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Medien als Tor zur Außenwelt
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Medien als Tor zur Außenwelt

Nach dem Lockdown sind die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie deutlich gelockert worden und es kehrte im Sommer wieder etwas Normalität zurück. Kann sich der Mediennutzungs-Boom bei der Rückkehr in den Alltag halten oder ist der Effekt verpufft? 

TEXT Lisa Priller-Gebhardt

Die gute Nachricht vorweg: Medien haben in der Krise an Bedeutung gewonnen. Denn so viel Zeit wie in den Wochen des Lockdowns hat Deutschland wohl selten vorher zu Hause verbracht, und selten zuvor war aufgrund der Unsicherheit und der sich ständig ändernden Nachrichtenlage das Bedürfnis nach Informationen und Einordnung so groß. Dieser Informationshunger wurde hauptsächlich durch die Medien gestillt. Sie wurden als wichtigste Informationsquelle sowie als Tor zur Außenwelt wahrgenommen.

Vor allem das lineare Fernsehen erlebte während der Einschränkungen ein Comeback. Überraschenderweise waren gerade die jüngeren Zielgruppen auf der Suche nach Information die Treiber der steigenden TV-Nutzung. Laut der Analyse »TV-Nutzung in der Corona-Krise«  der AGF Videoforschung haben viele Jugendliche während des Lockdowns zum ersten Mal in ihrem Leben eine Nachrichtensendung von Anfang bis Ende gesehen. Einer der Gründe für die AGF,  im April von einer »Renaissance des linearen TV« zu sprechen. Auch andere Medien wie Tageszeitungen, deren Online-Angebote sowie Radio profitierten vom Wunsch, sich über das aktuelle Geschehen zu informieren. Doch dieser Effekt hat sich nicht als nachhaltig erwiesen. Spätere AGF-Zahlen gaben Anlass zur Vermutung, dass sich die Nutzung des linearen Fernsehens nach einem bemerkenswerten Comeback wieder dem Niveau vor dem Lockdown nähern würde.

Zuwächse im TV nicht nachhaltig

Und so kam es auch. Eine aktuelle Untersuchung von Deloitte manifestiert das. Im Rahmen des »Media Consumer Survey 2020« hat das Beratungsunternehmen nämlich drei repräsentative Umfragen zur Mediennutzung durchgeführt – vor Beginn der Einschränkungen im Februar, währenddessen und erneut in den letzten beiden Juniwochen, als weitgehende Lockerungen bereits in Kraft waren. Befragt wurden jeweils 2.000 Konsumenten.

Das bemerkenswert starke Comeback des linearen Fernsehens während der Einschränkungen hat sich demnach nicht als nachhaltig erwiesen. Nachdem der Anteil der Verbraucher, die täglich fernsahen, im März um 11 Prozent im Vergleich zum Februar gestiegen war, und man sogar die schon verloren geglaubte junge Zielgruppe wieder zu festen Sendezeiten vor die Bildschirme locken konnte, ist der lineare TV-Konsum nun wieder fast annähernd deckungsgleich mit der Zeit vor dem Lockdown. Der Fernseher bleibt aber dennoch weiterhin das meist genutzte Medium in Deutschland.

Die Video-on-Demand-Nutzung hat deutlich angezogen

Während der Ausgangssperren ist nicht nur die lineare TV-Nutzung deutlich gestiegen. Laut der Deloitte-Studie entdeckten viele in dieser Zeit das Video-Streaming für sich und wurden zu echten Fans, was den Plattformen nachhaltiges Wachstum brachte. So lag die tägliche Nutzung von Video-on-Demand-Abonnements auch Ende Juni noch deutlich über dem Niveau von vor der Krise. Besonders in der Altersgruppe über 35 Jahren ist der Konsum nach dem Peak während der Einschränkungen im März kaum zurückgegangen. Die Serien-Mediatheken der US-Streamer, die in der Krise enorme Zuwächse hatten, verzeichnen auch nach den Lockerungen noch 20 Prozent mehr tägliche Nutzer als vor den Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Covid-19.

