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Wie sieht die Zukunft des Fernsehens aus? - Großes Interesse am BLM-Forum „Neues Fernsehen. Fernsehen der Zukunft?“

27.04.2007 | 20 / 2007

Wie sieht unser Fernsehen in fünf Jahren aus? Welche Rolle werden dann die heutigen Programmveranstalter, Netz- und Satellitenbetreiber spielen? Wie wird sich IPTV entwickeln? Welche Bedeutung kommt dem Internet zu? Diese und weitere Fragen wurden im Rahmen des BLM-Forums „Neues Fernsehen. Fern­sehen der Zukunft?“ von einer hochkarätigen Expertenrunde vor voll besetzten Besucherrängen in der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) disku­tiert. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Publizisten Werner Lauff. 
 
In seiner Einführung verdeutlichte BLM-Präsident Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring, dass derzeit trotz einer nie gekannten Vielfalt im Fernsehmarkt weiterhin die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die beiden großen Senderfamilien und im Pay-TV-Markt Premiere die Szene beherrschen. Auf der anderen Seite gebe es eine ganze Reihe sichtbarer Veränderungen, z.B. was das konkrete Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen betreffe. Trotz dieser Veränderungen zeigte sich Ring überzeugt, dass die traditionellen TV-Anbieter gut gegen die neue Konkurrenz gerüstet seien: „Sie haben die finanziellen Mittel, die Erfahrung und die Kreativität.“ Kritisch äußerte sich Ring zu den Reaktionen der öffentlich-rechtlichen Anstalten auf die Einstellung des Beihilfeverfahrens durch die EU: „Nachdem nun die Antwort der EU vorliegt, darf man gespannt sein, wie deren Anforderungen umgesetzt wer­den. Dabei geht es vor allem um die präzise Festlegung des Funktionsauftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und dessen Kontrolle.“
 
Als erster Referent stellte Ferdinand Kayser, Präsident und Vorstandsvorsitzender von SES Astra, die Pläne des Satellitenbetreibers vor. Astra sei neutraler Technolo­giedienstleister, der Programmanbietern u.a. eine direkte Endkundenbeziehung ermögliche. Im Gegensatz zu Netzbetreibern stehe ASTRA nicht in Konkurrenz zu den TV-Sendern, da das Unternehmen auch in Zukunft nicht im Content-Bereich tätig werde. Die Herausforderung für die Zukunft sei, eine homogene, offene und neutra­le Receiverplattform zu schaffen mit den Mindestspezifikationen diskriminie­rungs­freier Basis-Navigatoren/EPG, garantiertem Jugendschutz, einheitlicher Kanal­num­me­rie­rung und einheitlichem Kopierschutz. Außerdem plane Astra die Einführung von Breitband-Internet und den Empfang von TV-Programmen auf mobilen Endgeräten über Satellit.
 
Premiere sei mit derzeit 3,41 Mio. Abonnenten mit Abstand der führende Abo-Sender in Deutschland und Österreich, so Carsten Schmidt, Vorstand Sports &New Business bei Premiere und habe für die Zukunft ein riesiges Potential, da zwei Drittel der Fernsehhaushalte in Deutschland und Österreich erst in den kommenden Jahren digitalisiert werden. Besonders erfolgreich sei Premiere mit seiner neuen flexiblen Preis- und Angebotsstruktur, so Schmidt. Dazu gehöre auch ein neues Prepaid-Angebot, mit dem sich Premiere weitere Zielgruppen erschließen könne. Für die Zukunft setze Premiere sowohl auf IPTV und Internet-Fernsehen als auch auf Mobile-TV.
 
Premiere Sky startet im September
Als neues Angebot von Premiere soll im September dieses Jahres Premiere Sky an den Start gehen. Dies berichtete dessen Geschäftsführer Wolfram Winter. Es herrsche seit langem eine große Nachfrage nach einer Satellitenplattform für Pay-Angebote. Nachdem sich niemand gefunden habe, der den möglichen Vorgänger Stargate finanzieren wollte, freue er sich, dass diese Idee nun von Premiere umge­setzt werde. Etwa 50 Anbieter würden nach derzeitigem Stand gerne von Premiere Sky vermarktet werden, es wären aktuell aber nur Kapazitäten für ca. 20 Sender vorhanden. Im Gegensatz zu Premiere, das Programme bisher nur exklusiv ver­mark­tet habe, werde Premiere Sky auch Programme vermarkten, die bereits auf anderen Plattformen vertreten seien.
 
