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Grußwort von Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring zur Veranstaltung „Heimat bringt immer Quote“ am 23. September 2008 in München

23.09.2008 | P&R

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Sehr geehrte Frau Prof. Goderbauer-Marchner,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
„Heimat bringt immer Quote“ heißt der Titel der heutigen Veranstaltung, die von der Hanns-Seidel-Stiftung, dem MedienCampus Bayern und der BLM gemeinsam organisiert wurde. Man kommt ja nicht umhin festzustellen, dass das Thema „Heimat“ seit zwei bis drei Jahren wieder ein ausgesprochenes Trendthema ist, nachdem es zuvor zumindest 40 Jahre nicht nur Synonym für Provinz war, sondern auch für provinziell stand im Sinne von kleinkariert, hinterwäldlerisch. Heute steht Heimat völlig im Gegensatz dazu wieder für das Authentische.
 
Trends erzeugen Gegentrends. Über Jahre hinweg war die Globalisierung der Trend schlechthin. Und Globalisierung war bis vor wenigen Jahren durchweg positiv besetzt, auch wenn man aus heutiger Sicht fast ein wenig Mühe hat, das zu erinnern. Globalisierung war Synonym für Wachstum, Fortschritt, Wissenszuwachs. Heute wird Globalisierung vor allem kritisch gesehen. Die Menschen fühlen sich zunehmend der Globalisierung ausgeliefert, es ist jetzt viel die Rede von den Opfern der Globalisierung, z.B. wenn hier Produktionsstätten geschlossen und dann in Billiglohnländer verlagert werden. Erinnern Sie sich beispiels­weise an die wochenlangen Proteste gegen die Schießung des AEG-Werks in Nürnberg. Da konnte man auf den Transparenten der Protestierenden u.a. lesen: „Die Globalisierung macht uns platt.“ So wie Heimat mit einem Mal wieder für das Authentische steht, wird Globalisierung u.a. gleichgesetzt mit Entfremdung.
 
Globalisierung hat in erster Linie mit Ökonomie zu tun. Und wie die gesamte Ökonomie ist mittlerweile auch die Medienwirtschaft global geprägt. Wir haben in den vergangenen Jahren gerade in München damit unsere Erfahrungen gemacht. Denken Sie an die ProSiebenSat.1 Media AG, an Kabel Deutschland oder an Premiere und natürlich an Haim Saban und internationale Finanzinvestoren. Mein Kollege, Norbert Schneider, hat in diesem Zusammen­hang vor einiger Zeit den Satz formuliert: „Die Heuschrecke ist plötzlich das Wappentier der Globalisierung“. Aus Sicht der Investoren ist der globale Ansatz nur zu verständlich. Er erhöht schlicht die Effizienz von Produkten. An Mehrheiten gerichtete Angebote lassen sich effizienter produzieren und sind damit profitabler als an Minderheiten gerichtete Angebote. Und hier kommen die Digitalisierung und das Internet ins Spiel. Sie sind im Bezug auf die Medienwirtschaft die Motoren der Globalisierung. Die Digitalisierung ermöglicht die massen­hafte und extrem kostengünstige Produktion von Medieninhalten, das Internet ihren welt­weiten Vertrieb. Mittlerweile hat sich das Internet zu einer zentralen Drehscheibe für Text, Bild, Audio und Video entwickelt und damit zu einer ernsthaften Konkurrenz für die traditionellen Massenmedien. Eine globalisierte Medienwirtschaft steht - kritisch betrachtet - für Massenproduktion, Massengeschmack, Mainstream, Beschneidung der Vielfalt, Vernachlässigung kultureller Eigenheiten, Wegfall des Authentischen. Hier sind wir wieder zurück beim Thema: „Heimat bringt Quote“.
 
