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Das Magazin der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien

Aufklärung im digitalen Zeitalter
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Aufklärung im digitalen Zeitalter

Weil die Grenzen zwischen Information und Desinformation, zwischen Journalismus und Public Relations oder Propaganda im Internet immer undeutlicher werden, benötigen souverän agierende Rezipienten mehr Medienkompetenz als je zuvor. Gefragt sind Wissen und Aufklärung – und Konzepte, um beides zu vermitteln.

Text Ines Welzenbach-Vogel

Aktuelle Desinformationen (Fake News) stellen durch ihre vorrangige Verbreitung über soziale Netzwerke ein ernstzunehmendes Problem dar: Sie erwecken den Eindruck „echter Nachrichten“, verbreiten sich schnell und erreichen potentiell enorme Reichweiten. Der Mehrheit der Mediennutzenden sind Desinformationen bereits aufgefallen: Laut einer Studie im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW aus dem Jahr 2019 haben knapp drei Viertel der Befragten schon einmal Fake News im Internet bemerkt. Jüngere Menschen sind aufgrund ihrer Mediennutzungsgewohnheiten besonders betroffen: Einer Studie der Vodafone Stiftung Deutschland aus dem Jahr 2018 zufolge stößt die Hälfte der 14- bis 24-Jährigen mindestens einmal pro Woche auf Fake News, fast ein Fünftel sogar täglich. Etwa ein Drittel zweifelt daran, Fake News stets zuverlässig erkennen zu können.

Mangelndes Wissen über Medien

Eine gezielte Medienkompetenzförderung ist somit so wichtig wie nie zuvor. Doch welche Wissensbestände, Fähigkeiten und Fertigkeiten sind vonnöten, um Desinformationen erkennen und sich vor negativen Wirkungen schützen zu können?

Ergebnissen der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen zufolge mangelt es vor allem denjenigen an medienbezogenem Wissen, die sich von traditionellen Nachrichtenmedien abwenden und sozialen Online-Netzwerken als Informationsquellen zuwenden. Lücken sind insbesondere im Wissen über Arbeitsweisen, Berufskodizes, Qualitätskriterien und Darstellungsformen im Journalismus feststellbar. Kenntnisse darüber sind jedoch essentiell, um zwischen tatsachen- und meinungsbetonten Beiträgen und zwischen hoch- und minderwertigen Nachrichten unterscheiden zu können. Meist fehlt es Betroffenen zusätzlich an Wissen über Techniken und Strategien zur Recherche und Quellenprüfung.

Neben Journalisten generieren eine Vielzahl weiterer Akteure Informationen im Internet. Wissen darüber, wer bei der Informationsdistribution aktiv wird, ist wichtig, um die dahinter stehenden politisch-ideologischen, wirtschaftlichen, sozialen und/oder individuellen Interessen erkennen zu können. Zusätzlich forcieren Algorithmen und Social Bots die automatisierte und personalisierte Verbreitung von (Falsch-)Informationen. Wissen darüber, nach welcher Logik Algorithmen arbeiten, wie dadurch Filterblasen bzw. Echokammern entstehen können, was Social Bots sind und wie sie funktionieren, ist eine wesentliche Voraussetzung, um dargebotene Informationen einordnen und kritisch bewerten zu können.

Schließlich werden wahre Informationen oft aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissen und in einem anderen, irreführenden Zusammenhang präsentiert. Hierbei kommen auch gezielte Manipulationen an vorhandenem Bild- und Videomaterial zum Einsatz. Wissen über mediale Gestaltungsformen hilft dabei, mediale Inszenierungen und Verzerrungseffekte bei der Abbildung von Wirklichkeit zu verstehen und dahinterstehende Intentionen durchschauen zu können.

Rezeption braucht Reflexion

Die beschriebenen Wissensbestände bilden die Grundlage für alle handlungsbezogenen Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit medienvermittelten Informationen. Sie ermöglichen die kritische Auswahl, Nutzung und Bewertung von Medien, Informationsquellen und dargebotenen Informationen. Darüber hinaus sollten Mediennutzende auch bereit sein, sich kritisch mit ihrer Nutzung und den zugrundeliegenden Bedürfnissen und Interessen auseinanderzusetzen. Hierbei ist vor allem die Beschäftigung mit psychologischen Prozessen bei der Rezeption und Verarbeitung von Informationen erforderlich: Empirisch gut belegt ist, dass Menschen im Normalfall Informationen eher oberflächlich, heuristisch und vor allem voreingenommen rezipieren und verarbeiten.

Unabhängig von der faktischen Richtigkeit schenken Menschen insbesondere solchen Informationen Vertrauen, die ihr (politisches) Weltbild bestätigen, von Gleichgesinnten geteilt werden oder aus (vermeintlich) vertrauenswürdigen Quellen stammen. Die Bewusstmachung solcher Rezeptions- und Verarbeitungsprozesse bildet eine wichtige Voraussetzung dafür, Falschinformationseffekten entgegenzuwirken. Kritisch sollten Mediennutzende ihr Verhalten aber auch dahingehend hinterfragen, inwiefern sie selbst zur Verbreitung von Desinformationen – etwa durch Liken, Kommentieren, Teilen – beitragen.

