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Digitale Meinungsführer?
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Digitale Meinungsführer?

Zunächst tauchten sie nur im Fashion-, Beauty-, Lifestyle-, Tech- oder Games-Bereich auf, zunehmend aber werden ihre Inhalte auch politisch: Welche Folgen hat es, wenn sich Influencer an gesellschaftlichen Debatten beteiligen? Was ist erlaubt, was nicht? Und was bedeutet das alles für Demokratie und Journalismus?

Text Matthias Kurp

Es ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her, dass Yannick Frickenschmidt sich mit seinem YouTube-Video Die Zerstörung der CDU nachhaltig in den Europa-Wahlkampf einmischte. Der Aachener YouTuber, der unter dem Namen Rezo zuvor eher für fröhlichen Web-Klamauk bekannt war, löste eine Debatte über die Macht von Influencern aus. Knapp 55 Minuten kritische Polemik zu den Themen Klimaschutz, Chancengerechtigkeit und Bildung sowie über US-Militäreinsätze reichten aus, um in den sechs Tagen bis zur Wahl mehr als neun Millionen Video-Klicks zu erzeugen.

Rezo warf der CDU unter anderem vor, beim Klimawandel untätig zu sein, Politik für Reiche zu machen und „krasse Inkompetenz“ in Bezug auf Urheberrecht und Drogenpolitik zu zeigen. Die CDU reagierte mit einem elfseitigen PDF-Dokument, um die Kritik zu widerlegen. Rezo konterte mit einem zweiten Video, das er als Statement von 90+ YouTubern titulierte. Darin unterstützten zahlreiche YouTube-Stars – darunter Julien Bam, Dagi Bee und LeFloid – die Fundamentalkritik an CDU und CSU, aber auch an der SPD. Als sich die Sozialdemokraten auf ihrem SPD-YouTube-Kanal mit dem Thema auseinandersetzten, merkte ein Nutzer in einem lakonischen Kommentar an, das Problem sei, dass man der Politik einfach nicht mehr glaube. Und Rezos Glaubwürdigkeit? Weil YouTube-Stars als authentisch gelten, ist Glaubwürdigkeit ihr größtes Kapital. Diese schafft Reichweite, die sich am Ende in Werbeerlöse verwandeln lässt.

Meinungsmache oder Journalismus?

Nachdem die CDU/CSU bei der Europawahl im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 etwa 4,5 Millionen Wähler verloren hatte, setzte die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer Rezos Video mit negativer „Meinungsmache“ gleich. „Was wäre eigentlich in diesem Lande los, wenn eine Reihe von, sagen wir, siebzig Zeitungsredaktionen zwei Tage vor der Wahl erklärt hätten, wir machen einen gemeinsamen Aufruf: Wählt bitte nicht die CDU und SPD.“ Kramp-Karrenbauer fragte nach „Regeln für den digitalen Bereich“ und erntete dafür viel öffentliche Kritik. Schließlich gelte Meinungsfreiheit. Und Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, lobte das Rezo-Video mit seinen umfangreichen Quellenangaben sogar als „gutes Beispiel für digitalen politischen Journalismus“.

Sind Influencer also Journalisten? Als Influencer werden Akteure bezeichnet, die aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens in sozialen Online-Netzwerken große Reichweiten erzielen und deshalb für sehr einflussreich gehalten werden. Deshalb kommen sie auch als Träger für Werbung und Vermarktung in Frage, können die öffentliche Meinung prägen und ähnliche Effekte erzielen wie Werbung oder Public Relations. Wer das als Journalismus bezeichnen will, muss folgende Fragen beantworten: Wie ist es bei YouTube-Videos oder Instagram-Postings von Influencern um Quellenvielfalt und Transparenz bestellt? Werden neutral mehrere Perspektiven beleuchtet? Kommen auch diejenigen zu Wort, die angegriffen werden? Die meisten dieser Kriterien treffen beispielsweise auf Rezos Video nicht zu. Zwar werden an 14 Stellen im Video Dritte zitiert, das Argumentieren aber erinnert eher an Überredung: zum Beispiel die mehr als sechzig rhetorischen Fragen, ausgelassene Satzteile oder eine Umgangssprache, die in 55 Video-Minuten zehnmal den Begriff „fucking“ enthält.

