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Grußwort von BLM-Präsident Siegfried Schneider zum 1. Deutschen Social TV Summit am 14. Juni 2012 in München

14.06.2012 | P&R / 2012

- Es gilt das gesprochene Wort! -


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, Sie hier in der BLM zum 1. Deutschen Social TV Summit begrüßen zu dürfen. Der Titel der heutigen Veranstaltung weist darauf hin, dass wir davon überzeugt sind, dass es auch einen zweiten, dritten und vierten Deutschen Social TV Summit geben wird. Eben weil wir an die Zukunft von Internet und Fernsehen glauben und nicht an die Alternative Internet oder Fernsehen, haben wir uns die Rechte für die Wort-/Bild-Marke „Deutscher Social TV Summit“ gesichert und wollen entsprechende Veranstaltungen auch in den kommenden Jahren durchführen.

Social TV ist zumindest in Deutschland ein relativ neues Thema und dennoch ist es in aller Munde. Dabei drängt sich der Eindruck auf, dass nicht alle Protagonisten unter Social TV tatsächlich das Gleiche verstehen. Es wird also heute nicht zuletzt darum gehen, zu klären, was Social TV eigentlich ist. Auf einen kurzen Nenner gebracht, soll Social TV das Fernsehen einerseits interaktiv machen und andererseits personalisieren. Dies gilt letztlich für alle Fernsehinhalte, also auch für die Werbung.
Zu Recht bemerken einige Autoren, dass Ansätze zu einem interaktiven Fernsehen nicht wirklich neu sind. Bereits im März 1971 wurden wir erstmals in der Sportschau aufgefordert, eine Postkarte zu schicken, um das Tor des Monats zu wählen. 600.000 Zuschriften hat der WDR bei der Wahl zum ersten Tor des Monats erhalten. Seit den 80er Jahren wird bei „Wetten, dass…?“ dazu aufgerufen, per TED den Wettkönig zu küren. Das Problem bei diesen frühen Formen und Ansätzen zur Interaktivität war der sogenannte „Medienbruch“. Auf Grund eines fehlenden Rückkanals war immer noch ein zusätzliches Medium notwendig, in der Regel das Telefon oder die Post. Um diesen Medienbruch zu überwinden, haben vor etwa acht Jahren eine Gruppe von Hard- und Software-Entwicklern und Medienprofis hier in München die Betty AG gegründet und eine drahtlose Fernbedienung entwickelt, die über einen Rückkanal verfügte. Betty sollte die direkte Teilnahme an Quizshows, Gewinnspielen, Umfragen, Votings, das Bestellen von Waren, den Abruf von Informationen bis hin zu kostenpflichtigen Angeboten wie Spielen und Filmen ermöglichen. Vor acht Jahren ist Betty auch in diesem Raum vorgestellt worden und es gab nicht wenige, die dachten, das ist das nächste große Ding, endlich wird Fernsehen interaktiv. Und nicht nur die Juristen der BLM haben sich die Köpfe zerbrochen, was Betty eigentlich ist und ob das Ganze nicht doch einer ordentlichen rundfunkrechtlichen Genehmigung bedarf. Betty ist nicht „the next big thing“ geworden. Vielleicht haben die Experten hier auf den Podien eine Idee, woran es gelegen hat. Möglicherweise daran, dass die Sender sich nicht daran beteiligt haben, aus Sorge um ihre eigenen Geschäftsmodelle oder weil die soziale Komponente nicht ausreichend vorhanden war, die bei den aktuellen Social TV-Ansätzen gerade im Mittelpunkt steht. Denn da sind sich eigentlich alle Experten einig: Fernsehen war und ist ein soziales Medium.

Gespräche über Fernsehsendungen im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz gibt es, seit es das Medium Fernsehen gibt. Dass die Häufigkeit, in der wir uns über Sendungen austauschen, eher nachgelassen hat, liegt primär an der immer weiter gestiegenen Vielfalt des Programmangebots. Social Media macht es möglich, dass wir uns heute gegenseitig auf einzelne Sendungen hinweisen und uns über den „second screen“ während der Sendung darüber austauschen. Die lange vertretene These, dass Social Media das Fernsehen schwächt, wandelt sich damit in ihr Gegenteil. Facebook und Co. ermöglichen es uns, unser Bedürfnis nach Kommunikation über Fernsehinhalte zu befriedigen. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine amerikanische Studie von Ende 2011, bei der es darum ging, zu untersuchen, welche Auswirkungen Social Media auf das Fernsehen hat. Mit dem Ergebnis, dass mit der Häufigkeit, in der in Facebook, Twitter oder Blogs über ein Programm gesprochen wird, auch die Quote des Programms steigt. Wichtig für die Sender ist dabei, dass die Zuschauer auf ihren Facebook-Fanseiten diskutieren und nicht irgendwo im Netz. Steigerung der Quoten, Stärkung der Bindung zum Zuschauer, vor allem die Bindung jüngerer Zielgruppen sind positive Effekte, die die Fernsehanbieter aus Social TV ziehen. Dass die Diskussionen über Fernsehinhalte im Netz mit den Quoten auch die Reichweite der Werbung erhöhen, ist dabei mehr als nur ein angenehmer Nebeneffekt.

