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Bericht des Vorsitzenden

17.02.2005 | 30 / 2005

Die Tagesordnung für die heutige Sitzung des Medienrats ist ungewohnt knapp. Das eröffnet uns hoffentlich die Möglichkeit, besonders den Jugendschutzbericht etwas ausführlicher zu diskutieren. Ich wurde, nachdem die Tagesordnung versandt worden war, bereits kritisch angefragt, warum tv.münchen nicht als eigener Punkt aufgeführt ist. Die Antwort darauf fällt so einfach wie kurz aus: Auf der Grundlage unseres Beschlusses vom Dezember des Vorjahres befinden wir uns mitten in der Neuorganisation für das lokale/regionale Fernsehvollprogramm und das lokale Fernsehfenster RTL in München; die Ausschreibung dazu läuft gerade. Das verbietet im jetzigen Stadium substantielle Aussagen darüber, wie das Organisationsergebnis aussehen könnte. Die vom Grundsatzausschuss und vom Fernsehausschuss begrüßte, aber auch kritisch diskutierte Übergangslösung zur Fortsetzung des Sendebetriebs ist dabei sicherlich nicht ohne Probleme. Denn es dürfte kein Zweifel bestehen, dass die bisher bei tv.münchen gesellschaftsrechtlich Verantwortlichen, soweit wir sie benennen können, durch die Vorgänge wenn auch in unterschiedlichem Maße diskreditiert sind. Zum jetzigen Zeitpunkt bleibt mir nur der Appell an die Anbieter des lokalen Fernsehfensters, keine unüberwindbaren Hürden für die künftigen Gespräche aufzubauen. Natürlich ist wirtschaftliche Vernunft notwendig, damit es zu einer sinnvollen Lösung kommt; diese wirtschaftliche Vernunft darf jedoch nicht zum Alibi für Machtspiele werden. Wir haben jetzt die einmalige Chance für ein zukunftsfähiges Ballungsraumfernsehen und diese Chance sollte nicht leichtfertig vertan werden.
 
Der Medienrat der BLM hat sich von Anfang an kontinuierlich mit programminhaltlichen Fragen auseinandergesetzt und besonders bei Entgleisungen und gezielten Tabubrüchen in den privaten Fernsehprogrammen kritisch reagiert. Dabei war und ist es unsere Aufgabe, nicht nur offensichtliche Programmverstöße zu rügen. Mindestens genauso wichtig sind der Anstoß und die Begleitung der gesellschaftlichen Diskussion von programmlichen Defiziten und von Qualitätsmaßstäben. Wer sich während der letzten Wochen das ProSieben-Format „Die Burg“ ansah, hat einen neuerlichen Tiefpunkt des privaten Fernsehens miterlebt. Da dieses Format auch nachmittags zwischen 14 und 15 Uhr gesendet wurde, läuft derzeit ein Prüfverfahren der Kommission für Jugendmedienschutz. Unabhängig davon bleibt festzuhalten: In diesem Format wurde der Alkohol ganz bewusst als Mittel der Enthemmung eingesetzt; den Protagonisten wurden persönlich verletzende Äußerungen aus dem Kreis der Mitwirkenden vorgespielt und so Konflikte von außen geschürt; nach einer unappetitlichen Szene, bei der zwei Männer in den Badezuber der Stripperin Kader Loth pinkelten, kam es prompt zu einer schlimmen Prügelszene. Dass der abgehalfterte Schlagerstar Christian Anders als alkoholisches Wrack verspottet wurde: auch dies passte in den Zynismus der Sendung. Wie hatte doch die Moderatorin der Sendung vorher in einem Interview getönt: „Ich mache, was die Zuschauer sehen möchten. Und da bin ich ziemlich schmerzfrei.“ Die Programmverantwortlichen waren dann doch nicht so schmerzfrei. Jedenfalls dämmerte es Ihnen, dass hier gerade das Image von ProSieben, das in früheren Jahren im Sinne einer Premium-Marke für jüngere Zuschauer sehr positiv gewesen ist, beträchtlichen Schaden nahm. Der Geschäftsführer räumte ein, sie hätten eigentlich eine „Zeitreise“ geplant und seien davon überrascht worden, „welche Wendung die Show durch die Aufteilung in Pöbel und Adel nahm.“ „Zeitreisen“ im Medium Fernsehen erfordern freilich eine andere, viel sorgfältigere Vorbereitung und sollten mehr als bloß neckische Kostümierungen bieten. Im Übrigen überrascht bei dieser Art von Eskalierungsfernsehen kaum noch etwas. Die Katholische Akademie in Bayern hat sich übrigens unter dem Titel „Schamlos?“ mit dem Thema bei einer Tagung am letzten Wochenende befasst, wofür ich Herrn Dr. Schuller herzlich danke. Lassen Sie mich schließen mit einem weiteren Satz der Moderatorin Sonya Kraus aus dem bereits zitierten Interview: „Für kein Geld der Welt würde ich in so ein Reality-Format einsteigen. Ich lege viel Wert auf mein Privatleben.“