Cookie Hinweis

Archiv / Suche:

Zurück zur vorherigen Seite

Aufwachsen mit Bilderwelten und Konsequenzen für das pädagogische Handeln - Fachtagung in der BLM verschafft interdisziplinäre Zugäng

08.11.2005 | 59 / 2005

Schnelle Schusswechsel, ertrinkende Menschen, verletzte Kriegsopfer: Die Bilder­flut, die via Fernsehen, Internet oder über Computerspiele täglich auf Kinder und Jugendliche einwirkt, ist gewaltig – und Bilder sind mächtig. Sie werden auf sehr unter­schiedliche Weise verarbeitet: Die Frage, wie sich Heran­wachsende Bilder­welten aneignen, stand im Zentrum der interdisziplinären Fach­­tagung „Bilder­welten im Kopf“ am 4. November 2005 in der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). Auf Einladung des JFF – Institut für Medienpädagogik, der BLM und der Bundes­zen­trale für politische Bildung (bpb) waren rund 130 Teilnehmer aus den beteiligten Wissenschaften, Jugendschutz und Medien nach München gekommen, um sich darüber zu informieren, wie das „Auf­wachsen mit Bilderwelten“ aus den Perspek­tiven der Medienpädagogik, der Neuro­wissenschaft, der Entwicklungs­psycho­logie und der pädagogischen Psycho­logie interpretiert wird.
 
In einem Punkt waren sich die Referenten und Referentinnen am Ende des Tages einig: Das Herstellen monokausaler Zusammenhänge zwischen Medienkon­sum und Medienwirkung ist absolut ungeeignet, um die komplexe Welt der Wahr­nehmung visueller Prozesse zu erklären. Vielmehr sollte es eine enge Kooperation zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen und der Praxis (u.a. den Jugend­schützern) geben, um populistischen Interpretationen entgegentreten zu können.
 
In den Grußworten der Veranstalter kam immer wieder zur Sprache, wie stark Bilder wirken können. „Weil Bilder mächtig sind, weil sie mit ungeheurer Wucht auf uns wirken, ist es notwendig, dass die Professionalisierung in der Bildproduktion mit einem ebenso versierten Umgang mit Bildern durch die Rezipienten einhergeht“, mahnte BLM-Präsident Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring. Wie wichtig die Vermittlung ent­sprechender Medienkompetenz ist, betonte auch Barbara Simon vom Bundes­ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das die Veranstaltung ge­fördert hatte: „Wir können unsere Kinder heutzutage nur mit und nicht gegen die Medien erziehen.“
 
Wie unterschiedlich die Interpretationen zur Wirkung von Medien und Bildern sind, stellte Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung heraus: Deshalb täte es dem Jugendschutz gut, sich verwandte Disziplinen als Gesprächs­partner zu suchen, so Krüger. Dies gelte auch für die Medienpäda­gogik, bestätigte JFF-Vorsitzender Prof. Dr. Bernd Schorb.
 
Das Verstehen und der kompetente Umgang mit Bilderwelten ist laut JFF-Direktorin Dr. Helga Theunert ein zentrales Element für die Teilnahme an der Gesellschaft. Welche Bedeutung Bilderwelten für Heranwachsende haben können, erläuterte sie am Beispiel von Computerspielen. Virtuelle Spielwelten, so Theunert, böten die Mög­lich­keit des „Probehandelns“. Während die Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt bei den Medienpädagogen und Entwicklungspsychologen im Mittelpunkt steht, unter­suchen die Neurowissenschaftler Wirkungsprozesse mit streng natur­wissen­schaft­­lichen Methoden. Sie messen die Gehirnströme im Rahmen simulierter Aktionen. So erklärte Prof. Dr. Klaus Mathiak von der Universitätsklinik in Aachen die Reaktionen von Probanden am Beispiel virtueller Gewalt: Computerspiele ver­stärk­ten die Aggression durch Interaktivität, so Mathiak. Mit dem Einsetzen der Aggressivität würden die „affektiven Areale des Menschen herunterreguliert“ und die „kognitiven Areale“ hochgefahren.
 
Wie sich Fernsehkonsum auf die mentale Entwicklung von Kleinkindern (0-3 Jahre) und Kindern (3-10 Jahre) auswirken kann, fasste die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Lieselotte Ahnert zusammen. Ihre Thesen: 1. Die Bildverarbeitung durch Kleinkin­der müsse in reale Beziehungsstrukturen eingebettet werden. Sonst blieben die Wissensstrukturen unscharf. 2. Mit der systematischen Einbeziehung von Medien solle den mentalen Kompetenzen Rechnung getragen werden. Im Alter von 0-3 Jahren wäre ein Bilderbuch dafür aber geeigneter als das Fernsehen. 3. Eine gezielte „Medienerziehung“ müsse allerdings schon früh erfolgen, um Medienkom­pe­tenz zu vermitteln.
 
Prof. Dr. Andreas Krapp wies aus Sicht der pädagogischen Psychologie darauf hin, wie stark die individuellen Lern- und Entwicklungsprozesse von persönlichen Interessen bestimmt werden. Man solle sich hüten, das Verführungspotenzial von Bilderwelten immer sofort in den Mittelpunkt zu stellen, so Krapp. Die persönlichen Interessen hätten für die Bewältigung von Entwicklungsauf­gaben im Jugendalter eine zentrale Bedeutung. So rückten z.B. bei W-LAN-Parties die gewalt­haltigen Inhalte häufig in den Hinter­grund, weil das Interesse an der sozialen Spielgemein­schaft, der Organisation und der Beherrschung der Technik viel höher sei.

Wie trügerisch die „bunten Bilder“ einer neurowissenschaftlichen Abbildung des Gehirns im Gegensatz zu nüchternen psychologischen Diagrammen sein können, demonstrierte Prof. Dr. Gudula List als Einstimmung auf die Podiumsdiskussion. Die Gehirnforscher würden nur das „Wo“, aber nicht das „Wie“ der Funktionen erklären, warnte sie vor populistischen Thesen.
 
Dieser These stimmten auch die Diskutanten zu. Doch Thomas Krüger plädierte entschieden für die Einbeziehung naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden in die Überlegungen von Jugendschützern und Medienpädagogen. Die Medien­päda­gogik sei häufig ein „zahnloser Tiger“, so Krüger, und müsse endlich aus ihren Gräben heraus. Dass wissenschaftliche Erkenntnisse gerade im Jugendschutz nur eine begrenzte Rolle spielen könnten, betonte Verena Weigand, Leiterin der Stabs­stelle der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). Denn letztlich müssten die Jugendschützer eine normative Entscheidung fällen. Allerdings, und darin stimmte ihr Prof. Dr. Gerhard Tulodziecki zu, könnten die Erkenntnisse anderer Disziplinen zur Einordnung von Wahrnehmungsprozessen und Medieneinflüssen sehr hilfreich sein.
 
Die Aufgabe, Schlussfolgerungen aus der Tagung für die Medienpädagogik zu ziehen, hatte zum Abschluss Prof. Dr. Hans-Dieter Kübler. Er hob noch einmal hervor, dass Medienpädagogik neben aller analytischen Forschung die Chancen unmittelbarer Erfahrungen und des praktischen Handelns mit Individuen biete.

>> Kontakt: Bettina Pregel, Tel. (089) 63 808-318, bettina.pregel@blm.de