Der Austausch über Fernsehinhalte und die positiven Auswirkungen auf die Sender sind ein Aspekt. Ein anderer ist die Möglichkeit einer direkten Beteiligung der Zuschauer an Sendungen. Diesen Weg ist Richard Gutjahr mit seinem Fernsehexperiment „rundshow“ beim Bayerischen Rundfunk gegangen, das jetzt kanalübergreifend vier Wochen gelaufen ist. Gutjahr und verschiedene netzerfahrene Partner wollten mit diesem Experiment zeigen, dass Zuschauer bereit sind, ihren passiven Part aufzugeben und selbst zu Fernsehakteuren zu werden, wenn man ihnen Rückkanäle zur Verfügung stellt. Richard Gutjahr wird später u.a. in einem Interview über seine Erfahrungen mit diesem neuen Format berichten. Dabei drängen sich einige Fragen auf: Haben wir mit der „rundshow“ einen Vorgeschmack auf das Fernsehen der Zukunft bekommen? Wie weit kann die Interaktion zwischen Programm und Nutzer gehen? Werden die Nutzer zu entscheidenden Programmakteuren oder werden sie eher auf weiterführende Inhalte verwiesen und findet primär darüber eine Interaktion statt? Werden interaktive Programmformate die Norm oder bleiben sie auch in der Fernsehzukunft die Ausnahme?

Eine Tatsache ist, dass in der Ära des Social TV der Zuschauer noch sehr viel gründlicher analysiert werden kann als bisher. Die Beteiligten hinterlassen Berge von Daten und wir alle wissen, dass Daten die Währung des Internet-Zeitalters sind. Welchen Effekt werden diese Daten haben? Sie werden die Personalisierung von Werbung ermöglichen und damit deren Effizienz steigern. Die Frage ist, werden sie auch zu personalisierten Programmen führen und wie weit kann diese Personalisierung gehen? Und schließlich: Wird Social TV das Fernsehen, wie wir es heute kennen, ablösen? Oder wird sich das Soziale, Virtuelle und Personalisierte auf einige wenige Formate bzw. Anbieter konzentrieren und ein Großteil der Zuschauer wird Fernsehen weiterhin als Lean-Back-Medium verstehen, ideal um auszuspannen, ohne gefordert zu sein?

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wir haben heute beim 1. Deutschen Social TV Summit als Referenten und auf den Podien anerkannte Experten zu diesem Thema, die ich noch einmal herzlich begrüßen möchte einschließlich des Moderators Michael Praetorius. Social TV ist derzeit vor allem mit Fragen behaftet. Ich bin optimistisch, dass wir heute bis späten Nachmittag auf viele dieser Fragen entsprechende Antworten erhalten werden. Drei Antworten darauf wie die Menschen in Bayern aktuell Social Media nutzen, kann ich Ihnen noch als Diskussionsgrundlage mitgeben: Infratest hat für uns dazu im Rahmen der Funkanalyse Bayern eine repräsentative Befragung von 3.000 Personen durchgeführt. Demnach surfen im Durchschnitt knapp 24 Prozent der bayerischen Bevölkerung, die ein Smartphone, einen Tablet-PC oder ein Notebook nutzen mindestens einmal täglich während des Fernsehens im Internet, bei den 14- bis 19-Jährigen sind es über 45 Prozent. Im Durchschnitt über 10 Prozent rufen während des Fernsehens Informationen zur Sendung ab; 2,7 Prozent kommentieren gleichzeitig das TV-Programm, das sie sehen. Bei den 14- bis 19-Jährigen liegen die entsprechenden Werte bei 16 und 17 Prozent. Das zeigt, wir sprechen heute über ein Thema, das an Relevanz gewinnen wird.