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Grußwort von BLM-Präsident Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring bei den 9. Augsburger Mediengesprächen am 15. September 2011

16.09.2011 | P&R / 2011

- Es gilt das gesprochene Wort! -


Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich darf Sie sehr herzlich zu den 9. Augsburger Mediengesprächen hier im Oberen Fletz des Augsburger Rathauses begrüßen. Mein Gruß gilt vor allem auch dem Hausherrn, Herrn Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl und den Gästen auf unserem Podium: der Moderatorin des heutigen Abends Sandra Thier, Thomas Köhler, IT-Experte und Autor des Buches „Die Internetfalle“, Herrn Thomas Kreuzer, Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Prof. Dr. Armin Nassehi, Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Andreas Rettig, Geschäftsführer des Bundesligisten FC Augsburg, Michael Prätorius, Blogger und Medienberater und Philipp Riederle, Podcaster und Autor von „Mein iPhone/iPad und ich“. Ihnen allen ein herzliches Willkommen!

Wenn ich Sie heute hier im Augsburger Rathaus begrüße, tue ich dies noch auf dem ganz klassischen und althergebrachten „analogen“ Weg. Ich stehe hier und jetzt vor Ihnen, obwohl wir dieses Grußwort sicherlich auch per Videokonferenz aus meinem Münchner Büro hätten übertragen können. Hinterher hätte ich das Video dann auf meinem Facebook-Profil gepostet und im Anschluss an die Veranstaltung „Augsburger Mediengespräche waren großartig!“ getwittert. Aber zunächst wollen wir heute Abend analog bleiben, auch wenn die Welt längst digital vernetzt ist.

Das soziale Netzwerk Facebook hat mehr als 700 Millionen Nutzer weltweit. Die Hälfte aller Bundesbürger, etwa 40 Millionen Menschen in Deutschland sind Mitglied in einem sozialen Netzwerk. Sie sind bei Facebook, bei Studi – oder SchülerVZ, bei den Lokalisten, bei werkenntwen?, bei XING, youtube oder Google+. Sie verabreden sich im Netzwerk für reale Freizeitaktivitäten, laden Fotoalben hoch, um ihre Freunde an ihrer Urlaubsreise teilhaben zu lassen oder drücken ihre Sympathie für eine Marke oder eine Website durch ein „Like“ oder „Gefällt mir“ aus. Nicht selten haben sie mehrere hundert Freunde in ihrem Online-Freundeskreis. Die Aufkündigung einer virtuellen Freundschaft, kann auch für das reale Leben schlimme Folgen haben. Und unter Jugendlichen ist „out“ wer nicht drin ist in dem jeweiligen Netzwerk, dem der Freundeskreis angehört.
Sie sehen, selbst die Unterscheidung zwischen analoger und digitaler Welt scheint heute schon antiquiert. Ein „Second Life“ gibt es heute nicht mehr. Dass Boris Becker sich noch vor mehr als 10 Jahren in einem Werbespot für einen bekannten Internet-Anbieter verwundert fragte: „Bin ich da schon drin, oder was?!?“ erntet heute eher mitleidige Blicke: Online sein ist heute der Normalzustand, egal ob zu Hause mit dem PC oder unterwegs mit dem Smart-Phone oder dem Tablet. Das Internet hat unsere Welt kleiner gemacht, es ist einfacher denn je, Kontakt zu halten mit Menschen, die tausende Kilometer weit weg wohnen. Wer kann sich schon noch daran erinnern, wie lange ein Brief nach Italien früher gebraucht hat – und wie lange wir auf die Antwort warten mussten? Heute müssen wir uns nur noch online verabreden und können in einem sozialen Netzwerk chatten oder sogar „real“ per Webcam miteinander sprechen – alles in Echtzeit und ohne langes Warten.

Gleichzeitig macht das Internet und die sozialen Netzwerke unser Leben auch komplizierter: Auch hier wollen soziale Kontakte gepflegt werden – und das kann eine Menge Zeit in Anspruch nehmen. 137 Minuten pro Tag verbringen die Deutschen laut der ARD/ZDF-Online-Studie aktuell im Internet. Die Faszination der virtuellen Internet-Welt ist nach wie vor ungebrochen. Und es sind nicht nur Jugendliche, die als so genannte „Digital Natives“ neugierig auf die Möglichkeiten des Netzes sind: Auch immer mehr ältere Menschen entdecken die Vorteile, die ihnen das Internet bietet.

Viele Menschen verspüren aber auch eine große Unsicherheit im Umgang mit den sozialen Netzwerken: Was will ich in einem solchen Netzwerk von mir preisgeben? Was kann ich ungefährdet preisgeben? Und was machen die Betreiber eigentlich mit den Informationen, die ich im Netzwerk hinterlasse? Besonders Eltern machen sich oft Sorgen, dass ihre Kinder heute arglos Fotos und Videos von sich online stellen, die sie morgen möglicherweise bereuen könnten. Sogar die einfache Einladung zu einer Geburtstagsparty kann schnell in ein Event ungeahnter Größe ausarten, wenn man die Einladung aus Versehen an 1.500 Freunde verschickt – Polizeigroßeinsatz inklusive.

Zweifellos haben die sozialen Netzwerke nicht nur uns, sondern auch die Welt, in der wir leben, nachhaltig verändert. Manche gehen sogar so weit, ihnen einen Großteil der Verantwortung für die politischen Umbrüche dieses Jahres zuzuschreiben. Tunesien, Ägypten, Libyen – und immer waren die sozialen Netzwerke Facebook, youtube und Twitter vorne mit dabei und halfen, die Proteste zu organisieren. Wären die Umbrüche in Tunesien und Ägypten ohne Twitter & Co. anders verlaufen? Wir wissen es nicht. Aber wer wollte, konnte live dabei sein und über Facebook, Twitter und youtube mitverfolgen, was sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo zugetragen hat.

Es reicht nicht, soziale Netzwerke als Mode-Erscheinung abzutun oder zu verteufeln. Einfache Antworten auf die Frage, was man in Netzwerken preisgeben „darf“ und was nicht, gibt es nicht. Jeder von uns muss selbst entscheiden, wie viel seines Lebens sich auch virtuell abspielen soll. Man sagt, dass es seit der Erfindung des Buchdruckes durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts keine so gravierenden Veränderungen in der Welt der Kommunikation mehr gegeben hat, wie durch die Erfindung des Internets. Ich wünsche mir, dass wir die Herausforderungen, die die Veränderung mit sich bringt, annehmen. Wir sollten sie mit Neugier, aber auch mit kritischer Distanz meistern. Das virtuelle Zeitalter hat längst begonnen – wie wir es gestalten, entscheiden wir selbst.

Ich wünsche Ihnen einen interessanten Abend und eine angeregte Diskussion.