Public Relations oder Propaganda?

Zwar präsentierte Rezo ein 13-seitiges Quellenverzeichnis, aber längst nicht alle seiner behaupteten Fakten wurden belegt, und der berücksichtigte Anteil fremder Positionen ist marginal. Werden diese thematisiert, dann meist nur, um Rezos Argumente zu unterstützen. Ist das alles also manipulierende Meinungsmache? Sicher nicht! Schließlich gibt es auch journalistische Textgattungen, in denen die pointierte Präsentation eigener Positionen im Mittelpunkt steht, beispielsweise in Kommentaren oder Essays.

Auch wenn Yannick Frickenschmidt angibt, er habe durch sein Polit-Video lukrative Influencer-Verträge verloren: Für die Marke Rezo hat sich die Aktion in jedem Fall gelohnt. Im vergangenen Jahr wurde Die Zerstörung der CDU mehr als 16 Millionen Mal angeklickt – so oft wie kein anderes YouTube-Video. Dabei betont der Influencer, er agiere gar nicht als Journalist, sondern als Informatiker und Künstler und habe nur von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen wollen.

Würden sich Influencer wie Rezo als Anbieter eines redaktionell-journalistischen Angebotes im Sinne von Paragraf 54 des Rundfunkstaatsvertrags verstehen, müssten sie Nachrichten „vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Inhalt, Herkunft und Wahrheit“ prüfen. Die Grenzen zwischen Meinungsäußerung und redaktionell-journalistischen Angeboten bleiben unscharf. Das öffnet Grauzonen, die auch Raum lassen für das Verbreiten von politischer PR, für Verschwörungstheorien und Propaganda.

Kommunikation und Kommerz

Ganz gleich ob im Fashion-, Beauty-, Fitness-, Games- oder Lifestyle-Segment, ob Instagram oder YouTube: Im vergangenen Jahr führten zunächst die Upload-Filter der EU-Urheberrechtsreform, dann die Wahl des Europäischen Parlaments und die Fridays-for-Future-Bewegung zu einer Politisierung vieler Angebote im Social Media Marketing. Lifestyle-Influencerin Dagi Bee warnte plötzlich nicht vor Mode-Sünden, sondern vor einer „potentiellen Zerstörung unseres Planeten“. Das Comedy-Duo Space Frogs veralberte Videos, mit denen sich CDU-Politiker gegen Rezos Kritik wehrten, und viele Lifestyle-Blogger entdeckten Themen wie Nachhaltigkeit oder Achtsamkeit.

Ausgesprochen politische Inhalte finden sich bei den meisten Influencern trotzdem eher selten, meist geht es um Marken und Produkte, um Konsum und Kommerz. In einer 2019 von der Otto-Brenner-Stiftung veröffentlichten Studie heißt es, dass die „implizit gesellschaftspolitischen Botschaften tendenziell neoliberalen (Konsumismus) oder konservativen Charakter (tradierte Geschlechterrollen) haben“. YouTuber wie Tilo Jung (jungundnaiv) oder Mirko Drotschmann (MrWissen2go), Florian Dietrich (LeFloid), Thomas Hackner (HerrNewstime) oder Luisa Neubauer (Fridays for Future) sind mit ihren politischen Inhalten eher die Ausnahme. Top-Influencer wie Bianca Claßen (BibisBeautyPalace), die Zwillinge Lisa und Lena oder Workout-Model Pamela Reif leben vor allem von kommerziellen Deals mit Partnern. Wer eine halbe Million Instagram-Follower hat, erhält für das Präsentieren von Markenprodukten zwischen 3.000 und 6.000 Euro. Bei YouTube werden pro tausend Follower zwischen fünfzig und hundert Euro gezahlt. So soll die Branche in Deutschland Schätzungen zufolge jährlich etwa eine halbe Milliarde Euro umsetzen.

