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Bericht des Vorsitzenden

11.12.2008 | 24 / 2008

Seit der letzten öffentlichen Sitzung des Medienrats am 9. Oktober sind zwei Monate vergangen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass wir heute wieder eine umfangreiche Tagesordnung haben, die uns zeitliche Disziplin abnötigt. Trotzdem will ich wenigstens kurz an zwei Veranstaltungen erinnern, die für ein Gremium wie den Medienrat auch in der Nachbetrachtung noch wichtig sind. Während der Medientage in München fand ein Panel, wie das inzwischen neudeutsch heißt, über „Gewalt im Web 2.0“ statt. Dabei durfte ich die Moderation übernehmen. Wir alle wissen inzwischen, dass das Internet das Fernsehen als Leitmedium bei den Jugendlichen und teilweise auch schon bei den Kindern überholt hat. Umso problematischer sind die frei zugänglichen Gewalterfahrungen im Netz. Prof. Dr. Petra Grimm von der Hochschule der Medien in Stuttgart hat dazu nun eine repräsentative Basisuntersuchung vorgelegt, die von sechs Landesmedienanstalten, darunter der BLM, in Auftrag gegeben worden ist. Für mich erschreckend waren vor allem die Ergebnisse der qualitativen Befragung in den Gruppeninterviews. Dabei kam erwartungsgemäß nicht nur heraus, dass das Gewaltprofil im Internet weit drastischer und echter ist als im Fernsehen. Gewalterfahrungen werden von den Jugendlichen auch gezielt aufgesucht und im Freundeskreis als „Kick“ und als „Angstlust“ erlebt.
 
In den Interviews berichten die Jugendlichen von ihren starken emotionalen Reaktionen wie Ekel und Schock, aber auch von Alpträumen und körperlichem Unwohlsein bis hin zu Hautausschlägen. Heranwachsende, die solchen Medienerlebnissen ausgesetzt sind bzw. sich aussetzen, vergraben und versperren die bedrückenden Erfahrungen in sich. Jedenfalls kommen sie mit ihnen nicht zu den Eltern. In der Regel wissen sie auch sehr genau, dass die dargestellten Inhalte äußerst problematisch sind und üben Kritik daran, aber sie können nicht verbalisieren, was die Schockinhalte mit ihnen machen und auch nicht, dass sie als Zuschauer letztlich Mitwirkende sind und zu Mitschuldigen werden. Unsere Medientage brauchen solche Veranstaltungen als notwendiges Korrektiv zu den Panels, die ihre Bedeutsamkeit schon im Titel vor sich hertragen und eher die Oberfläche der Medienwelt zeigen. Positiv überrascht war ich vom guten Besuch der Präsentation. Hier wurde einmal mehr deutlich, dass der Regulierungsbedarf im Internet weit über den Jugendmedienschutz hinausgeht. Eine Gesellschaft, die auf dem demokratischen Wertekonsens aufbaut, muss in der Lage sein, sich gegen menschenverachtende, gewaltverherrlichende Tendenzen zur Wehr zu setzen. Ich empfehle Ihnen deshalb das Medienforschungsprojekt von Frau Grimm und ihrem Mitarbeiterteam zur genauen Lektüre.
 
Vor drei Wochen fand in der BLM die 14. Fachtagung des Forums Medienpädagogik statt, die wiederum sehr gut vom Programmbereich vorbereitet worden war und einen großen Zuspruch vor allem durch Erzieherinnen und Lehrer fand. Unter dem Titel „1-2-3 ins Netz gegangen“ befasste sich die Tagung mit der Frage, wie sich Jugendliche in den Online-Communities bewegen, welche sozialen Beziehungen sie im Netz knüpfen und auf welche problematischen Angebote sie dabei treffen können, bis hin zu Extremen wie dem sogenannten Cyber-Bullying oder unverhohlenen Werbungen für Pro-Ana, für Selbstverletzungen und sogar für die nationalsozialistische Propaganda. Wenn sich Jugendliche in ihren Communities treffen, haben sie es mit zahlreichen verborgenen und zum Teil auch verschleierten Risiken zu tun. Warum gibt es dafür, so wurde mehrfach gefragt, nicht so etwas wie eine Produkthaftung der Betreiber? Noch hilfreicher wäre ein allgemein anerkannter und propagierter Verhaltenskodex, der an den Lernorten der Heranwachsenden gelehrt werden müsste. Jugendliche brauchen nutzerfreundliche Räume im Netz, die das Recht auf informationelle Selbstbestimmung nicht unterlaufen. Gleichzeitig aber muss ihnen bewusst werden, dass der Konflikt zwischen einer offenen Kommunikation und dem Schutz der Privatsphäre letztlich nicht gelöst werden kann. Die Veranstaltung stellte freilich auch heraus, wie wichtig in der Medienpädagogik das Gespräch der Beteiligten ist, die Einbeziehung auch der Eltern- und Lehrergeneration. Im Übrigen, darauf wurde ebenfalls verwiesen, gibt es ja nach wie vor die Möglichkeit einer Verweigerung. Anders ausgedrückt: Kein Heranwachsender ist gezwungen, sich in Communities oder auf Plattformen zu bewegen, selbst wenn davon eine große Faszination  ausgeht. Meinen Kollegen Dr. Kempter und Herrn Wöckel danke ich für die moderierende Mitwirkung an der Veranstaltung.
 
