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Dem Netz das Vergessen beibringen - 9. Augsburger Mediengespräche der BLM und der Augsburger Medienunternehmen über Chancen und Risiken des Social Web

16.09.2011 | 60 / 2011

Internet und soziale Medien ziehen eine Medienrevolution nach sich wie zuletzt die Erfindung des Buchdrucks. Dass sich die damit zusammenhängenden Fragen und Probleme nur schwer einheitlich auf politischer Ebene lösen ließen, darin waren sich die Diskutanten der diesjährigen Augsburger Mediengespräche unter dem Titel „Dabei sein ist alles!? Chancen und Risiken des Social Web“ am gestrigen Donnerstag im Augsburger Rathaussaal einig. Abgesehen davon diskutierten die Experten das Thema der Diskussionsveranstaltung kontrovers.

„Ich wünsche mir, dass wir die Herausforderungen, die die Veränderung mit sich bringt, annehmen“, erklärte der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring bei der Begrüßung der rund 350 Gäste. Online sein sei heute der Normalzustand, egal auf welchem Gerät. „Wie wir es gestalten, entscheiden wir selbst“, betonte er. Ring, der Ende des Monats aus dem Amt scheidet, begrüßte letztmalig in seiner Funktion als BLM-Präsident das Publikum der Augsburger Mediengespräche.

Dr. Kurt Gribl, Oberbürgermeister der Stadt Augsburg, dankte Ring herzlich für sein erfolgreiches Engagement. Die BLM leiste mit dieser Veranstaltung in der Medienstadt Augsburg wertvolle Arbeit. Gribl bekräftigte, dass ihn das Thema Social Web als Stadtoberhaupt auch stark beschäftige, bis hin zu der Frage, ob aus Stadtratssitzungen getwittert werden dürfe.

Aufgrund der einfachen Bedienbarkeit und Nützlichkeit entdecken immer mehr Menschen, auch ältere, soziale Netzwerke: Facebook allein verzeichnet mehr als 700 Millionen Mitglieder weltweit, 20 Millionen davon in Deutschland. Insgesamt sind 40 Millionen in Deutschland lebende Nutzer in Social Communities wie Facebook, StudiVZ, Xing, Lokalisten und Google+ vertreten.

Der 16-jährige Philipp Riederle, Verfasser des erfolgreichen Podcasts „Mein iPhone/iPad und ich“ und Geschäftsführer von Phipz Media, Burgau, bestätigte für die jungen Zielgruppen: „In Schulen wird nur über soziale Netzwerke kommuni¬ziert.“ Problematisch sei die mangelnde Kompetenz bei den jungen Schülern in Hinblick auf Sicherheitseinstellungen und darauf, welche Inhalte sie auf Facebook veröffentlichten. „Ich plädiere ganz klar für Medienkunde in der Schule“, forderte der junge Webexperte.

Thomas Kreuzer, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, kritisierte die fehlende Transparenz der Social-Media-Anbieter und die dadurch entstehende Gefahr des Datenmissbrauchs. Er unterstrich die Notwendig-keit der Aufklärungsarbeit an Schulen. In Bayern gäbe es derzeit dafür u.a. 120 medienpädagogisch und informationstechnisch ausgebildete Beratungslehrer in den Schulen, die die Lehrkräfte in der Vermittlung von Medienkompetenz unterstützten.

Thomas R. Köhler, Geschäftsführer der CE21 – Gesellschaft für Kommunikations-beratung, München/Bonn, und Autor des Buches „Die Internetfalle“, unterstrich die Gefahren, die durch die Sammelwut privater Daten und deren Verkauf entstünden - zumal sich immer neue Begehrlichkeiten ergäben, nicht nur von Unternehmens-, sondern auch von staatlicher Seite. Als Beispiel wies er auf die niederländische Polizei hin, die Daten des Navigationsgeräteanbieters TomTom für die Platzierung von Radarfallen gekauft habe. „Wir geben Daten an Dritte, von denen wir nicht wissen, was sie damit machen“, so Köhler.

Prof. Dr. Armin Nassehi, Inhaber des Lehrstuhls Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, merkte in diesem Zusammenhang an: „Wir wissen nicht einmal mehr, wer ein Unternehmen ist.“ All die bisherigen Identi-tätsideen – Individuen, Unternehmen, Staaten – würden im Internet nicht mehr gelten.

Bei all der Kritik machten die Web 2.0-Befürworter auf die Innovationskraft aufmerksam, die soziale Netzwerke extern wie intern den Firmen bringen. Selbst Andreas Rettig, Geschäftsführer des FC Augsburg, der weder E-Mail noch soziale Netzwerke nutzt, bestätigte den Wert der Facebook-Seite des Vereins für die Fußballfans, um sich zeitnah zu informieren, wies aber auf wirtschaftliche Gefahren hin, wenn Spieler eigene Fanseiten betrieben und es so zu einer Kannibalisierung in der Vermarktung käme.

Podcaster Riederle warnte die Unternehmen davor, dass sie bald keine neuen innovativen Arbeitskräfte mehr fänden, wenn sie bei Bewerbern nur danach gingen, was über sie in Facebook zu finden sei. Der Blogger und Medienberater Michael Praetorius regte an, dass es an der Zeit sei, dem Netz das Vergessen beizubringen, weil viele der gesammelten Daten niemandem nutzten. Seiner Ansicht nach dürfe man sich in Deutschland neuen Technologien nicht verweigern.

Der Soziologe Nassehi konstatierte, dass der Datenschutz auf politischer Ebene nicht lösbar sei und empfahl, Innovationen zu wagen und Vertrauen zu haben. Bisher hätten die Nutzer noch in jeder Medienrevolution gelernt, mit dem neuen Medium umzugehen.

 

 


>> Kontakt: Dr. Wolfgang Flieger, Tel. (089) 63808-313, wolfgang.flieger@blm.de