Mit Medienkompetenz gegen Desinformation

Der Aufklärung über aktuelle Desinformationen widmen sich schulische und außerschulische Bildungseinrichtungen sowie zahlreiche Initiativen, Projekte und Netzwerke (siehe Info-Kasten). Aufgrund der voreingenommenen Rezeption und Verarbeitung von Informationen ist eine starke Verzahnung von politischer Bildung und Medienbildung unumgänglich. Gleichwohl sind aufgrund der sich rasant verändernden Medienlandschaft alle Menschen im Sinne eines lebenslangen Lernens aufgefordert, sich Medienkompetenzen anzueignen, um sich Herausforderungen – nicht nur ausgehend von Desinformationen – stellen zu können.

Ausgewählte Initiativen, Projekte und Netzwerke

ARD-Faktenfinder

Der ARD-Faktenfinder der Tagesschau-Redaktion entlarvt Fake News, als gefälschte Nachrichten, die das Ziel haben, Journalismus und Demokratie zu destabilisieren oder schlicht mit erfundenen oder manipulierten Fakten Reichweite im Internet zu erzielen. Außerdem wird ein Tutorial angeboten, um Fake News und Social Bots zu erkennen.

Correctiv

Correctiv ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Das Team recherchiert zu Missständen in der Gesellschaft, fördert Medienkompetenz und bietet auch Bildungsprogramme an. Außerdem versteht sich das Correctiv-Angebot der Reporterfabrik als eine Art Journalistenschule für alle (Blogger), die im Internet publizieren wollen.

Klicksafe

Die Website ist Bestandteil der Initiative klicksafe im Connecting Europe Facility Telecom Programm der Europäischen Union für mehr Sicherheit im Internet. Das Angebot der Landeszentrale für Medien und Kommunikation (LMK) Rheinland-Pfalz und der Landesanstalt für Medien NRW hat zum Ziel, Online-Kompetenz zu fördern, und bietet sehr vielfältiges Material für einen kompetenten und kritischen Umgang mit Online-Inhalten und Smartphones. Dazu gehören auch Angebote zu Themen wie „Fakt oder Fake?“ und „Richtig suchen im Internet“.

DORIAN

Das Projekt des Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie hilft dabei,

Fake News zuverlässig und schnell erkennen zu können und Ansätze zur wirksamen Bekämpfung zu konzipieren und zu evaluieren. Zum Angebot gehören auch Handlungsempfehlungen und ein Quiz zum Identifizieren von Fake News.

Fakefinder

Beim SWR Fakefinder werden Newsfeeds spielerisch unter die Lupe genommen: Was ist wahr, was Betrug, und woran kann man was erkennen? Dabei wird erklärt, wie Fake News funktionieren, wer dahinter steckt und worin die Gefahr liegt. Dabei gibt es sowohl eine Schulversion für das Rätseln im Klassenverband als auch Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte zum Download.

Handysektor

Die Internetseite, deren Auftraggeber die Landesanstalt für Kommunikation (LFK) Baden-Württemberg ist, unterstützt Jugendliche beim kompetenten Umgang mit mobilen Medien.  Außer der sicheren Smartphone-Nutzung stehen auch Themen wie Cybermobbing, Fake News, Datenschutz, versteckte Kosten sowie die kreative Nutzung im Fokus. Für Eltern und Pädagogen gibt es einen eigenen Bereich mit Praxistipps oder Unterrichtseinheiten.

Medienführerschein Bayern

Der Medienführerschein Bayern bietet Lehrkräften und pädagogisch Tätigen Ideen und Anregungen für eine altersgerechte Vermittlung von Medienkompetenz. Ziel ist die Förderung eines selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Medienumgangs bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Module des Medienführerscheins Bayern greifen u.a. Glaubwürdigkeit von Informationen, Regeln zur Informationssuche, Datenschutz und sichere Kommunikation im Internet auf. Die kostenlosen Materialien sind passgenau auf die Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppe zugeschnitten und methodisch-didaktisch aufbereitet.

Mimikama

Die Recherche-Plattform enttarnt Desinformation im Internet und in Social-Media-Netzwerken, bietet Videos und Arbeitsblätter für Lehrende an und informiert kontinuierlich über neue Fake News. Anbieter ist der 2011 gegründete Mimikama Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch.

Grafik: Bloomicon, rose pistola
Porträt Dr. Ines Welzenbach-Vogel: Uschi Schmidt

Bild Ines Welzenbach-Vogel
Dr. Ines Welzenbach-Vogel ist seit 2008 Geschäftsführerin des Medienzentrums der Universität Koblenz-Landau am Campus Landau. Sie lehrt und forscht zur Rezeption und Wirkung von Medien(inhalten).
 
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