Lassen Sie mich zum Abschluss dieses Berichts noch auf die gravierenden Änderungen in der Besetzung des Medienrats eingehen. So sind nach den Landtagswahlen mehrere Abgeordnete aus unserem Gremium ausgeschieden, darunter mein bisheriger Stellvertreter, Prof. Dr. Walter Eykmann, für den wir heute einen Nachfolger wählen. Wie Sie wissen, verbindet mich mit Walter Eykmann eine jahrzehntelange Freundschaft, umso mehr bedauere ich seinen Abschied aus der Politik und allen damit verbundenen Ämtern. Für uns im Medienrat war er das, was man einen „gescheiten Kopf“ nennt: unabhängig im Urteil, rasant und geschliffen scharf in der Argumentation, ein belesener, kenntnisreicher Humanist, dem manchmal der Schalk der Provokation aus den Augen blitzte, kein Langeweiler, sondern ein Temperamentsbündel. Im Übrigen war stets Verlass auf ihn. Wir alle werden Walter Eykmann vermissen, ich ganz besonders.
 
Das gilt auch für die anderen Abgeordneten: für Herrn Werner von der SPD, dem sachdienliche Kompromisse mehr bedeuteten als ideologische Scheingefechte; für Herrn Wolfrum, der mit Herrn Werner ein gutes Tandem abgab; für Herrn Runge von den Grünen, dessen Argumente mich auch dann nachdenklich machten, wenn ich sie nicht akzeptieren konnte; für Frau Deml von der CSU, die im Programmförderausschuss wichtige Akzente setzte; für Frau Weinberger von der CSU, die ihr Engagement trotz eines schweren Schicksalsschlages beibehielt; für Herrn Ranner, ebenfalls von der CSU, der uns im Forum Medienpädagogik immer wieder mit seinen beherzten Interventionen überraschte, wenn er sich wieder einmal als Großvater für die Zukunft seiner Enkel verantwortlich fühlte.
 
In meinen Dank schließe ich ganz besonders Staatsminister a. D. Eberhard Sinner ein, dem ich auch geschrieben habe. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber mein Respekt vor seiner Geradlinigkeit und seiner unprätentiösen Rationalität ist im Laufe der Zeit gewachsen. Er hat über die Gegenwart nie die Zukunft vergessen und in unseren Debatten vieles auf den Punkt gebracht, was uns noch lange beschäftigen wird. Zum letzten Mal darf ich heute Dr. Paesler als Vertreter des Bayerischen Zeitungsverlegerverbandes in unserem Gremium begrüßen. Dr. Paesler wird zum 1. Januar 2009 ausscheiden, weil er eine Führungsposition in einem schwäbischen Zeitungshaus antritt, das auch in Bayern präsent ist. Ich möchte ihm meinen Respekt und Dank bekunden, weil er stets das prekäre Gleichgewicht zwischen den Verbandsinteressen und den gesellschaftlichen Allgemeininteressen bewahrte. Das ist ein Balanceakt, der nicht jedem gelingt, und dazu gehören Unabhängigkeit und Überzeugungskraft, die Dr. Paesler zum Nutzen unseres Gremiums mitbrachte. In Absprache mit dem Präsidenten werden wir alle Ausgeschiedenen, denen ich nochmals herzlich danke, zu einem kleinen Ausstand Anfang des nächsten Jahres einladen.