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Und plötzlich war alles anders: Redaktion at home
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Und plötzlich war alles anders: Redaktion at home

Mikrofone auf dem Küchentisch, einsame Moderatoren und Moderatorinnen im Sender – so sah der Alltag vieler lokaler Radiostationen in Bayern während des Lockdowns aus. Einige sendeten direkt live aus Wohnzimmer oder Küche, andere organisierten eine Zwischenlösung. Für Tendenz berichtet Programm Manager Kai Maltz-Kummer über den Spagat zwischen Homeoffice und Studio.

TEXT Kai Maltz-Kummer

»Habe ich nun alles eingepackt und alle wichtigen Daten in die Cloud geladen und kopiert? Wird der Team-Viewer-Zugang von zu Hause aus reibungslos funktionieren und kann ich damit wirklich auf den Sendeplan zugreifen?« Das waren die wichtigen Fragen, die mir als Programm-Macher Mitte März durch den Kopf gegangen sind. Es war der letzte Tag im Büro vor einer langen Homeoffice-Zeit.

Der letzte Tag, an dem sich das ganze Team von Energy Nürnberg noch einmal komplett live gesehen hat. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch keiner ahnen, dass diese Zeit mehrere Monate dauern wird. Es folgten viele Anrufe bei der Technik-Hotline, die Einteilung von Mitarbeiter Teams, die sich so wenig wie möglich in die Quere kommen sollten, einsame Moderatoren im Sender, Mikrofone auf dem Küchentisch und in der Kammer und viele viele Videokonferenzen, natürlich auch mal in Jogging-Hose.

Bürostühle machen doch Sinn

Die große Frage war natürlich immer: »Wie bekommen wir das Minimum an Kontakten von Moderatoren, Redakteuren und Mitarbeitern zusammen, so dass trotzdem ein weitgehend normales Programm herauskommt?« So wurde als erstes die Morningshow getrennt, um hier nach einem möglichen Krankheits- oder Quarantänefall ohne Probleme weiterarbeiten zu können. Auch für Redakteure und Praktikanten gab es eine Einteilung in wöchentlich wechselnde feste Teams. Moderatoren wurden für alle Arbeiten außerhalb der eigenen Sendung ins Homeoffice geschickt.

Eine wichtige Erkenntnis aus dem Home­office: Bürostühle machen doch Sinn – auf dem Sofa, dem Küchenstuhl oder gar im Bett lässt es sich nicht so gut mehrere Stunden am Stück am Computer arbeiten. »Das richtige Arbeits-Feeling ist nicht aufgekommen zu Hause. Es war schwierig, von heute auf morgen in einen geregelten Arbeitsalltag zu kommen«, sagt Energy-Moderatorin Sarah Hautsch.

Aber es war auch eine Herausforderung, kreativ zu werden: »Wir hatten so viele Ideen für die Social Media Kanäle - vielleicht auch, weil es einfach mal ein anderes Arbeitsumfeld war und man so ganz neuen Input hatte«, so die Erfahrung von Yase Schaub. Sie moderiert zusammen mit Mark Neugebauer die Morningshow bei Energy. Chris Peisker, der Nachmittags-Moderator, zeigte sich unentschlossen, wie er seine Einzel-Schichten im Sender finden sollte: »Ich habe mich zwar darüber gefreut, dass ich schnell und effektiv arbeiten konnte. Gleichzeitig war es aber ohne meine Kollegen recht einsam, und es fehlte häufig ein Sparringspartner bei der Vorbereitung. Klar, kann man das per Telefon machen, das ist aber doch was anderes.«

Es hat überraschend gut funktioniert

Das Koordinieren auf Entfernung war und ist teilweise immer noch aufwändiger. Aber durch regelmäßige virtuelle Konferenzen haben wir uns im Homeoffice schnell zusammengerauft, die Produktivität eines jeden genutzt und ein tolles Programm auf die Beine gestellt. Informativ und trotzdem weiter unterhaltsam – das Feedback der Hörer über Telefon und Social Media machte schnell deutlich: Sie wünschen sich nicht nur Informationen, sondern auch Ablenkung von den zeitweise minütlich neu einlaufenden Corona-Meldungen.

Normalität gibt es noch lange nicht

Natürlich erlebten wir in den zahlreichen Videokonferenzen auch die bekannten Fail-Klassiker wie »Moment, das Kind ruft aus dem Hintergrund« oder »Könnt ihr mich verstehen? – Bingo!«. Und Energy-Moderatorin Lola musste mit einem lauten Nachbarn zurechtkommen: »Mein Nachbar hat während einer Konferenz so laut die Tür zugeknallt , dass alle dachten, bei mir sei ein Regal in der Wohnung umgefallen.« Nach den ersten Lockerungen kamen weitere Herausforderungen auf uns zu: Unter erschwerten Bedingungen wollten wir auch die Stimmung in der Region wieder live vor Ort einfangen – also wurden aus Besenstilen Verlängerungen für Mikrofone gebastelt, und die Mikrofone bei Umfragen jedes Mal neu mit Frischhaltefolie verpackt. Senderfahrzeuge zu Außenterminen werden täglich desinfiziert und sind mit großen Kisten mit Masken zum Wechseln ausgestattet.

Mittlerweile ist es August – es kommen langsam wieder mehr Mitarbeiter in den Sender – unter strikter Einhaltung der AHA-Regel: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske. Desinfektionsspender stehen am Eingang, Maskenpflicht gilt auf Fluren und in Konferenzräumen, Hinweisschilder hängen an jeder Ecke – und es herrscht eine ganz besondere Stimmung im Team: Wenn wir die letzten Monate so gut bewältigt haben, dann werden wir auch die kommenden wuppen!

Davon ist auch Energy Nürnberg-Geschäftsführer Markus Schülein überzeugt: »Ich bin super stolz auf die gesamte Belegschaft. Mit welcher Professionalität und diesem tollen Teamgeist sie diese Monate gemeistert haben, ist beeindruckend.«

en.joy.it/photocase.de, Radio Energy Nürnberg (3)

Bild Kai Maltz_Kummer
Kai Maltz-Kummer ist seit 2001 bei Radio Energy Nürnberg und inzwischen Programm Manager. Der Betriebswirt hat außerdem einen IHK-Abschluss als Medienfachwirt für digitale und audio-visuelle Medien.
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