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„Jede Gesellschaft bekommt die Sendungen, die sie verdient“ - Gut besuchte Augsburger Mediengespräche zum Thema „Inszenierte Wirklichkeit“

23.09.2010 | 64 / 2010

„Was ist eigentlich noch echt im deutschen Fernsehen?“ Diese Frage stellten sich gestern Abend Medienexperten und bekannte Protagonisten aus TV-Formaten, die bewusst den Stempel „Reality“ tragen, in denen aber vieles frei erfunden ist. Rund 350 Besucher waren auf Einladung der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) und der Augsburger Medienunternehmen ins Rathaus gekommen, um zu erfahren, warum Scripted Reality-Sendungen wie „Familien im Brennpunkt“ und Castingshows wie „DSDS“ so viele, vor allem junge, Zuschauer haben und welche gesellschaftlichen Auswirkungen dies haben könnte. 

Es sind „die permanenten grenzwertigen Verhaltensweisen unterhalb der Ebene der Rechtsverletzung, die möglicherweise schleichend und ohne, dass es uns bewusst wird, unser Wertesystem verändern“, hatte BLM-Präsident Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring mit Blick auf die genannten Unterhaltungsformate zum Auftakt gewarnt. Und der Augsburger Bürgermeister Hermann Weber hatte im Anschluss daran gefragt, was der gesellschaftliche Preis für die inszenierte Scheinwelt sei.

Kulturjournalist Dr. Alexander Kissler hat schon in seinem Buch „Dummgeglotzt: Wie das Fernsehen uns verblödet“ eine deutliche Antwort auf Webers Frage gefunden. In Augsburg spitzte er seine Kritik nochmals zu: „Es handelt sich um Schrei- und Krawall-TV der ordinärsten Form.“ Man könne die frei erfundenen Geschichten und Laiendarsteller aus den gescripteten Sendungen alle „in die gleiche Gosse werfen, aus der sie gekrochen sind.“ Dagegen verteidigte sich Jürgen Erdmann von Norddeich-TV, der die Formate „Die Schulermittler“ und „Betrugsfälle“ produziert, mit der Behauptung: „Wir denken uns keine Fälle aus, die nicht passieren.“ Er gab aber auch zu: „Wer will das schon sehen, wenn es keine Probleme gibt?“

Für seinen „Zynismus“ erntete Kissler von Diplom-Psychologin Angelika Kallwass („Zwei bei Kallwass“) den Vorwurf, nur zu ironisieren und auf die Zuschauer herabzuschauen. Kallwass sieht ihre Sendung, in der sie mit Laiendarstellern inszenierte Konflikte löst, als eine Art „Lebenshilfe“ für die Zuschauer. Sie wolle durch eine besondere Streitkultur „Einsicht zur Veränderung“ vermitteln, was sowohl Kissler als auch Moderator Bernd Gäbler hinterfragten. Egal, ob es sich um Scripted Reality oder Castingshows handele: Letztlich würden durch das soziale Milieu in den Geschichten und die Inszenierung der Darsteller (dick, ungebildet, häufig mit Geldsorgen) doch Klischees und Ressentiments bedient. „Ich will das nicht ausschließen, aber wir lösen sie auf“, entgegnete Produzent Erdmann.

Sänger und Autor Markus Grimm, der über seine Erfahrungen als Gewinner der vierten „Popstars“-Staffel ein Buch geschrieben hat und nun via Facebook diverse Anfragen von Kindern und Jugendlichen bekommt, bestätigte die These von bewusst gewählten Klischee-Geschichten. Castingshows würden als „Schule des Lebens“ verkauft und spiegelten vor, man müsse nur hart genug an sich arbeiten, um ein Star zu werden und deshalb auch harte Urteile durch die Jury aushalten. Doch die privaten Schicksale wären mittlerweile viel wichtiger als die künstlerische Darstellung. Teilweise, so Grimm, würden sogar Behinderte vorgeführt.

Dieses Vorführen und die Abwertung der Kandidaten sowie die Manipulation der Zuschauer kritisierte Dr. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen, als besonders problematisch: Die Macher „nehmen uns als Zuschauer bei der Positionierung von Gewinnern und Verlierern“ mit. Außerdem würden Probleme regelrecht aufgepustet, um den Kinder und Jugendlichen, deren Zukunftsängste in der realen Gesellschaft steigen, eine Projektions- und Identifikationsfläche zu bieten. Zu Scripted Reality gäbe es zwar noch keine Studien, aber die Quoten am Nachmittag steigerten sich enorm. In der Gruppe der 3- bis 13-Jährigen läge der Marktanteil höher als im Kinderprogramm und deshalb sei die offensichtliche Manipulation der Zuschauer besonders gefährlich.

Diese Manipulation zumindest dadurch abzuschwächen, dass viel deutlicher auf die frei erfundenen Geschichten und Inszenierungen hingewiesen wird als nur mit einem Satz im Abspann, schlug Ring vor. Als Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) finde er vor allem die Vorbildfunktionen solcher Sendungen bedenklich, was auch die Medienforscherin Götz bekräftigte. Vielleicht stecke in den Reality-Formen etwas, was die Jugendlichen im realen Leben zu wenig geboten bekämen. Ihr Fazit: „Jede Gesellschaft bekommt die Sendungen, die sie verdient!“

>> Kontakt: Bettina Pregel, Tel. (089) 63808-318, bettina.pregel@blm.de