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Ketten-Reaktionen
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Ketten-Reaktionen

Blockchain-Systeme können als spezielle Datenbanken Inhalte ohne eine zentrale Kontrollinstanz vertrauenswürdig und transparent verwalten und vermitteln. Welche Chancen ergeben sich daraus für den Journalismus?

Text Florian Regensburger

Seit Jahren ist der englische Begriff unvermeidliches Buzzword bei Tech- und Medienkonferenzen: Blockchain, was auf Deutsch so viel wie „Blockkette“ bedeutet. Doch während die vermeintliche Wundertechnik im Finanzbereich ihr disruptives Potenzial längst bewiesen hat – Bitcoin und andere Kryptowährungen sind heute gefragte Spekulationsobjekte –, ist sie diesen Beweis auf anderen Gebieten bislang schuldig geblieben. Das hindert Entwickler und Unternehmer aber nicht daran, es zumindest zu versuchen: Außer im Versicherungswesen, bei Online-Vertragsabschlüssen und dem dezentralen Energiemanagement wird auch im Medienbereich mit der neuen Technologie experimentiert, um aus der „Blockkette“ neue Verwertungsketten zu entwickeln. Die prinzipiellen Voraussetzungen dafür sind günstig.

Drei grosse Vorteile

Erstens: Ein auf viele verschiedene Rechner verteilter, identischer Datensatz verspricht ein hohes Maß an Verlässlichkeit im Fake-News-Zeitalter. Wollte jemand am Datenbestand etwa eines Presseangebots im Blockchain-System eine Änderung vornehmen, müssten alle beteiligten Rechner-Knoten dieser Änderung zustimmen. Eine zentrale Kontrollinstanz kommt in einem Blockchain-Netzwerk nicht vor: „Durch die Verteilung auf viele einzelne Knoten kann man mehr Vertrauen in das System hineinbringen“, sagt Professor Peter Mandl, der am Competence Center Wirtschaftsinformatik der Hochschule München an Blockchain-Anwendungen forscht.

Ein potenzieller Manipulator müsste sich also zu allen vernetzten Computern unbemerkt Zugang verschaffen und dort zeitgleich die identische Änderung an möglicherweise tausendfach redundant gespeicherten, öffentlichen Kopien desselben Inhalts vornehmen. Meist aufwendige kryptografische Verfahren bei der Speicherung der Inhalte erschweren schon die Manipulation an sich. Das IT-System eines klassischen Medienhauses zu hacken und dort über das Online-Content-Management-System einen Phantasieartikel zu publizieren, dürfte einfacher sein.

Zweitens: Die Blockchain-Technologie vergisst nichts. Die Datensätze in ihrem Transaktionsregister wachsen mit jeder Änderung an, jede Modifikation bleibt gespeichert. So lässt sich jederzeit nachvollziehen, wer wann welche Änderung vorgenommen hat – in etwa vergleichbar mit der Historie eines Wikipedia-Artikels, die jeder Nutzer einsehen kann.

Drittens: Wegen dieser Transparenz und Nachvollziehbarkeit lassen sich Inhalte exakt einem Urheber zuordnen. Also ist jederzeit feststellbar, von wem welcher Inhalt, welche Information stammt. Gleichzeitig bietet dies Chancen für den Lizenzhandel und das Rechtemanagement für Texte, Bilder oder Videos.

Bezahlsystem mit Kryptowährung

„Ich glaube, die Frage der Attribution ist etwas, wofür die Blockchain sehr nützlich ist. Also zu sagen: Ich habe das geschrieben, und hier hinterlege ich den Beweis, dass ich das geschrieben habe und nicht jemand anderer“, erklärt Albert Wenger, Tech-Investor bei Union Square Ventures in New York, dem Geldgeber aus aller Welt ihr Wagniskapital anvertrauen.

