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Bericht des Vorsitzenden zur 15. Sitzung des Medienrats

07.02.2013 | 15 / 2013

In der vergangenen Woche habe ich an einer Sitzung des Fernsehausschusses teilgenommen und konnte miterleben, wie Verantwortliche von Tele 5 Stellung nahmen zur Programmentwicklung und Akzeptanz ihres Senders. Solche Gespräche mit den Anbietern gehören zum Alltag der Ausschussarbeit. Sie liefern den Mitgliedern des Gremiums wichtige Basisinformationen und schärfen ihr Medienbewusstsein, aber auch das Verständnis für die oft schwierige Situation der privaten Anbieter. Die Atmosphäre bei dieser Art des Gedankenaustausches ist in der Regel selbst dann sehr sachlich und kooperativ, wenn problematische Sachverhalte angesprochen werden müssen. Schließlich wissen sich alle Beteiligten einig in dem Ziel, dass die privaten Sender ihre Möglichkeiten wirtschaftlich erfolgreich und mit programmlichen Innovationen nutzen können. Am vergangenen Donnerstag zeigte jedoch Kai Blasberg, der Geschäftsführer von Tele 5, ein Verständnis von Medienaufsicht, das wenig hilfreich war. Mit ungewohnter Schärfe, am Rande eines Eklats, verteidigte er das sendereigene Format „Who wants to fuck my girlfriend?“, das zu zahlreichen Protesten im Internet geführt hatte, obwohl es noch gar nicht angelaufen ist. Ich möchte jetzt keine Details aus der nichtöffentlichen Sitzung nennen. Jedenfalls gab es niemand im Ausschuss, der in den Verdacht der Vorzensur geraten wollte, und es gab auch niemand, der das Format, das er noch gar nicht kennen konnte, trotzdem schon verurteilt hat. Am Ende blieben einige sehr kritische Fragen, beginnend bei dem reißerischen Titel, der geradezu um Aufmerksamkeit bettelt, Fragen auch nach dem behaupteten satirischen Charakter der Serie, nach ihren Geschlechterrollen und vor allem nach dem Hybridformat, das anscheinend die Scripted Reality, die uns schon so oft beschäftigt hat, in den sexistischen Klamauk weiterdreht. Am nächsten Donnerstag um 23.10 Uhr, also zu einer für den Jugendmedienschutz unproblematischen Zeit, kann sich jeder selbst davon überzeugen, ob uns von Tele 5 intelligente Unterhaltung oder doch nur eine Mogelpackung voller trivialer Anzüglichkeiten aufgetischt wird.

Im Anschluss an das Gespräch mit den Programmverantwortlichen von Tele 5 entwickelte sich im Fernsehausschuss eine Diskussion, die mehr war als nur eine Nachbetrachtung des Gehörten und Gesehenen: Hier ging es um das Selbstverständnis der Medienräte. Sollen wir uns darauf beschränken, die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben zu überwachen oder nehmen wir für unsere entsendenden Einrichtungen, mithin für die Gesellschaft, eine Verantwortung wahr, die deutlich darüber hinausgeht? Sind wir in wichtigen Momenten das Mediengewissen, das manchen Anbietern zu fehlen scheint? Vielleicht sogar ein Störfaktor, auf den das regulierte System dringend angewiesen ist, sonst würde es leerlaufen? Ich neige zu dieser Auffassung, auch wenn ich mich vor Übertreibungen hüte. Wir dürfen weder Geschmacksrichter sein noch Erbsenzähler, die bei Programmverstößen nicht mehr gewichten. Aber von uns wird zu Recht erwartet, dass wir die zugelassenen Programme bewerten und dass wir diese Bewertungen kommunizieren. Wer dafür nach Begründungen sucht, findet hinreichend Material im Governance-Gutachten der Gremienvorsitzenden, das beim bayrischen Medienrat schon öfters Thema war. Auch unser Mediengesetz, zu dessen Kategorien ja nicht umsonst die Programmqualität gehört, liefert Argumente für die ständige Auseinandersetzung mit den Anbietern und ihren Angeboten, die vom Gremium zu leisten ist.