Auch die AGF kommt in der Studie »TV-Plattform 2020-I« zu einem vergleichbaren Ergebnis: Mehr als jeder Dritte ab 14 Jahren gibt an, in den vergangenen drei Monaten ein kostenpflichtiges Streaming-Angebot genutzt zu haben. Im zweiten Halbjahr 2019 waren es noch 32,4 Prozent, im ersten Halbjahr 2020 stieg die Zahl auf 36,3 Prozent, die Netflix & Co. nutzen. Dabei schaffte es Disney+, das erst am 24. März 2020 in Deutschland startete, auf Anhieb unter die fünf Pay-Angebote mit der höchsten Nutzung. Anders als beim linearen TV ist also bei VoD der Corona-Effekt nicht verpufft.

Der am stärksten genutzte kostenpflichtige Video-on-Demand-Dienst ist mit Abstand Netflix. 27,6 Prozent der Befragten gaben an, die Plattform in den vergangenen drei Monaten gesehen zu haben. An zweiter Stelle rangiert Amazon Prime Video mit 19,9 Prozent, gefolgt von den Streamingdiensten DAZN (3,1 Prozent), Sky Ticket (1,7 Prozent) und Disney+ (1,5 Prozent).

Rückenwind gab’s auch für die Mediatheken. So war nicht nur bei Streamingdiensten zuletzt eine höhere Nutzung zu verzeichnen, auch die Mediatheken erlebten einen wahren Boom. Die Ausgangsbeschränkungen bescherten den digitalen Programm-Outlets von ARD, ZDF, sowie ProSiebenSat.1 (Joyn) und RTL (TV Now) deutliche Zuwächse. So meldete beispielsweise das Zweite allein im Juli 104,6 Millionen sogenannte »Sichtungen« – das waren satte 45 Prozent mehr als noch im Vorjahresmonat.

Steigende Nutzung von Audio-Abos

Ebenfalls zu den Gewinnern zählen Podcasts, also regelmäßige Video- und Audiobeiträge, die über das Internet verfügbar sind und abonniert werden können. So hört laut einer Bitkom-Umfrage im Juli 2020 inzwischen jeder dritte Verbraucher (33 Prozent) zumindest selten Podcasts. Im Vorjahr war es erst jeder Vierte (26 Prozent). Vor allem bei Jüngeren sind sie beliebt: Zwei von fünf Personen zwischen 16 und 29 Jahren (40 Prozent) geben an, Podcasts zu hören. Das Themenspektrum reicht von True Crime bis zu Beziehungsgeschichten. Die Pandemie hat unter anderem dazu geführt, dass beispielsweise medizinisches Expertenwissen plötzlich sehr viele Menschen interessiert hat. Als bekanntester Vertreter ist hier der Podcast »Corona­virus-Update« des Charité-Chefvirologen Christian Drosten zu nennen. Wie der Online-Audio-Monitor 2020 zeigt, gehören Wissenschafts- und Gesundheitsthemen zu den beliebtesten Podcast-Themen.

Radio beliebt als Informationsmedium während Corona-Pandemie

Auch das Radio hat einen großen Informationsbeitrag im Corona-Zeitraum geleistet. Laut einer Sonderauswertung der Mediengewichtungsstudie der Medienanstalten zum »Informationsverhalten während der Corona-Pandemie« stieg seine informierende Tagesreichweite zwischen März und Juni 2020 um 10,1 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr an, knapp gefolgt vom Fernsehen. Unter den klassischen Mediengattungen ist Radio im Zuge der Corona-Krise der größte Publikumsgewinner.

Doch dem Peak als Informationsmedium steht die wirtschaftliche Ernüchterung gegenüber. Vor allem für lokale Sender ist die Situation aus wirtschaftlicher Sicht besorgniserregend, da die Werbeeinnahmen teils dramatisch eingebrochen sind. Das Mediennetzwerk Bayern hat in seinem Dossier »Die Folgen der Corona-Krise« die Lage der lokalen Radiomacher beleuchtet. Das Ergebnis: Die gestiegene Aufmerksamkeit ließ sich nicht monetarisieren. Im März und April lagen die Einbrüche bei den Werbeeinnahmen bei teilweise bis zu 80 Prozent, in den Folgemonaten bei 40 Prozent. Es ist paradox: Die Reichweiten der Rundfunkangebote sind während des Lockdowns angestiegen und belegen, wie wichtig glaubwürdiger Journalismus in Zeiten großer Unsicherheit ist. Aber die Einnahmen blieben aus, was sich ab Juni laut einer Werbetrend-Analyse der Radiozentrale geändert hat.