Im Gegensatz zum Satelliten verfügt das Kabel bereits über direkte Kundenbe­ziehun­gen. Deshalb sieht Dr. Christoph Clement, Direktor Recht und Regulierung bei der Kabel Deutschland, sein Unternehmen für den kommenden Wettbewerb gut gerüstet. Die KDG habe in nur drei Jahren 500 Mio. Euro in den Netzausbau in­vestiert. Im Frühjahr 2009 sollen 14 Mio. Haushalte Triple Play (Telefonie, Internet und Fernsehen) nutzen können. Über besondere Kompetenz verfüge man derzeit im Fernseh­markt. Schon heute biete die KDG ihren Kunden 100 digitale Free-TV und 120 Pay-TV-Program­me. Für die Zukunft plane man Video on Demand und interaktives Fernsehen. Eine Stichtagsregelung für das Umschalten von analogem auf digitales Fernsehen sieht Clement derzeit nicht, da zu viele Marktteilnehmer in dieser Frage zusammenwirken müssten.
 
Wie nicht anders zu erwarten, sieht auch die Telekom gute Wettbewerbschancen für sich, wie Gert von Manteuffel, Senior Vice President IPTV, in seinem Referat ver­deutlichte. Auch sie bietet ihren Kunden Triple Play. Das T-Home-Angebot um­fasst Free- und Pay-TV, Video on Demand, ein TV-Archiv, EPG, Personal Video Recorder und die Möglichkeit, interaktive Formate zu nutzen. Bis 2007 sollen 8,2 Mio. Haushalte mit einem Highspeed-Internetzugang über VDSL versorgt werden können und zu­sätzlich 750 Städte mit der ADSL2+ Technik. IPTV sieht von Manteuffel auf dem Weg zum Massenmarkt in Deutschland.
 
Ein Zwischenruf kam an dieser Stelle von Dr. Robert Niemann, General Manager AXN. Sein Credo: Es lebe die Programmmarke. Angesichts der zunehmenden Unüber­sichtlichkeit der Angebote und der Übertragungswege sei nichts wichtiger als die Programmmarke. Der Zuschauer könne und wolle auch in Zukunft nicht Programmdirektor sein. Deshalb diene die Programmmarke als „Leuchtturm im Programmdschungel“.
 
Die Theorie bzw. Prognose der Sendermarken als Leitmedium in der digitalen Welt wurde im Laufe der Veranstaltung mehrfach wiederholt, u.a. von Thomas Schult­heiß, Geschäfts­führer Seven Senses. Die ProSiebenSat.1-Gruppe, so Schultheiß, positioniere sich mit neuen Services wie Video-on-Demand (Maxdome), Mobile-TV und Netzange­boten (z.B. MyVideo) in der digitalen Medienwelt, aber das Fernsehen bleibe auch künftig das wich­tigste Leit­medium. Das Ziel: Die bekannten Sender- und Formatmarken sollen auf allen Bild­schirmen zu sehen sein und den Nutzern in der digitalen Welt Orientierung geben. Das linea­re TV werde also durch nicht-line­are Angebote er­gänzt, nicht ersetzt. Dennoch stehe der Markt für Fernsehen und Video auf Abruf erst am Anfang der Ent­wick­lung.
 
HDTV-Start in 2010
Dass die Erfolge eines funktionierenden Marktes nicht nahtlos auf neue Entwick­lungen übertragen werden können, verdeutlichte Wolfgang Wagner vom ZDF in seinen Ausführungen zum Thema „HDTV – auf steinigem Weg“. HDTV, das hoch­auflösende Fernsehen, so die ZDF-Position, sei der nächste konsequente Schritt zur Qualitätsverbesserung. Deshalb plant das ZDF den HDTV-Start zu den Olym­pischen Winterspielen im Februar 2010. Um HDTV erfolgreich „auf die Schiene setzen zu können“, müssten erst noch folgende Prämissen erfüllt sein: die Ver­stän­digung auf einen gemeinsamen Standard, ein abgestimmtes Vor­gehen der Markt­teilnehmer und die Verdeutlichung des erkennbaren Mehrwerts für den Nutzer.
 
