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Bericht des Vorsitzenden

13.07.2006 | 5 / 2006

Im Blick auf die heutige, wiederum sehr umfangreiche Tagesordnung und auf die Wahl des Präsidenten beschränke ich meinen Bericht. Der Vorstand hat ja, wie bereits früher ausgeführt, den Präsidenten gebeten, nach der erfolgten Wahl eine Grundsatzerklärung abzugeben. In dieser Erklärung soll deutlich werden, welche medienpolitischen Herausforderungen während der nächsten Jahre auf uns warten und welche Leitlinien unsere Entscheidungen im Gremium bestimmen können. Darauf dürfen wir gespannt sein und diese Regierungserklärung, wenn Sie mir den Begriff erlauben, wird sicherlich auch Anlass zu kritischen Rückfragen geben. Ich selbst möchte deshalb nur drei Stationen der letzten Wochen in Erinnerung rufen und Ihnen so indirekt auch Rechenschaft geben über das Wirken des Vorsitzenden:
 
1.      Vor kurzem fand ein Doppeljubiläum statt: Zunächst wurde in Nürnberg, dann auch in München das 10jährige Bestehen der AFK-Kanäle gefeiert. Das geschah, dem Anlass entsprechend, an jugendattraktiven Veranstaltungsorten und mit einer erfreulich hohen Beteiligung von Gästen, darunter auch von Staatsminister Sinner. Die spezifisch bayerische Konstruktion der AFK-Kanäle war lange Zeit und wird vielleicht noch heute vom Misstrauen derjenigen begleitet, die gerne die erhebliche Förderung durch die BLM für sich reklamieren würden. Der Medienrat hat sich davon nie irritieren lassen. Ihm sind die Unterstützung der jungen Leute und dieser einzigartigen Mischung von Medienpädagogik und Medienausbildung immer wichtiger gewesen als die Begehrlichkeiten etablierter Medienanbieter. So hat die BLM die AFK-Kanäle und ihre Vereine durch einige Krisen hindurch begleitet und kann jetzt mit berechtigtem Stolz feststellen, dass das bayerische Modell zum Vorbild für Modelle in anderen Bundesländern wurde. Herrn Heim und seinem Team gebühren hier ein besonderer Dank, aber auch den Nachwuchsjournalisten, die voller Ideen und mit einer noch ungebrochenen Begeisterung erste Praxiserfahrungen sammeln. Bei dem Jubiläum in München war ich jedenfalls überrascht, wie viel Schwung die jungen Leute entwickelt haben und wie groß ihre Bandbreite ist. Wenn wir so oft von der Standortsicherung reden, dann muss auch einmal daran erinnert werden, dass dafür menschliche Kompetenzen und Ressourcen mindestens so wichtig sind wie rechtliche Rahmenbedingungen und finanzielle Investitionen. Bedauerlich ist nur, dass der Bayerische Rundfunk, der von den AKF-Kanälen personell stark profitiert, sich bisher nicht als Gesellschafter engagiert…
 
