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Grußwort von Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring zur Eröffnung der Ausstellung „Stationen der Rundfunkgeschichte“

05.10.2005 | P&R


- Es gilt das gesprochene Wort! -
 
Sehr geehrter Herr Elitz,
sehr geehrter Herr Saur,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
ich freue mich sehr, Sie hier in der Landeszentrale zur Eröffnung einer Ausstellung über wichtige Stationen der deutschen Rundfunkgeschichte begrüßen zu dürfen. Viele von Ihnen waren schon häufiger Gäste bei Veranstaltungen der Landeszentrale und wissen deshalb, dass wir unsere Räumlichkeiten intensiv für Medienveranstaltungen jeglicher Art nutzen. Im Vergleich zu anderen Veranstaltungen ist diese Ausstellung jedoch etwas Besonderes. Das liegt sowohl am Inhalt als auch am Kooperationspartner. Deutschlandradio hat im ver­gangenen Jahr sein 10-jähriges Bestehen gefeiert und zu diesem Anlass, unterstützt durch das Deutsche Rundfunkarchiv und das Deutsche Rundfunk-Museum Berlin eine Ausstellung konzipiert, die den Besucher mitnimmt auf eine Zeitreise durch die zentralen Stationen der deutschen Rundfunkgeschichte. Wir haben diese Ausstellung um einige Aspekte ergänzt, die, konzentriert auf wenige Schlaglichter, die Entwicklung des privaten Rundfunks in Bayern seit Mitte der 80er Jahre zeigen. Herr Elitz wird in seinem anschließenden Grußwort noch einiges zu dieser Ausstellung sagen. Besonders freue ich mich darüber, dass wir im Anschluss an die Grußworte einen, wie ich überzeugt bin, sowohl kurzweiligen als auch erhellenden Vortrag von Karl-Otto Saur hören werden. Es wird dabei um die denk­würdige Debatte über die Rundfunkgesetzgebung in Bayern Anfang der 70er Jahre und ihre Folgen gehen, die schließlich zum Privatfunk-Modell bayerischer Prägung geführt haben. In dieser sehr diskussionsfreudigen, um nicht zu sagen turbulenten Zeit, war Karl-Otto Saur Lokalredakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Er hat die damaligen Ereignisse hautnah miterlebt und die Folgen bis heute publizistisch begleitet.
 
Die Geschichte des Rundfunks begann 1923 mit dem Radio, der Schwerpunkt der Aus­stellung liegt ebenfalls auf dem Hörfunk und unser Partner ist mit Deutschlandradio der wohl qualitativ hochwertigste Hörfunkprogrammanbieter in diesem Land. Konsequenterweise möchte auch ich mich im Folgenden vor allem dem Thema Radio widmen. Zeitlich gesehen, setzt erst mit dem letzten Viertel der bisherigen Hörfunkgeschichte auch die Geschichte der privaten Radios ein. Stichtag war der 29. Mai 1985, als hier in München die ersten drei privaten Hörfunksender terrestrisch ausgestrahlt wurden. Auch wenn die Geschichte der Privatradios erst 20 Jahre alt ist, hat ihr Erscheinen den Hörfunk insgesamt entscheidend verändert. Dies gilt für die Anzahl der Programme ebenso wie für die Nutzung und die Inhalte. Im Frühjahr 1985 gab es in Deutschland insgesamt 40 öffentlich-rechtliche Hörfunkprogramme. Heute verfügt der öffentlich-rechtliche Rundfunk über 67 UKW-Radio­programme sowie ein Dutzend originärer DAB-Programme bzw. -Dienste. Dazu kommen inzwischen über 260 private Hörfunkanbieter. Während der durchschnittliche Nutzer 1984 insgesamt 156 Minuten am Tag Radio gehört hat, waren es 2005 193 Minuten. Die höchste durchschnittliche Hördauer wurde im Jahr 2000 mit 209 Minuten erreicht. Die Entwicklung der Hördauer lässt letztlich auch Rückschlüsse zu auf die Veränderung der Inhalte. Lange Zeit war auch das Radio ein Einschaltmedium. Im Vorder­grund stand die bewusste Nutzung bestimmter Sendungen. Erste Änderungen dieses Nutzerverhaltens sind bereits vor der Einführung des privaten Hörfunks zu beobachten. Das Radio wurde immer mehr zum Tagesbegleiter. Im Vorfeld des Erscheinens der Privatradios gab es beispielsweise 1983 beim Bayerischen Rundfunk eine Reform, deren Ziel es war, so die damalige Hörfunk­direktorin Gustava Mösler, das erste und dritte Hörfunkprogramm für ein breiteres Publikum „durchhörbar“ zu machen. Schließlich wurden neben den Klassik-Wellen weitere Spartenprogramme entwickelt, wie 1991 B5, das Inforadio des Bayerischen Rundfunks, das vielen als Vorbild diente, später folgten die Jugendwellen in einer Reihe von ARD-Anstalten. Und das Radio wurde immer mehr „entwortet“, nach dem Motto „Man kann alles sagen, nur nicht über 1:30“. Und noch etwas hat sich verändert: Das Radio ist mittlerweile weniger Tagesbegleiter als vielmehr Animateur. Zweifellos haben die Privaten diesen Trend eingeläutet. Aus Furcht vor sinkenden Quoten sind ihnen viele öffentlich-rechtliche Programme gefolgt. Es gibt allerdings immer noch Ausnahmen. Die Programme von Deutschlandradio gehören da ganz sicher dazu. Das haben z.B. auch die Mitglieder des Medienrats bei ihrem Besuch bei Deutschlandradio im Jahr 2000 ausdrücklich betont.
 