Diesen Mehrwert suchen zur Zeit auch noch diejenigen, die IPTV im „walled gar­den“, also z.B. T-Home oder Alice-TV, abonniert haben. IPTV sei, einfach beschrie­ben, das, was wie Fernsehen aussieht und wie Internet funktioniert, fasste Werner Lauff populäre Definitionsversuche zusammen, schob aber gleich eine wesent­lich kompliziertere Definition hinterher. Begleitende Interaktivität  gehöre nicht zwin­gend zur IPTV-Definition, so Lauff, gehöre aber zu denjenigen Funktionen (z.B. vir­tueller Videorekorder oder EPG), die in Umfragen am stärksten mit IPTV verbun­den wer­den. Derzeit geschehe aber in den „walled garden“-Angeboten nicht viel mehr, als lineare Fernsehprogramme zu bündeln und sie über DSL auszustrahlen, be­schrieb er das „Paradoxon“ von IPTV.
 
Umstiegskonzept analog - digital erforderlich
Einem „Paradoxon“ der Digitalisierung, die das Fernsehen der Zukunft erst ermög­licht, gingen die Teilnehmer an der Abschlussdiskussion auf den Grund. Jeder will die neue Fernsehwelt mit einer Vielzahl von Kanälen und Wahl­möglichkeiten, aber bisher gebe es immer noch kein für alle Beteiligten akzeptables Umstiegsszenario von analog auf digital und eine Menge „Regulierungsbaustellen“, betonte Ursula Adelt, Geschäftsführerin des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien. Die Digitalisierung, kritisierte Adelt, sei bisher ein Desaster gewesen: 23 Mio. der 34 Mio. TV-Haushalte in Deutschland würden immer noch analog fern­sehen, und die Programmveranstalter sähen sich mit einer Segmentierung der Über­tragungswege und Endgeräte konfrontiert.
ZDF-Justitiar Prof. Dr. Carl-Eugen Eberle forderte deshalb erneut einen Runden Tisch, an dem alle Free-TV-Sender gemeinsam den Umstieg vorbereiten und sich für Set-top-Boxen mit offenen Schnittstellen einsetzen sollen. Nicht einig war sich Eberle mit Adelt in der Frage der Grundverschlüsselung: „Machen Sie mit der Grundver­schlüs­se­lung nicht den Schritt hinter den ‚walled garden’“, warnte Eberle, was bei BLM-Geschäftsfüh­rer Martin Gebrande auf Unverständnis stieß. Ein grundsätz­liches „Ja, aber“ kenn­zeichne die Position der BLM, so Gebrande. Natür­lich müssten für den Umgang mit der Grundverschlüsselung Regulierungsvorgaben erarbeitet wer­den, die BLM sehe sich als Regulierer hier aber eher in der Rolle des Ermöglichers als des Verhinderers.
Mit keinen Regulierungsvorgaben hat derzeit IPTV-Anbieter Ingo Wolf, Geschäfts­führer Grid TV, zu kämpfen. Es sei sehr leicht, Sender ins Netz zu bringen, so Wolf, aber nicht immer leicht für den Nutzer, sie auch zu finden, warf Gebrande ein. Einen thematischen IPTV-Hype, der zur Blase werden könnte, die wie schon einmal in der Internet-Entwicklung geschehen, leicht platzen könnte, gestand selbst Wolf ein. Während Wolf keine Migrationsprobleme mit Blick auf das Fernsehen der Zukunft sieht (Internet und Fernsehen wachsen sowieso zusammen), konstatierten die anderen Diskussionsteilnehmer eher ein „vorsichtiges Reinschreiten“ (Eberle) der TV-Sender in die Internet-Welt mit all ihren Möglichkeiten.
 

>> Kontakt: Dr. Wolfgang Flieger, Tel. (089) 63 808-313, wolfgang.flieger@blm.de