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Grußwort von Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring im Rahmen der Augsburger Mediengespräche 2010 zum Thema „Inszenierte Wirklichkeit – Was ist eigentlich noch echt im deutschen Fernsehen?“

23.09.2010 | P&R

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
sehr geehrte Podiumsteilnehmer,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie hier zu den achten Augsburger Mediengesprächen begrüßen zu dürfen. Die Augsburger Mediengespräche sind auf dem Weg, eine Traditionsveranstaltung zu werden. Großen Anteil daran haben einerseits die Augsburger Medienunternehmen, die uns seit Jahren bei der Organisation und Bewerbung dieser Veranstaltung tatkräftig unterstützen und andererseits die Stadt Augsburg, die uns ihre repräsentativen Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Dafür unseren herzlichen Dank.

„Inszenierte Wirklichkeit – Was ist eigentlich noch echt im deutschen Fernsehen?“ ist das Thema der heutigen Veranstaltung. Das ist zugegeben provokant formuliert. Allerdings kommt man nicht umhin festzustellen, dass es speziell im privaten Fernsehen seit Jahren einen großen Trend gibt und das sind die unterschiedlichen sogenannten „Reality-Formate“. Darunter fallen die zahlreichen Doku-Soaps und Doku-Dramen, die teilweise auch als Ratgebersendungen daherkommen, das neue Phänomen „Scripted Reality“ und letztlich auch die vielen Castingshows, bei denen man sich zu Recht fragen kann, was ist daran dokumentarisch und was initiiert bzw. manipuliert. Heute Abend wollen wir uns speziell mit zwei dieser Programmformate beschäftigen: Scripted Reality und Castingshows. Ersteres ist das neue Zauberwort der Programmmacher, weil diese Sendungen extrem erfolgreich und extrem billig zu produzieren sind. Castingshows, allen voran „Deutschland sucht den Superstar“ sind seit annähernd zehn Jahren ein Quotenhit und das vor allem bei sehr jungen Zuschauern.

Was ist überhaupt „Scripted Reality“? Frei übersetzt könnte man von „erfundener Realität“ sprechen. Es geht um Geschichten, die durch ihre filmische Aufbereitung, z.B. die Kommentierung des Geschehenen durch einen Sprecher oder die Handlung unterbrechende Interviews mit den Protagonisten, wie authentische Dokumentationen aussehen, in Wirklichkeit aber auf einem Drehbuch basieren und von Laiendarstellern gespielt werden. Die Titel der am Nachmittag laufenden Sendereihen heißen „Familien im Brennpunkt“, „Die Schulermittler“ und „Betrugsgeschichten“. Manche Journalisten sprechen im Zusammenhang mit diesen Inhalten polemisch von „Krawallgeschichten im Hartz-IV-Milieu“. Fakt ist aber auch, dass das seit einem Jahr existierende Format „Familien im Brennpunkt“ die erfolgreichste Sendung im gesamten Nachmittagsprogramm im deutschen Fernsehen ist. Wir werden heute auch darüber sprechen, inwieweit solche Formate gesellschaftlich bedenklich sind, weil es möglicherweise einen Zusammenhang gibt zwischen medialer Aufbereitung und dem sozialen Verhalten bestimmter Zuschauergruppen. Ich möchte aber bereits an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die Rundfunkfreiheit, also die Freiheit des Anbieters über die Programmgestaltung ein hohes Gut ist und vieles ermöglicht, was dem Einzelnen vielleicht missfällt oder sogar den Ruf nach Verboten auslöst. Deshalb sollte man bei einer solchen Diskussion nicht nur die rechtliche und die ethische Dimension im Auge haben, sondern auch die Frage stellen, wie es eigentlich kommt, dass diese Formate von so vielen Menschen gesehen werden.

Die Landesmedienanstalten bzw. die Kommission für Jugendmedienschutz haben mittler¬weile bereits Verstöße gegen die Jugendschutzbestimmungen bei Scripted-Reality-Sendungen festgestellt. Auf Beispiele dafür kommen wir vielleicht noch im Rahmen der Diskussion zu sprechen. In der Öffentlichkeit bekannter ist sicher die massive Kritik der Jugendschützer an der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“. Insbesondere in der vierten und fünften Staffel von DSDS wurde von der KJM eine Reihe von Verstößen gegen die geltenden Jugendschutzbestimmungen geahndet. Dabei ging es einerseits um beleidigende Kommentare der Jury, primär von Dieter Bohlen, der Kandidaten vorgeführt und lächerlich gemacht hat. Damit wird aus Sicht der KJM ein zutiefst antisoziales Verhalten als Normalität dargestellt. Ein weiterer Grund für die Verstöße war die redaktionelle Gestaltung bestimmter Casting-Auftritte durch den Sender. Auch hier ging es häufig darum, die Kandidaten vor einem Millionenpublikum lächerlich zu machen. Dass in bestimmten Staffeln und Szenen von DSDS den jugendlichen Zuschauern, die nach Orientierung und Vorbildern suchen, vermittelt wird, dass es toll ist, andere zu beschimpfen und verächtlich zu machen ist das eine, das andere ist, dass niemand Verantwortung übernimmt für die Folgen, die es für Jugendliche haben kann, die vor Millionen von Zuschauern beleidigt und vorgeführt werden. Da macht man sich es als Sender zu einfach, wenn man sich selbst freispricht mit dem Argument: „Das machen die doch alles freiwillig.“

Es sind aus meiner Sicht nicht die einzelnen Beanstandungen, Verstöße und Bußgeldverfahren, also die auffälligen, mehr oder weniger spektakulären Fälle, die uns allen zu denken geben müssen. Es sind vielmehr die permanenten grenzwertigen Verhaltensweisen, unterhalb der Ebene der Rechtsverletzung, die möglicherweise schleichend und ohne dass es uns bewusst wird, unser Wertesystem verändern.

Dies alles und mehr werden wir in den kommenden eineinhalb Stunden mit unseren Gästen auf dem Podium diskutieren. Es sind alles Medienprofis, die aus sehr unterschiedlichen Zusammenhängen kommen. Bevor es soweit ist, gebe ich das Mikrofon aber zunächst weiter an unseren Gastgeber, den 2. Bürgermeister von Augsburg, Hermann Weber. Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl wird dann etwas später zu unserer Runde stoßen.