Soweit die Theorie. Mittlerweile gibt es auch einige Projekte im Medienbereich, bei denen versucht wird, die beschriebenen Vorteile zu nutzen: zum Beispiel bei Steemit, einer Kombination aus Inhalte-Plattform und sozialem Online-Netzwerk. Das Besondere daran ist das Bewertungs- und Entlohnungs-System. Dazu gehört eine eigene Kryptowährung, der Steem-Token. Das Volumen der Währungseinheiten wird jährlich in einem Umfang vergrößert, der sechs bis acht Prozent Inflation ausmacht. Regelmäßig wird ein fester Anteil davon an die Steemit-Autoren ausgeschüttet – je beliebter ein Text oder Video ist, desto mehr Geld gibt es. Über die Beliebtheit der Inhalte und die Form der mehr oder minder prominenten Platzierung bei Steemit entscheiden die Likes der Nutzer.

Als eine Art Weiterentwicklung von Steemit versteht sich das neuere Netzwerk namens Narrative. Auch dabei entscheiden Nutzerbewertungen über die Entlohnung der Autoren und das Ranking einzelner Inhalte. Wenn die meisten Nutzer mit ihren Bewertungen ehrlich umgehen, sollte dies qualitativ hochwertige Inhalte begünstigen. Während Steemit komplett auf Blockchain-Basis basiert, verfolgt Narrative einen hybriden Ansatz, der das Blockchain-System nur dort integriert, wo es auch wirklich Vorteile bringt. So können Autoren sich ihren Verdienst nach Angaben des Unternehmens nicht nur als Narrative-Token auszahlen lassen, den sie dann umständlich in Euro umtauschen müssen, sondern auch mit „normalem“ Geld. Das senkt die Zugangshürde erheblich und man benötigt kein Fachwissen über Kryptowährungen, um sich mit den verdienten Währungseinheiten einen Kaffee kaufen zu können.

Inhalte-Schutz gegen Manipulation

Blockchain eignet sich aber nicht nur für Zahlungsvorgänge, sondern auch zum Schutz journalistischer Inhalte gegen Manipulation. Dieses Ziel verfolgt das amerikanische Projekt Civil. Dabei handelt es sich um einen Journalismus-Marktplatz auf der Basis der Blockchain-Plattform Ethereum. Civil-Artikel werden auf digitale Blockchain-Karteikarten geschrieben, auf viele Rechner verteilt und redundant gespeichert. So wollen die Initiatoren um Matthew Iles die Sicherheit und Transparenz der Blockchain-Technologie für einen vertrauenswürdigen und verlässlichen Journalismus nutzen. Die Entlohnung der Autoren erfolgt auf freiwilliger Basis mit Civil-Tokens (siehe blmplus-Beitrag Karteizeichen – Start-ups setzen auf die Blockchain-Technologie).

Außer als Content-Plattform kann man die Blockchain-Technik auch nutzen, um Texte, Bilder oder Videos zu lizensieren. So hat etwa die Redaktion des TV-Programms Welt der Wunder für ihr MILC-Projekt (Micro Licensing Coin) eine eigene Blockchain-Lösung entwickelt, die als Grundlage einer Handelsplattform für Videocontent dient. Der MILC-Token ist dabei das Zahlungsmittel innerhalb der Plattform. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch die US-Plattform Po.et.

Die genannten Beispiele zeigen, dass Blockchain-Anwendungen für einzelne Journalisten oder Blogger dank Anwendungen wie Civil, Narrative oder Steemit finanzielle Chancen und ein Plus in puncto Glaubwürdigkeit bieten. Autoren können auch mit Micropayment-Abrechnungen gut verdienen. Für große Medienhäuser aber spielt das Thema Blockchain noch keine bedeutende Rolle. „Wir finden Blockchain ein sehr spannendes Thema und beobachten mehrere journalistische Plattformen, sehen aber im Moment noch keinen Anwendungsfall, der zu unserem öffentlich-rechtlichen Auftrag passt“, sagt etwa Manuela Baldauf, Referatsleiterin für Digitale Entwicklungen und Social Media in der Hauptabteilung Strategie- und Innovationsmanagement des Bayerischen Rundfunks. Auch bei ProSiebenSat.1 habe man das Thema zwar im Blick, heißt es auf Anfrage. Konkrete Projekte seien jedoch nicht in Planung. Seitens der deutschen Zeitungsverlage sind ebenfalls keine konkreten Blockchain-Projekte bekannt.

