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Eröffnungsrede von Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring zu den BLM-Lokalrundfunktagen am 23./24. Mai 2000 in Nürnberg

23.05.2000 | P&R


- Es gilt das gesprochene Wort -

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich darf Sie ganz herzlich zu den achten Lokalrundfunktagen der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien in Nürnberg begrüßen. Auch zu Beginn des neuen Jahrtausends sind wir bei der guten Tradition geblieben, hier in der fränkischen Metropole zwei Tage über die Zukunft des lokalen Rundfunks zu diskutieren. Wer acht Jahre so positiv aufgenommen und unterstützt wurde, hat auch keinen Grund, über einen Wechsel nachzudenken. Ich möchte deshalb an dieser Stelle den Sponsoren und Förderern dieser Veranstaltung, d.h. vor allem den Nürnberger Medienunternehmen meinen Dank für die bewährte Unterstützung aussprechen. Besonders bedanken möchte ich mich zudem beim Nürnberger Aus- und Fortbildungskanal „max 91,0", der während der gesamten Lokalrundfunktage präsent sein wird und live sowohl über UKW als auch im Internet von den Lokalrundfunktagen berichtet.

Lassen Sie mich ein paar Worte zum Programm sagen: Mit Spannung erwartet und naturgemäß Auslöser für Diskussionen sind die Ergebnisse der Funkanalyse Bayern, deren Präsentation im Anschluss folgen wird. Nicht weniger spannend wird die darauffolgende Vorstellung der Ergebnisse einer ersten Reichweiten-Untersuchung aller Ballungsraumsender in Deutschland durch Media 1 sein. Diese Ergebnisse sind nicht nur für die bayerische Entwicklung wichtig, sie sind auch ein erster Gradmesser dafür, welche Zukunft man für das Ballungsraumfernsehen insgesamt erwarten darf. Neben den beiden Reichweiten-Untersuchungen bieten die Lokalrundfunktage neun Workshops, ein Programm-Special mit der Vorführung von preisgekrönten Filmen von Studenten der Hochschule für Fernsehen und Film in München, natürlich die Verleihung der BLM-Hörfunk- und Lokalfernsehpreise, die in diesem Jahr erstmals auch hier in der Messe stattfinden wird, eine Ausstellung mit Produkten und Dienstleistungen von Programm-, Hard- und Software-Zulieferern des lokalen Rundfunks und schließlich das in seiner Atmosphäre einmalige Medienfest auf der Kaiserburg.

Die Intention der Workshops zu den Themen Programm, Marketing und Internet ist es, Ihnen möglichst praxisnahe Impulse und Anregungen für Ihre tägliche Arbeit zu geben. Es spricht für sich, dass das Thema Internet mittlerweile ganz selbstverständlich gleichrangig neben dem lokalen Hörfunk und dem lokalen Fernsehen steht. Zweifellos brauchen wir alle eine Strategie, wie mit dem Internet umzugehen ist. Diese Frage beschäftigt nicht nur uns, sondern auch unsere internationalen Gäste, aus Schweden, England, Frankreich, Österreich und der Schweiz, die ich an dieser Stelle ganz herzlich begrüßen möchte. Der internationale Austausch war uns bei den Lokalrundfunktagen immer ein besonderes Anliegen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Erfreuliches erleben wir derzeit beim Hörfunk: Die Hörfunkwerbung boomt und das länderübergreifend. So belegt die Studie „Radio Key Facts 2000" des CLT-Ufa-Vermarkters IP, in der 500 Radiostationen in 20 europäischen Ländern und den USA untersucht wurden, dass 1999 in drei Viertel der europäischen Länder die Hörfunksender ihre Werbeeinnahmen um mehr als acht Prozent steigern konnten. Insgesamt ist das Radio stärker gewachsen als alle anderen Medien. Auch die Zukunft des Hörfunks wird von den Experten von IP äußerst positiv gesehen. Durch seine Beweglichkeit, Nähe und Flexibilität passe sich das Radio der Entwicklung der modernen Gesellschaften an, so das Resümee der Studie. – Die nationale Vermarktung war in den vergangenen Wochen auch bei uns ein Thema, zu dem es mehrere Gespräche gegeben hat. Da wir hier seit Jahren eine erfreuliche Kontinuität auf Grundlage einer bewährten Struktur haben, die den bayerischen Besonderheiten Rechnung trägt, gibt es m.E. derzeit keinen Anlass, das Grundmodell zu ändern.

