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Grußwort von Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring zum Fachtag des Safer Internet Days 2010 mit dem Thema "Meins, deins, unser?! Persönliche Daten von Jugendlichen im Web 2.0" am 9. Februar 2010 in der BLM

09.02.2010 | P&R /

Sehr geehrter Herr Mutschler,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

als Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien begrüße ich Sie ganz herzlich zu unserer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Deutschen Kinderschutzbund Landesverband Bayern zum Thema "Meins, deins, unser?! Persönliche Daten von Jugendlichen im Web 2.0" im Rahmen des Safer Internet Day 2010. Der Safer Internet Day, der in diesem Jahr bereits zum siebten Mal stattfindet, hat sich in Europa längst als wichtiger Termin etabliert. Denn die Idee, die hinter dem Safer Internet Day steht, nämlich das Internet für die Nutzer und vor allem für die Kinder und Jugendlichen sicherer zu machen, ist heute aktueller denn je.

Und anders als so mancher Kritiker wollen wir die Kinder und Jugendlichen darin unterstützen, sich im World Wide Web zu bewegen, sich an Sozialen Netzwerken zu beteiligen, die Vorteile zu nutzen, und sie nicht zur Internetabstinenz bekehren. Denn wir haben es längst mit einer neuen Generation von Nutzern zu tun. Die beiden Autoren des Buches „Generation Internet“, Urs Gasser und John Palfrey bezeichnen in ihrem Werk diese neue Generation als „Digital Natives“. Die Forscher legen in ihrer Definition der „Digital Natives“ das Jahr 1980 als ältestes Geburtsdatum fest und bezeichnen sie als erste Generation, die von klein auf mit den neuen Technologien des digitalen Zeitalters aufgewachsen ist. Das Pendant zu dieser Generation, meine Damen und Herren, bilden wohl die meisten der hier Anwesenden, mich eingeschlossen. Uns, die Elterngeneration, die den Umgang mit den neuen Techniken noch nicht von Kindesbeinen an gelernt haben, bezeichnen sie als „Digital Immigrants“.

Und meines Erachtens sollten wir diese Unterscheidung der zwei Generationen auch bei der heutigen Debatte um den Datenschutz im Internet im Hinterkopf behalten. Denn wenn wir als Erwachsene die Internetnutzung der Kinder und Jugendlichen mit Verboten belegen und die neuen Kommunikationsformen per se verteufeln, dann werden wir das Gegenteil erreichen. Wir müssen schlicht akzeptieren, dass sich unter den Heranwachsenden eine neue Form der Kommunikation etabliert hat. Rief man früher seine Freunde auf dem Festnetz an, oder traf Verabredungen bereits auf dem Schulhof, so hat sich nun vieles verlagert, hin zu Handy, Facebook und Co. Das mobile Internet beschleunigt diesen Prozess noch einmal. Die Jugendlichen nutzen z.B. Smartphones, um auch von unterwegs Informationen von sich und ihren Freunden ins Internet zu stellen, Fotos hochzuladen und die darauf abgebildeten Personen zu verlinken.

Und gerade weil heutzutage viele Jugendliche auf diese Art und Weise ihre Kommunikation gestalten, sollten wir Erwachsene ihnen helfen, ein bisschen weiter zu denken, und sie auch mit möglichen Folgen konfrontieren. Denn es ist ganz natürlich, dass Jugendliche in dem Alter nicht immer alles bedenken und bei ihren Handlungen nicht immer alle Eventualitäten und Folgen mit einbeziehen. Sie waren z.B. gestern auf der Party der Klassenkameradin und wollen gerne ihre Bilder bei Facebook und Co. hochladen und mit Freunden teilen. Und wenn es dort einmal ein bisschen zu hoch her gegangen ist – na und? Sie hatten ihren Spaß. Das ist die Denkweise, wie viele Heranwachsende mit dem Thema Internet und Datenschutz umgehen. Dabei wäre es gut, wenn sie bei den Onlineaktivitäten stärker an das weltweite Motto des diesjährigen Safer Internet Days: „Think before you post“ denken würden. Denn wie das Motto schon besagt, geht es nicht darum, auf diese Art der Kommunikation zu verzichten, sondern darum, sich zu vergegenwärtigen, dass es in der großen weiten virtuellen Welt nicht alle immer gut mit ihnen meinen und dass Bilder oder Äußerungen negativ genutzt werden können. Im schlimmsten Fall kann dies zu Cybermobbing führen.

