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Kolloquium zur Archivierung privater Rundfunkangebote in Bayern: Austausch zwischen Archivaren und Medienmachern fördern

25.03.1998 | 25 / 1998

Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) hat gemeinsam mit der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns am 24.03.1998 ein Kolloquium zur Archivierung von Rundfunkproduktionen privater Anbieter durchgeführt.

Der Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, Prof. Dr. Hermann Rumschöttel, hob bei der Eröffnung des Kolloquiums im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München hervor, daß mit dieser Veranstaltung - als erster ihrer Art in Deutschland - der kontinuierliche Meinungsaustausch zwischen privaten Rundfunkanbietern und professionellen Archivaren angestoßen werde. Die Archive würden für die audiovisuellen Medien mit ihrem enormen Bedarf an Programmware zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Der Präsident der Landeszentrale, Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring, verwies zunächst auf die Aufgabe der Landeszentrale, auf die Archivierung von Programmen privater Veranstalter hinzuwirken. Vor rund 70 Rundfunkarchivaren und Medienmachern unterstrich Ring, daß viele O-Töne, Beiträge oder Musikaufnahmen der lokalen Rundfunkanbieter für die programmliche Wiederverwendung wertvoll wären. Von den Rundfunkanbietern sollten deshalb praxisorientierte lokale regionale Rundfunkarchive aufgebaut werden. Die Landeszentrale werde auch in den jeweiligen Sendegebieten den Austausch zwischen Archivaren und Medienmachern fördern.

Dr. Manfred Treml, BLM-Medienrat und Vorsitzender des Verbandes bayerischer Geschichtsvereine, wies im Rahmen des Kolloquiums darauf hin, wie wichtig es sei, Rundfunkanbieter vom hohen Nutzen der Programm-Archivierung zu überzeugen. Um den Bedürfnissen insbesonderer kleiner Anbieter gerecht zu werden, müßten möglichst klare und praxisorientierte Standards für die Archivierung gefunden werden. Die Rundfunkstationen könnten von entsprechenden Archiven sowohl programmlich als auch in ihrer Darstellung nach außen profitieren. Die Archivierung gewährleiste darüber hinaus, daß wichtige Wirtschafts- und Kulturgüter unserer Zeit nicht in Vergessenheit gerieten.

Über Aufgaben und Organisation von Rundfunkarchiven referierte Dr. Heiner Schmitt, Leiter der Hauptabteilung Archiv, Bibliothek, Dokumentation des ZDF. Die Hauptaufgabe bestehe in der Materiallieferung zur Wiederverwendung und Weiterverwertung des audiovisuellen Quellenmaterials. Medienprodukte wären "wesentliches Quellenmaterial unserer Zeit" und historische Forschung sei ohne AV-Medien künftig nicht mehr denkbar. Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk leitet sich die umfassende Kompetenz zur Archivierung laut Schmitt aus dem Programmauftrag ab und führt auch dazu, daß die Archive für die Fachöffentlichkeit zu nutzen sind. Voraussetzung für eine kommerzielle Nutzung sei die Klärung urheberrechtlicher Aspekte.

Die Praxisberichte von Mario Müller, Deutsches SportFernsehen (DSF), Georg Diedenhofen (Antenne Bayern) und Dr. Klaus Schäfer (Südwestfunk) unterstrichen, daß sich die Archivierung an den Anforderungen der programmproduzierenden Journalisten bzw. Redakteure zu orientieren habe. Übereinstimmend wurde betont, daß kompetentes Personal erforderlich ist und hierfür auch entsprechende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden müßten. Hans-Jörg Xylander, Bayerischer Rundfunk, betonte die besondere Bedeutung der Bewertung des Sendematerials, da eine Totalarchivierung aus praktischen Gründen weder leistbar noch sinnvoll sei.

Perspektiven der digitalen Archivierung wurden von Michael Ulrich, Siemens AG, und Dr. Clemens Vetter, Siemens Nixdorf, dargestellt. Digitale Archive sind danach nicht mehr vom Sendebetrieb isoliert, sondern von Beginn an Bestandteil des Produktionsvorgangs. Die digital archivierten Daten können nutzerspezifisch in vielfältiger Weise zur Weiterverwendung abgerufen werden. Damit wandelt sich das Archiv in seiner Funktion von der passiven Langzeitsicherung zum aktiven Präsenzspeicher, der Archivar werde vom Bewahrer von Daten zum Informationsmanager.

Die Vertreter der lokalen Rundfunkanbieter bestätigten, daß die Archivierung von Programmbeiträgen zur Wiederverwendung wie auch zur zeitgeschichtlichen Dokumentation wünschenswert, derzeit jedoch auf Grund fehlender Mittel und fehlender Standards nur eingeschränkt zu leisten sei. Insbesondere in der Langzeitbewahrung werde ein großes Problem gesehen: Nach zehn Jahren seien viele Magnetbänder nicht mehr zu verwenden.

Die Landeszentrale wird als weitere Maßnahme zur Archivierung von Rundfunkproduktionen lokaler Anbieter in Bayern auf die Erarbeitung eines Kriterienkatalogs hinwirken. Zur Förderung des Wissenstransfers wird die Landeszentrale ferner auf lokaler/regionaler Ebene Workshops mit den Anbietern und Rundfunkarchivaren anbieten. Die Ergebnisse dieser Kooperation sollen dann in zwei oder drei Pilotprojekten umgesetzt werden. Auf die Grundfrage des Kolloquiums "Löschen und vernichten oder bewahren und nutzen?" gab es für die Besucher eine eindeutige Antwort: auswählen, erfassen, bewahren und nutzen, wo bislang oft nur gelöscht wurde.