Information oder Werbung?

Laut Postbank Jugend-Digitalstudie 2019 gab etwa die Hälfte aller 16- bis 18-Jährigen in Deutschland an, in den vergangenen sechs Monaten ein Produkt aufgrund von Influencer-Werbung gekauft zu haben. Ähnlich wie beim Verhältnis zum Journalismus ergeben sich auch im werblichen Influencer-Bereich Spannungsverhältnisse, zum Beispiel, wenn werbliche Aussagen gegen Geld erfolgen, dies aber nicht transparent ist. Dann wird gegen Bestimmungen des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb verstoßen. Gemäß Rundfunkstaatsvertrag gilt für Inhalte, für die Entgelte gezahlt oder eine ähnliche Gegenleistung erbracht wurde, das Trennungsgebot, das heißt: Sie müssen von redaktionellen Angeboten unterscheidbar und als solche kenntlich gemacht sein. Dieses Prinzip zur Verhinderung von Schleichwerbung findet sich so auch im Telemediengesetz. Darauf weisen die Landesmedienanstalten seit Jahren in einem ausführlichen Leitfaden samt Kennzeichnungsmatrix hin.

Aber was ist mit politischer Werbung, wenn kein Geld fließt? Wie groß der Einfluss von Influencern auf die Meinungsbildung sein kann, wird mit einem Blick auf aktuelle Mediennutzungsdaten deutlich: YouTube (63%), WhatsApp (36%) und Instagram (25%) waren im vergangenen Jahr, so zeigt die JIM-Studie, die beliebtesten Internetangebote der 12- bis 19-Jährigen. Dem Reuters Digital News Report zufolge schauen sich etwa 25 Prozent der 18- bis 24-Jährigen regelmäßig „Nachrichteninhalte“ bei Instagram an.

Verzerrung versus Vielfalt

„Social Media ist die fünfte Gewalt“, urteilte im vergangenen Jahr Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und machte deutlich, dass neben Legislative, Exekutive, Judikative und den klassischen Medien ein neuer Faktor Meinungen und Entscheidungen in der Demokratie prägt – manchmal mit gefährlichen Folgen: Angebote wie der YouTube-Kanal Neverforgetniki des „politischen Influencers“ Niklas Lotz reizen die Grenzen der Meinungsfreiheit regelmäßig aus, wenn sie vor Gefahren des „Multikulturalismus“ und einer „Indoktrination der Gesellschaft“ warnen und damit unterschwellig Rassismus verbreiten und Demokratie destabilisieren.

Die Verschwörungstheorien des YouTubers und selbst ernannten Aufklärers Heiko Schrang reichen so weit, dass behauptet wird, das Corona-Virus sei eine Art „trojanisches Pferd“, um Menschen Angst zu machen und am Ende zu unterdrücken. Solche Szenarien finden sich in Rezos Videos nicht. Er betonte in einem Spiegel-Essay, er sei „froh und stolz, in einem Land mit einer so freien und guten Presse zu leben“, wies aber zugleich darauf hin, dem Journalismus mangle es an einer Kultur, Fehler zu korrigieren. Oft werde mehr kopiert als recherchiert.

Das Beispiel Rezo zeigt: Influencer können publizistische Vielfalt durchaus bereichern. Aufgabe des Journalismus muss es nun sein, sich mit den neuen politischen Akteuren unserer Netzwerkgesellschaft konstruktiv auseinanderzusetzen und das alles einzuordnen.

Artwork: rose pistola
Shutterstock.com: Profit_Image, dumuluma
Porträt Dr. Matthias Kurp: Uwe Völkner/Fox

Bild Matthias Kurp

Dr. Matthias Kurp ist Professor im Fachbereich Journalismus/Kommunikation der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln. Zuvor arbeitete er freiberuflich als Medienforscher und Journalist (Print, Online, TV, Hörfunk).

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