Erfreuliches kann ich Ihnen endlich auch zum Stand der Koordination der Zweitfrequenzen – zumindest denen der ersten Präferenz – berichten. Die Frequenzen in Ingolstadt und Bamberg sind fertig koordiniert und verfügbar. In Aschaffenburg liegt eine zweite Frequenz bereits vor, in Kempten kann die vorhandene Stadtfrequenz verstärkt und als Zweitfrequenz genutzt werden. In Rosenheim ist ebenfalls mittlerweile eine zweite Frequenz vorhanden. In Landshut gibt es noch ein Problem mit einer österreichischen Frequenz, das aber bilateral zu regeln sein sollte. Insgesamt ist die Koordination damit soweit gediehen, dass wir in den kommenden Wochen mit den Anbietern vor Ort Gespräche führen und die Organisationsverfahren in Gang bringen werden.

Sehr positiv verläuft inzwischen auch die Koordinierung der Mittelwellenfrequenzen für Augsburg, Nürnberg, Regensburg und Würzburg. München ist ja bereits koordiniert. Die Telekom hat uns jetzt mitgeteilt, dass es gegen die Koordinierung an diesen vier Standorten bisher keine Einsprüche gibt. Die Einspruchsfrist läuft Ende Mai/Anfang Juni ab. D.h., wenn bis zum Ablauf dieser Frist keine Einsprüche kommen, können auch diese Frequenzen in den nächsten Wochen ausgeschrieben werden.

Doch zurück zu den Zweitfrequenzen. Sie interessiert zu Recht, wie das Konzept der Landeszentrale für die Zweitfrequenzen aussehen wird. Bei der Organisation der Zweitfrequenzen haben die Anbieter vor Ort erste Priorität. Wir wollen nicht, dass hier eine wirtschaftliche Konkurrenzsituation entsteht. Als Zulieferprogramm kommt sicherlich Radio Galaxy in Frage. Wir sehen Radio Galaxy aber primär als Digital Radio-Format und werden keine feste Zulieferung verordnen. Über die Art und den Umfang der Zulieferung sollen die lokalen Anbieter vor Ort selbst entscheiden. Wir wollen natürlich Programme für jüngere Zielgruppen, es muss sich dabei aber nicht in jedem Fall um Jugendprogramme handeln, die auf eine Zielgruppe von 14 bis 24 zugeschnitten sind. Es sollen jüngere Programme sein, die optimal auf die Erstfrequenzen und auf die Situation vor Ort abgestimmt sind. Alle entsprechenden Untersuchungen zeigen, dass sich mit einer zu jungen und zu engen Formatierung keine großen Reichweiten erzielen lassen. Ich begrüße es, dass in die überregionale Werbevermarktung gemäß Vermarktungsvertrag Antenne Bayern / BLW / BLR künftig sowohl Radio Galaxy, die Rock-Antenne, als auch die Zweitfrequenzen mit einbezogen werden sollen.

Damit bin ich beim Stichwort Digital Radio. Wir haben hier in Bayern unsere Hausaufgaben gemacht. Alle Digital Radio-Programme - 20 lokale und zwei landesweite Programme - sind auf Sendung. Aber auch die anderen Bundesländer haben nachgezogen und international ist man ebenso weit bzw. teilweise sogar weiter als in Deutschland. Auch beim Sendenetzbetrieb hat Bayern Vorbildfunktion: Die Mehrheit der Länder ist hier dem BDR-Modell gefolgt.

Viele von Ihnen werden jetzt sagen, was nützt das, wenn es keine Hörer gibt? Natürlich wissen wir, dass die Digital Radio-Einführung den bayerischen Anbietern einiges abverlangt, und wir erkennen ausdrücklich an, welche Vorleistungen sie erbracht haben und weiter erbringen. Aber Sie wissen auch, dass wir Sie nach Kräften unterstützen. Die BLM übernimmt in diesem Jahr 90 Prozent der Senderkosten und 70 Prozent der Zuführungskosten der lokalen Digital Radioanbieter. Wir haben die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass mittlerweile alle Digital Radioprogramme ins Kabel eingespeist werden. Dabei übernehmen wir derzeit 100 Prozent der Kabeleinspeisungskosten.

