Einfluss auf junge Wählerinnen und Wähler
Das Wahlergebnis der Bundestagswahl 2025 unter jungen Wählerinnen und Wählern hat eine Debatte befeuert, die seitdem nicht abreißt: Entscheidet Social Media heute mit über den Ausgang von Wahlen? TENDENZ hat die Studienlage dazu unter die Lupe genommen.
Text: Christina Ackermann & Regina Deck
Anlass für die These, dass der Feed zur Wahlkampfbühne werden kann, gab es in den jüngsten Wahlen genug. Bei der Bundestagswahl 2025 wurde Die Linke bei den 18 – 24-Jährigen mit 26 Prozent stärkste Kraft, die AfD kam auf 21 Prozent, während Grüne und FDP in dieser Altersgruppe deutlich verloren. Bei den Landtagswahlen 2026 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz setzte sich diese Entwicklung fort. Schnell war eine Erklärung zur Hand: TikTok und Co. hätten die jungen Wählerinnen und Wähler nach rechts oder links gezogen.
Doch so einfach ist es nicht. Einen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Social Media Wahlentscheidungen direkt beeinflusst, gibt es nicht. Sehr wohl zeigen Studien aber, dass sich junge Menschen unter 30 Jahren politisch vor allem digital informieren – über Plattformen, deren Feeds algorithmisch sortiert werden und deren Auswahlregeln weitgehend intransparent sind.
Damit stellt sich also weniger die Frage, ob Social Media Wahlen direkt entscheidet. Es geht eher darum, dass Plattformen den politischen Wettbewerb um Aufmerksamkeit mitprägen: Sie beeinflussen, welche Inhalte junge Menschen sehen, welche Parteien sichtbar sind und was politisch wichtig erscheint.
„News finds me“: Wo junge Menschen politischen Inhalten begegnen
Für viele junge Menschen sind Soziale Medien heute der wichtigste Ort, an dem sie politischen Inhalten begegnen. Laut der Bertelsmann-Studie „How to Sell Democracy Online (Fast)“ informieren sich knapp drei Viertel der 16- bis 27-Jährigen über politische Themen via Social Media, noch vor Schule (60 Prozent), Familie (58 Prozent) oder Freundeskreis (54 Prozent). Der Reuters Institute Digital News Report 2025 bestätigt dieses Bild: Mehr als ein Drittel der 18- bis 24-Jährigen nennt Social-Media-Netzwerke als Hauptnachrichtenquelle, für 17 Prozent ist es in einer gewöhnlichen Woche sogar die einzige.
Entscheidend ist dabei nicht nur, dass junge Menschen politische Informationen über Plattformen erhalten, sondern wie. Denn Nachrichten und politische Inhalte werden meist nicht aktiv gesucht, sondern begegnen ihnen passiv im Feed. Rund die Hälfte der Befragten gibt laut Reuters Institute News-Studie an, häufig eher beiläufig auf politische Inhalte zu stoßen, als gezielt nach ihnen zu suchen – ein Muster, das auch als „News-finds-me“-Phänomen beschrieben wird.
Gerade das macht Plattformen politisch so relevant. Wer politischen Inhalten vor allem im Feed begegnet, ist darauf angewiesen, was Plattformen sichtbar machen. Denn ihre Architektur, ihre Interaktionslogiken und ihre algorithmische Sortierung strukturieren mit, welche Themen, Akteure und Konflikte überhaupt wahrgenommen werden.
Der Feed als Wahlkampfbühne
Wenn junge Menschen Politik und politische Informationen vor allem im Feed erleben, wird der Feed zur Bühne des Wahlkampfs.
Im Bundestagswahlkampf 2025 waren alle im Bundestag vertretenen Parteien und deren Vertreterinnen und Vertreter auf Social Media präsent, vor allem mit audiovisuellen Inhalten. Doch Präsenz allein garantiert keine Sichtbarkeit.
Die Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt in der Studie „Swipe, Like, Vote“, dass CDU, SPD, FDP und Grüne in der heißen Wahlkampfphase von Januar bis Februar 2025 deutlich mehr TikTok-Videos veröffentlichten als AfD oder Linke, pro Video jedoch deutlich weniger Interaktionen in Form von Likes, Shares und Kommentaren erzielten. Dabei sind diese Interaktionen auf Plattformen wie TikTok nicht nur Reaktionen des Publikums, sondern Signale an den Algorithmus, Inhalte weiter zu verbreiten. Wer mehr Interaktionen erzeugt, wird sichtbarer.