2.      In dieser Woche fanden wieder die Lokalrundfunktage in Nürnberg statt. Sie erfreuen sich weiterhin wachsender Beliebtheit und sind zu einem Treffpunkt der Medienmacher in Bayern und darüber hinaus geworden. Neben den Münchner Medientagen haben sie ein ganz eigenes Gewicht und ein unverwechselbares Kolorit. Die BLM zeigt damit, dass sie nicht auf München zentriert ist, sondern die medialen Herausforderungen eines Flächenstaates ernst nimmt und in ihrer Arbeit bewusst Schwerpunkte jenseits der Landeshauptstadt setzt. Ein Highlight der Lokalrundfunktage stellte die Eröffnungsveranstaltung dar. Nach den positiven Erfahrungen des vergangenen Jahres kombinierte sie wiederum die Vorstellung der Funkanalyse Bayern 2006 mit der Verleihung der BLM-Hörfunk- und Lokalfernsehpreise. Das gelang eindrucksvoll. Die preisgekrönten Beispiele aus dem Regionalfernsehen und aus der Lokalrundfunkszene demonstrierten ein erfreulich hohes Niveau und lösten immer wieder spontanen Beifall aus. Dagegen fielen die Ergebnisse der Funkanalyse eher zwiespältig aus. Sie zeigen einerseits, dass ANTENNE BAYERN seine Reichweite noch einmal deutlich verbessern konnte und jetzt um 8,6% vor dem reichweitenstärksten Programm Bayern 1 des Bayerischen Rundfunks liegt. Andererseits mussten die Lokalradios einen leichten Verlust von 1,6% hinnehmen. Obwohl das Minus weniger ausgeprägt ist als bei den Massenprogrammen des öffentlich rechtlichen Rundfunks, gibt er doch Anlass zu kritischen Fragen, die auch bei den medienpolitischen Veranstaltungen der Lokalrundfunktage aufgeworfen wurden: Ist der Reichweitenverlust der Lokalradios vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass sie ihren Standortvorteil der Lokalität nicht in ausreichendem Maße und nicht mit der notwendigen journalistischen Kompetenz nützen? Deuten die Zahlen vielleicht sogar eine krisenhafte Entwicklung des bisherigen Formatradios an, weil es zu Stereotypisierungen neigt und die kreative Potenz der Macher einschränkt? Jugendliche jedenfalls, aber auch junge Erwachsene, verstehen sich immer mehr als ihre eigenen Programmmacher und nutzen intensiver denn je die rasch wachsenden Möglichkeiten zum Download. Darin steckt eine Chance auch für die lokalen Programme und gleichzeitig eine enorme Gefährdung. Wer hier in den kommenden Jahren nicht hellwach ist, gehört eines Tages zu den Verlierern.
 
3.      Lassen Sie mich schließlich noch kurz berichten über ein Gespräch bei unserem Ministerpräsidenten, in dessen Mittelpunkt die Frage stand, wie die religiösen Empfindungen der Bürgerinnen und Bürger besser geschützt werden können. Ich habe mich gefreut, dass ich zu diesem Gespräch eingeladen worden bin und noch einmal die erheblichen Unterschiede zwischen den privaten Sendern, ihrem inhaltlichen Selbstverständnis und der von ihnen wahrgenommenen Programmverantwortung deutlich machen konnte. Schließlich ist es kein Zufall, dass MTV die Comicserie „Popetown“ eingekauft hat, aber keiner der großen Sender. Inzwischen merkt hoffentlich auch MTV, dass diese Serie alles andere als ein Imagegewinn ist. Wer den Comic nach der Pilotsendung noch einmal angeschaut hat, wird nur noch den Kopf schütteln über die einfältige Machart und die Plumpheit der Gags. BBC wusste offensichtlich, warum es die Serie nicht in England ausstrahlte und stattdessen Ausschau hielt nach anderen Märkten und bedenkenloseren Machern. Trotzdem bleibt die Frage, wie wir künftig mit solchen gezielten Provokationen umgehen sollen. Das Gespräch beim Ministerpräsidenten erbrachte als Ergebnis die Gründung einer Arbeitsgruppe, die sich intensiv mit der rechtlichen Seite des Problems befassen soll. Den Beteiligten war aber auch klar, dass die juristischen Fragen allein nicht zielführend sein können. Denn es geht vor allem um Fragen des gesellschaftlichen Miteinanders, um die Erziehung zum Dialog und zur Achtung gegenüber den religiösen Bekenntnissen. Der Münchner Kardinal Friedrich Wetter brachte in das Gespräch eine Kategorie ein, die profane Gemüter eher seltsam berühren mag: das Heilige. Ich halte dies für den Schlüsselbegriff überhaupt in der bisherigen Auseinandersetzung. Dürfen wir achtlos umgehen mit dem, was anderen Menschen heilig ist? Achtlos meint dabei nicht kritiklos. Vielleicht machen wir alle den ersten Schritt zu einer versachlichten Diskussion, wenn wir einmal, jeder für sich, überlegen, was uns ganz persönlich heilig ist. Das führt mich zu der bewusst zugespitzten Frage: Wie können wir diejenigen, denen nichts mehr heilig ist, dazu bringen, dass sie wenigstens achten und schützen, was ihren Mitmenschen heilig ist?
 
Ich danke Ihnen.