Richtig ist, dass Digital Radio immer mehr zu einem Desaster der Geräteindustrie wird, wie es Bertram Schwarz, Geschäftsführer von Radio Hamburg, neulich in einem Interview ausgedrückt hat. Wir brauchen so schnell wie möglich das „Tchibo-Digital Radio", und das darf eigentlich nicht mehr als DM 300 kosten. Und es ist entscheidend, dass ein eindeutiger Zeitpunkt für das Ende von UKW festgelegt wird. Der 28. September 2000 ist da ein ganz wichtiges Datum, denn dann tagt die Initiative Digitaler Rundfunk der Bundesregierung und trifft hoffentlich eine klare Aussage zu Digital Radio und zum Zeitraum der Simulcast-Phase. Die muss zeitlich begrenzt sein – 2015 ist da keine Perspektive, das Datum sollte wie beim digitalen Fernsehen viel früher liegen. Ich hoffe nicht, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten hier als Bremser auftreten. Diese Gefahr besteht, wobei ich den Bayerischen Rundfunk hier ausdrücklich ausnehme.

Im übrigen kann ich durchaus Ihre Verunsicherung verstehen, was die weitere Entwicklung von Digital Radio angeht gerade auch im Zusammenhang mit den Internet-, WAP- und UMTS-Entwicklungen, von denen man soviel hört und liest. Wenn man die Situation jedoch nüchtern analysiert, gibt es keinen Grund zur Panik. Internet-Radio über Satellit oder UMTS, ob mobil, wie es jetzt in den USA herauskommen soll, oder stationär und mit einer Flat-Rate, die möglicherweise bald bei 30 DM im Monat liegt, ist keine Konkurrenz für DAB, und zwar aus zwei Gründen nicht: Zum einen handelt es sich dabei immer um eine Punkt zu Punkt-Kommunikation, d.h. weder die Server noch die Netze sind in der Lage, gleichzeitig und live mehr als einige Hundert Hörer zu bedienen. Antenne Bayern, so habe ich mir sagen lassen, kann im Augenblick im Internet gleichzeitig von maximal 250 Hörern gehört werden, das Funkhaus Nürnberg von 200 Hörern. Ein weiterer Grund, dass zumindest bei den gegenwärtigen technischen Rahmenbedingungen keine wirkliche Konkurrenz entsteht, sind die Hörgewohnheiten. Eine Unfallmeldung aus der California Street in San Francisco hilft Ihnen nicht, den Stau in der Nürnberger Innenstadt zu umfahren.

Verstehen Sie meine Aussagen zum Internet bzw. zum Internet-Radio aber nicht falsch: Ich will damit nicht sagen, beim Internet können Sie zurückstecken. Das Gegenteil ist der Fall. Sie müssen beim Internet dabei sein als lokaler Hörfunk- oder Fernsehsender. Das ist ein Frage der Positionierung. Mir ist klar, dass das im Augenblick Geld kostet und kaum Einnahmen bringt. Ich bin aber überzeugt, dass das Internet genauso zum lokalen Medium werden wird, wie alle anderen Medien auch. Die Internet-Angebote von lokalen Hörfunk- und Fernsehsendern können dabei in Zukunft ideale lokale Plattformen bzw. Portale sein. Hier bieten sich zweifellos neue Vermarktungschancen. Sie können Spezialformate anbieten und E-Commerce abwickeln. Wer hier Phantasie entwickelt, hat gute Chancen. Schließlich sind Sie alle in ihrem lokalen Bereich eine bekannte Marke und das ist eine sehr gute Voraussetzung, um auch im Internet erfolgreich zu sein. Wir haben insgesamt eine große Zunahme bei den Online-Anschlüssen und auch bei der Nutzung. Nach den Ergebnissen der Funkanalyse haben mittlerweile rund 20 Prozent der Haushalte in Bayern einen privaten Internet-Zugang. Wieviel Radio wird über das Internet gehört? Auf die Frage „Haben Sie schon einmal über das Internet Radioprogramme gehört?" haben rund fünf Prozent mit „Ja" geantwortet.

Wir erleben derzeit eine große Internet-Euphorie, auch wenn die ab und an durch einen „love-letter" für einige Tage gedämpft wird. Man muss einfach nüchtern konstatieren, was ein Medium kann, wozu es sich gut eignet und wozu weniger gut. Auf absehbare Zeit ist Internet kein Medium, das besonders geeignet ist, um lokale/regionale Radioprogramme zu verbreiten.

