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Wie man einen gestreßten Zuhörer in seinem stinkenden Auto festhält - Valerie Geller demonstrierte in ihrer Keynote auf den Nürnberger Lokalrundfunktagen ‘98 die Basis für "Creating Powerful Radio"

23.06.1998 | L3 / 1998

Wer wissen wollte, wie man "powerful radio" macht, der war bei der Keynote-Ansprache der US-Amerikanerin Valerie Geller im Rahmen der Nürnberger Lokalrundfunktage ‘98 doppelt gut aufgehoben. Die erfolgreiche Journalistin und Consulterin präsentierte nicht nur inhaltlich die Grundelemente, die für ein erfolgreiches Radioprogramm notwendig sind, sondern sie zeigte auch durch ihren lebendigen Vortrag, wie man den Zuhörer fesseln kann.

"Powerful radio" ist dann eingetreten, wenn ein abgehetzter Hörer, der zu spät zu einer wichtigen Verabredung kommt, trotzdem in seinem stinkenden Auto bleibt, weil er nicht verpassen möchte, wie die Radiosendung weitergeht, so die Ansicht von Geller. Daß dabei ein amerikanischer Hörer vielleicht von anderen Showelementen gefesselt wird als ein deutscher, räumte sei ein. Aber - und davon ist die Amerikanerin überzeugt - es gibt einige Bereiche, die uns überall auf der Welt als Menschen und Kommunikatoren verbinden. Und diese Bereiche, die "powerful radio" ausmachen, faßt Geller in 13 Punkten zusammen.

Neben bekannten Forderungen wie dem Bild im Kopf des Hörers und der Maxime, auf keinen Fall jeweils langweilig zu sein, betonte Geller auch Grundsätze, die den deutschen Radiomachern ihrer Meinung nach noch relativ fremd sind: Dazu gehört vor allem die Schaffung einer Sender-"stationality", also eines Persönlichkeits-Profils der Radiostation. Das Programm soll eine Einheit darstellen, in der sich alle Bausteine in ein Gesamtkonzept einordnen lassen, also ohne daß man bei dem Wechseln von der Moderation zu den Nachrichten das Gefühl haben muß, dabei auch den Sender gewechselt zu haben.

Die Art der "stationality" soll jedoch nicht von den Umfragen der Marketing-Fachleute abhängig gemacht werden, sondern von den Persönlichkeiten innerhalb der Radio-Station. Nur "personality" führt auch zu "stationality", erklärte Geller. Sie erteilte damit allen Senderchefs eine Absage, die die Qualität ihres Programms durch Investitionen in das Equipment und nicht in das Personal erhöhen wollen.

Auch Gellers Vorstellung von Radio-Nachrichten widerspricht der gängigen Gleichung: Nachrichten bedeuten Seriosität. Etwa vier Tage gäbe es pro Jahr, an denen die Menschen die Nachrichten wirklich bräuchten. Zu allen anderen katastrophen-, wahl- und kriegslosen Zeiten müsse man die Leute nur interessiert halten. Und das geht am besten, wenn man Nachrichten - so wie alle anderen Radio-Beiträge - als Geschichten von Menschen betrachtet, erklärte Geller.

Dazu ist etwas mehr Risikobereitschaft der deutschen Radiomacher notwendig. Doch dies gilt nach Meinung Gellers ohnehin nicht nur für Nachrichten, sondern für das gesamte Radioprogramm. Gewohnheit sollte nie ein Argument dafür sein, ein Programmelement in der bestehenden Form beizubehalten. Sonst könnte es den Sendern so ergehen, wie der Frau in Gellers Geschichte, die vor dem Kochen immer die Enden des Bratens abschnitt mit der Begründung, ihre Mutter hätte es auch immer so gemacht. Auf Nachfrage erklärte die Mutter, auch die Großmutter wäre so verfahren. Als jedoch die Großmutter gefragt wurde, warum sie ihren Braten verkürzt hatte, antwortet die, daß sie einfach keine Pfanne gehabt hätte, die groß genug für das ganze Stück war.