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Grußwort von Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring zur Fachtagung „Medien, Bildung, Soziale Ungleichheit“ von JFF – Institut für Medienpädagogik am 13. November 2009 in der BLM

13.11.2009 | P&R

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Sehr geehrte Frau Dr. Niederfranke,
sehr geehrte Frau Prof. Theunert,
sehr geehrter Herr Prof. Schorb,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

als Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien begrüße ich Sie ganz herzlich zur Fachtagung "Medien. Bildung. Soziale Ungleichheit" hier in unserem Hause. Ich freue mich, dass wir heute in Kooperation mit dem JFF und gefördert durch das Bundes­ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend dieses für unsere Gesellschaft wichtige Thema diskutieren.
Die Bedeutung dieses Themas nimmt zweifellos zu in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche. Und solche Umbrüche erleben wir derzeit nicht nur im Bereich der Medien. Ich werde am Ende dieses kurzen Grußwortes auf die Medien zurückkommen. Beginnen möchte ich aber mit zwei Berichten der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die aus dreißig Mitgliedsländern besteht, die sich Demokratie und Markt­wirtschaft verpflichtet fühlen und die fast durchweg zu den klassischen Industriestaaten zählen. Laut einem der Berichte der OECD, der im vergangenen Jahr erschienen ist, allerdings lediglich Daten bis 2005 in die Analyse mit einbezieht, weil nur dafür international vergleichbare Zahlen vorliegen, geht die Schere zwischen Arm und Reich in unserem Land immer weiter auseinander. Während die Armutsquote in Deutschland Anfang der 90er Jahre noch rund ein Viertel geringer war als im OECD-Mittel, liegt der Anteil der Menschen, die in relativer Armut leben, der Studie zufolge mittlerweile knapp über dem OECD-Schnitt. Besonders betroffen davon sind vor allem die Kinder, deren Armutsrate im Untersuchungs­zeitraum zwischen 1985 und 2005 von sieben auf 16 Prozent anstiegen ist.

Gerade mit Blick auf diesen erschreckenden Anstieg der Kinderarmut in Deutschland ist es besonders wichtig, dass wir, die Gesellschaft, nicht nur die Alarmglocken läuten hören, sondern tatsächlich handeln. Bildung scheint hier ein probates Mittel, denn mit einer fundierten Bildung sind die Chancen deutlich größer, dass der Sprung aus der Armut gelingt.
Doch Bildung kommt nicht von alleine und erfordert nicht nur guten Willen und gesell­schaftliches Engagement, sondern benötigt auch entsprechende finanzielle Mittel. Zumindest den Willen kann man der neuen Bundesregierung nicht absprechen. Im Koalitionsvertrag heißt es nämlich, ich zitiere: „Bildung ist der entscheidende Zukunftsfaktor für unser Land, aber auch für die Chancen jedes einzelnen Menschen. (…) Ein erfolgreiches Bildungswesen muss Begabung fördern, Lernschwache stärken und den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufbrechen.“ Zitat Ende.

Dass sowohl der Beitrag als auch der Betrag, den unsere Gesellschaft derzeit für Bildung investiert, dringend erhöht werden muss, wird vor dem Hintergrund einer weiteren OECD-Studie mit dem Titel „Bildung auf einen Blick“ eindrucksvoll deutlich, die die Bildungs­ausgaben von 2006 analysierte. Diesem Bericht zufolge stand die Bundesrepublik 2006 im Bezug auf die Bildungsausgaben im Vergleich der OECD-Staaten auf dem fünftletzten Platz, nur wenige Prozentpunkte vor Irland oder der Slowakischen Republik. Deutschland investierte demnach lediglich 4,8 Prozent des Bruttoinlandproduktes für Bildung und lag damit weit entfernt von den vier Spitzenreitern Island, USA, Korea und Dänemark, die allesamt mehr als sieben Prozent ausgaben.

Was aber haben die Medien mit Bildung und sozialer Ungleichheit zu tun? Offensichtlich eine ganze Menge. Dies belegt auch eine Studie zur unterschiedlichen Nutzung des Internets als Indikator für soziale Ungleichheit. Die Forscher der Universität Bielefeld fanden dabei heraus, dass weniger der ungleich verteilte Zugang zu Medien wie dem Internet das Problem ist, sondern vielmehr die unterschiedliche Art und Weise der Mediennutzung der verschiedenen Schichten.

Laut der Studie Bielefelder Forscher nutzen Jugendliche mit einem formal höheren Bildungsgrad das Internet sowohl quantitativ als auch qualitativ anders als Heranwachsende mit formal niedrigerem Bildungsniveau. Erstere nutzen das Internet viel häufiger und intensiver zur Informationssuche, Weiterbildung und zum Austausch mit Gleichaltrigen. Dies, so resümieren die Forscher, liege auch daran, dass der informelle Bildungsprozess rückgebunden ist an Voraus­setzungen außerhalb des Internets. Die faktische Existenz sozialer Ungleichheiten und ungleicher Zugang und Verteilung zu so wichtigen Komponenten wie soziale, kulturelle und ökonomische Ressourcen, bedingen offensichtlich die genannten Unterschiede in der Mediennutzung.

Im Prinzip stützen diese Ergebnisse die kommunikationswissenschaftliche „knowledge gap-Theorie“, also die Theorie von der Wissenskluft durch unterschiedlichen Medienkonsum zwischen einer sozial schwächeren, eher schlecht gebildeten Schicht und denen mit höherem sozialem Status und damit einhergehend besserer Bildung. Seit Entstehen des Internets spricht man in diesem Zusammenhang auch von einem „digital divide“, einer digitalen Kluft.

An dieser Stelle könnte man nun eine Diskussion über „Paid Content“ für publizistische Inhalte im Internet beginnen. Ist sie eine Notwendigkeit, an der kein Weg vorbeiführt, die aber die „Nebenwirkung“ hat, die digitale Kluft weiter zu fördern?

Ich will es aber an diesem Punkt bewenden lassen, denn nach mir folgen zahlreiche äußerst kluge Experten und da möchte ich den Moderator des heutigen Tages, Prof. Lilienthal, ausdrücklich einschließen. Entschuldigen will ich mich dafür, dass ich leider nicht wie vorgesehen an der abschließenden Podiumsdiskussion teilnehmen kann, da ich zwischen dem Grußwort und der Podiumsdiskussion einen unaufschiebbaren Termin wahrnehmen muss, und es wenig Sinn macht, dieses wichtige Thema zu diskutieren, ohne die Vorträge gehört zu haben. Ich bin sicher, dass mich die Leiterin der KJM-Stabsstelle (Kommission für Jugendmedien­schutz) und stv. Vorstandsvorsitzende der Stiftung Medienpädagogik, Verena Weigand, äußerst kompetent vertreten wird. Ihnen allen wünsche ich eine spannende und erkennt­nisreiche Veranstaltung und darf nun das Mikrofon an Frau Dr. Niederfranke übergeben.