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Bericht des Vorsitzenden

16.02.2012 | 07 / 2012

Seit der letzten Zusammenkunft des Medienrats sind zwei Monate vergangen. Während der sitzungsfreien Zeit hat sich einiges getan in der Medienpolitik und in den Medien. Darauf wird der Präsident der BLM, Herr Schneider, in seinen Berichtspunkten noch näher eingehen. Mit der Einladung zur siebten Sitzung ging Ihnen eine Tagesordnung zu, die sehr überschaubar ist. Deshalb hat der Vorstand auch keine Notwendigkeit gesehen, den Jugendschutzbericht, wie von Frau Mortler angeregt, an den Anfang der Tagesordnung zu setzen. Wir werden diesen Wunsch jedoch im Blick behalten und, wenn nötig, umsetzen. Nach dem Jugendschutzbericht beraten und entscheiden wir im nichtöffentlichen Teil der Sitzung über die Programmförderung 2012. Ich muss nicht betonen, wie wichtig dieser Punkt ist, und bitte Sie – eigentlich eine Selbstverständlichkeit – um Ihre Anwesenheit bis zum Ende der Sitzung.

Lassen Sie mich mit einem traurigen Ereignis fortfahren. Ich bitte Sie, dazu aufzustehen:
Am 27. Januar ist Frau Anke Geiger gestorben. Sie war Gründungsmitglied des Medienrats und viele Jahre, bis zur Übergabe der Verantwortung an Prof. Treml, eine umsichtige und tatkräftige Vorsitzende des Hörfunkausschusses. In dieser Funktion hat sie nicht nur erfolgreiche Aufbauarbeit für den lokalen und regionalen Hörfunk in Bayern geleistet, sondern war auch schon zu einer Zeit, in der das Wort „Medienkompetenz“ noch kein wohlfeiler Begriff gewesen ist, eine entschiedene Befürworterin medienpädagogischer Fragestellungen. In der Trauerkarte der Familie las ich das Christuswort aus dem zweiten Korintherbrief: “Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Im Nachhinein scheint mir dass dieser sicherlich bewusst gewählte Satz wie kein anderer auch Anke Geiger charakterisiert. Als Katholik habe ich noch eine weitere, wie ich jetzt weiß, familiär angelegte Seite der Verstorbenen kennengelernt: ihr ökumenisches Bewusstsein, das auf Versöhnung und nicht auf Trennung bedacht war. Dafür habe ich sie ganz besonders gemocht. Bei dem Begräbnis auf dem Nürnberger Rochusfriedhof, an dem für die BLM auch Frau Fell teilnahm, war die große Wertschätzung für die Verstorbene ergreifend spürbar. Wir teilen die Trauer ihrer Tochter, die ihre Nachfolge im Medienrat angetreten hat, und behalten Anke Geiger dankbar in Erinnerung.

Was ich im Anschluss an meinen Nachruf herausheben möchte, das hätte auch Anke Geiger begrüßt: Die Nummer 4/2011 der "Tendenz" befasste sich mit den medialen Abhängigkeits- und Gefährdungspotentialen. Dabei reichte der durchaus erschreckende Themenbogen von der Computerspielsucht bis zum Cybermobbing, ohne dabei Selbsthilfeerfahrungen und Therapieansätze auszuklammern. Selten habe ich ein so spannendes und bedrückendes Heft gelesen, für das ich den Verantwortlichen, Herrn Kors und der Redakteurin Bettina Pregel an dieser Stelle danken möchte. Vielleicht erging es Ihnen bei der Lektüre des Heftes genauso. Dank gebührt der BLM auch für die Einrichtung der Online-Plattform "medienpuls-bayern". Da der Präsident darauf näher eingehen wird, will ich hier nur Frau Ragaller und ihr Team für die gelungene Präsentation loben. Mit dieser zeitgemäßen Veranstaltungsplattform hat sich die BLM ein weiteres Mal als Dienstleister für das Medienland Bayern profiliert. Darauf verwies auch Staatsminister Kreuzer in seiner Ansprache beim Kick-off-Event, womit die BLM wieder einmal bewies, dass sie auch sprachlich auf der Höhe der Zeit ist.

Im neuen Jahr erreichten mich zwei Anfragen aus dem Medienrat: Der Abgeordnete Eberhard Rotter stellte fest, dass die barrierefreien Angebote der privaten Programme noch sehr unzureichend sind und bat darum, dieses Thema aktiver als bisher zu begleiten. Und der Abgeordnete Heinz Donhauser wies mich auf die sogenannten Fake-Dokus hin, die auch unter dem Genre-Begriff der "scripted reality" firmieren. Beide Themen werden im Fernseh-Ausschuss beziehungsweise bei der nächsten Informationssitzung des Medienrats behandelt. Darüber bin ich im Gespräch mit Herrn Keilbart. Wer, wenn nicht die Gremien sollen sich mit solchen inhaltlichen Fragen auseinandersetzen und dazu Position beziehen? Als Vorsitzender danke ich den Mitgliedern des Medienrats für alle Anstöße nicht nur in diesem Bereich. Während der letzten Wochen, als ich wieder einmal das unsägliche RTL-Format "Ich bin ein Star - holt mich hier raus" angeschaut habe, wurde mir einmal mehr bewusst, dass ein Kopfschütteln nicht genügt. Inzwischen haben wir uns anscheinend an die klaustrophobischen Mutproben und an die Ekel- und Würgeattacken gewöhnt. Nicht gewöhnen sollten wir uns daran, dass hier die trivialste Form der Geschwätzigkeit zum permanenten Programmprinzip erhoben wird und erst recht nicht dürfen wir uns daran gewöhnen, dass solche öffentlich ausgebreiteten Belanglosigkeiten auch noch als "Hartz-4-Fernsehen" apostrophiert werden. Das ist Zynismus auf Kosten der sozial Schwächsten.