Und gerade Cybermobbing, also die virtuelle Form des Mobbings, wurde in den vergange¬nen Jahren immer populärer und es wurden weltweit immer mehr Fälle registriert. Natürlich gab es das, was wir heute „Mobbing“ nennen, zu allen Zeiten, z.B. dass sich Schüler auf dem Pausenhof beschimpfen und gegenseitig tyrannisieren. Der elementare Unterschied zu früher ist jedoch, dass der „Schulhof“ nun global sichtbar geworden und von überall aufrufbar ist. Dementsprechend erlebt Mobbing, auch Bullying genannt, eine neue Qualität. Welche Folgen das haben kann, zeigen immer wieder Fälle wie der der 15-jährigen Megan Gillan, die bereits die dritte Jugendliche in zwei Jahren ist, die sich in Großbritannien das Leben nahm, nachdem sie Opfer von Cybermobbing wurde. Alarmierend sind auch die Zahlen einer kürzlich in Großbritannien durchgeführten Studie, nach der 61 Prozent der befragten Jugendlichen angaben, bereits in irgendeiner Form Opfer von Bullying geworden zu sein. In Deutschland geben dies nach der JIM-Studie 2009 immerhin ein Viertel aller Befragten an.

Ein weiteres Problem, welches sich für die Jugendlichen bei einer allzu offenen Herausgabe ihrer Daten und privaten Bilder ergeben kann, sind Schwierigkeiten bei der Lehrstellen- oder Jobsuche. Denn wie auch bereits Gasser und Palfrey in ihrem Buch befürchten, werden es manche Jugendliche bereuen, sich so offenbart zu haben, wenn sie feststellen, dass das Internet nichts vergisst. Dies kann zu sehr realen Problemen führen, wenn man bedenkt, dass nach einer Dimap-Studie aus dem vergangenen Jahr 28 Prozent der befragten Personalverantwortlichen sich genau die Social Network-Profile ihrer Bewerber anschauen, bevor sie sie zum Bewerbungsgespräch einladen.

Diese Risiken gilt es mit den jugendlichen Internetnutzern sachlich zu besprechen und zu diskutieren. Darüber hinaus empfehle ich, auch weiterhin das Gespräch mit den Betreibern dieser Plattformen zu suchen. Denn dass Druck aus der Gesellschaft auch zum Erfolg führen kann, zeigt die Schaffung eines Verhaltenskodexes im letzten Jahr. So verpflichteten sich die drei größten deutschen Betreiber von sozialen Netzwerken im Internet, vor allem junge Nutzer durch technische Maßnahmen vor Missbrauchshandlungen wie der Internetvariante des Mobbings, dem „Cyberbullying“, zu schützen.

Der Wermutstropfen dabei ist aber, dass einer der größten Anbieter, nämlich die amerikanische Plattform Facebook, die weltweit 350 Millionen Mitglieder hat, den Verhaltenskodex nicht nur nicht unterschrieben hat, sondern dass sie erst im Dezember die Datenschutzrichtlinien der Plattform noch stärker aufgeweicht hat, als das sowieso schon der Fall war. So war erst kürzlich in einem Artikel in der Süddeutschen von einem Interview mit einem Facebook-Mitarbeiter zu lesen, der Interna ausplauderte, z.B. dass Facebook grundsätzlich die einmal erhaltenen Daten nicht löscht, sondern intern nutzt, um detaillierte Psychogramme der Nutzer zu erstellen. Auch sei der interne Zugang für Mitarbeiter sehr leicht möglich. So kann nach vielen verschiedenen Schlagworten gesucht und sich in die Profile der einzelnen Nutzer eingeloggt werden. Dies empört nicht nur Datenschützer, die jetzt dagegen vorgehen wollen, sondern sollte auch dem einzelnen Nutzer zu denken geben. Der aktuelle Fall Facebook ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie wichtig es ist, gemeinsam nach Lösungen und Möglichkeiten zu suchen, wie wir Jugendliche für dieses Thema sensibilisieren und gemeinsam das Internet sicherer machen können.

Ich freue mich auf eine anregende und spannende Diskussion und möchte nun das Mikrofon an Herrn Mutschler weitergeben.