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„Gesellschaft braucht Kontrolle über einige Algorithmen“ - BLM-Forum zu „Fake-News, Social Bots & Co: (Soziale) Medien und Wahlen“

30.03.2017 | 15 / 2017

Ist die derzeitige Aufregung um den Einfluss von Algorithmen, Social Bots, Fake News & Co auf politische Wahlen berechtigt? Stellen die dadurch möglichen Manipulationsmöglichkeiten über die sozialen Medien gar eine Gefahr für die demokratische Gesellschaft dar? Der US-Wahl­kampf habe ja schließlich genügende Beispiele geliefert, heißt es teil­weise in der Presse oder auch in wissenschaftlichen Studien.
 
Größtenteils entspannt zeigten sich mit Blick auf das Wahljahr 2017 in Deutschland die Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Journalismus beim gestrigen BLM-Forum „Fake News, Social Bots & Co – Soziale Medien und Wahlen“. BLM-Präsident Siegfried Schneider verdeutlichte zum Auftakt die zentrale Frage: Wer solle am Ende des Tages die Ver­antwortung übernehmen? „Wir müssen uns fragen, ob wir die negativen Aspekte der sozialen Medien mit den vorhandenen Instrumentarien in den Griff bekommen.“ Es gebe durchaus Regelungslücken. Aus Sicht der Landesmedienanstalten wäre ein koordiniertes Vorgehen von Bund und Ländern in dieser Frage wichtig.
 
Für die Bundestagswahl 2017 erwartet die Informatikerin Prof. Dr. Katharina Zweig momentan keine Manipulation durch Algorithmen. Allerdings dürfte die Macht der Algorithmen auch nicht unterschätzt werden, warnte die Mitgründerin der Initiative „Algorithm Watch“. Die Infrastruktur im Internet und die Monopolstellung wichtiger Inter­mediäre wie z.B. Facebook und Google ermögliche die Manipulation der Algorithmen und damit die Einflussnahme auf die Nutzer. Derzeit sehe sie dafür aber keine belastbaren Anzeichen. Als Problem sieht sie die so genannten Social Bots, computergesteuerte Fake-Accounts in sozialen Netzwerken, die automatisch Texte verfassen. Diese Bots agierten wie Menschen und manipulierten damit die Algorithmen. Auf jeden Fall brauche die Gesellschaft Kontrolle über manche Algorithmen, so Zweigs Fazit. Um all diese Zusammenhänge zu erkennen, brauche es auf der Nutzerseite Medienkompetenz und das Vertrauen in journalistisch arbeitende Medien.
 
Wie wichtig das Vertrauen in die journalistische Arbeit sei, das Populisten wie Trump oder die AfD zerstören wollen, betonte auch Journalismus-Professor Stephan Weichert im Interview mit Moderator Richard Gutjahr. Die Direktkommunikation politischer Akteure über soziale Netzwerke zum Wahlvolk sei an sich nichts Schlechtes, aber bei Populisten eben sehr gefährlich.
 
Bierzelt oder Facebook, was sei in heutigen Zeiten wichtiger für die Politik, so die Frage von Gutjahr an den CSU-Politiker Markus Blume auf dem Podium. Beides sei wichtig, könne aber nicht miteinander verglichen werden, antwortete Blume und plädierte dafür, die Diskussion über Fake News, Social Bots und Co „ohne Hype“ zu führen. Wichtig und notwendig sei die Diskussion dennoch, sagte Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik München. Denn die derzeitigen Veränderungen in der Kommunikation bedeuteten einen Umbruch, der durchaus mit der Erfindung des Buchdrucks zu vergleichen sei. In puncto Fake News warnte er zwar davor, aus falsch interpretierten Daten einen Hype zu machen. Von Schuldzuweisungen halte er aber nichts, eher sehe er die Frage nach der Verantwortung. Deshalb gebe es mit Blick auf Internetunternehmen wie Facebook eine politische Pflicht zur Regulierung.
 
Für die Direktorin der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, Dr. Anja Zimmer, sind Facebook und Google „mehr als technische Unternehmen“. Mit Bezug auf Hate­speech plädierte sie dafür, zunächst die strafrechtliche Verfolgung zu verstärken. Generell sollte im Rahmen der Debatte über Manipulationen durch Fake News & Co überlegt werden, wer diese Themen künftig reguliere.
 
Und wie gehen Redaktionen in der Praxis mit Fake News um? Daniel Fiene, Leiter redaktionelle Digitalstrategie der Rheinischen Post, sieht es kritisch, wenn Medien­unternehmen zu sehr den Faktencheck betonten: „Was signalisiere ich damit dem Leser?“ Eigentlich sollte der Faktencheck Grundlage jeder journalistischen Arbeit sein. Das Problem ist laut Fiene der politische Missbrauch redaktionellen Materials. So wären Fotos aus Berichten über Messie-Haushalte in anderen Zusammenhängen aufgetaucht, um Flüchtlinge zu diskreditieren.
 
Damit Journalisten besser lernen, mit der Entstehung und Wirkungsweise von Algorithmen, Fake News und Social Bots umzugehen, werden sie wohl dazulernen müssen, so die pragmatische Antwort von Hegelich auf eine Nachfrage aus dem Publikum: „Programmieren lernen hilft.“
 
Fotos und den Vortrag aus der Veranstaltung sind unter www.medienpuls-bayern.de zu finden.