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Wie viel Medien brauchen Kinder? - Experten betonen zentrale Rolle der Eltern beim Medienkonsum anlässlich der sechsten Augsburger Mediengespräche

31.01.2008 | 04 / 2008

Kinder schauen mittlerweile weniger fern als früher. Der Grund: Das Fernsehen wird in der Altersgruppe der 6- bis 13-Jährigen durch andere Medien ergänzt. Bei den 12- bis 19-Jährigen belegen Studien sogar fast eine Vollversorgung mit TV-Geräten, Mobiltelefonen, Computern, Internet und MP3- oder CD-Playern. Zudem sind Kinder und Jugendliche ihren Eltern heute im Technik- und Medien-Know-how weit voraus. Angesichts dieser Entwicklungen fehlt vielen Eltern die Orientierung, wenn es um die Frage geht, wie viel Medienkonsum für ihren Nachwuchs gut ist. Die Frage diskutierte daher ein Expertenforum mit Vertretern aus Politik, For­schung, Medien, Kriminologie, Jugendschutz und Pädagogik, das am 29. Januar 2008 im Rahmen der 6. Augsburger Mediengespräche stattfand. Durch die Fachdiskussion führte ZDF-Mode­ratorin Maybrit Illner.
 
Rund 400 Teilnehmer interessierten sich für die Veranstaltung im Augsburger Rathaus, die von der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) in Kooperation mit den lokalen Radio- und Fernsehsendern sowie der Stadt Augsburg veranstaltet wird. Oberbürgermeister Dr. Paul Wengert betonte in seinem Grußwort ange­sichts der langen Tradition Augsburgs als Presse- und Verlagsstadt: „Es ist wichtig, das wir unser Augenmerk auf die sich verändernde gesellschaftliche Rolle und Verantwortung der Medien richten.“
 
Eltern seien, was den Medien- und insbesondere Fernsehkonsum angeht, die wichtigsten Vorbilder für ihre Kinder, erklärte eingangs BLM-Präsident Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring. So beobachteten Fernsehforscher beispielsweise, dass in den neuen Bundesländern die Menschen länger fern sähen als in den alten. Gleiches gelte für die Kinder. Hinsichtlich der Kontrolle entwicklungsbeeinträchtigender und jugendgefährdender Inhalte in den elektronischen Medien wies Ring als Vor­sitzender der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) darauf hin: „Ich will nicht sagen, das Fernsehen ist harmlos, aber es ist bei weitem nicht so problematisch wie Teile des Internets, des Spielesektors oder dessen, was Handy-Provider zum Download anbieten.“
 
Die Experten waren sich einig, dass die Einbeziehung der Eltern eine zentrale Rolle spiele. So sollten Eltern mit ihren Kindern zum Beispiel gemeinsam eine TV-Sendung anschauen und mit ihnen darüber sprechen. Wissenschaftliche Unter­suchungen zeigten ferner, dass insbesondere die Lebenswelt Einfluss darauf habe, wie viel Medien und welche Inhalte Kinder konsumierten. Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e. V., erläuterte, dass ein Kind, das in der Familie Gewalt erfahren habe, nicht so gut mit gewalt­haltigen Inhalten umgehen könne, wie Kinder, die in liebevollen Familien aufge­wachsen seien. Zudem müsste, so forderten die Experten, Medienerziehung Bestandteil der Schulbildung sein. Darin sollten Lehrkräfte auch ausgebildet werden.
 
Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), kritisierte, dass gesellschaftliche Probleme stets an die Schule delegiert würden. Daher forderte er von der Politik, mit Ganztagsschulen Strukturen zu schaffen, die es Lehrern ermöglichten, auch wieder Pädagogen sein zu dürfen. Die Schule bräuchte mehr Zeit, sagte er, und zwar für Kinder und Lehrer und nicht nur, um dem Leistungsanspruch gerecht zu werden.
 
GamesMarkt-Chefredakteur Harald Hesse mahnte: „Wir müssen die Eltern mit ins Boot holen. Es funktioniert nur mit, nicht ohne.“ Er warnte davor, durch skandali­sierende Berichterstattung bei Eltern Besorgnis zu erregen: „Vorurteile werden geschürt. Das verhindert, dass sich wertfrei mit dem Thema auseinandergesetzt wird.“ Beispielsweise wüssten Eltern nicht, dass es bei dem populären Multiplayer-Online-Spiel World of Warkraft einen Mechanismus gebe, mit dem man die Spielzeit einstellen könne.
 
Melanie Huml, Staatssekretärin im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, erklärte, dass sowohl Prävention bereits von Kindesalter an als auch Gesetze zum Schutz der Jugend notwendig seien. „Wir fördern Medienkompetenz schon in den Kindergärten – nicht nur der Kinder, sondern auch der Erzieher und Erzieherinnen.“ So genannte „Killerspiele“ sollten verboten werden, bekräftigte sie, um gefährdete Kinder zu schützen.
 
Während unter das Jugendschutzgesetz des Bundes Medieninhalte auf Träger­medien fallen, ist der Jugendschutz in Rundfunk und Telemedien im Jugend­medienschutzstaatsvertrag der Länder geregelt und fällt in die Zuständigkeit der KJM. Als KJM-Mitglied erläuterte Prof. Dr. Ben Bachmair, Fachbereich Erziehungswissenschaft / Humanwissenschaften der Universität Kassel, zur Funktionsweise des Jugendmedienschutzes: „Kriterium ist die Entwicklungsbeein­trächtigung der Kinder. Man darf nicht Lebensstile abstrafen.“ Es gehe um die Aus­einandersetzung, wo die Grenzen lägen. Im Bereich des Fernsehens funktioniere das. Problematisch sei das Internet.
 
Als durchschnittlichen Medienkonsum empfahl BLLV-Präsident Wenzel am Schluss der Veranstaltung, dass Vorschulkinder beispielsweise nicht mehr als 30 Minuten am Tag fernsehen sollten. Allerdings fügte er hinzu: „Es kommt mir nicht auf die Zeit an, sondern auf die Umstände.“ Es sei für ein Kind kritisch, eine halbe Stunde lang allein eine gewalthaltige Sendung anzuschauen, nicht aber zwei Stunden wertvolle Fernsehsendungen zusammen mit den Eltern.
 
 
 
 
>> Kontakt: Johannes Kors, Tel. (089) 63 808-311, johannes.kors@blm.de