Nach solchen eher grundsätzlichen Ausführungen bin ich Ihnen ein Beispiel schuldig für die notwendige Programmkritik. Dafür habe ich heute ein Format ausgesucht, das zur Erfolgsgeschichte für RTL wurde und zu dem anscheinend schon alles gesagt worden ist: „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ Zur Verblüffung vieler Beobachter wurde ausgerechnet dieses Format für den Grimme-Preis im Unterhaltungsbereich nominiert. Mein erster Gedanke: Sind die Programme der Privaten so schlecht geworden, dass sie keine anderen Nominierungen mehr hergeben? Mein zweiter, ganz anderer Gedanke: Hat hier, fast unbemerkt, während der letzten Jahrzehnte ein Paradigmenwechsel stattgefunden, eine Neubewertung von Programmen, deren einstige Anstößigkeit nicht mehr als solche empfunden wird? Ich sah mir daraufhin einige der Sendungen an, die einen geradezu rituellen Ablauf haben und mit sehr vielen Wiedererkennungsmerkmalen arbeiten. Da gibt es einen Abenteuerspielplatz, der immer der gleiche ist, und es gibt das bewährte Schema der Mutproben, die sich manchmal zu einem klaustrophobischen Alptraum auswachsen können. Gegenüber früher, so schien es mir, haben jedoch die Ekelportionen, die von den Protagonisten verschlungen werden müssen, an Größe zugenommen und damit auch der Würgereiz, ein besonderes Merkmal des Formates. Doch rechtfertigt das schon die Nominierung? Lehrreich ist jedenfalls das inszenierte Gefälle zwischen den böse zugespitzten, augenverdrehenden Kommentaren der beiden Moderatoren, die das Dschungelpersonal auseinandernehmen, und der geistigen Ödnis der Campbewohner mit ihren Enthüllungsgeschichten. Zwischen Zickenkrieg und Heulattacken feiert sich hier der Trash.

Wie früher die Talksendungen lebt auch das Dschungelformat von der Häme, die öffentlich sanktioniert wird. Der Voyeurismus, die Schlüsselloch-Perspektive, gehört zum Genre. Man mag das bedauern – ich bin so altmodisch und tue es, weil die medial vorgeführten Verhaltensweisen nicht ohne Einfluss bleiben werden auf das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Mein Bedauern mit den Möchtegern-Sternchen und den abgetakelten Diven, die in die künstlich hergestellte Wildnis ziehen, hält sich allerdings in Grenzen; dazu werden die Bewerber um die Talmi-Krone des Dschungelkönigs dann doch zu fürstlich entlohnt vom Sender. Keinen Anlass zur Medienschelte lieferte bei der letzten Serie, wie übrigens schon öfters, das Publikum vor den Bildschirmen. Die große Mehrheit wählte zuerst die blassen Kunstfiguren aus dem Camp, danach die destruktiven und nervigen Egoisten und zuletzt die besonders souverän auftretenden Profis. Übrig blieb der argloseste Kandidat, ein Tor (ob er nun eine Rolle gespielt hat oder nicht), der sich fernhielt vom Intrigantenstadl und mit seinen Vorstellungen so gar nicht in die Halbwelt der Dschungelpromis passen wollte. Das war eine hübsche Pointe in einem eher langweiligen Spiel, dessen kontinuierlicher Quotenerfolg den Medienwissenschaftlern einige Rätsel aufgeben dürfte.

Statt eines Resümees, das ich Ihnen schuldig bleibe, verweise ich lieber auf YouTube. Da zählt neuerdings ein Ausschnitt aus einer Talksendung von Markus Lanz zu den Spitzenreitern. Beim Dschungelthema rastete die Schauspielerin Katrin Sass aus. Ganz im Stil einer großen Heroine zerschmetterte sie die Sendung und konnte sich über die Zumutung, darüber reden zu müssen, gar nicht mehr beruhigen. Das ist großes Theater, das den Abstand zum kleinen, etwas schäbigen Theater des Dschungels umso deutlicher macht. Warum, frage ich mich, wird nicht diese Szene für den Grimme-Preis nominiert?