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Hilfestellung geben statt Fronten aufbauen - Augsburger Mediengespräche thematisieren richtigen Umgang mit Smartphone

14.10.2016 | 65 / 2016

 
Häufiger weglegen, ganz ausschalten oder besser einen sinnvollen Umgang trainieren? Auf den Augsburger Mediengesprächen 2016 diskutierten Experten über den richtigen Umgang mit Smartphones und das digitale Leben zwischen Bereicherung und Burnout.
 
Es ist nur ein Handgriff, doch er verändert alles: 55 Mal am Tag nutzen wir laut einer Studie der Universität Bonn Smartphone-Funktionen. Alle 18 Minuten schicken wir WhatsApp-Nachrichten oder Mails, surfen oder telefonieren. „Das Smartphone wird zur Schnittstelle für die Welt da draußen, mit der es sich zu synchronisieren gilt – stets verbunden mit der bangen Frage: Verpasse ich auch nichts Wichtiges?“, beschrieb BLM-Präsident Siegfried Schneider die Herausforderungen im Umgang mit dem mobilen Alltagsbegleiter.
 
Wie viel Mobilität ist sinnvoll? Wie viel ist gesund? Besteht die Gefahr eines digitalen Burnouts? Zur Klärung dieser Fragen hatten die Bayerische Landeszentrale für Neue Medien und Augsburger Medien­unternehmen gestern abend ins Rathaus eingeladen. Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein diskutierte mit Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Medien mögliche Leitlinien einer Smartphone-Nutzung.
 
Welche Anforderungen die digitalen Veränderungen an den Alltag stellen, lässt sich praxisnah in der Gastgeber-Stadt Augsburg erleben. Wegen der so genannten Smombies – Smartphone-Nutzer, die sich nur noch mit gesenktem Kopf fortbewegen – hat die Stadt testweise Lichter am Boden installiert, die auf Gefahren aufmerksam machen sollen. „Sind wir so weit, dass wir uns vor uns selbst schützen müssen?“, fragte Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl in seiner Begrüßung.
 
„Schon der Begriff ´Smartphone´ führt am Wesen der Sache vorbei“, erklärte Studien- und Buchautor Alexander Markowetz zum Einstieg in die Diskussion. „Denn das ist alles, nur kein Telefon.“ Von täglich drei Stunden Smartphone-Nutzung telefonieren wir nur sieben Minuten. Den Rest der Zeit nutzen wir für Apps, Spiele, soziale Funktionen. Deshalb sei es auch nicht wesentlich, wie viel Zeit wir in der digitalen Welt verbringen, sondern, welche Wirkung das habe. Mobile Geräte stehen für Unterbrechungen des Alltags und für Fragmentierung von Zeit. Die Herausforderung sei es, diesen Wandel zu begleiten.
 
„Wir sind gesellschaftlich alle noch in der Pubertät, was das Bedienen eines Smartphones betrifft“, umschrieb Dirk von Gehlen, Leiter Social Media bei der Süddeutschen Zeitung, diesen Prozess des Wandels. Er warb für mehr Gelassenheit und Experimentierfreude. „Die Angst vor diesen Geräten ähnelt der früheren Angst vor dem Fernseher.“ Von Gehlen plädierte dafür, das Neue anzunehmen und einen vernünftigen Umgang damit zu finden. „Smartphones brauchen Übung, genauso wie es das Klavier oder die Geige braucht. Man wird besser, wenn man etwas benutzt – und nicht, wenn man es aus der Hand legt.“
 
Der Wandel erfordere vermehrt Hilfestellung und nicht Fronten, betonte Verena Weigand, Bereichsleiterin Medienkompetenz und Jugendschutz bei der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien. „Erwachsene machen sich nicht bewusst, dass Kinder mit den mobilen Geräten den kompletten Zugriff aufs Internet haben.“ Hilfestellung gebe z.B. der Medienführerschein Bayern für die Schulen. Er bietet Unterrichtseinheiten, um gezielt Fragen aus der digitalen Welt aufzugreifen.
 
Werden Kinder und Jugendliche sich selbst überlassen, kann das im Negativfall in die Sucht führen. Kontrollverlust und sozialer Rückzug seien erste Anzeichen, wenn das Gleichgewicht zwischen Realität und Digitalität zu kippen beginnt, verdeutlichte Suchtexpertin Tagrid Leménager.  Die Leiterin der Arbeitsgruppe „Internet- und Medienabhängigkeit“ am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit  warnte vor einem allzu sorglosen Umgang mit Smartphones: „Aus Studien geht klar hervor, dass es die Empathiefähigkeit mindert, wenn Kinder zu früh im Internet unterwegs sind.“
 
Während die einen vor der übermäßigen Nutzung und einem Digitalen Burnout warnten, wünschte sich Gero Gode mehr Kenntnisse und Programmierfähigkeiten, gerade bei der jungen Generation. Der Gründer mehrerer Digital-Unternehmen ist überzeugt, dass Smartphones das aktuell wichtigste Werkzeug der vernetzten Welt sind, für jede Berufsgruppe und jedes Alter. Man solle nicht nur die negativen Seiten sehen, sondern auch die Vorteile: „Vielleicht ist es gut, seinen Tag mit dem Smartphone 55 Mal zu unterbrechen, um Arbeit sofort und schnell voranzutreiben?“
 
Immer und überall erreichbar sein: Wie notwendig ist das wirklich? Auch das Publikum stellte zum Abschluss der Diskussion diese Frage. Eine mögliche Lösung gab Alexander Markowetz den Zuhörern mit auf den Weg: „Sie können die Qualität der Arbeit bemessen an Mails, die nicht geschrieben wurden.“
 
 
Weitere Informationen und Fotos finden Sie unter www.medienpuls-bayern.de