Wie Sichtbarkeit entsteht: Emotionale und provokante Posts punkten
Wie stark diese Plattformlogik wirken kann, veranschaulicht die Studie „Digitalisiert, politisiert, polarisiert?“ der Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam. In den TikTok-Feeds von 72 simulierten Nutzerprofilen, die das Verhalten 21- bis 25-Jähriger nachbildeten, wurden AfD-Inhalte im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 insgesamt 3.181-mal ausgespielt, Inhalte der Linken 2.295-mal, der SPD 1.179-mal und der CDU/CSU lediglich 400-mal. Entscheidend ist dabei das Missverhältnis zwischen der Menge der geposteten Videos und der Sichtbarkeit: Die AfD stellte zwar nur 21,5 Prozent aller hochgeladenen Partei-Videos, vereinte aber 37,4 Prozent aller Feed-Ausspielungen auf sich. Die CDU/CSU kam bei 17,1 Prozent der Videos hingegen nur auf 4,9 Prozent der Ausspielungen. Social-Media-Plattformen bilden das Kommunikationsvolumen der Parteien also nicht einfach ab, sondern verstärken es selektiv.
Welche Inhalte davon profitieren, zeigt die BLM/LFK-Sonderanalyse des Online-Video-Monitors zum Bundestagswahlkampf 2025. Besonders erfolgreich sind Videoposts mit folgenden Kommunikationsstilen: „emotional und expressiv“ sowie „kritisch und provokant“. Sachliche und informierende Inhalte erzielen plattformübergreifend die geringsten Abrufzahlen. Sichtbarkeit im Feed folgt damit nicht allein politischer Relevanz, sondern auch der Frage, was Aufmerksamkeit bindet und Interaktionen auslöst. Für den politischen Diskurs heißt das: Differenzierte und abwägende Kommunikation hat es auf Plattformen strukturell schwerer als Inhalte, die auf Zuspitzung und Emotionalisierung setzen.
Im Feed gelten für alle ähnliche Erfolgsregeln
Diese Plattformlogik gilt für alle, die im Feed politisch kommunizieren wollen. Parteien, Politikerinnen und Politiker sowie Influencerinnen und Influencer. Bei jungen Menschen kommen Letztere dabei besonders gut an: 60 Prozent der Befragten folgen laut der Studie „How to Sell Democracy Online (Fast)“ politischen Influencerinnen und Influencern, aber nur 38 Prozent klassischen Politikerinnen und Politikern.
Das Arbeitspapier von Lion Wedel et al. zum Nachrichtenkonsum deutscher TikTok-User während der Bundestagswahl 2025 zeigt: Sichtbar werden dabei vor allem Accounts, die meist der eigenen politischen Richtung zugeordnet werden können.
Influencer sprechen die Sprache der jungen Wählerinnen und Wähler, sind nah dran und wirken glaubwürdig. Die Landesmedienanstalt NRW hat in der Studie
„Political Influencer zwischen Journalismus und Algorithmus“ analysiert, was Emotionalisierung und Zuspitzung in der politischen Influencer-Kommunikation letztlich für die demokratische Kultur bedeutet: In mehr als jedem dritten Beitrag der untersuchten Influencer-Profile verschwimmt die Grenze zwischen Information und Meinung. Unter rechts verorteten Accounts ist dies bei fast jedem zweiten Account der Fall, teils mit klar skizzierten Feindbildern und Desinformation.
Social Media ist kein Wahllokal, aber der Feed entscheidet mit
Politische Meinungsbildung ist ein längerfristiger Prozess, geprägt von Herkunft, Erfahrungen und sozialem Umfeld. Empirisch lässt sich nicht belegen, dass Social Media Wahlen entscheidet. Denn der Einfluss von Medien wirkt nicht monokausal, sondern stets im Zusammenspiel mit anderen Faktoren. Doch wie Prof. Anna Sophie Kümpel betont, prägen Social-Media-Plattformen die Art des Wahlkampfs, nicht aber den Wahlausgang.
Was Soziale Medien allerdings sehr wohl beeinflussen, ist die politische Wahrnehmung: Welche Themen werden sichtbar? Welche Parteien erscheinen als relevant? Und welches Bild entsteht von politischen Akteuren? Das hatte auch Prof. Andreas Jungherr in einer Diskussion bei den Medientagen München 2025 betont: Plattformen erzeugen gesellschaftliche Stimmungen nicht aus dem Nichts. Sie können aber verstärken, verdichten und im Feed besonders präsent machen, was ohnehin vorhanden ist.
Die Befunde aus den Studien legen nahe, dass die Herausforderungen für die Plattform-Regulierung in den Bedingungen von Sichtbarkeit und Einordnung liegen. Daraus
ergeben sich zwei Anschlussfragen: Wie sollte Medienkompetenz mit Blick auf politische Inhalte in Feed-Umgebungen gestärkt werden? Und wie können Plattformen mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit über ihre Sichtbarkeitslogiken herstellen, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden?
Genau an dieser Stelle setzt die Arbeit der Medienanstalten an. Denn die Frage, wie politische Sichtbarkeit im Feed entsteht und verteilt wird, berührt die Bedingungen demokratischer Öffentlichkeit unmittelbar.
Social Media ist kein Wahllokal, aber längst ein politischer Raum, in dem Meinungen entstehen und Demokratie verhandelt wird. Im Feed entscheidet sich mit, was politisch sichtbar wird, wem Aufmerksamkeit zufällt und unter welchen Bedingungen demokratischer Wettbewerb stattfindet.
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