Segmente wie Dekaden-Streams (80er-, 90er-Hits), Oldies, Rock, Dance/Party, Deutsch-Pop, aktuelle Hits usw. – oder auf jahreszeitliche Musikangebote mit Sommer- oder Weihnachtssongs, die teilweise das ganze Jahr zu hören sind. Außerdem entstehen im fragmentierten Markt immer mehr Angebote, die Hörer mit maßgeschneiderten Musikstrecken in bestimmten Alltagssituationen begleiten (Workout, Fitness, Entspannung usw.).

Im Unterschied zum klassischen Radioprogramm sind die meisten Online-Submarken ohne Moderation und Nachrichten zu hören, allerdings nimmt die Zahl moderierter Streaming-Angebote allmählich zu. Angesichts des rasant wachsenden Streaming-Marktes legt die deutsche Hörfunk- und Audio-Branche ihren Fokus aktuell auf den Aufbau von nationalen Webradio-Marken, die aus einem Portfolio von Streams bestehen.

Ausdifferenzierung im Audio-Markt

Auch bei den klassischen Radioprogramm-Anbietern ist deutlich zu spüren, dass die Reichweite, die online erzielt wird, eine wachsende Rolle spielt. So wurden im vergangenen Jahr erstmals Online-Angebote gestartet, die gezielt als Streaming-Gegenmodelle zu verstehen sind. Seit 2018 ist beispielsweise die Moderatorin Barbara Schöneberger fester Bestandteil der Webradio-Welt: Mit Barba Radio hat sie, unterstützt vom Hörfunkunternehmen Regiocast, eine Marke geschaffen, bei der Personality und die persönliche Ansprache im Mittelpunkt stehen. So wird eine typische Radio-Kernkompetenz nachhaltig genutzt. Klassik Radio wiederum bietet seit dem vergangenen Jahr mit seinem neuen Pay-Angebot Select ein fein abgestuftes Sortiment von bis zu 145 anspruchsvollen Sparten-Streams.

Die Beispiele zeigen, wie sich der Webradio-Markt ausdifferenziert und konsolidiert. Ökonomen haben für solche Entwicklungen einen Namen: Sie sprechen schlicht von einem Reifungsprozess.

Foto: Stoica Ionela/Unsplash
Porträt Michael Schmich: privat

Bild Michael Schmich

Michael Schmich ist Geschäftsführer der AirSupply Medienberatung. Das Unternehmen analysiert seit 30 Jahren die deutsche Radiolandschaft. Er ist zudem ständiger Autor beim Onlineportal Radioszene.

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