Internet gehört zu Gewinnern der Krise

Wie wichtig die Mediengattungen Fernsehen, Hörfunk, Tageszeitung, Publikumszeitschriften und Internet für das Informationsverhalten und die Meinungsbildung der Menschen sind, das ermittelt die halbjährlich veröffentlichte Medien­ge­wichtungsstudie der Landesmedienanstalten, die ein Teil des Medienvielfaltsmonitors ist. Die Befragten geben an, welche Me­diengattungen sie am Vortag genutzt haben. Zudem nennen sie die Mediengattung, die für sie persönlich die wichtigste Informationsquelle ist.

Das Ergebnis der Mediengewichtungsstudie 2020 I: Auch hier ist TV die am häufigsten genutzte Informationsquelle. Mit einem Anteil von 56,9 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren, der durchschnittlich pro Tag im Fernsehen Informationen über das Zeitgeschehen in Politik, Wirtschaft und Kultur aus Deutschland und aller Welt wahrnimmt, ist nach wie vor der Spitzenreiter als Informationsmedium. Mit ähnlichem Abstand folgt das Radio, über das sich rund jeder zweite an einem Durchschnittstag informiert (48,1 Prozent). Auf dem dritten Rangplatz liegt das Internet, das mittlerweile von 44,6 Prozent auch informierend genutzt wird, vor der Tageszeitung mit einer Info-Reichweite von 29,6 Prozent. Die Publikumszeitschriften spielen mit 5,6 Prozent bei der informierenden Nutzung nach wie vor eine untergeordnete Rolle.

Zu den Gewinnern der Corona-Krise gehört sicher das Internet, dessen informierende Tagesreichweite zwischen März und Juni 2020 um knapp 19 Prozent gestiegen ist. Das gilt auch in Bezug auf die so genannten Intermediäre. Zu ihnen zählen nicht nur Youtube, Such­maschinen wie Google, soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, sondern auch die Messenger-Dienste. Die informierende Nutzung der Intermediäre ist im Corona-Zeitraum in die Höhe geschnellt. Mehr als jeder Zweite ab 14-Jährige in Deutschland (54 Prozent) informiert sich täglich (auch) über diese so genannten Intermediäre, zeigt die Sonderauswertung im Rahmen der Mediengewichtungsstudie 2020 I zur Corona-Pandemie. Bei den unter 50-Jährigen sind es sogar drei von vier (75,2 Prozent). Zum Vergleich: Im Jahresdurchschnitt 2019 lag deren informierende Tagesreichweite noch bei 32,1 bzw. 47,4 Prozent.

Social Media — Quelle fragwürdiger Informationen?

Und wie vertrauenswürdig sind die Sozialen Medien bzw. Intermediäre als Informationsquelle? Hier kommt sie leider, die schlechte Nachricht im Rahmen des Medienbooms während der Corona-Pandemie: Soziale Medien bieten allen – auch den nicht-publizistischen – Akteuren eine Plattform. Und öffnen damit Fake News und Verschwörungstheorien (vgl. S. 20–22) Tür und Tor. Schon im Mai hatte das Recherchezentrum Correctiv YouTube als die am häufigsten gemeldete Plattform für fragwürdige Informationen und Whatsapp als ihren wichtigsten Verbreitungskanal ausgemacht. Gleichzeitig zeigen beide Kanäle in der Mediengewichtungsstudie der Medienanstalten die höchsten Zuwächse unter den sozialen Medien als täglich genutzte Informationsquelle im Corona-Zeitraum.

Infografik Informierende Nutzung

»Die traditionellen Medienunternehmen verlieren zunehmend ihre Alleinstellung als Gatekeeper an die Intermediäre, allen voran Google und Facebook. Auch wenn diese selbst keine Inhalte produzieren, bestimmen sie maßgeblich darüber, welche Inhalte ihre Nutzer und Nutzer­innen auffinden und verbreiten können«, fasste der Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), Siegfried Schneider, die Lage im kürzlich erschienen Vielfaltsbericht 2020 der Medienanstalten zusammen.

Shutterstock.com: Barmaleeva, faeton, Gini8

Bild Lisa Priller_Gehardt
Lisa Priller-Gebhardt ist freie Journalistin und schreibt für Fachmagazine wie Werben & Verkaufen und Zeitungen über die deutsche Medienlandschaft. Themenschwerpunkte sind Fernsehen, Digitalwirtschaft sowie Printmedien.
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