Generell erleben wir ein Hoch für regionale Produkte, für regionale Vermarktung. Das Wohlfühlen im Vertrauten ist wieder gefragt. Immer mehr verzichten auf einen Urlaub auf den Seychellen und gehen lieber im Bayerischen Wald wandern. Und das gilt eben nicht mehr nur für die Generation 50plus, sondern auch für junge Leute. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass sich viele die Globalisierung - Stichwort: Ölpreis - schlicht nicht mehr leisten können.
 
Der Trend zum Globalen und Regionalen zeigt sich auch am Kommunikations- und Medien­verhalten. Für Ereignisse in der Region interessieren sich 85 Prozent der Deutschen, 70 Pro­zent wünschen sich hierzu mehr Hintergrundinformationen. So zwei Ergebnisse einer Studie des Südwestrundfunks (SWR) zum „Informationsverhalten der Deutschen 2006“. Bei einer Befragung der Zeitschrift „Internet World Business“ von Anfang 2007, bei der u.a. gefragt wurde, welche Themen sich Surfer von Web-TV-Angeboten wünschen, wurden „Lokale Nachrichten“ mit mehr als 62 Prozent am häufigsten genannt, knapp vor Bildung und Wissen. Man kann sich in diesem Zusammenhang natürlich fragen, ob das vielleicht auch ein Indiz ist für ein Versagen der klassischen lokalen Medien.
 
In Deutschland gibt es dafür bisher wenig Hinweise. Auch wenn die Auflagen der Tages­zeitungen - von wenigen Ausnahmen abgesehen - in den vergangenen acht Jahren um etwa 15 Prozent zurückgegangen sind, bleibt der Lokalteil - das zeigen alle Studien - mit der wichtigste Grund für das Lesen einer Tageszeitung. Auch der lokale Hörfunk und das lokale Fernsehen genießen insgesamt eine hohe Akzeptanz und Nutzung. Gleiches gilt, wie eben zitiert, für das Internet. Auch wenn es zunächst paradox klingt: Das World Wide Web, das Synonym für Globalisierung schlechthin, wird immer mehr dazu genutzt, nach lokalen Inhalten zu suchen. Das gilt nicht nur für lokale Informationen, sondern auch für lokale Gemeinschaften. Eine ganze Reihe der Social Communities haben ihren Fokus im Lokalen bzw. Regionalen. Denken Sie nur an die Plattform „Die Lokalisten“, die diesen Umstand bereits im Namen trägt. – Ein schönes Beispiel für den Erfolg von lokalen Internet-Communities ist „ednetz“ aus Erding, das in der Mai-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Brand Eins“ beschrieben wurde. Der Landkreis Erding hat 120.000 Einwohner, „ED.net“ 60.000 aktive Mitglieder, mit täglich 2,5 Millionen Seitenaufrufen. Davon kann die örtliche Lokalzeitung nur träumen. Einer der Gründer von „ED.net“ erklärt den Erfolg der eigentlich globalen Plattform, die jedoch faktisch lokal begrenzt ist so: „Die großen Community-Netzwerke sagen alle: Jeder kennt jeden über sechs Ecken. Bei uns kennt jeder jeden wirklich. Bei uns sucht man keine Freunde im Netz. Bei uns treffen sich Freunde im Netz, wenn sie mal nicht real zusammenhocken.“ Für Beispiele wie „ED.net“ gibt es ein neues Kunstwort: Es heißt „Glokalisierung“. Der österreichische Schriftsteller Peter Glaser nannte es neulich in einem Vortrag ebenso treffend: „Heimat 1.0 im Web 2.0“.
 