Lassen Sie mich nun zum Fernsehen kommen, auch hier stehen ja äußerst spannende Zeiten bevor. Mit dem Start des Zulieferprogramms zum 01.01.2000 und der gemeinsamen Vermarktung durch Media 1 haben wir nach langer Diskussion einen wichtigen Schritt zur Fortentwicklung des lokalen Fernsehens gemacht. Ich möchte mich bei allen Anbietern, die diesen Weg trotz teilweise erheblichen technischen und organisatorischen Aufwands mit uns gegangen sind, für ihr Engagement an dieser Stelle bedanken. Es ist der Beweis dafür, dass die lokalen Anbieter versuchen, aus eigener Kraft ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern. Heute Nachmittag werden wir erstmals Zahlen zur Hand haben, die darüber Aufschluss geben, wir erfolgversprechend dieser Weg sein kann. Wir sind damit aber keineswegs am Ziel, weitere Schritte müssen folgen:

Die Media 1-Vermarktung und die damit verbundene Programmzulieferung dient in erster Linie dazu, endlich auch für das lokale Fernsehen einen Erlösanteil aus überregionaler Werbung zu realisieren. Darüber hinaus muss es gelingen, verstärkt regionale Werbung zu akquirieren. Um dies zu realisieren, ist als Bindeglied zwischen den lokalen Stationen die Funktionsfähigkeit der von ihnen gegründeten Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Fernsehanbieter (ABF) von großer Bedeutung. Dies gilt auch für die Weiterentwicklung des sog. Mischmodells. Eng verbunden ist damit auch die Optimierung der Zusammenarbeit mit den lokalen/regionalen Fernsehstationen im übrigen Bundesgebiet, die sich mit den bayerischen Stationen zur Arbeitsgemeinschaft Ballungsraumfernsehen zusammengeschlossen haben. Wir halten den lokalen Markt nach wie vor für die wichtigste Finanzierungsbasis des Lokalfernsehens. Der lokale Anbieter vor Ort wird es aber allein in dem immer schärfer werdenden Wettbewerb kaum schaffen. Die Vernetzung und Zusammenarbeit der Lokalstationen ist deshalb von großer Bedeutung. Wir sind davon überzeugt, dass Investitionen in die ABF gleichbedeutend sind mit Investitionen in die Zukunftsfähigkeit des Lokalfernsehens. Ziel aller Anstrengungen muss sein, die Erlöse aus lokaler und überregionaler Werbung deutlich zu steigern.

Es gibt viele Gründe, die eigenen Anstrengungen in Zukunft noch zu forcieren. So spielen auch Überlegungen für eine digitale Satelliten-Ausstrahlung der Lokalprogramme eine Rolle, wie wir sie in den vergangenen Wochen bereits mit Ihnen diskutiert haben. Dabei geht es derzeit primär darum, die jetzige analoge Verbreitungsstruktur zu stützen, indem kostengünstigere Übertragungswege zu den einzelnen Kabelnetzen erschlossen werden. Der digitale Empfang der Programme durch den Zuschauer wird aber mittelfristig ebenfalls eine bedeutsame Größe erreichen, so dass bereits jetzt Vorbereitungen für den Einstieg in diese Übertragungstechnologie getroffen werden müssen.

Meine sehr geehrte Damen und Herren,

ich denke, meine Ausführungen haben Ihnen verdeutlicht, dass wir sowohl im lokalen Hörfunk als auch beim lokalen Fernsehen in den kommenden Monaten vor wichtigen Entscheidungen stehen. Wir werden diese Entscheidungen in enger Kooperation mit den Anbietern treffen. Zusammenarbeit bedingt Kompromisse und Zugeständnisse und zwingt manchmal zum Überdenken bisheriger Strukturen. Lassen Sie uns diese positive Atmosphäre hier in Nürnberg nutzen, um Gespräche zu führen, die uns Lösungen näherbringen. Ich wünsche Ihnen allen interessante Veranstaltungen und anregende Diskussionen an den kommenden beiden Tagen und freue mich, jetzt das Wort an Frau Helene Jungkunz, an die Bürgermeisterin der Stadt Nürnberg, übergeben zu dürfen.