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Fakten statt Fakes
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Fakten statt Fakes

Gefälschte Nachrichten, Lügen und Verschwörungstheorien: Das alles lässt sich via Social Media in Sekundenschnelle verbreiten und droht die öffentliche Meinung zu vergiften. Umso wichtiger wird Fact-Checking. Wie lässt sich Propaganda stoppen und wie lässt sich der Wahrheitsgehalt von Aussagen wirkungsvoll prüfen und öffentlich klassifizieren?

TEXT Alexander Sängerlaub

Stellen wir uns vor, in einer Nachrichtenredaktion schreiben keine ausgebildeten Journalisten Artikel, sondern überwiegend Laien. Texte werden nicht lektoriert, nicht korrigiert, Fakten nicht verifiziert, bevor sie veröffentlicht werden. Alles geht raus, wie man es schreibt. Jeder darf schreiben, meinen, lügen, wie es ihm passt. Und am Ende gibt es auch keine qualifizierte Kuratierung der Inhalte, sondern nur eine automatisierte Anordnung nach aufmerksamkeitsökonomischen Kriterien. Wer würde dieses Nachrichtenprodukt ernsthaft lesen wollen?

Offensichtlich relativ viele Menschen, denn überspitzt formuliert funktionieren Social-Media-Öffentlichkeiten genau so und sind damit ein Katalysator für die gesellschaftlichen Probleme und Herausforderungen, die wir insbesondere seit dem Amtsantritt Donald Trumps vor vier Jahren medial und gesellschaftlich als sogenannte Fake News oder Desinformation diskutieren.

Dabei freuen sich vor allem die Akteure, die über die klassischen Medien bisher nicht ungefiltert ihre Botschaften an die Wählenden verbreiten konnten, über die neuen kostenfreien und reichweitenstarken Kanäle. Für Populisten und Extremisten wie Trump, AfD oder Rassemblement National, aber auch für Verschwörungstheoretiker sind die Social-Media-Kanäle von Facebook bis YouTube perfekte Orte, um ihre Botschaften großflächig und kostenfrei in die Welt zu senden. Sicherlich ist das nicht der überwältigende Teil des Contents auf den Plattformen, aber leider der, der nach den dort herrschenden Algorithmen der Aufmerksamkeitsökonomie – jenseits von Qualität oder Faktizität – besonders gut „funktioniert“.

Fact-Checking: ein Ziel, zwei Varianten

Als eine Antwort darauf, dass heute im Digitalen eben unendlich viel publiziert, aber eben nur ein Teil davon vorher verifiziert wird, hat sich das Fact-Checking als eigene journalistische Form etabliert: anfangs auf den öffentlichen Druck hin als Fact-Checking für Social-Media-Plattformen, später auch als eigenes journalistisches Angebot wie etwa beim Faktenfinder von tagesschau.de oder dem Faktenfuchs des Bayerischen Rundfunks. Die spezifischen Faktenchecks laufen dabei sehr unterschiedlich ab. Unterscheiden kann man dabei grob zwischen erstens Projekten von Medienhäusern und zweitens Institutionen, die für Social-Media-Plattformen direkt auf diesen vermeintliche Fakten überprüfen. Zu den prominentesten Fact-Checkern von Medienhäusern gehört das Team der Washington Post, das sich beispielsweise vor allem auf den amerikanischen Präsidenten konzentriert und Trump bis Ende des Jahres 2019 mehr als 16.000 falsche oder irreführende Tatsachen nachwies. Der Vorteil der Faktenchecks auf den Social-Media-Plattformen ist, dass diese direkt Auswirkungen auf den Algorithmus haben und so Falschinformationen an ihrer Verbreitung gehindert werden können. Nutzern wird zudem ein Warnhinweis ausgespielt, sollten sie Informationen weiterverbreiten wollen, die vorher als „nicht richtig“ eingestuft wurden. In Deutschland macht diese Arbeit für Facebook seit 2017 das Recherchebüro Correctiv und seit 2019 auch die Deutsche Presse-Agentur (dpa).

Fact-Checker kämpfen mit allerlei Widrigkeiten: Desinformationen verbreiten sich nämlich meist deutlich schneller als echte Nachrichten. Was emotional aufgeladen ist oder Tabus bricht, wird etwa von Facebook-Algorithmen schon deshalb bevorzugt verbreitet, weil es große Reichweiten verspricht. Dagegen zu agieren, fällt schwer, zumal viele Recherche-Teams chronisch unterbesetzt sind. So ist es fraglich, ob Correctiv und die dpa, die zusammen weniger als zehn feste Redakteure als Vollzeit-Faktenprüfer beschäftigen, überhaupt einen maßgeblichen Teil der kursierenden Desinformationen identifizieren können: Schließlich nutzt fast jeder Zweite in Deutschland Facebook. Mit der Ankündigung von Facebook, politische Werbung vom Fact-Checking grundsätzlich auszunehmen, werden außerdem Lügen als Polit-Marketinginstrument zusätzlich ermöglicht.

„Be first, but first be right“

Fact-Checking kann nur ein Puzzlesteinchen sein, das Desinformationsproblem zuverlässig in den Griff zu bekommen. Die Social-Media-Plattformen selbst müssten mehr Geld ins Fact-Checking investieren, damit überhaupt mehr Inhalte geprüft werden können. Auch die Frage, wie bei den Algorithmen Faktizität und Quellengüte eine größere Rolle spielen könnten, ist von Bedeutung. Notfalls müssten hier Regulierer nachhelfen, sollten die Plattformen ihren Verpflichtungen nicht nachkommen.

Sollen in Zeiten von Klimawandel, Flüchtlingskrise und Coronavirus – drei Themen, die sehr anfällig für Desinformation sind – Gerüchte und Lügen nicht aus der Welt geräumt werden, müssen sie journalistisch bekämpft werden. Eine Möglichkeit wäre es etwa, Angebote wie den Faktenfinder von tagesschau.de in das TV-Hauptprogramm der ARD zu integrieren. Schließlich aber ist auch die Medienkompetenz aller Mediennutzer (siehe Artikel „Aufklärung im digitalen Zeitalter“) gefragt: Wenn in den digitalen Öffentlichkeiten der Einfluss klassischer Gatekeeper sinkt, würde es helfen, mehr Menschen in die Lage zu versetzen, beispielsweise „lateral reading“ zu nutzen. Das bedeutet, dass man in der Lage ist, die Zuverlässigkeit einer Information auf einer Webseite parallel durch einen geöffneten zweiten Tab mittels Suchstrategien (Google, Wikipedia etc.) zu prüfen. Denn heute gilt für alle, die sich in digitalen Öffentlichkeiten bewegen, was früher nur für Journalisten galt: Be first, but first be right.

Artwork: rose pistola; Maksym Drozd/Shutterstock.com
Porträt Alexander Sängerlaub: Me Chuthai

Bild Alexander Sängerlaub
Alexander Sängerlaub leitet im Berliner Think Tank Stiftung Neue Verantwortung den Bereich »Stärkung digitaler Öffentlichkeit«. Als Journalist war er unter anderem Chefredakteur des utopischen Politikmagazins »Kater Demos«.
 
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