Was heißt das nun für die Medien und für die Medienausbildung? - Wir wissen, dass nur noch deutlich unter 50 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren eine Tages­zeitung in die Hand nehmen, dagegen 98 Prozent aus dieser Gruppe das Internet nutzt. Bestätigt werden die Zahlen, wenn man Jugendliche dieser Altersgruppe fragt, auf welches Medium sie am ehesten verzichten könnten. Hier werden die Tageszeitung und Zeitschriften am häufigsten genannt. Um Jugendliche und junge Erwachsene überhaupt zu gewinnen, engagieren sich Zeitungsverlage verstärkt im Internet. Crossmedia ist das neue Schlagwort, was auch bedeutet, dass sich klassische Zeitungsverlage immer mehr in sog. Medienhäuser verwandeln. Kurz vor der Sommerpause hat der Medienrat der BLM Stuttgart besucht und dabei auch die Gelegenheit gehabt mit leitenden Mitarbeitern der Schwäbischen Zeitung zu sprechen, die bis jetzt ihren Hauptsitz noch in Leutkirch hat. Dort geht man den Weg in alle Mediensparten äußerst konsequent. Ein anderes Beispiel ist das Medienhaus Vorarlberg in Bregenz, dessen Wandlungsprozess seit Jahren als vorbildlich gilt. Deshalb ist ihr Verleger Eugen Russ seit vielen Jahren ein gern gesehener Gast auf den einschlägigen Podien zwischen Wien, Genf und Hamburg.
 
Es gibt inzwischen eine Reihe unterschiedlicher Modelle, wie diese Transformation vom Zeitungsverlag zum Medienhaus vonstatten gehen kann. Sie reichen vom Aufbau einer relativ gut besetzten Online-Redaktion bei Beibehaltung der räumlichen Trennung zwischen Print und Online bis zur kompletten räumlichen Verschmelzung der Bereiche Print, Radio, TV und Online mit einem zentralen Newsroom, wie es beispielsweise vom dänischen Medien­haus „Nordjyske Medier“ in Aalborg praktiziert wird. Dort arbeiten die Journalisten bereits themenorientiert multimedial. - Der Trend ist also klar, klar ist aber auch, dass nicht jede bayerische Lokalzeitung in Zukunft so arbeiten kann, ganz zu schweigen von den baye­rischen Lokalradios oder lokalen Fernsehstationen. Wenn man sich umhört unter Kollegen, die bereits gezwungen sind, multimedial zu arbeiten, und ich verwende das Wort „gezwungen“ sehr bewusst, fallen häufiger Worte, die mehr auf Frust, Stress und wenig befriedigende Ergebnisse schließen lassen, denn auf Begeisterung und Freude an der Arbeit. Und das liegt nicht zuletzt an den Gesellschaftern, die oft genug der Meinung sind: Mehr Arbeit kann auch von weniger Personal mit mindestens dem gleichen qualitativen Ergebnis geleistet werden. Aber das funktioniert nicht, mag man es sich im Hinblick auf die Rendite auch noch so sehr wünschen.
 
Gerade mittlere und kleinere Zeitungsverlage haben bei diesem Umwandlungsprozess natürlich auch ein Problem: Die Einnahmenverluste, die sie mit ihrem Printprodukt sowohl auf dem Abonnentenmarkt als auch auf dem Anzeigenmarkt derzeit hinnehmen müssen, können durch die Einnahmen im Onlinebereich noch nicht annähernd kompensiert werden. Aber auch hier gilt der alte Spruch: Qualität hat seinen Preis. Und um ein Produkt erfolgreich zu verkaufen - egal welches Produkt - muss die Qualität stimmen. Und das geht nur mit engagiertem und gut ausgebildetem Personal.
 
Da es heute im Laufe des Tages sehr viel um Medienausbildung gehen wird, möchte ich zu diesem Thema nur noch zwei Sätze anmerken: Es müssen in einem solchen Umbruch­prozess viele strukturelle Fragen geklärt werden. Dabei geht es u.a. um die Neukoordination redaktioneller Abläufe. Und es geht natürlich um das Erlernen neuer Techniken: Wie muss ein Hörfunkbeitrag gebaut sein, wie schreibe ich für Online usw. Der Journalismus in seinem Kern muss trotz Crossmedia nicht neu erfunden werden: so wird auch in Zukunft ein guter Beitrag immer eine gute Recherche voraussetzen, egal für welches Medium er gemacht wird.
 
Ich wünsche Ihnen in den kommenden Stunden viele Impulse für Ihre tägliche Arbeit und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.