Nachdem sich die Medienkritik und das Feuilleton jahrelang kaum oder gar nicht mit Radio beschäftigt haben, und man den Eindruck gewinnen konnte, neben Fernsehen findet Radio eigentlich gar nicht mehr statt, gab es in den letzten Monaten einige Artikel mit dem Tenor „Rettet das Radio“. Dies war auch die Überschrift eines Aufsatzes in der ZEIT Anfang dieses Jahres, dessen Autor Ulrich Stock zwar Deutschlandradio attestiert „Hier hat das Funken noch Verstand“, sonst aber sowohl an öffentlich-rechtlichen wie an privaten Programmen kaum ein gutes Haar lässt. Nun ist an dieser meist sehr pauschalen Kritik manches richtig, aber eben doch nicht alles. - Da das heute Abend keine medienpolitische Veranstaltung ist, werde ich an dieser Stelle nicht auf die öffentlich-rechtlichen Programme eingehen. Aber lassen Sie mich etwas zu den privaten Programmen, gerade auch zu unserer Lokalstationen, sagen.
 
Es reicht die eigene Beobachtung, das eigene Hören, um festzustellen, dass sich der lokale Hörfunk in Bayern und das Selbstverständnis seiner Macher geändert haben. Während sich das Lokalradio in seinen Anfängen und bis zu Beginn der 90er Jahre auch als Chronisten des lokalen Geschehens und damit als Konkurrenten zur Lokalzeitung verstanden haben, konkurrieren die Lokalsender heute kaum noch mit der Zeitung vor Ort. Produziert wird vor allem ein Unterhaltungsradio, das seine Hörer mit Aktionen bei Laune halten will. Dabei kann man gar nicht von einer Entwortung sprechen, geändert hat sich schlicht die Art der Wort­beiträge. Bei Stationen in größeren Städten nehmen Hörerbeteiligungen und Promotion mittlerweile mehr Raum ein, als die redaktionellen Beiträge und die Lokalnachrichten. Anders ist die Situation an Standorten mit nur einem Lokalradio. Dort ist der Anteil der redaktionellen Beiträge immer noch deutlich höher. Allerdings muss man auch hier einen Rückgang der Wortanteile insgesamt feststellen, dies gilt gerade auch für Servicemeldungen.
 
Da wir als Landeszentrale sehr intensiv mit unseren Anbietern in Kontakt stehen, und die jeweilige Situation vor Ort gut kennen, haben wir durchaus Verständnis für die von mir eben geschilderte Entwicklung. Die letzten Jahre seit 2001 waren gerade für viele Lokalstationen alles andere als einfach. Die Einnahmen sind deutlich eingebrochen, man war zum Sparen gezwungen, es wurde Personal abgebaut und dies ging letztlich auf Kosten des Programms. Allerdings hat sich die wirtschaftliche Situation bereits 2004 nicht nur wieder verbessert, sondern ist auf einem Stand wie in den besten Jahren. Und auch für 2005 sind die wirt­schaftlichen Prognosen sehr gut. Wir stellen zu unserer Freude fest, dass wieder Personal eingestellt wird, und haben die Erwartung, dass sich das auch im Programm auswirkt.
 
Damit Sie mich richtig verstehen: Dass die Radios Geld verdienen müssen, dass ihre Gesellschafter möglichst hohe Renditen erwarten, damit sind wir völlig einverstanden. Wir haben auch kein Problem, dass dabei Unterhaltung und Animation eine wichtige Rolle spielen. Aber zum Radio gehören eben auch die Elemente Information und Service. Nicht weil das in Mediengesetzen so steht oder die Landeszentrale das möchte, sondern weil das Radio nur so als Medium überleben wird. Im Zeitalter von iPod und Podcasting, in dem jeder mit geringem Aufwand sein eigenes Programm zusammenstellen kann, muss sich das Radio auf seine ureigenen Qualitäten besinnen, und dazu gehört vor allem, dass Radio nach wie vor das schnellste Informationsmedium ist und seine Hörer überall erreicht. Dabei erwarten wir nicht, dass unsere Lokalradios in Bayreuth, Garmisch oder Traunstein zu kleinen lokalen Deutschlandradios werden, aber doch, dass sie ihre Funktion und ihre Hörer ernst nehmen.
 
Es gäbe noch viel zu sagen zum Radio und Sie werden von meinen beiden geschätzten Nachrednern noch Spannendes hören. Nehmen Sie sich Zeit für die Ausstellung, wenn nicht heute, so in den kommenden Wochen. Sie wird hier bis zum 25. November zu sehen sein. Jetzt freue ich mich, an den Intendanten des Deutschlandradio, Herrn Elitz, übergeben zu dürfen, mit dem uns etwas ganz Wichtiges verbindet: Wir glauben beide an die Zukunft des Radios und das auch im digitalen Zeitalter.