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Wenn der beste Freund auch sozialer Leibwächter ist - Tagung zu mobilen Medien in der Lebenswelt von Jugendlichen

02.12.2013 | 69 / 13

Einfach in die Luft starren? Ist out. Jugendliche überbrücken Wartezeiten heute anders. Zum Beispiel, indem sie über WhatsApp mit Freunden in Kontakt treten. Immerhin 70 Prozent der 12- bis 19-Jährigen haben die Nachrichten-App auf ihr Handy geladen. Textnachrichten schreiben, Musik auf YouTube hören, bei Facebook Fotos kommentieren: Das Smartphone besetzt soziale Räume. Und dient dabei auch, aber nicht nur dem Zeitvertreib. Wie die mobilen Endgeräte das Leben der Heranwachsenden verändern und was das für die Medienpädagogik bedeutet, darum ging es auf der 9. Interdisziplinären Tagung „vernetzt_öffentlich_aktiv. Mobile Medien in der Lebenswelt von Jugendlichen“ am 29. November in München. In Kooperation mit der BLM hatte das „JFF – Institut für Medienpädagogik“ 185 Teilnehmer aus Forschung und Praxis zum Gedankenaustausch eingeladen. Gefördert wurde die Tagung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Sozialisation von Jugendlichen ist heute eine mediale Sozialisation. Sie ist ein fortdauernder Prozess, der nicht mehr an Familie, Kirche oder ähnliche Institutionen gebunden ist. Stattdessen hat sie ihre eigenen Räume im Netz. Aufgabe der Medienpädagogik sei es, die Jugendlichen auf dem Weg dorthin zu begleiten und Fragen zu klären, damit sie sich zum „Souverän“ entwickeln können, sagte der Vorsitzende des JFF, Professor Bernd Schorb, in seiner Begrüßung. Links zu Hintergrundpositionen seiner Rede konnten die Zuhörer gleichzeitig bei Twitter nachlesen. Das Zwitschern unter Hashtag #idt13 war Teil der Metakommunikation, die auf mehreren Kanälen rund um die Tagung lief. Tweets und ein Blog unter www.id-tagung.de ergänzten die Beiträge, eine Zeichnerin brachte sie simultan als „graphic recording“ auf eine Plakatwand. Spätestens hier wurde deutlich, wie vielfältig und einander bereichernd Techniken der analogen und digitalen Kommunikation sind. Im Nachgang stehen auch einzelne Vorträge im Tagungsblog zur Verfügung.

Mobile Jugendmedien: Vom Radio zu WhatsApp und Co.
Wer mit Jugendlichen arbeitet, muss ihre Kulturtechniken lernen. Weshalb Dr. Matthias Thiele, Medienwissenschaftler an der TU Dortmund, in seiner Einführung die Frage aufwarf, wie neu das Phänomen der mobilen Jugendkultur ist. Und ob sie nicht schon seit langem eine technische Kultur ist. Schließlich, so Thiele, nutzte selbst die naturbewegte Wandervogel-Bewegung der vorletzten Jahrhundertwende die Technik ihrer Zeit – ohne Eisenbahn keine Fahrt ins Grüne. In den 1950er-Jahren wiederum war das Radio eins der ersten mobilen Jugendmedien. „Der Blick auf das Alte vermag zu klären, was das Neue überhaupt ist“, sagte Thiele. Und deckte auf, wie sich in der Mediennutzung bestimmte Grundbedingungen immer wieder neu miteinander verschränken.

