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30 Prozent Online-Handel bis 2020 - Händler sollen neue Technologien offensiv nutzen – 1. Ostbayern-Forum der BLM zu Konsequenzen der E-Commerce-Entwicklung

01.02.2013 | 02 / 2013

„Der Online-Handel gräbt den stationären Einzelhändlern zunehmend das Wasser ab“, so Prof. Dr. Gerrit Heinemann vom eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Diese Entwicklung kann die Bayerische Landes-zentrale für neue Medien (BLM) nicht kalt lassen. Als Aufsichtsbehörde u.a. für den lokalen Rundfunk „sind wir auch verantwortlich für die Wirtschaftlichkeit der Angebote“, sagte BLM-Präsident Siegfried Schneider am Donnerstagabend in Regensburg. Brechen dem lokalen Handel Umsätze weg, dann fehlen den lokalen Sendern wichtige Werbeeinnahmen. Das 1. Ostbayern-Forum der BLM am 31. Januar 2013 in Regensburg zum Thema „E-Commerce und Multichannel – Herausforderung für Einzelhandel, Städte, ländlichen Raum und lokale Medien“ suchte mit mehreren Vorträgen und einer Podiumsdiskussion nach Lösungsansätzen.

Der reine Blick auf die Einzelhandelsumsätze des Jahres 2012 verschleiert aus Heinemanns Sicht die wahre Wucht der Entwicklung. Denn um rund drei Prozent gestiegene Lebensmittelpreise haben den Gesamtumsatz nach oben getrieben. Nach seinen Berechnungen ist der stationäre Einzelhandel ohne Lebensmittel, der Non-Food-Bereich, 2012 real um über vier Prozent geschrumpft. Gleichzeitig sei der Online-Handel mit Non-Food-Produkten um 21 Prozent oder 4,4 Milliarden Euro gewachsen. Für das Jahr 2020 geht er davon aus, dass 30 Prozent des Umsatzes im Netz generiert wird. Weitere rund 20 Prozent der Einzelhandelskäufe werden die Kunden durch Produktrecherchen oder Erkundigungen im digitalen Freundeskreis online vorbereitet haben.
Dabei wandern verschiedene Produkte unterschiedlich schnell in die virtuelle Welt. Bücher sind dort laut Heinemann schon zu mehr als 40 Prozent angekommen, Mode zu 20 Prozent. Erste Branchen kommen schon jetzt richtig unter Druck. „Buchläden großer Ketten mit über 5.000 Quadratmetern werden wir nicht mehr lange sehen“, sagte Heinemann voraus.

Gebrauchtwagenhandel findet online statt

Ein anderes Beispiel brachte Franz Xaver Hirtreiter, Inhaber der Deggendorfer AVP-Gruppe in die Diskussion. Das Unternehmen verkauft an mehreren Standorten 11.000 Autos pro Jahr. „Dramatisch ist der Umbruch bei Gebrauchtwagen“, sagte Hirtreiter. Stündlich glichen seine Mitarbeiter mittlerweile die Preise der Gebrauchten im Internet an, weil Autohändler wegen der völligen Transparenz dank der Gebrauchtwagenbörsen sonst keine Chance mehr hätten. „Das Internet ist ein Killer kleiner Autohändler, die sich diesen technischen und personellen Aufwand nicht leisten können.“

Dr. Georg Wittmann vom E-Business-Institut ibi Research, angegliedert an die Universität Regensburg, sieht Risiken wie Chancen für den stationären Handel. Kunden wie Händler nutzten die Vermischung der Einkaufsformen gleichermaßen. Multichannel lautet der Fachbegriff für den flexiblen Verkauf über verschiedene Kanäle. „Vor allem die über 20 Millionen internetfähigen Handys, die in Deutschland genutzt werden, machen die bequeme Mischung aus Internetrecherche und traditionellem Einkaufen immer attraktiver“, sagte der Wissenschaftler.

Spannend war dazu das Beispiel eines Regensburger Teehauses, das Juniorchefin Sandra Bachfischer schilderte. Neben dem Laden in der historischen Altstadt betreibt Bachfischer seit 2006 einen Online-Shop. Erfolgreich: 40 Prozent des Umsatzes kamen 2012 aus dem Netz. Grundlage ist, dass die Kunden, ob stationär oder online, genau dasselbe Angebot bekommen: Dieselben Tees, denselben Service und dieselben Preise. Und Bachfischer mischt viele Teespezialitäten selbst, entzieht sich beim Preis also der direkten Vergleichbarkeit mit anderen Anbietern.

Emotionen und Erlebnisse bieten

„Händler mit stationären Geschäften müssen die Gefahr aus dem Internet ernst nehmen“, mahnte Michael Seidl Projektleiter bei CIMA Beratung und Management für Stadtentwicklung und Einzelhandel. Die Chancen der Läden sieht Seidl in Emotionen und Erlebnis: Waren berühren, riechen, ausprobieren, Menschen treffen, „Dinge erleben, die nur im persönlichem Kontakt möglich sind“, so der Projektleiter. Als Beispiel nannte er einen Supermarkt in der Nähe von Regensburg, der zu festen Zeiten qualifizierte Beratung zu gesunder und ausgewogener Ernährung anbietet.
Darüber hinaus empfiehlt er, die neuen Techniken aktiv zu nutzen, selbst wenn das Geschäft nicht online verkauft: Mobile Rabatt-Coupons, Angebote an eingetragene Kunden per E-Mail, SMS, als App oder über Portale wie Groupon. Dazu die intensive Nutzung von Suchmaschinen-Werbung, um möglichst viele überzeugende Kontaktpunkte zu schaffen. Location based services – standortbezogene Dienste – die Nutzern von Smartphones Empfehlungen in ihrer direkten Nähe geben. Und, fast schon ein Klassiker, eine Website, die zum Geschäft passt und Lust auf einen Besuch macht. „Solange der stationäre Einzelhandel aktiv ist und auch online verkauft oder zumindest Online-Marketing nutzt, wird er von der digitalen Welt profitieren“, sagte Seidel. Verlieren werden passive Händler, die keine Impulse setzen. Das hat dann auch Auswirkungen für die Städte und Gemeinden. Denn setzt der Handel keine Impulse, dann verliert mit ihm der Standort.
Deswegen appellierte Seidel an die Kommunen, den Handel zu unterstützen. Zum Beispiel durch die Einbindung in Stadt-Apps oder durch intelligentes Parkplatzmanagement, bei dem sich das Ticket per SMS bezahlen lässt.

Eine Anregung an die bayerische Politik hatte Franz Müller, Leiter des Handelsreferats im Bayerischen Wirtschaftsministerium, bei der abschließenden Podiumsdiskussion. Der umsatzstärkste Tag beim Online-Giganten amazon sei ausgerechnet der Sonntag vor Weihnachten – wenn alle Geschäfte geschlossen haben. Zwar wolle er keine offenen Sonntage, „doch eine komplette Freigabe der Ladenschlusszeiten von Montag bis Samstag würde dem stationären Handel helfen“, so Müller.


>> Kontakt: Dr. Wolfgang Flieger, Tel. (089) 63808-313, wolfgang.flieger@blm.de