Burda gründete Blockchain-Start-up

Während sich die meisten Medienunternehmen noch zurückhalten, hat zumindest Hubert Burda Media in Sachen Blockchain erste Vorbereitungen getroffen: „Burda investiert seit Anfang 2018 über die BOT Labs Berlin in das Thema Blockchain“, teilt Sprecherin Julia Korn auf Anfrage mit. Die BOT Labs sind ein Start-up, das Burda zusammen mit Ingo Rübe, der bis dahin Technik-Vorstand des nationalen Verlagsgeschäfts von Burda gewesen war, in Berlin gegründet hat. Geschäftsziel sei es, „auf Basis der Blockchain-Technologie konkrete Innovationen für Unternehmen zu erarbeiten und Wege zu identifizieren, wie sie in die operativen Geschäfte integriert werden können“. Eine Nutzung im Tagesgeschäft wurde aber bislang noch nicht angekündigt.

Besonders aussichtsreich für die nähere Zukunft scheinen vor allem Blockchain-Anwendungen im Rechtemanagement zu sein. Das glaubt auch Investor Albert Wenger: „Egal, wo ein Content – ob das jetzt ein Bild oder Text ist – später wieder auftaucht, kann ich sagen: Ja, das hat der Albert geschrieben oder das Bild hat der Albert fotografiert. Die Frage, was dann ökonomisch passiert, ist meines Erachtens aber eine parallele und separate Frage.“ Soll heißen: Die Verlässlichkeit und Transparenz der Blockchain-Technologie könnte bald zu weniger unrechtmäßigen Verwendungen digitaler Inhalte führen. Die Preise, die dafür gezahlt werden, muss das aber nicht beeinflussen. Unterfinanzierter Online-Journalismus lässt sich also auch durch Blockchain nicht sanieren.
 

Wie funktioniert Blockchain?

Das Blockchain-Prinzip beruht auf einer dezentral verteilten Datenbank, die auf einer beliebigen Zahl von vernetzten Rechnern in identischer Form vorliegt. Sie verfügt prinzipiell über keine zentrale Kontrollinstanz. Vor jeder Transaktion beziehungsweise Änderung des Datensatzes, die als neuer „Block“ in die Datenbank geschrieben wird, findet zwischen allen beteiligten Rechnern ein Abgleich statt. Das macht die Technik einerseits für alle Teilnehmer transparent und zugleich weitgehend fälschungssicher. Außerdem können Inhalte, Nutzerdaten, Zahlungen oder auch Applikationen künftig dezentral gespeichert werden. Dann hätten nur die Nutzer selbst Zugriff auf diese Daten.

1. Eine Transaktion wird angefordert und 2. an ein Netzwerk von Knoten übertragen

Grafik zum Ablauf von Bockchain 1. und 2.

3. Ein Netzwerk validiert die Transaktion unter Verwendung bekannter Algorithmen.

4. Die Transaktion wird mit anderen Transaktionen als Datenblock verifiziert.

Grafik Blockchain Schritt 3 und 4

5. Der neue Datenblock wird der Blockkette transparent und unveränderbar hinzugefügt.

6. Die Transaktion ist abgeschlossen

Grafik Blockchain Schritt 5 und 6

Grafik zu Blockchain: iStock.com/elenabs; Porträt Florian Regensburger: privat

Bild Florian Regensburger
Florian Regensburger ist als freier Autor vor allem beim Bayerischen Rundfunk für verschiedene TV-, Hörfunk- und Web-Formate tätig sowie als Medientrainer. Schwerpunkt seiner Arbeit sind Technik- und Medienthemen.
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