In Ergänzung zu diesem kulturhistorischen Blick klärte Professor Nicola Döring von der TU Ilmenau, wo die Jugendlichen heute stehen. Und dass der Begriff der mobilen Medien eigentlich ein falscher ist: „Sie sind vielmehr portabel.“ Das mache eine „öffentliche Inszenierung“ möglich, bei der mitunter der Anschein trügt: „Der Großteil der portablen Kommunikation findet zu Hause statt“, weiß Döring. Daheim, im Jugendzimmer oder abends unter der Bettdecke, betreten junge Menschen die virtuellen Räume, in die ihre Eltern ihnen nicht folgen können. Textkommunikation spielt dabei eine große Rolle. „82 Prozent der Jugendlichen tippen in erster Linie.“ Befördert solche Netzkommunikation den Verlust von realen Beziehungen? Diesem Vorurteil trat die Psychologin vehement entgegen. Freundschaften zu pflegen und auszubauen, das habe mit Sozialkompetenz zu tun. „Wer im realen Leben viele Freunde hat, der zeigt das auch auf sozialen Plattformen.“

Ohne Hilfestellung geht es nicht
Wie kann die Medienpädagogik diese Erkenntnisse für sich nutzen? Wie lässt sich souverän mit Smartphones umgehen? Wie steht es um den Datenschutz? Referate und Diskussionen, moderiert von den JFF-Mitarbeitern Kerstin Heinemann, Niels Brüggen und Sebastian Ring sowie JFF-Direktorin Dr. Ulrike Wagner, bildeten den zweiten Teil des Tages. Die Gedanken zum Rauschen brachte direkt nach der Mittagspause Professorin Nadia Kutscher von der Universität Vechta. Erobern Jugendliche mediatisierte Räume oder erobern mediale Räume die Jugendlichen? Das war eine ihrer Fragestellungen. Kutscher, die auch den Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung mit verantwortet, steht dem Umgang mit Smartphones kritisch gegenüber. Mobilgeräte seien auch „soziale Leibwächter“, warnte Kutscher, sie förderten Praktiken der Selbstunterwerfung und Normierung. „Jugendliche bei der Suche nach Autonomie zu unterstützen, das sehe ich als eine Aufgabe der Medienpädagogik.“

Auch beim Datenschutz benötigen Jugendliche solche Unterstützung, erinnerte Miriam Meder vom Bayerischen Landesamt für Datenschutzaufsicht: Wie sicher Apps auf dem Smartphone wirklich sind, hat die Juristin mit ihren Kollegen gerade erst überprüft. Das Ergebnis kann weder die minderjährigen Nutzer noch ihre Eltern oder Pädagogen beruhigen. So seien bei Apps oft nicht einmal die Datenschutzerklärungen ausreichend, rügte die bayerische Datenschützerin. „Nur 25 Prozent der geprüften Inhalte hatten das nötige Maß an Transparenz.“

Was tut die Politik für die Sicherheit? Nach Ansicht von Verena Weigand nicht genug. Die BLM-Bereichsleiterin Medienkompetenz und Jugendschutz kritisierte, dass sich der Jugendmedienschutz zunehmend verlagert: weg von der Politik, hin in die Familie und pädagogische Arbeit. Gleichzeitig betonte sie: Ein technischer Schutz allein reicht nicht aus. „Weil er kein Bewusstsein schafft, wie man sinnvoll mit den Medien umgeht.“

Gut, dass Daniel Seitz von der Agentur Mediale Pfade zum Abschluss ein Positivbeispiel für den sinnvollen Umgang mit portablen Medien vorstellen konnte. Der Medienpädagoge hat gerade die „Berufsrouten Leipzig“ umgesetzt, ein Projekt, für das Jugendliche in der Orientierungsphase Beiträge über Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten produzieren. Mit Smartphone und Tablet zogen die jungen Erwachsenen los und erarbeiteten sich ein neues Bild ihrer Stadt. Ein spielerischer Ansatz, der die Berufswahl in Lebenswelt der Jugendlichen holt. Denn, wie es BLM-Präsident Siegfried Schneider eingangs in seiner Begrüßung sagte: „Für Jugendliche ist das Smartphone nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken.“ Das gilt für wichtige Themen wie die Berufswahl ebenso wie für Wartezeiten auf den Bus.

Informationen zur Veranstaltung unter www.medienpuls-bayern.de

>> Kontakt: Dr. Wolfgang Flieger, Tel. (089) 63808-313, wolfgang.flieger@blm.de